Worte könnten nicht beschreiben, wie ich mich gerade fühlte. Meine Brust zog sich stark zusammen.
Meine Augen begannen zu brennen und unkontrollierte Tränen strömten über meine Wangen. Ich konnte nicht mehr leise weinen. Mit einem lauten Schluchzen und zitternden Finger legte ich den Brief neben mir und wischte mir dann über meine Wangen, die sich heiß anfühlten.
Ich konzentriere mich auf meine Atmung, versuchte, sie zu beruhigen, doch das Schluchzen schüttelte mich immer wieder und die Tränen ließen alles um mich herum verschwommen aussehen.
Es fühlte sich an, als würde ich all die verstaute Trauer frei lassen, die in mir war. Ich hatte sie all die Jahre so gut es ging verdrängt. Doch jetzt übernahm sie überhand und beherrschte meinen ganzen Körper.
Nie wollte ich über den Grund ihres Todes nachdenken. Und jetzt kannte ich ihn schwarz auf weiß. Nur mein Dad und ich trugen Schuld. Wir hatten Blut an unseren Händen. Ich biss meine Zähne so fest zusammen, dass sie ein Knirschen von sich gaben.
Wenn ich bei ihr gewesen wäre, wäre alles anders gelaufen. Und wusste Dad, dass sie ihn über all die Jahre geliebt hatte?
Ich wusste, dass er sie noch heute liebte und das brach mir nur noch mehr das Herz, da sie beide einfach nicht geschafft hatten, an einen Strang zu ziehen. Und das, obwohl die Gefühle da waren.
Wieso war das Leben nur so unfair? In jeder Zeile konnte ich die Liebe spüren, die sie für Dad empfand.
Doch er war ihr Abgrund.
Und als zwei Finger mein Kinn anhoben, sah ich in die Augen meines.
Es musste wirklich peinlich sein, Rotz und Wasser vor ihm zu heulen, doch ich gab mir nicht einmal mehr Mühe, mein Schluchzen zu unterdrücken. Zu lange hatte ich es verdrängt und so getan, als wäre ich schon längst über ihren Tod hinweg.
"Shshhh", hörte ich ihn sagen. Ich spürte, wie die Matratze sich unter seiner Bewegung wölbte, als er sich neben mich setzte. Er zog mich in eine Umarmung, was mich nur noch mehr zum weinen brachte. Ich durchnässte gerade sein weißes Shirt mit meinen Tränen, doch ihm schien es egal zu sein.
Seine Hand streifte beruhigend meinen Rücken auf und ab. Unweigerlich stieg mir sein Duft in die Nase. Minze und salzige Meeresluft, dazu einen Hauch Zigarettenduft, den er dem Rauchen zu verdanken hatte.
Sein Duft fühlte sich an wie nach Hause kommen. Ich atmete ihn ein, denn wer weiß, wann ich wieder die Gelegenheit hätte. So nah wie er mir auch gerade war, so weit weg und distanziert konnte er auch sein.
Ich erkannte die Parallelen zwischen die Art, wie meine Mom meinen Dad sah und wie ich Jared sehe.
Ich wünschte, er wäre mir nie begegnet. Er konnte mich jetzt schon mit Kleinigkeiten verletzen. Ich wusste, dass das erst der Anfang war. Denn meine Gefühle würden nur noch tiefer gehen, während er damit beschäftigt sein würde, mit anderen Mädchen zu schlafen.
Langsam merkte ich, wie sich meine Atmung beruhigte. Zwar flossen die Tränen immer noch still über meine Wangen, doch das Schluchzen wurde immer seltener und kam in immer größeren Abständen.
Jared zu vertrauen, war so, wie Fallschirmspringen, aber anstatt eines Fallschirmes, waren nur Steine im Rucksack, die mich in die Tiefe zogen.
Wer war ich für ihn? Wieso war er noch hier? Was wollte er? Wollte er auch wirklich sicher gehen, dass ich mit den Steinen in meinem Rucksack von höchster Höhe sprang? Wollte er mein Elend mit eigenem Augen betrachten und sich daran freuen, wie viel Macht er über mich hatte.
Ich zuckte zusammen, so als wäre ich wirklich kurz davor, auf dem harten Asphalt aufzuprallen.
Verblüfft weitete er die Augen und streifte nasse Strähnen von meinen klebrigen, warmen Wangen.
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Catch me if I fall
Literatura FemininaAbgeschlossen ✔️ Er verachtet sie. Er schmeckt sie. Er stürzt sie in den Abgrund. Sie fällt. Wir lagen auf den Rücken und brauchten nichts zu sagen. Ich glaubte, genau das brauchte er gerade - und ich konnte klar verstehen, wieso. Was immer ihn bedr...
