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Seojun liebte seine Familie. Doch wieso hatte er es zugelassen, das Bild einer gemeinsamen, friedlichen Zukunft in sein Herz zu lassen? Jetzt schwebte dieses Bild ebenso lebendig direkt in die Leere. Der Flur wurde vor Seojuns schläfrigen Augen doppelt so lang. Die Waffe, die Jaehyun ihm in die Hand gedrückt hatte, hing leicht wankend - wie eine Verlängerung seines eigenen schlaffen Armes - herab. Niemals würde er auf seinen Sohn schießen.

Ein Geräusch welches nicht sein eigener Atem war riss ihn aus seiner teilnahmslosen Starre. Er nahm die Pistole in beide Hände und schlich zur Nische, wo er aus dem schmalen Fenster blicken konnte.

Erst war ihm, als sei der Garten unverändert. Er suchte mit blinzelnden Augen den Eingang ab und war verwirrt von dem Funkeln und Blenden der Sonnenstrahlen, die von Blättern und Blüten reflektiert wurden.
Und zwischen diesen sonst so still stehenden Gewächsen schimmerte plötzlich ein gleißendes Licht auf. Der Kutscher erkannte nach erster Überraschung die geschmeidige Bewegung; der ruhige Gang eines Pferdes. Und es waren zwei. Zwei Schimmel mit so reinem Fell, dass sie wie eingerahmt zwischen den wuchernden Pflanzen umhergingen. Dabei hielten sie sich auf dem unscheinbaren Pfad aus Stein, der direkt zum Eingang führte.

Es war kein unbedachtes Verhalten, als Seojun die Tür öffnete und sich nicht einmal mehr an die Waffe erinnerte, die er mit sich trug. Seine Sinne waren benebelt, als sei er verzaubert worden. Und die Begegnung mit diesen Tieren hatte in der Tat etwas magisches an sich. Denn wo er sie näher kommen sah - im Gleichschritt und ohne Eile, elegant und würdevoll, mit weichem Tritt, der vom wuchernden Gras abgedämpft wurde, und ganz sicher in dem was sie taten - da konnte er keinen schweren Gedanken mehr fassen. Und noch etwas erhob die Gestalt der Tiere zu einem magischen Wesen: auf ihrer Stirn schimmerte das unverkennbare Merkmal ihrer geheimnisvollen Art.

Seojun hatte noch nie ein Einhorn gesehen. Bücher und Plakate waren kein Vergleich zu der Aura, welche diese zwei Tiere mit sich brachten. Und dem Kutscher kam es ganz so vor, als ahnten die magischen Wesen, was er gerade empfand und lächelten vielsagend.

Ob es Seojuns Verbundenheit mit ihren nahen verwandten Vierbeinern war oder ob die Tiere aufgrund ihrer Weisheit erkannten, dass Seojun keine Gefahr darstellte, konnte man nicht wissen. Jedenfalls neigten sie ihre Köpfe tief. Der Kutscher verbeugte sich ebenfalls ehrfürchtig und noch ein wenig länger, als die Einhörner schon wieder ihre Köpfe erhoben hatten und beruhigend schnaubten.

„I-ich äh...", stotterte Seojun, da tat eines der Schimmel einen Schritt näher und noch einen und als es ganz nah vor ihm stand und die vertrauenswürdigen Augen ohne Furcht und ohne Tadel ihm bedeuteten zurückzutreten, tat er es ohne mit der Wimper zu zucken. Beide Tiere schritten gemächlich an ihm vorbei.
Seojun verspürte aufkommende Wehmut und süße Nostalgie und es war ihm danach zu weinen. Er folgte den Wesen nicht. Er blickte zurück in den Garten. Ein goldgelber Schmetterling erkundete eine halbversteckte Rose an der Hecke. Der Wind zerrte an jedem Blatt und eine einzige weiße Wolke am Himmel verewigte sich als letzte schöne Erinnerung des Kutschers an diese Welt.



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Haunted Prince || YoonminGeschichten, die süchtig machen. Entdecke jetzt