I Belong By The Sea

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"Carmen Haverlin, bitte erscheinen Sie im Büro. Ich wiederhole: Carmen Haverlin, bitte erscheinen Sie umgehend im Büro."

Oh Shit.

Als ich aufstand und meine Sachen zusammen packte, waren alle Augen im Saal auf mich gerichtet. Ich hastete aus der Reihe und versuchte so schnell und unauffällig wie möglich, den Raum zu verlassen.

Die Tür fiel hinter mir zu und ich musste nun in diesen Labyrinth aus sauber gepflegten, hellen Gängen das Büro finden.

Wieso wurde ich überhaupt in das Büro bestellt? Und dann auch noch auf eine solch peinliche Weise.

Als ich den langen Flur entlang ging, kam mir ein großer Typ mit dunklem Haar und einem verschmitzten Grinsen entgegen.
Mist. Der fehlte mir auch noch.

"Das Büro ist da", sagte Jared schadenfroh und zeigte auf die letzte Tür im Gang.

"Zu nett", hisste ich zwischen zusammen gebissenen Zähnen.

Doch war er schon an mir vorbei gegangen, also konnte er mich nicht gehört haben. Hoffte ich.

Als ich die Tür des Büros öffnete, lud mich ein älterer Mann mit grauem Haar und perfekt sitzender Kravatte mit einer einladenden Geste auf einen Platz. "Setzen Sie sich doch, Ms Haverlin."

Ich tat was er sagte und setzte mich auf den schweren Stoffstuhl, der Gegenüber seines Schreibtisches stand.

"Was ist denn los, Professor Westwood?"

Er schnalzte mit der Zunge und drehte sich in seinem Stuhl leicht hin und her, während er mit einem Kugelschreiber in der Hand spielte, der wahrscheinlich teurer war als die Kleidung die ich am Körper trug.

"Mir wurde berichtet, dass Sie das Schulgelände verschmutzen. Und das ohne mit der Wimper zu zucken. Wissen Sie, Ihr Verhalten ist respektlos gegenüber unserer Umwelt - und vor allem gegenüber unserer Universität."

"Ich- ich war das nicht", stammelte ich. "Das muss ein Missverständnis sein."

Allein die Art wie Jared mich eben angefunkelt hätte, zeigte mir, dass er dahinter steckte. Was hatte er nur für ein Problem mit mir? Wollte er sich etwa dafür rächen, dass ich seine beschissene Zigarette nicht aufheben wollte?

"Na ja, mich haben schon mehrere Studierende darauf angesprochen. Das scheint also schon länger so zu gehen. Vielleicht sind Sie es nicht gewohnt - waren auf einer High School, die nicht so viel Wert auf Ordnung gelegt hat. Aber Sie sind jetzt eine Studierende. Sie müssen Verantwortung zeigen."

"Ja, mir ist das auch wichtig. Aber ich habe nichts liegen gelassen. Wer hat Ihnen denn davon berichtet?", fragte ich, obwohl ich die Antwort schon wusste.

Er antwortete bewusst nicht auf meine Frage und stellte mir eine Gegenfrage.

"Wenn Ihnen die Umwelt und das Bild, das ich von Ihnen habe, wichtig ist, dann haben Sie wahrscheinlich nichts dagegen, für zwei Wochen den Müll unseres schönen Innenhofs aufzusammeln?“ Er wackelte mit seinen fransigen, grauen Augenbrauen und deutete dann auf den Müllsack und die Greifzange, die links von ihm auf dem Schreibtisch lagen.

Jetzt hatte ich keine Wahl. Innerlich verdrehte ich die Augen, als ich mit einem Fake-Lächeln die Utensilien vom Tisch nahm. "Gerne mache ich das."

Sowas. Von. Gerne.

"Das ist, was ich hören wollte, Ms Haverlin. Sie gefallen mir." Aufmunternd lächelte er mir zu. "Dann dürfen Sie jetzt beginnen. Hoffen wir mal, dass wir uns hier nicht so schnell wieder sehen."

Ich verließ den Raum und ging auf den Hof der Uni, um mich an die Arbeit zu machen. Seufzend beförderte ich eine leere Cola-Dose in den Müllsack.

