Der Pub war schon voll, als wir ankamen. Die kleine Bühne war mit einem orientalischen Teppich belegt und darauf standen E-Gitarre, Schlagzeug, Bass, Mikrofone und Verstärker.
"Hey Barrie", begrüßte ein langhaariger, blonder Typ seinen Freund mit einer Bro-fist. Um seine Stirn war ein rotes Bandana gebunden und er trug eine Ray-Ban Sonnenbrille und seine Arme waren übersät von Tattoos. Er schien mich nicht zu beachten und rede auf seinen Freund ein.
"Können wir nach der Show zu Lance fahren? Wenn wir bei ihm auftreten gibt's ne riesn Gage für jeden einzelnen von uns. Du weißt doch wie Lance is, der gibt uns auch noch paar schöne Pillen und etwas zum anfassen. Unser Schicksal liegt in deinen Händen, Buddy..."
"Jetzt nicht, Pete", flüsterte Barrie mit zusammengebissenen Zähnen, streifte mit seiner Hand meinen Oberarm und führte mich in den Backstagebereich.
Dann richtete er sich an mich. "Egal was er sagt, nimm nichts ernst. Pete ist ein 30 Jähriger Spinner der sich erhofft, wie 18 zu wirken. Er ist unser E-Gitarrist und hat wirklich gute Riffs drauf, als wäre er von den Red hot chili peppers persönlich. Trotzdem, seine verkorkste Art ist den LSD-Trips verschrieben, an denen er kleben geblieben ist."
Ich verstand zwar nicht wirklich, was er sagte, aber ich nickte. Es war wirklich merkwürdig hier zu sein. Das einzige was mir so vertraut vorkam, war der Duft von Bier, Zigaretten und Staub. So hatte es auch meist bei uns Zuhause gerochen, als ich noch in LA bei meinem Vater wohnte.
Ich stellte dann immer Duftkerzen auf und räumte hinter ihm auf. Er zwang mich nicht dazu, doch mir war eine gemütliche Atmosphäre im Haus sehr wichtig. Und jetzt, wo ich hier stand und der Geruch in meine Nase stieg, konnte ich nicht anders, als lächeln.
Mein Dad war schon ein außergewöhnlicher Typ und unterschiedlicher hätten wir nicht sein können. Vielleicht hatten wir gemeinsam, dass wir beide Träumer waren, über das Leben philosophierten und gerne Rock hörten. Doch sonst verband uns rein gar nichts.
Es dröhnte Come as you are aus den Lautsprechern. Auf einem zerlodderten Ledersofa saß ein junger Typ mit Vollbart und Jeansweste, die mit verschiedenen Bandlogos gepatchet war. AC/DC, Nirvana, Ramones, Rolling Stones, Beatles, Arctic Monkeys. Sie war auch voller krakeliger Signierungen.
Er zog an einem merkwürdig aussehenden Glasgefäß und pustete weißen Dampf in die ohnehin schon schlechte Luft. Ohne ein Wort reichte er Barrie die Hand und er gab ihm einen Handschlag. Typen ließen das immer so ungezwungen und lässig aussehen.
"Gleich geht's los, du Junkie", lachte Barrie und verpasste ihn einen leichten Tritt gegen seine wirklich grob zerrissenen Jeans.
"Ja ja", maulte er und machte eine abwehrende Handbewegung.
Auf der anderen Seite des Zimmers stand noch ein Sofa. Darauf saßen zwei Mädchen. Die eine trug ihr brünettes Haar zu zwei Mini-Dutts. Die andere trug ihr blond-rosa Haar in Wellen bis zu ihren Busen.
Allein ein Anblick sagte mir schon, dass sie in einer anderen Liga spielten. Sie trugen zwar wenig - aber was sie trugen, war ein Statement. Netzstrumpfhosen unter knappen Highwaist Jeansröcken. Crop-Tops im Spitzen- oder Leopardenmuster.
"Das sind Ash und Lo. Rosa - Ash, Braun - Lo", sagte er und deutete auf die zwei Handy Junkies auf der Couch.
Ash blickte auf und lächelte zynisch, während Lo die Aufmerksamkeit nicht von ihrem Smartphone löste und einen desinteressierten Mittelfinger in die Luft hob, dessen glitzer Nagellack schon fast vollkommen abgesplittert war.
"Jap", sagte er nicht überrascht, "Die beiden sehen aus wie 14, führen sich auf wie 14, aber sind beide 20."
