⋆88⋆

33 2 0
                                        

⋄⋅⋆⋅⋄⋅⋆⋅⋄

„Mina...", flüsterte ich in den schläfrigen Nachmittag. Das einzige Bild an der Wand - eine Holzplatte mit einem dicken Rahmen, der durch Licht und Staub ermattet war - stellte ein Mädchen dar. Sie saß mit geradem Rücken auf der Wiese. Ihr Kopf war zur Seite gelehnt und ihr Hinterkopf von der Sonne angestrahlt.
Ich nahm den Bleistift aus unserer Tasche und kramte tiefer, um auch die paar Papiere zu erreichen, die Jacob uns mitgegeben hatte.

Als ich mich mühsam mit den Utensilien in der Hand wieder aufrichtete, wendete sich mein Blick zum Fenster. Yoongis Gestalt verschwamm mit den Vorhängen zu einer schattigen Masse aus wogendem Stoff. Auch wenn sein Blick nicht hinaus reichte, stand er dort schon einige Minuten. Ich ließ ihn in Ruhe. Auch wenn mir das verdammt schwer fiel.

Ich ließ mich auf einen wackeligen Hocker nieder und rutschte unzufrieden hin und her. Jetzt wo ich das leere Papier vor mir zu liegen hatte, war ich mir garnicht mehr sicher, was ich überhaupt schreiben wollte. Es wäre anständig, Jacob wissenzulassen, dass wir hier in der Stadt waren und dass es sich seltsam anfühlte. Ich wollte schreiben, dass Jaehyun sich ungewöhnlich kalt verhielt. Aber wenn es denn wirklich so war, dass unser Gastgeber ein falsches Spiel spielte und sich seine Pläne signifikant von den unseren Unterschieden, würde er dann nicht dafür Sorgen, dass der Brief niemals ankam? Und selbst wenn, auf eine Antwort würde ich sicher drei Tage warten müssen. Zu spät...

Yoongi drehte sich und schaute mit kreidebleichem Gesicht zur Tür. Im nächsten Moment klopfte es zaghaft.
Verwundert stand ich auf, als die Tür sich öffnete.

„Hallo Lea...", begrüßte ich das Mädchen. Jetzt schob sie die Tür weiter auf und ein Windzug pfiff durch den Raum und ließ die Fenster klappern. Hinter ihr kam der Kutscher zum Vorschein. Er hatte seine Cap wieder tief ins Gesicht gezogen und stand da wie ein eingeschlafener Soldat. Konnte es sein, dass er einst unter einem solchen Dienst gestanden hatte? Allerdings passte er mit seinem teilnahmslosen Verhalten auch in das Bild einer Irrenanstalt. Vielleicht litt er unter Depressionen. Vielleicht war er mit Jaehyun verwandt? Oder mit Lea? Woher kam dieses kleine Mädchen?

Die vielen Fragen in meinem Kopf wurden von dem jungen Prinzen unterbrochen, der sich mit glasigen Augen auf den Hocker neben mich setzte und dem Mädchen und dem Kutscher mit einem Kopfnicken dazu einlud, dasselbe zu tun. Alle schwiegen. Leas Blick schweifte zusammenkauernd umher, als würde sie erwarten, dass ein hungriger Löwe jederzeit aus der Wand brechen würde.

„Wir wollen euch etwas erzählen.", flüsterte sie. Aufmerksam sahen wir sie an. Ihre Lippen zitterten und sie schlang ihre dünnen Arme um ihren Körper.
„Jaehyun... will nicht das gleiche wie ihr. Er will euch schaden."

„Das dachten wir uns schon.", ergriff Yoongi sanft das Wort. Ich war so erleichtert über seine zugeneigte Haltung, dass die Anspannung meinen Körper verließ und ich erschöpft meine Stirn auf meine Hände stützte. Das leere Papier vor meinen Augen wurde zu einem weichen Kissen und beinahe regristrierte ich nicht mehr, was als nächstes gesagt wurde.

„Könnt ihr uns helfen? Was können wir tun?", fragte Yoongi nachdrücklich.
„Das Buch... die Legende.", murmelte ich. Der Kutscher fuhr hoch und erschrocken tat ich dasselbe.
Lea sah den alten Mann hoffnungsvoll an: „Du weißt, wo das Buch ist?" Er nickte und stützte sich am Tisch ab, um aufzustehen.
„Hol es!", wies Lea ihn gebannt an.

Die hinkenden Schritte des Mannes wurden zu einem Echo in den grauen Fluren. Überrascht atmete ich ein, als Yoongi meine Hand nahm und sie fest in seiner hielt. So saßen wir da und warteten auf des Kutschers Rückkehr mit unserem Buch.



⋄⋅⋆⋅⋄⋅⋆⋅⋄

Haunted Prince || YoonminGeschichten, die süchtig machen. Entdecke jetzt