"Ich verstehe, warum du so sauer bist", sagte ich, als ich merkte, dass keine Antwort von ihm folgen würde. "Ich habe mir dein Fotoalbum ungefragt angesehen. Und ich habe deinen Bruder bei mir wohnen lassen. Das hat dich beides ganz schön wütend gemacht. Es tut mir leid. Ich habe außerdem nicht mit Eliah geschlafen. Und ich wollte auch nicht, dass er bei mir wohnt. Er hat sich, so zu sagen, selbst eingeladen. Wenn es nur das wäre - er hat auch weiblichen Besuch eingeladen und in Drew's Bett gevögelt."
"Wieso redest du immer so viel?", fragte er. Er reichte mir wieder den Joint. "Vielleicht hilft dir das zum runter kommen. Mir hilft es."
Ich nahm den weiß-grünlichen Stängel zwischen Daumen und Zeigefinger und musste mir dafür wieder einen belustigten Blick von Jared einkassieren.
"Wenn du daran ziehst, musst du den Rauch für ein paar Sekunden im Mund behalten und dann einatmen", riet er mir.
Ich tat, was er sagte und zog an dem Joint. Ich behielt den Rauch für wenige Sekunden im Mund und sog dann den Dampf in meine Lunge. Und dann... fühlte sich alles irgendwie anders an. Ich spürte, wie mein Blut kräftig und langsam durch meine Adern pumpte. Jetzt spürte ich am eigenen Leib, was es bedeutete, stoned zu sein. Ein Lächeln schlich sich auf meine Lippen. Und obwohl sich plötzlich alles so schwer und langsam anfühlte, überflutete mich eine Leichtigkeit.
"Was beschäftigt dich, Jared?", fragte ich. Ich legte mich auf dem Rücken und sah in das bunte Farbenspiel des Himmels.
Ich spürte, dass er sich neben mich legte. Ich zog noch einmal am Joint und reichte ihn dann Jared.
"Drake hat mir geschrieben", murrte er. Er holte sein Handy wieder hervor und reichte es mir.
Ich las den Text, den er von Drake bekommen hatte.
Bin mit Vanessa weg. Wir kommen nicht wieder. Macht euch keine Sorgen. Wir werden uns wohl nie wieder sehen. War ne gute Zeit mit dir, auch wenn du ein verficktes Arschloch bist. Bin froh, dass ich dich für den Rest meines Lebens los bin. Hau rein.
"Oh. Glaubst du, er meint das ernst?", fragte ich.
Er zuckte mit den Achseln. "Mir egal. Soll er machen, was er für richtig hält. Es juckt mich nicht. Das einzige was mich daran juckt ist, dass ich der Jenige bin, der es Megan erzählen muss." Er stöhnte genervt und rieb sich über sein Gesicht. Dann zog er wieder am Joint.
"Hast du dich deshalb so komisch verhalten?", fragte ich vorsichtig und sah zu ihm rüber.
Er nickte langsam. "Ich wusste, dass etwas nicht stimmt. Drake und Vanessa sind jetzt schon mehrere Tage weg, ohne ein Wort. Ich habe in der Uni gewartet, doch er kam nicht. Und dann bekomme ich diese scheiß Nachricht von ihm." Er fährt sich durch sein dunkles Haar. "Scheiß drauf", murmelte er dann und sah in den Himmel hinauf.
Über uns flogen mehrere Vögel und krähten laut, bis sie an uns hinüber flogen.
Ich fühlte mich gerade so frei, wie einer von ihnen, auch wenn ich keine Flügel hatte. Zum ersten Mal seit dem Ende meiner Kindheit, hatte ich das Gefühl, komplett in der Gegenwart zu leben. Mein ganzes Leben bestand daraus, der Vergangenheit nach zu trauern und mir gleichzeitig Sorgen um meine Zukunft zu machen. Jetzt ließ ich los. Die Vergangenheit und Zukunft verbanden sich zu einem Moment, der genau jetzt statt fand - und ich tauchte komplett in ihm ein.
Wir lagen auf dem Rücken und brauchten nichts zu sagen. Ich glaubte, genau das brauchte er gerade - und ich konnte klar verstehen, wieso. Was immer ihn bedrücken mochte - in diesem Moment wollte er die Last vergessen, sie mit dem Inhalieren des Joints in Rauch verwandeln und in die Abendluft steigen lassen.
"Ja, scheiß einfach drauf", stimmte ich Jared lächelnd zu. Ich sah ihn an, doch er blickte noch immer in den Himmel. Ohne mich anzusehen, reichte er mir den Joint und verschränkte seine Arme hinter seinen Kopf.
"Wenn ich ausziehe, muss ich mir den Stress nicht mehr geben", sagte er zufrieden.
