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Seojun hielt die Zügel mit starren Händen. Es war eine Fahrt in die Hölle, da war er sich sicher. Die letzten Tage hatten ihn wünschen lassen, die ehemalige Geborgenheit und Zuneigung seines Sohnes wiederzufinden. Doch jetzt hoffte er inständig, dass seine Vermutung falsch war. Die Jungen waren doch clever genug um zu wissen, dass sie dort nur eine Falle erwarten konnte. Aber vernünftig? Nein, das vielleicht nicht unbedingt. Von Emotionen und Ängsten geleitet. Von Wut und Verzweiflung. Aber vor allem wurden sie von der unglaublich großen Kraft der Liebe geführt. Jimin würde seine Mutter und Schwester da rausholen wollen. Seojun sah keinen Zweifel darin.

Die Kutsche kämpfte sich auf den überfüllten Straßen vorwärts. Ein dumpfer Klang erschallte von rechts; die Kirchenglocken jammerten und heulten sich bei den Wolken aus. Seojun spürte es tief in seiner Brust vibrieren. Seine Schulter schmerzte ungewöhnlich wenig. Sein Herz dagegen war umso mehr von Reue gezeichnet.

Doch die achtsame und grimmige Präsenz des jungen Arztes im Wagen versetzte ihm Stiche, als würden kleine Nadeln in seine Haut dringen.
Jaehyun hatte ein Gespür für Trugbilder. Kein Wunder, wenn man so eine Doppelrolle spielte! Er wäre ungemütlich geworden, hätte Seojun keine ehrliche Antwort gegeben.

So war es sicher auch das Beste gewesen, dass er sich am Abend zuvor schnell zurückgezogen hatte, sobald die kalten Schritte des Mannes durch die Flure gehallt waren. Er hatte gelauscht und sich verflucht, dass er als Ältester im Bunde das Buch holen gegangen war, ohne vorher irgendwelche Absprachen über Sicherheit und Geheimhaltung zu halten. Ihre ganze Zusammenkunft zu viert war so durchsichtig und hoffnungslos gewesen, dass er die Nacht kaum ein Auge zugemacht hatte vor Schamgefühl. Er war ein Versager. Er hatte helfen wollen, doch war es dadurch nicht noch schlimmer geworden? Das arme Mädchen musste jetzt im Gefängnis sitzen und wer weiß, was dort zu sich ging. Kälte, Krankheit, Hunger... er kniff die Augen zusammen und riss sie wieder auf, als Jaehyun aufschrie: „Dort! Dort, verdammt nochmal!"

Seojun schlängelte den Wagen gekonnt und doch gemächlich durch die Menge. Die Menschen wichen dem polterndem Gefährt aus, welches durch Jaehyuns Soldatenuniform an Wichtigkeit gewann und nicht gerade übersehen werden konnte. Auch Min Yoongi und Park Jimin nahmen die Veränderung in ihrem Umfeld war. An die Mauer gepresst, mit den Kapuzen tief ins Gesicht gezogen, hielten sie inne.
Rennt weg! Los doch, macht schon!, wollte der Kutscher am liebsten rufen, doch es war schon zu spät.

Die Kutsche versperrte ihnen sogleich den Weg. Sie standen buchstäblich mit dem Rücken zur Wand. Eine graue, dreckige Wand war es und dahinter - Seojun wusste es nur allzu gut - gingen ebenso dreckige Geschäfte vor sich. Er konnte sich kaum noch vorstellen, wie er vor ein paar Tagen täglich dort gearbeitet hatte. Als sei er jetzt aus einem Traum erwacht. Als wäre er blind gewesen und nun streifte das Licht seine Augen ganz sanft. Er sah seinen Sohn zittern. Vor Angst oder vor Wut?

"Steigt ein, es wird nach euch gesucht. Es ist hier zu gefährlich!", zischte Jaehyun und sah ernsthaft besorgt aus. Die Falten auf seiner Stirn glichen einem zur Seite geschobenen Vorhang. Doch mochte man durch ein Fenster auch noch so weit blicken können, dieser Mann war nur schwer durchschaubar. Park Jimin suchte verzweifelt nach klaren Linien in diesem Meer aus verschwommenen Schatten. Und Jaehyun wusste, wie er die Illusionen an ihn heranführen konnte: „Jimin, deine Mutter und Schwester sind bereits in Sicherheit. Ich werde euch zu ihnen bringen, um auch euch vor schon lauernden Gefahren zu schützen. Hier sind gewalttätige Soldaten eingesetzt und ihr wollt nicht in eine Schießerei geraten, also los!"

In Seojuns sehnsüchtiger Träumerei wendete er die Kutsche und raste aus der Menschenmasse wie ein Schiff zwischen schäumenden Wellen hervor. Immer schneller, immer weiter aufs offene Land hinaus. Weg von seinem Sohn, der einen Schritt auf den Wagen zutrat und mit großen feuchten Augen Jaehyuns ernsten Blick entgegnete. Was sah er in den grauen Augen des Arztes? Die miserable Situation erreichte ihren Höhepunkt, als Schüsse in der Ferne Panik in der Menge entfachten; auch bei Park Jimin. Sein Impuls zu fliehen ließ ihn ein Bein auf den Tritt stellen. Der Kutscher drehte sich so unauffällig zur Seite wie es nur möglich war. Mit Blicken konnte Jaehyun die Menschen also verzaubern... Seojun versuchte es ebenso, legte in seine Augen jeden Ausdruck von Gefahr und Sorge den er im Herzen spürte. Hoffnungslos. Sein Sohn sah nicht hin.

Min Yoongi schien nicht unter den Bann des Arztes gefallen zu sein. Der Junge Prinz musterte des Arztes auftreten argwöhnisch, doch auch er war durch ihre hektische Lage nicht imstande, ruhig nachzudenken. Min Yoongi würde Jaehyun nicht vertrauen. Aber er konnte die Lügen nicht erkennen; nicht filtern oder aufzeigen. Und seine direkte Reaktion auf die aufbrechende Panik war es, denen zu Folgen, in die er Vertrauen hatte. Nachdem der Jüngere sich durch die halb geöffnete Wagentür gezwängt hatte, ergriff Yoongi auch die Halterung. Dann passierte etwas. Er rutschte ab, seine Augen schlossen sich fest und sein Kopf sackte zur Seite, als hätten sich all seine Knochen von einem Moment auf den anderen in Gummi verwandelt.




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Haunted Prince || YoonminGeschichten, die süchtig machen. Entdecke jetzt