Castle In The Air

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Eine Woche Später

Da das Wetter gut war, saßen wir draußen auf dem Rasen. Die Bäume wogen sich im leichten Sommerwind. Das vertraute Rascheln der Blätter erinnerte mich daran, dass egal wo ich war, die Natur immer mein Zuhause sein würde.

"Drei Karten musst du aus dem Deck ziehen", sagte Vanessa. An sowas glaubte ich irgendwie nicht, aber es machte mich dennoch neugierig. Also zog ich eine Karte aus dem Deck heraus, welches sie auf dem Rasen verteilt hatte.

"Aha!", rief sie und klatschte in die Hände. "Sieben der Kelche."

Auf der Karte war der Schatten einer Person zu sehen, über der 7 gelbe Kelche schwebten, in denen sich verschiedene Dinge befanden. In einem befanden sich Edelsteine, in einem anderen eine Schlange. In einem anderen ein Kopf und in einem wieder anderen ein Drache.

"Die Karte bedeutet Luftschlösser. Du hast große Träume, du solltest mehr an deinen Träumen arbeiten...", sagte Vanessa nachdenklich. "Los, zieh noch eine!"

Ich zog noch eine Karte. Darauf war ein Mann, der vor Stäben aus Holz stand und dabei auch noch einen Holzstab festhielt. Sein Gesichtsausdruck war misstrauisch.

"9 der Stäbe", sagte Vanessa und schüttelte schnell mit dem Kopf. "Ja, ja ich sehe schon - Carmen, du solltest deine Mauern fallen lassen. Du bist so verspannt, du solltest einfach mal loslassen und lernen zu vertrauen. Keiner tut dir was. Spring über deinen Schatten. Tu was verrücktes! Umarme einen Baum! Folge deinen Träumen! Do it!"

"Ist ja gut", beruhigte ich sie lachend. "Ich habs schon verstanden." Ich riss ein Gänseblümchen aus dem Rasen unter uns und betrachtete es genauer. Dann zog ich beiläufig noch eine Karte.

Und schluckte. Ein Skelett ritt in einer schwarzer Ritterrüstung auf einem weißen Pferd.

"Das bedeutet nicht, dass du stirbst!", warf Ness schnell ein und wedelte mit ihren Händen. "Es bedeutet nur, dass dein altes Ich stirbt, damit dein neues Ich wachsen kann."

"Nichts für ungut, aber ich glaube da sowieso nicht dran", sagte ich schulterzuckend.

Sie sammelte ihre Karten auf und schaute beleidigt. "Nichts passiert ohne einen Grund."

"Wie geht es dir eigentlich? Wie war es bei deiner Mom?"

Ihre manikürten Finger zogen ein Gummiband um das Deck. Sie ließ es in ihre Tasche gleiten. "Gut. Ich bin jetzt zwar mit Stace zerstritten und auch Drake will nichts mehr mit mir zutun haben. Aber sonst gut."

Ich nickte nur. "Vielleicht brauchen die beiden erst mal Zeit, um darüber hinweg zu kommen."

Naja, ich fand es war ein ziemlicher bitch move. Wenn ich einen Freund hätte und sie mit ihm geschlafen hätte, wäre ich auch fertig mit beiden.

"Ich könnte zu Stace gehen und es ihr erklären. Aber es gibt nichts zu erklären. Es ist eben nun mal passiert. Jared wollte es, weil er immer Abwechslung braucht. Ich wollte es, weil ich dachte, dass Drake fremdgegangen wäre und ich ihm eins auswischen wollte. Aber es hat sich herausgestellt dass das nur ein Missverständnis war."

"Super Idee, Vanessa. Ganz ehrlich." Ich zog meine Augenbrauen hoch und schüttelte mit dem Kopf.

"Zu meiner Verteidigung kann ich sagen, dass Stace nichtmal mit Jared zusammen ist. Sie hofft es aber die ganze zeit."

"Meiner Meinung nach macht es das ganze nicht gerade besser."

Sie zuckte mit den Achseln. "Ich habe gesoffen und war eifersüchtig. Da habe ich nicht über sie nachgedacht, ich habe nur an mich gedacht."