"21", verbesserte Lo, die ihren Blick noch immer nicht vom Touchscreen abwandte.
"Das ist Carmen", stellte er mich vor, doch keiner im Raum würdigte mir eines Blickes. Nur der Typ mit dem Glasgefäß - er schaute nur, aber sagte nichts.
So viel zu "Glaub mir, du wirst es nicht bereuen. Die Leute da sind cool und werden dich so aufnehmen, als würden sie dich Jahre kennen."
Ich fühlte mich fehl am Platz. Ich war nicht geschminkt, trug nichts außergewöhnliches und war sowieso unsicher unter Menschen, die ich nicht kannte.
"Das ist außerdem Harold - oder besser gesagt Harry", sagte Barrie und zeigte mit Daumen auf den Typen mit Bart. "Er ist unser Bassist. Er ist schüchtern und tut keiner Fliege was zur Leide - im wahrsten Sinne, er ist Veganer."
Plötzlich ertönte ein lautes Piepen von außerhalb des Backstage Bereiches. Es war ein Mikro, das gerade angestellt wurde.
"Ah, es geht los", murmelte Barrie an meinem Ohr und es fühlte sich merkwürdig unangenehm an, ihm so nahe zu sein. Seine Hand war noch immer am meinem Oberarm.
Er führte mich aus dem Backstagebereich zur Corwd. "Wir beginnen gleich. Warte hier auf mich, bis die Show vorbei ist", bat er mich und hüpfte auf die Bühne.
"Viel Glück!“, wünschte ich ihn, doch der Sound des Mikrofons übertönte mich.
"Ladys und Gentlemen, Gangsters and Hoes, bitte kurz mal Lärm für Lunatic Lions!", rief ein etwas dicklicher Typ mit Tattoos auf seiner Glatze in das Mic. Der Raum wurde dunkel und bunte Lichter flackerten auf der Bühne auf. Selbst eine Nebelmaschine sorgte für Stimmung.
Das Gitarrensolo was darauf folgte, kam mir nur allzu bekannt vor. Das Licht wurde nur auf Pete gerichtet, der mit seinen langen Haaren im Rhythmus wippte und seine Finger über die Saiten tanzen ließ.
Dann schien das Licht auf alle Band Mitglieder und Barrie stand mit einer Gitarre vorne und begann smells like teen spirit zu singen. Die Lichter flackerten dazu im Raum und die Menschen um mich tobten mit der Musik.
Die weiteren Lieder waren mir unbekannt - wahrscheinlich waren es selbst geschriebene der Band. Ich bewunderte Barrie. Er sang voller Leidenschaft und es wirkte so, als wäre er nicht mehr in der Realität sondern in seinem ganz eigenen Film.
Nach knapp 45 Minuten kam Barrie auf mich zu. Auf seiner Stirn glitzerten Schweißperlen. "Und?“, fragte er. "Wie fandest du uns?“
"Ich bin sprachlos!“, jubelte ich, und hoffte, dass er mich über den Lärm der Crowd hinweg hören konnte. "Du warst richtig, richtig gut!“
"Danke", sagte er und lächelte verlegen. Seine braunen Augen glänzten.
"Jo, fahren wir jetzt zu Lance?", rief Pete ihm über die Schulter zu, als er sich zu uns drängte.
"Ich weiß nicht", sagte Barrie und strich über seinen Hinterkopf. Sein Dutt war wirklich zerzaust, aber er stand auch gerade noch auf der Bühne und hat mit dem Kopf gewackelt, wer konnte es ihm also verübeln? "Was sagst du, Carmen? Hast du Lust auf die Party zu kommen, oder willst du irgendwas anderes machen?“
Ich sollte die Regeln meines Vormundes eigentlich nicht überstrapazieren. Doch wenn Barrie und sein Freund unbedingt hinwollten, wieso sollte ich dem dann im Weg stehen? Ich konnte mich glücklich schätzen, überhaupt mitgenommen zu werden. Also nickte ich. "Ja klar, von mir aus!", rief ich über die Musik hinweg.
Und schwor mir, dass das meine erste und letzte gebrochene Regel sein würde.
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Catch me if I fall
ChickLitAbgeschlossen ✔️ Er verachtet sie. Er schmeckt sie. Er stürzt sie in den Abgrund. Sie fällt. Wir lagen auf den Rücken und brauchten nichts zu sagen. Ich glaubte, genau das brauchte er gerade - und ich konnte klar verstehen, wieso. Was immer ihn bedr...
