Die letzten Wochen hatten etwas in mir verändert. Nicht plötzlich, nicht auf einen Schlag, eher Stück für Stück, wie wenn man eine Tür öffnet, die lange geklemmt hat. Ich hatte immer das Gefühl gehabt, dass ich irgendwie falsch bin. Als würde ich nicht richtig in diese Welt passen, als wäre da ein Teil von mir, den ich verstecken müsste, weil er nicht gut genug ist.
Ich hatte mich immer hinter einer imaginären Maske versteckt. Es war einfacher, eine Rolle zu spielen, die von niemandem hinterfragt wurde. Die professionelle Betreuerin, die immer einen lockeren Spruch auf den Lippen hatte und alles im Griff schien. Aber die Wahrheit war, dass ich oft gar nicht wusste, wie ich wirklich sein sollte.
Das hatte sich in den letzten Wochen geändert und Julian war ein großer Teil davon.
Es begann mit Kleinigkeiten. Wie er mich ansah, wenn ich mich über etwas aufregte, eine Mischung aus Geduld und Neugier, als würde er wirklich verstehen wollen, warum ich so ticke, wie ich ticke. Oder wie er mich manchmal einfach in den Arm nahm, ohne ein Wort zu sagen, wenn er merkte, dass ich an einem dieser Tage war, an denen alles zu viel war.
Es war kein großes Drama, kein magischer Moment, der alles veränderte. Es war eher wie ein leises Flüstern, das mich immer wieder daran erinnerte, dass es okay war, ich selbst zu sein.
An einem dieser Tage stand ich am Rand des Trainingsplatzes, die Arme verschränkt, während die Jungs ihr Lauftraining absolvierten. Die Sonne brannte, und die Luft war erfüllt von dem dumpfen Geräusch ihrer Schritte auf dem Rasen.
„Livi, warum so ernst?" Julian joggte auf mich zu, eine Wasserflasche in der Hand und dieses typische Grinsen auf den Lippen.
„Ich überlege, wie ich dich dazu kriege, tatsächlich mal schneller zu laufen", gab ich zurück und zog eine Augenbraue hoch.
„Das ist meine Taktik", sagte er und stellte sich direkt vor mich. „Langsam anfangen, damit ich zum Schluss noch Kraft habe."
„Oder du bist einfach faul", konterte ich und spürte, wie die Anspannung in mir nachließ. Mit Julian war das immer so. Er hatte diese Art, die Dinge leichter zu machen, ohne sich dabei Mühe zu geben.
„Oder du bist einfach zu streng." Er neigte sich ein Stück näher zu mir, gerade so viel, dass ich ihn leicht wegschieben musste, damit die Jungs uns nicht beobachteten.
„Ab auf die Bahn, Brandt", murmelte ich, aber mein Lächeln verriet mich.
„Wie Sie wünschen, Frau Chefin." Er grinste noch breiter und joggte zurück zu den anderen.
Ich beobachtete ihn und konnte mir ein leises Lachen nicht verkneifen. Früher hätte ich mir in einem Moment wie diesem Sorgen gemacht, was denken die anderen, wie wirke ich, mache ich das richtig? Jetzt? Jetzt war ich einfach ich.
Später, als die Jungs sich in die Kabine zurückzogen und das Gelände langsam leer wurde, saß ich auf einer Bank und ließ die letzten Sonnenstrahlen auf mein Gesicht scheinen. Julian kam aus der Kabine, frisch geduscht und mit einem Handtuch um den Hals.
„Da sitzt sie, die Frau, die alles im Griff hat." Er ließ sich neben mich fallen und legte seinen Arm locker über die Lehne, sodass er fast meinen Rücken berührte.
„Alles im Griff ist vielleicht übertrieben", sagte ich ehrlich und schaute zu ihm. „Aber ich glaube, ich komme klar."
„Klar? Das klingt fast so, als würdest du dich wohlfühlen."
Ich nickte langsam, fast überrascht von meiner eigenen Antwort. „Ja... irgendwie schon. Weißt du, früher hab ich mich immer gefragt, ob ich überhaupt... na ja, richtig bin. Ob ich überhaupt irgendwo reinpasse."
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When we meet again
FanfictionOlivia hat in ihrem Leben mehr Kämpfe ausgefochten, als sie zählen kann. Aufgewachsen, immer mit dem Gefühl, funktionieren zu müssen, statt wirklich zu leben. Julian, den sie wegstößt, weil sie glaubt, nicht gut genug zu sein. Julian, mit dem sie v...