Sie holte eine Tüte Skittles aus ihrer Tasche und öffnete sie.
"Oh - und falls du Interesse an Jared haben solltest, dann musst du dich ein bisschen ändern. Jared steht nun mal nicht auf schüchterne Mädchen. Er mag es offensiv und direkt." Sie griff in die Tüte hinein und stopfte sich den Mund voll.

"Wie kommst du darauf?!", fragte ich pikiert und riss dem Blümchen in meiner Hand den Kopf ab. "Ich stehe nicht auf ihn, um Gegenteil sogar! Und selbst wenn ich auf ihn stehen würde - dann würde ich mich ganz sicher nicht für ihn verändern. Außerdem bin ich nicht schüchtern." Sie schaute mich mit diesem ach-wirklich-Blick an und kaute genüsslich auf ihren Skittles.

"Ein bisschen vielleicht, aber nur weil ich euch alle noch nicht so lange kenne“, rechtfertigte ich mich. Ich griff ebenfalls in die Tüte und holte mir ein paar Skittles heraus. "Ich finde Jared zum kotzen."

"Ach ja? Das ist jammerschade. Denn wir treffen uns jetzt mit ihm."

Erst drohten mir die Augen aus den Kopf zu fallen, dann zog ich meine Brauen tief zusammen. "Nein?! Nicht mit mir. Ich habe noch einen Kurs zu belegen. Den wichtigsten von allen. LITERATUR."

Sie rollte mit den Augen und strich eine Strähne ihres langen Haares hinter ihr Ohr. "Es ist kein Schwänzen. Wir bleiben ja auf dem Uni-Gebäude. Wir können dem Basketballteam heute beim Spiel zusehen."

"Basketballteam?"

"Ja. Jared spielt im Basketballteam. Er ist die Nummer 8." Sie wackelte mit ihren perfekt gezupften Augenbrauen.

"Ich wäre lieber im Literaturkurs. Mich langweilen Sportspiele schnell."

Sie erhob sich und klopfte sich den Rasen vom Po. "Hab dich nicht so! Es macht Spaß! Vor allem, wenn unser Team am gewinnen ist."

"Nein. Ich schwänze meinen Kurs nicht. Wir sehen uns, Ness." Mit diesen Worten erhob ich mich und ging zurück ins Gebäude.

***

Als ich nach Hause kam, saß Drew wieder auf dem altbekannten Sofa. Ich mochte es lieber, wenn er arbeiten war.

"Hallo", sagte ich und streifte meine Chucks von den Füßen, ohne die Schnürsenkel zu öffnen.

"Hallo", sagte er knapp und las in seiner Autozeitschrift weiter.

"Darf ich mich gleich mit meiner Freundin Vanessa treffen?", fragte ich und kam mir lächerlich dabei vor.

"Nein. Du hast Zimmerarrest. Ich sage dir schon Bescheid, wenn dein Zimmerarrest vorbei ist." Er sah nicht von der Zeitschrift ab, als er das sagte.

Ich verdrehte die Augen, sagte aber nichts dazu. Ich wollte ihn nicht wieder provozieren.

Also ging ich die Treppen hinauf in mein Zimmer. Ich nahm mir mein Lieblingsbuch zur Hand - Mohnblumen und Bücherstaub - und ertrank in der wunderschönen Welt von Freya.

In dieser Geschichte handelte es sich um ein Mädchen, dass von Zuhause abhaut und in einer alten, längst verlassenen Buchhandlung schläft. Ein Geist, der auch in dieser Buchhandlung lebt, zeigt ihr, wie schön das Leben sein kann. Sie laufen durch Blumenfelder, schaukeln bei Mitternacht und sie gesteht ihm ihre Liebe, die er nicht erwidern kann, obwohl man sie fühlt.

Dieses Buch würde immer auf Platz eins in meinem Herzen sein, auch wenn es melodramatisch und auch ein wenig kitschig war.

Ich schlief ein und träumte mich in diese Geschichte hinein.










Catch me if I fallWo Geschichten leben. Entdecke jetzt