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„Es ist ein Verabschiedungs-Ritual.", erklärte Yoongi mir, als ich erwachte. Ich spürte wieder neue Kraft in mir. Der Schlaf war kurz gewesen. Gerade mal eine Stunde, wenn überhaupt, schätzte der Ältere.
„Alle Mitglieder der Herde berühren den Körper des Tieres. Davon geht eine unglaubliche Kraft aus. Diese ist heilend, in dem Sinne, dass sie den Schmerz vergessen lässt. Du fühlst dich warm und geborgen. Es soll dazu verhelfen, dass das Tier sich nicht gegen das Sterben wehrt."

Als ich mich umsah, standen oder lagen die Einhörner in kleineren Gruppen nebeneinander und ruhten. „Es macht wohl auch müde.", merkte ich an.

„Es hat auf alle beteiligten diese Wirkung. Es schafft Frieden und Ruhe. Ein zauberhaftes Erlebnis.", sprach Yoongi wehmütig lächelnd.
„Und es funktioniert bei den Menschen wie bei den Tieren?"
„Ja. Nur... als Mensch, wenn ich es so vergleiche, hat es nicht so viel von der Verbundenheit. Der Mensch lässt sich nicht so leicht auf Friedlichkeit ein. Wie ich schon einmal meinte, haben Einhörner die Gabe, das Gute in Menschen zu sehen. Sie sind einfühlsam. Sie würden nicht jeden in ihren Kreis lassen."
Achtungsvoll zwinkerte Yoongi mir zu.

„Es ist erstaunlich", sagte ich: „wie das Wesen des Einhorns in dir ab und zu zum Vorschein kommt, auch in Menschengestalt. Vielleicht ist es wegen der Verwandlung, aber gerade erinnere ich mich wieder mehr daran, wie du zu Anfang warst. Die Begebenheiten... haben diese Eigenschaften ein wenig versteckt oder... naja, vermenschlicht und beliebiger aussehen lassen."

Yoongi nickte ruhig. Er streichelte einem der Tiere den Hals und zeichnete kleine Kreise darauf. Ich erinnerte mich an einige Male, als er dies auch bei mir zur Beruhigung getan hatte. „Ich weiß, dass du mich so akzeptierst wie ich bin, Jimin.
Nicht ohne Grund kam ich als Einhorn zu dir. Und ob Mensch oder Tier, du zeigst mir unablässig, dass ich dir wichtig bin. Und du zeigst, dass du ein guter Mensch bist. Der Beste den ich kenne."

Gerührt versteckte ich meine roten Wangen in der Mähne des Tieres zwischen uns. Ein Rascheln verriet mir, dass Yoongi zu mir kam. Seine Hand legte sich wärmend auf meine Schulter.

„Ich habe viel von dir lernen können.", flüsterte der Ältere.
„Und ich von dir... und von den Einhörnern, schätze ich. Sie haben mich gerettet."
Yoongi lächelte, als ich hochsah. Er sah die Fragen in meinem Blick.
„Ja, das war wohl ein großes Mysterium für dich. Es tut mir leid, dass ich nie erklärt habe, wozu dieser Stein da ist. Ich habe es sehr bereut."
„Schon okay.", fiel ich ihm ins Wort. Yoongi sollte jetzt nicht in Zweifel übergehen. Ich hatte Angst, was bei einem Anflug von düsterer Stimmung über mich kommen würde. Ich versuchte mit Kraft das Bild meines Vaters aus meinen Gedanken auszuschließen. Ich musste so viel verarbeiten, dass es eins nach dem anderen geschehen musste.

„Also: der Stein ist ein magischer Gegenstand.", begann Yoongi zu erklären: „Er dient zur Kommunikation und kann vor allem als Rettungsruf genutzt werden. Er ist so kalt, damit die Wirkung nicht verloren geht, wenn er warm wird. Meine Herde gab ihn mir, als ich sie verließ, um mein Leben als Mensch nochmals zu versuchen. Ganz genau kann ich nicht beschreiben, wie er funktioniert. Es ist starker Wille und eine starke Absicht oder ein Wunsch erforderlich. Er muss nicht unbedingt ausgesprochen werden, aber es kann helfen. Wie sich die Magie des Steins auf die Herde überträgt, weiß ich nicht. Vielleicht liegt es an dem Material. Vielleicht hat es etwas von demselben Stoff wie ihr Horn in sich. Es gibt jedenfalls eine Verbindung zwischen ihnen und dem Stein."

Respektvoll betrachtete ich das Horn des Tieres vor mir. Es war in etwa so lang wie mein Unterarm. Einige Mysterien über die Tiere waren sicher nicht unberechtigt, doch ich konnte trotz aller Vorstellungskraft nicht denken, dass diese Lebewesen ihre Stärken böswillig einsetzten. Aber die Menschen in ihrer schwachen Gestalt bekommen oft Angst aus reiner Unterlegenheit. Damit kommen sie nicht klar. Prävention wurde hier ganz falsch angewendet. Traurig, dachte ich, dass die Menschen die Welt nicht mehr verstehen. Die Welt in der sie einmal aufgewachsen waren. Kinder der Natur. Kinder voller Bewusstsein für Licht, Wärme und Zusammenhalt. Doch Angst verdarb sie. Auch ich hatte in letzter Zeit so viel Angst in mir getragen, dass meine Emotionen schwer wie eine Regenwolke auf meinem Gesicht gelegen hatten. So hatte ich an Yoongi gezweifelt. An seiner Treue und an seinem Willen. Angst. Angst. Angst.

„Yoongi..." Meine Lippe zitterte. Ich wollte ihm in die Augen sehen. Mein Herz klopfte.



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Haunted Prince || YoonminGeschichten, die süchtig machen. Entdecke jetzt