"Oh Gott, Carmen", Vanessa eilte auf mich zu, als sie mich auf dem Rasen sah. "Wer hat dich denn hierzu verdonnert? Und wieso?“
Ihre braunen Augen schimmerten mich voller Mitleid an und ihre schönen, langen, tätowierten Finger strichen über meinen Oberarm.

"Tja, da fragst du mich was", antwortete ich und gabelte mit der Greifzange die Skittlestüte auf, die Vanessa gestern an dieser Stelle einfach fallen gelassen hatte.

"Ich glaube Jared hat es auf mich abgesehen." Ich sprach seinen Namen aus, als wäre es ein Schimpfwort.

"Jared Chandler?“ Ihre Stimme klang schrill und ungläubig. "Wieso?“

"Ich weiß es nicht", antwortete ich achselzuckend. Man konnte aber heraushören, wie gereizt ich war.

"Ich rede mit Stace darüber", antwortet sie standhaft und bildete dramatisch eine Faust vor ihrer Brust. "Das kann doch nicht sein. Meine Güte, warte, ich helfe dir."

Sie bückte sich, wobei ihr roter Tanga aus ihrem Jeansrock hervorblitzte. Mit ihren langen, Leopardenmuster-Gelnägeln hob sie eine zerknüllte Lunchtüte auf und schmiss sie in den Müllsack, den ich ihr hinhielt.

Gemeinsam sammelten wir noch einige Zigarettenschachteln, Getränkedosen und Lunchtüten auf, bis Ness schließlich ihr iPhone herausholte. "Shit, ich muss gleich zum Schauspielkurs. Sehen wir uns heute Abend wieder am Strand?", fragte sie und schlug flehend ihre Schmetterlingswimpern.

"Ja, klar", antwortete ich und S
strich mir eine Strähne aus dem Gesicht. "Heute Abend am Strand also." Ich hoffte, dass ich mich mit ihr allein traf und Stace zufälliger Weise nicht dabei war.

***

Ich saß auf dem von der Sonne erwärmten Sand und malte mit meinem Finger Muster darin. Das Meer kitzelte an meinen Füßen. Ich liebte diesen Ort.

Plötzlich fasste jemand grob an meine Schultern, so dass ich zusammenzuckte, und rief: "Buuuh!"

Ich schlug nach der Person, die keine andere war als Vanessa.

Grinsend nahm sie schnell Abstand von mir und hob ihre Hände schützend vor sich.

"Warte, warte!“, rief sie, als ich aufstand und sie einholte. "Ich habe super Neuigkeiten."

"Ach ja?", fragte ich und hielt in meiner Bewegung inne. "Welche?“

"Ich habe mit Stace geredet." Sie schlüpfte aus ihren schwarzen Adidas-Sandalen und lief gelassen in die kühlen Wellen.

"Und?", fragte ich, als ich es ihr gleich tat.

"Sie meinte, sie wüsste von nichts und würde Jared dazu bringen, sich bei dir zu entschuldigen."

"Ach wirklich?“, fragte ich überrascht. Doch ein Gefühl im Magen sagte mir, dass sie log. Nicht Vanessa, sondern Stace.

"Ja!", rief sie enthusiastisch und lief verspielt im Wasser herum. Sie war wirklich schön mit ihrem Sonnenhut, der herzgeformten Sonnenbrille und ihrem kleinen Busen, der durch ihr enges Crop Top hervorgehoben wurde. "Sie kommen auch gleich. Wir wollen gemeinsam zum Ocean Pub. Du kommst doch mit, oder?"

Was? Wenn sie mir das vorher gesagt hätte, dann hätte ich mich gar nicht erst hier blicken gelassen. Das wusste sie, deshalb hatte sie auch nichts gesagt.

"Nein, auf keinen Fall!", antwortet ich prompt. "Versuch nicht mal, mich zu überreden. Jared ist ein abgehobenes, arrogantes, narzisstisches Arschloch. Mit ihm will ich nichts zutun haben, rein gar nichts", stellte ich mit Nachdruck klar.

Doch sie sah nicht mich an, sondern auf etwas hinter mich. Ihr Mund war dabei leicht geöffnet und in ihren Augen lag Furcht.

Als ich mich umdrehte, um zu sehen, was sie sah, rutschte mir das Herz in die Hose.








Catch me if I fallWo Geschichten leben. Entdecke jetzt