"Wohin möchtest du denn ziehen?", fragte ich.
Er zog nachdenklich seine Stirn in Falten. "In ein Penthaus in der Innenstadt. Nahe am Hudson River mit dem Blick auf die Skyline. Und du?"
"Ich möchte irgendwann in ein kleines, gemütliches Haus, weit weg von der Großstadt, ziehen. Mit Kräutergarten, zwei Katzen und einem Bücherregal so groß wie die ganze Wohnzimmerwand...", sagte ich nachdenklich.
"Abends auf der Terrasse sitzen, mit einem Bier in der Hand...", klang er sich in meinen Tagtraum mit ein.
"Die Kinder laufen den Hühnern hinterher...", sagte ich grinsend und hatte das perfekte Bild vor Augen.
"Hühnern?", fragte er skeptisch.
Ich nickte.
"Sie... Sie laufen den Hühnern hinterher und du..", tauchte er wieder in den Fluss unserer Hirngespinste, "Du stehst Morgens früh am Herd, in meinem Hemd. Machst die besten Pancakes der Welt..."
"Und du begleitest die Kinder bei Schulveranstaltungen und feuerst sie an..."
"Während du in deinem altmodisch eingerichteten Arbeitszimmer sitzt und an deinem nächsten Bestseller schreibst..."
"Und Abends sitzen wir gemeinsam in unserer kleinen Vinothek. Mit einem Glas Wein in der Hand..."
"Du sitzt auf meinem Schoß, während ich dir vorlese..."
Ich konnte nicht glauben, daß ich gerade so mit Jared über unsere Zukunft spinnte. Jared, der heute noch ziemlich grob zu mir war. In seinen Gedanken saß ich gerade auf seinem Schoß in unserer Traumvinothek, die gerade nur in unseren Vorstellungen existierte.
In meinen Gedanken ging ich einen Schritt weiter und legte das imaginäre Buch beiseite, was der imaginäre Jared mir gerade vorlas...
"Woran denkst du?", fragte er.
Ich legte den Joint an meine Lippen und zog nachdenklich meine Brauen zusammen. "An nichts... Irgendwie. Ich habe gerade an irgendwas gedacht, doch ich habe es vergessen...", murmelte ich vor mich hin. Mit der Aussage kam ich mir komplett durch vor, doch mich störte es irgendwie nicht mehr. Ich wollte ihm nicht sagen, dass ich tatsächlich über uns beide fantasierte.
Jared grinste nur verschmitzt. Ich verspürte das Bedürfnis, ihn anzufassen. Meine Fingerspitzen über die feinen Härchen an seinen Unterarm zu streichen. Eine kleine, unschuldige Berührung. Mehr wollte ich nicht. "Und woran denkst du gerade?", fragte ich mit heiserer Stimme.
Sein Lächeln wurde breiter. Dann drehte er seinen Kopf zu mir und sah mich durch glänzende Augen an.
Und da merkte ich, was verliebt sein für mich bedeutete. Für mich bedeutete es, dass ich mich von einem Wolkenkratzer stürzen konnte, und ich es nicht "fallen", sondern "fliegen" nennen würde. Ich würde mich von diesem Wolkenkratzer stürzen, völlig unabhängig davon, ob jemand unten stehen und mich auffangen würde, oder ob der kalte Asphalt der Realität auf mich wartete, an dem ich aufprallen würde.
Und er konnte mich beleidigen und noch so fies zu mir sein. Ich würde immer das Gute in ihm suchen. Denn ich wusste, dass es da war. Das Gute in ihm lag hinter seinem fiesen Grinsen. Hinter seinen harschen Worten.
Und selbst wenn es nicht so war. Selbst wenn alles nur seine trügerische Maske war. Ich würde sein Gift mit einem Lächeln im Gesicht schlucken und daran zu Grunde gehen. In meinem Leben hatte ich sowieso nicht mehr viel zu verlieren.
"Ich denke daran...", flüsterte er und streifte mit seinen Fingerkuppen federleicht über mein Haar, welches auf dem Boden ausgefächert lag, "wie sich deine Lippen wohl auf meinen anfühlen würden."
Und das gab mir den Rest. Diese Worte ließen mich fallen. Das einzige, was mich trug, waren die ganzen Schmetterlinge in meinem Bauch.
Für ihn bedeutete das alles nichts. Doch für mich war es alles. Alles, was ich brauchte, um mein Schicksal zu besiegeln.
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Catch me if I fall
ChickLitAbgeschlossen ✔️ Er verachtet sie. Er schmeckt sie. Er stürzt sie in den Abgrund. Sie fällt. Wir lagen auf den Rücken und brauchten nichts zu sagen. Ich glaubte, genau das brauchte er gerade - und ich konnte klar verstehen, wieso. Was immer ihn bedr...
