Ich lag in meinem kleinen Holzbett und schloss die Augen.
Atmen, Carmen. Ein - Aus - Ein - Aus - Ein -
Ich wollte mich auf das Rauschen des Meeres konzentrieren. Es klang mit dem Wind wie eine melancholische Symphonie. Mir war übel. So übel wie nie zuvor in meinem Leben.
Ob es am Kater lag, oder am Aufprall meines Hinterkopfs, wusste ich nicht. Vielleicht eine Mischung aus beidem.
Wieso? Wieso hatte er das getan? Drew war doch Polizist. Er kannte die Gesetztes Lage. Unsere Hausregeln hin oder her - das gab ihm nicht das Recht, mich so zu verletzten. Und dann auch noch auf solch brutale Art und Weise. Wenn Dad das gesehen hätte, wäre Drew jetzt ein toter Mann.
Ich war enttäuscht. Mich erschreckte dieses Gefühl, denn es galt nicht Drew. Oder mir. Es galt Mom. Sie war tot, ja. Aber trotzdem spürte ich ihre Gegenwart. Vor allem in Momenten wie diesen.
"Wieso?", flüsterte ich.
Drew und mein leiblicher Vater konnten unterschiedlicher nicht sein. Und doch ist meine Mom mit beiden zusammen gewesen - als sie noch am leben war. Wie kam der Umschwung, dass sie plötzlich vom Schwerverbrecher zum Gesetzeshüter kam?
Mein Dad mochte kriminell und vielleicht etwas asozial sein. Aber Drew, mit seiner gepflegten Fassade, war der wirkliche Drecksmensch. Was hat sie nur an ihn gefunden?
Diese Fragen bereiteten mir nur noch mehr Kopfschmerzen. Ich hatte das Bedürfnis, am Strand spazieren zu gehen und die kühlen Wellen an meinen Füßen zu spüren.
Doch die Hausregeln hinderten mich. Und noch einmal würde ich sie ganz bestimmt nicht brechen. Ich war doch nicht lebensmüde.
Ich driftete in einen unruhigen Schlaf - und mir war egal, dass es nicht einmal 8 Uhr war.
***
Am nächsten Tag ging ich zu Fuß zur Uni. Die Vögel zwitscherten und die Sonnenstrahlen kitzelten mich im Gesicht, obwohl es noch recht frisch war.
Barrie lief wie gewohnt neben mir her. Ich verstand nicht, warum sich ein Typ wie er mit mir abgab. Er war beliebt, in einer Band und hatte viel mehr Erfahrung als ich. Wir lebten in zwei verschiedenen Welten.
Doch er schien das nicht so zu sehen. Er suchte förmlich nach Gemeinsamkeiten.
"Und, bist du deinen Mülldienstjob los?", fragte er und streifte sich lachend über seine Bartstoppeln.
"Nein. Eine Woche liegt noch vor mir." Meine Stimme klang so ruhig und leer. Was war los mit mir?
"Ich helfe dir. Als Entschädigung dafür, dass du die Treppen heruntergestürzt bist und ich nicht da war, um dich aufzufangen."
"Du hast davon Wind bekommen?", fragte ich und lächelte gequält.
Er fummelte mit seiner Hand an seinem Dutt herum, als er antwortete. "Ja. Jeder hat davon gehört. Und der blaue Fleck unter deinem Auge reibt es mir quasi unter die Nase."
"Oh Gott, sieht man den wirklich?" instinktiv fasste ich mir an die Stelle. Ich hatte versucht, ihn mit etwas Makeup abzudecken. Anscheinend brachte es nicht viel.
"Aber du musst kein schlechtes Gewissen haben", sagte ich hastig. "Ich hätte einfach besser aufpassen müssen. Du hast doch rein gar nichts damit zutun."
Schweigend gingen wir nebeneinander her. Er räusperte sich dann und runzelte die Stirn. "Warum bist du so schnell weg gerannt?", fragte er dann.
