Nyctophilia

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Wir lagen beide in seinem Bett und dachten nicht einmal daran, zu schlafen. Er hatte die Balkontür aufgelassen und scharfe Windzüge wehten durch das Zimmer – sie machten meine Gedanken frisch und gaben mir dieses gewisse Gefühl der Nacht.

Nyctophilia – [n.] - Die Liebe zur Nacht und Dunkelheit.

„Kannst du ...", Jared klang zögerlich – übervorsichtig sogar, was für ihn sehr untypisch war - „darüber reden? Über das mit - mit Drew?"

Ich schüttelte leicht den Kopf. „Ich könnte, wenn ich wüsste, was genau passiert ist. Aber ich erinnere mich nicht." Es ist in den tiefen Gewässern meines Unterbewusstseins versunken.

Verwirrt sah er mich an. „Und wieso weißt du dann, dass es passiert ist?"

„Weil -" Ja – warum, wusste ich es? Ich schluckte. Es kostete mich eine Menge Mut, ihm die Wahrheit zu sagen. „Fast jeden Tag, wenn er Zuhause war, hat er mich ... belästigt. Er hat mich geschlagen. Die ständigen blauen Flecke? Er wars."

Ich hörte Jared's schweres ausatmen. Er wollte was sagen, doch ließ er mir Zeit, aus zu reden.

„Und fast jede Nacht habe ich den gleichen Traum."

„Was passiert in diesem Traum?"

„Das Licht brennt unglaublich klar in meinem Zimmer. Ich kann mich nicht bewegen, ich kann nicht schreien. Ich höre, wie die Schritte auf den Treppen immer lauter werden und dann öffnet sich meine Tür. Er kommt rein und ..." Ich verstummte. Weiter konnte ich nicht reden. Er konnte sich den Rest denken.

„Ich hatte eine Zeit lang Schmerzen, ich konnte nicht Mal richtig Wasser lassen und auch nicht richtig gehen. Ich selber erinnere mich nicht mehr daran, aber Eliah hat es mir erzählt. Du glaubst wahrscheinlich er lügt, aber er-"

„- lügt nicht. Er lügt nicht." Ich sah, wie Jareds Kehlkopf sich hob und senkte. „Du bist durch diese Scheiße gegangen und ich habe diesen Bastard in Schutz genommen. Ich hätte es sehen müssen. Aber ich war feige und wollte es nicht sehen."

Ich schüttelte den Kopf. „Du hättest gar nichts sehen müssen. Die blauen Flecken? Das könnte alles und jeder gewesen sein. Vor allem bei mir – ich bekomme schnell blaue Flecke."

Er lachte scharf auf. „Carmen, es lag die ganze Zeit auf der Hand. Ich hatte eine Ahnung, aber war zu feige um dich darauf anzusprechen. Ich hatte Angst, zu viel hinein zu interpretieren. Ich habe... Drew" - ich merkte, wie schwer es ihm viel, diese Namen überhaupt auszusprechen, ohne gegen irgendwas zu boxen. Er ballte seine Hand zur Faust - "die ganze Zeit vor dir geschützt. Ich habe ihn in den verfickten Himmel gelobt – weißt du, wie sehr ich mich dafür schäme? Hast du eine Ahnung? Wie sehr ich mich selbst verachte?"

Jedes einzelne Mal, wenn Jared so gut über Mr Sanders geredet hatte, war es wie ein Stich ins Herz. Es war, als würde ich vor seinen Augen ertrinken und er würde der Regen sein, in dem Moment, wenn man dachte, es könne schlimmer nicht kommen.

„Du konntest es nicht wissen. Ja, es hat weh getan. Aber du hast es nicht böse gemeint. Im Endeffekt war er der Grund, warum du überhaupt ein wenig freundlicher zu mir wurdest und dich sogar bei mir entschuldigt hast."

„Fuck", fluchte er haareraufend. „Ich hatte nicht die Eier, dich darauf anzusprechen - aber mein Bruder rennt in dein Leben und erzählt dir erst Mal, was dir passiert ist, ohne dass du selber davon weißt? Wie abgefuckt ist das bitte?"

„Eliah hat es an der Art, wie ich gehe oder mich verhalte erkannt. Was das betrifft ist er hypersensibel. Ihm kann man nichts vormachen."

„Ein scheiß ist er", murmelte er mürrisch, doch er konnte nicht wirklich was dagegen sagen.

Catch me if I fallWo Geschichten leben. Entdecke jetzt