36. Kapitel Herzensfamilie

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Das Gespräch mit meiner Mutter endet dann wieder einmal damit, dass ich mir ihre Vorwürfe anhöre. Die auch noch schlimmer werden, nachdem ich ihr unerhörter Weise eröffnet habe, keine Zeit zu haben, da ich aus beruflichen Gründen hier bin. Was sie nun zu einem bösen Lachen und der Aussage animiert "sicher beruflich, wem willst du das denn bitte erzählen, mit deinem dummen Gezeichne kann man doch kein Geld verdienen". Bereits mit Tränen in den Augen lege ich auf und finde mich postwendend bei Bram im Arm wieder. Sein liebevoller Blick lässt mich ruhiger werden und nun weiß ich auch erneut, warum ich liebend gerne auf meine biologische Familie verzichten kann. Ich gehe schnell kurz ins Bad, um mich frisch zu machen und dann geht's auf zur Vorbesprechung. Die Termine sowie die Fanaktion auf der Connichi verlaufen gut, nur zwischendurch habe ich das Gefühl beobachtet zu werden und diesmal ist es kein gutes Gefühl. Bevor ich mich da aber reinsteigern kann, hat Bram mich auch schon wieder abgelenkt. Mein Retter in der Not und Herzensbruder. Was wäre ich ohne all die lieben Menschen, die viel mehr Familie für mich sind, als die Leute, die sich Familie schimpfen, nur weil sie mit mir blutsverwandt sind. Immer wenn ich Freizeit habe, treffen wir uns mit meinen Mädels sowie deren Anhang und machen die Stadt unsicher. Bram ist das erste Mal in Kassel und so ziehen wir das typische Touriprogramm durch. Herkules, Schloß Wilhelmshöhe mit Bergpark, zwar leider ohne Wasserspiele, aber trotzdem schön und Karlsaue muss auch noch. An einem Abend kommen wir heim und es steht ein Päckchen vor meiner Wohnungstür. Kein Absender drauf, keine Karte drin und der Inhalt auch nicht wirklich aussagekräftig, da dieser aus einer schönen Blanko-Kladde, einer Schachtel guter Buntstifte, Gummibärchen und einer Packung Früchtetee besteht. Vielleicht ein schüchterner Fan, der sich bei der Autogrammstunde nicht getraut hat, mir diese lieben Geschenke zu überreichen. Wie auch immer, es ist total süß und ich freue mich sehr darüber. Bram fährt Montag wieder nach Berlin und ich wollte noch mindestens die ganze Woche hier bleiben, damit ich noch ausreichend Zeit mit den Mädels verbringen könnte. Wie gesagt wollte und dann kommt die Begegnung, die alles ändert. Ich bin gerade mit Pia in einem meiner Lieblingsläden unterwegs, da höre ich nah an meinem Ohr diese Stimme. Die, die ich nie wieder hören wollte und auch gehofft habe, dass dem so sein wird. Ich dachte erst mein Hirn spielt mir einen Streich, kann nicht sein, der sitzt im Knast und verrottet da. Ich traue mich nicht wirklich, mich zu bewegen, geschweige denn etwas zu sagen oder zu tun. Ich bin wie erstarrt, höre ihn jetzt wieder an meinem Ohr "Na Mäuschen freust du dich mich wiederzusehen? Ich freue mich sehr", nebenbei streicht er mir über die Wange und führt meine Hand auf seinen Schritt. Ich spüre seine Beule in der Hose und will schreien, mich wehren, egal irgendwas tun. Doch es geht nicht. Ich stehe da wie eine Statur und mir laufen die Tränen. Er darf das nicht, er hat doch ein Annäherungsverbot, er darf sich nicht näher wie 50 m an mich heran bewegen. Den Abstand den wir jetzt haben, sind keine 20 cm. 

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