Ähhh - heißt das nicht eigentlich: "... das liebt sich" ??? Eigentlich ...
Aber nicht, wenn ein notorischer Mathemuffel mit Hang zum verbalen Kahlschlag kurz vorm Abitur auf eine Lehrerin trifft, die mit Liebe zur Mathematik und einer ausgesprochen...
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Am Sonntag Nachmittag holt Lennart Jenny ab, weil sie gemeinsam zu einem Kletterwald fahren wollen. Ich bin mit Sebastian verabredet. Wir wollen uns einfach am Baldeneysee treffen und uns im Zweifelsfall mit einem Eis auf eine Wiese setzen, damit wir uns unbelauscht fühlen können. Ich halte Sebastian nicht für den Typ, der anfangen wird zu weinen. Eher wird er wieder völlig dicht machen. Aber ich packe vorsichtshalber ein Päckchen Taschentücher ein. Denn der Anfang seiner traurigen Geschichte war vermutlich nur die Spitze des Eisberges.
Da mir der Heisinger Berg einfach zu steil ist, fahre ich heute mal nicht Fahrrad sondern Bus. Sebastian erwartet mich schon an der Haltestelle. Wir spazieren runter zum See und an den ganzen Rudervereinen entlang. Nach einer Weile biegt er ein in so ein Vereinsgelände. Hier ist einiges los. „Trainieren Sie hier?" „Ja, das ist jetzt mein Verein. Ich hab hier ziemlich viele Freiheiten, weil ich aus dem Leistungszentrum komme. Eigener Trainer, eigener Schlüssel, ... Hier können wir uns ein Eis kaufen."
Am Wochenende ist die Vereinskneipe geöffnet, und deshalb können wir uns bald Eis schleckend ans Wasser setzen. Der breite Holzsteg liegt warm in der Sonne und schwankt sanft auf dem ruhigen Wasser des Stausees. Wir ziehen Schuhe und Strümpfe aus und lassen unsere Füße ins Wasser baumeln. „Ich habe Sie am Montag ziemlich rabiat unterbrechen müssen, Sebastian. Das tut mir immer noch leid. Finden wir den Anschluss wieder? Mögen Sie mir einfach weiter Ihre Geschichte erzählen?" Sebastian nickt und sammelt sich einen Augenblick. Er zieht einen zerknitterten Zettel aus seiner Tasche und schaut kurz darauf.
Dann beginnt ein sehr leises, sehr ehrliches und ziemlich erschütterndes Gespräch. „Wenn das in Ordnung ist, fasse ich nochmal kurz zusammen." Ich nicke zur Bestätigung. „Ich kenne meine Eltern nur von hinten, meine Kindermädchen waren mir näher als meine Mutter. Das einzige, was zählte, war Leistung und Anpassung. Ich hatte nie Zeit für Freunde, bin noch nie gefragt worden, wie ICH mir mein Leben vorstelle oder was mich bewegt, und wurde bisher nur zu Tode gefördert und durch die Lande geschoben." Ich kriege eine Gänsehaut bei dieser monotonen Aufzählung seines bisherigen Lebens.
„Im Frühjahr ist meinem Vater ein Posten in einem Ministerium in Düsseldorf angeboten worden. Karriere geht vor. Also wurde nach einem guten Ruderverein für mich gesucht – und eben hier gefunden. Darum sind wir in den Sommerferien nach Lintorf gezogen, das liegt auf halber Strecke. Mein Vater fährt Richtung Düsseldorf, ich werde jeden Tag von einem Chauffeur nach Essen hergefahren. Deshalb werde ich auch hier keine Freunde finden. Ich bin ja nie in der Stadt, wenn andere sich treffen. Und überhaupt – 'Was willst du mit Freunden? Die sind eh nur dazu da, dich irgendwann zu verraten.' Ich ..."
„Darf ich ...?" „Hm?" „Danke. Ich will Sie so wenig wie möglich unterbrechen, aber da MUSS ich einfach einhaken. Das ist nämlich ausgemachter Blödsinn. Bleibt der Chauffeur den ganzen Tag als Anstandswauwau an Ihrer Seite? Oder sind Sie in Freistunden oder zwischen Schule und Training sich selbst überlassen?" „Ne, der fährt wieder. Wir haben zwei Chauffeure, die immerzu Mama, Papa und mich rumkutschieren. Ich mach demnächst Führerschein, dann wird es leichter." „Aber – dann ist es doch überhaupt kein Problem, sich mal mit anderen zu verabreden. Donnerstags in der Mensa. In einer Freistunde, die auch einer von den anderen hat. Zwischen Schule und Training. Sie haben mit Ihrer Reaktion auf Max am Mittwoch eine Tür ganz weit aufgestoßen. Sie müssen jetzt nur noch mutig hindurchgehen."