"Naja", keuchte ich. Ich musste daran denken, wie seine Hand sich auf meinem Hintern verirrt hatte und augenblicklich wollte ich einen Meter Abstand zwischen uns. "Ich war einfach verwirrt...", murmelte ich. "Wegen des Alkohols. Ich trinke normalerweise nicht."
Er nickte wissend. Da wir beide nun Philosophie hatten, gingen wir in den selben Kursraum.
Ich hatte alles mögliche mitgeschrieben, doch konnte mich jetzt schon nicht mehr daran erinnern, worum es eigentlich ging. Und das, obwohl Philosophie mich eigentlich immer catchte.
Nach dem Kurs ging ich auf den Innenhof, um Müll aufzusammeln.
Ich war echt nicht bei der Sache. Wieso machte ich den Scheiß überhaupt? Ich konnte mir nicht vorstellen, dass der Rektor mich wirklich kontrollierte. Und wenn doch - hatte er nichts besseres zutun?
Aber mein Pflichtbewusstsein gewann natürlich die Überhand.
Und obwohl der Tag sich echt gut angekündigt hatte, war der Himmel nun wolkenverhangen und grau. Die Luft war dick und schwül, sie roch nach Sommerregen. Und dann kündete sich durch Grollen ein Gewitter an.
Nein, nicht jetzt. Mir war so schon schwindelig genug Aufgrund der drückenden Wärme und meines leeren Magens. Denn nein, heute morgens war mir nicht einmal danach, meinen heiß geliebten grünen Tee zu trinken. Essen hätte ich nicht herunter bekommen.
Und von null auf hundert schüttete es aus Eimern. Ein Blitz tauchte die Umgebung kurz in ein gelb-blaues Licht und der Donner, der kurz darauf Schlug, drehte mir den Magen um.
Ich ließ Greifzange und Müllsack abrupt fallen und lief quer durch das Grundstück auf das Gebäude zu. Die Tür war so weit weg, wieso musste sie so weit weg sein?
Es war niemand draußen zu sehen. Mein größter Feind (das Gewitter) und ich waren allein und blickten uns Auge in Auge. Ich schluckte schwer und hatte das Gefühl, dass mein Kreislauf gleich den Geist aufgeben und ich wie ein nasser Sack zu Boden sinken würde.
Der Regen schüttete über mich und ich trug ausgerechnet heute eines meiner hellen Sommerkleider. Aber man konnte es mir nicht verübeln, schließlich hatte die Sonne, die heute Morgens grell durch mein Zimmer schien, etwas anderes versprochen.
"Carmen", hörte ich jemanden rufen. Doch die Stimme war zu weit weg, als dass ich sie jemanden zuordnen könnte. Und mich umdrehen würde ich jetzt nicht, denn lag mein Ziel klar vor Augen. Die Tür. Nur noch ein paar Meter, 30 oder so.
Der warme Regen tropfte über mich und meine Haare, die sonst hell und voluminös waren, hingen mir triefend nass, dunkel und in leichten Wellen vom Kopf. Ein paar Strähnen klebten mir an der Stirn und an den Wangen.
"Halt an. Sofort", rief die Stimme wieder und der unterdrückte Zorn darin war genauso spürbar wie die schwüle Luft um mich herum.
Mich schockte, dass mich das "Sofort" so triggerte. Ich hatte dieses Wort gestern gehört - und es hatte nichts gutes versprochen. Also lief ich weiter.
Erst, als ich durch das Regenwasser plätschernde Schritte hörte und eine Hand um mein Handgelenk spürte, hielt ich inne. Alarmiert drehte ich mich um, wobei ich der Person hinter mir eine ordentliche Ladung Wasser meiner Haare ins Gesicht schleuderte.
Jared. Jared Chandler. Ausgerechnet du. Als hätte ich nicht schon genug Probleme.
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Catch me if I fall
ChickLitAbgeschlossen ✔️ Er verachtet sie. Er schmeckt sie. Er stürzt sie in den Abgrund. Sie fällt. Wir lagen auf den Rücken und brauchten nichts zu sagen. Ich glaubte, genau das brauchte er gerade - und ich konnte klar verstehen, wieso. Was immer ihn bedr...
