Am nächsten Morgen verschlief ich mit voller Absicht in meiner Jeanshose auf Eliahs unbequemer Wohnzimmer Couch.
Ich hatte vergessen, die Jalousien herunter zu fahren, weshalb mich das grelle Tageslicht des New Jersey Himmels weckte. Der Geschmack in meinem Mund war pappig und trocken und ich hatte hier nicht die Möglichkeit, meine Zähne zu putzen.
„Na Prinzessin, auch schon wach?" In seiner Stimme klang nicht die sanfte Ironie mit, die man bei so einem Satz vermuten mochte. In seiner Stimme lag der dunkelste Sarkasmus und die reinste Bitterkeit. Er meinte es bestimmt nicht böse, das war so seine Art.
„Danke für die Gastfreundschaft", sagte ich, während ich gähnte und mich gleichzeitig am Hinterkopf kratzte. „Ich gehe dann mal."
Ich musste zur Uni und danach auch noch arbeiten. Es würde ein langer Tag sein.
In der Uni beachtete Jared mich nicht einmal. Keiner beachtete mich und keiner setzte sich zu mir. Ich war ganz allein und das war mir auch recht.
Irgendwie fühlte sich das Leben gerade surreal an. Ich fühlte mich abgeschnitten von der Welt, als würde ich alles beobachten, ohne wirklich da zu sein. Als würde ich mir gerade einen Film im Fernseher ansehen, ohne dabei eine Rolle zu spielen.
Und bei der Arbeit verrichtete ich alle Tätigkeiten automatisch, als wäre ich ein ferngesteuerter Roboter.
***
Zuhause angekommen, schloss ich die Tür so leise es ging hinter mich. Ich wusste, dass mein Vormund Zuhause war und wollte seine Aufmerksamkeit nicht auf mich ziehen.
Das Licht brannte im Wohnzimmer, ich konnte es unter der Türschwelle sehen. Im Fernseher lief irgendeine Comedy-Serie, ich hörte jugendliche Stimmen und dieses typische Sitcom-Gelächter gedämpft aus dem Fernseher dringen. Mir war alles andere als Lachen zu Mute.
Mit Zehenspitzen tappte ich – noch in meinen Chucks - den Flur entlang und erfasste das Treppengeländer, als sei es eine Art Rettungsring.
Die Wohnzimmertür knarrte und Schritte folgten mit. „Carmen?", hörte ich ihn hinter mir sagen. Darauf folgten weitere Schritte. Schwere Schritte, langsame Schritte. Schritte, wie ein Bär sie machte, wenn er seiner Beute näher kam. Schritte, bei denen man wusste, das nichts gutes darauf folgen würde. „Wo warst du so lange? Ich habe mir Sorgen gemacht." Er streifte über seinen Schnauzer und dann über sein Kinn. „Ich habe auf dich gewartet und mir Sorgen gemacht."
„Das ... Das ist doch nicht nötig. Natürlich komme ich sicher nach Hause. Wie immer." Ich stieg rückwärts die Treppe hinauf, hielt mich dabei so stark am Geländer fest, dass meine Knöchel weiß hervor traten.
„Du verheimlichst mir doch etwas...", murrte mein Vormund, kam mir aber nicht näher. „Hast du Probleme, über die du mit mir reden möchtest?"
Wie bitte? Mein Puls beschleunigte sich und in meinem Kopf brach das Kartenhaus zusammen, welches der letzte Rest meines Verstandes bemüht aufrecht erhalten hatte. Ich verstand gar nichts mehr. Hatte ich mir alles eingebildet? War er schizophren? Was ging hier vor sich? Wieso tat er so, als wäre alles normal, alles in Ordnung, so als wäre das einzige Problem, was uns voneinander abschnitt, ich selbst? War es so?
„Du kannst mit mir über alles reden", sagte er, während er seine Hand nach mir aus streckte. „Komm her, was bedrückt dich. Erzähl mir, wo du warst."
Ich schüttelte schnell den Kopf. Aber in seinen Augen konnte ich sehen, dass er längst nicht so nachsichtig war, wie er sich gab. Wenn ich jetzt laufen würde, wäre ich nicht sicher. Er würde mich kriegen. Er würde einen Weg finden, denn in ihn herrscht der Verstand eines raffinierten Cops und fließt das Blut eines wilden Tiers, dessen Hunger ihn auf die Jagd treiben konnte.
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Catch me if I fall
Literatura FemininaAbgeschlossen ✔️ Er verachtet sie. Er schmeckt sie. Er stürzt sie in den Abgrund. Sie fällt. Wir lagen auf den Rücken und brauchten nichts zu sagen. Ich glaubte, genau das brauchte er gerade - und ich konnte klar verstehen, wieso. Was immer ihn bedr...
