Ähhh - heißt das nicht eigentlich: "... das liebt sich" ??? Eigentlich ...
Aber nicht, wenn ein notorischer Mathemuffel mit Hang zum verbalen Kahlschlag kurz vorm Abitur auf eine Lehrerin trifft, die mit Liebe zur Mathematik und einer ausgesprochen...
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Da wir in den Ferien leider nicht in die Schule können, muss ich für die Nachhilfe heute zur Süß nach Hause. Auch das noch! Wieder sträubt sich in mir alles dagegen, dieses Gebäude zu betreten. Ihr so nahe zu kommen. Ich habe keine Ahnung, welcher Art ihre „Auszeit" war, was in ihr vorgegangen ist, wie es ihr jetzt geht mit dem ganzen Schlamassel. Sie hat gesagt, dass sie mich liebt. Dass ich mich nicht verbiegen soll für sie. Sie hat mich getröstet nach dem Alptraum. Sie weiß jetzt praktisch ALLES über mich! Wie konnte sie da zulassen, ... Örks!
Ich schleiche die Treppe hoch, als ginge ich zum Schaffott. Das ist doch alles echt nicht mehr normal! Irgendwas in mir drin zieht mich die Treppe rauf, ein anderer Teil zerrt an mir nach unten. Und das Ergebnis ist symbolischer Hirntod. Ich verbrauche so viel Kraft dafür, zu verdrängen, wieviel wir hier schon gemeinsam gelernt und gelacht haben. Dass sie mir geholfen hat, den Film von meinem Tanz anzuschauen. Dass ... Bloß nicht drüber nachdenken. Das macht es nur noch schlimmer.
Die Atmosphäre ist seltsam, wie letzte Woche auch. Aber dann kommt der Knaller, denn Frau Süß fängt an, mich Max und Sie zu nennen. Ich zucke zusammen und schaue schnell ins Buch. Es war mein Wunsch, den Resetknopf zu drücken. Ich habe das Ganze beendet, bevor es richtig anfangen konnte, weil mir einfach alles weh getan hat. Trotzdem muss ich mich sehr beherrschen, mir nichts anmerken zu lassen.
Frau Süß scheint mein Zucken nicht bemerkt zu haben. Sie macht einfach Mathe mit mir. Ganz ruhig, ganz gelassen. Ganz klar. Sie akzeptiert dieses Ende und zieht eine klare Linie. Lehrerin – Schüler. Sie entschuldigt sich nicht, ich entschuldige mich nicht. Sie ist zielorientiert, wir schaffen total viel heute. Wir bereiten uns jetzt vor auf das Thema der nächsten zwei Monate und eben auch auf die Klausur in fünf Wochen. Sie erklärt mir alles so weit, dass ich selbst schon sagen kann, welche vorherigen Themen ich als Grundlage dafür brauchen werde. Sie ergänzt das, und wir machen uns einen Plan, wann wir bis zur Klausur woran arbeiten, damit uns nicht wieder die Zeit davonläuft.
Und die ganze Zeit habe ich das Gefühl, ich sitze in einem Kühlschrank. Die zauberhaften Momente in der Eifel rennen wie kleine Teufel durch mein Hirn. Mathe? Geht. Fühlen, denken, handeln, reagieren, entscheiden, guten Tag und auf Wiedersehen sagen? No go. Alles außer Mathe ersäuft in gestottertem Nonsens. Und das MIR! Dem größten Mathe-Muffel der ganzen Stadt ...
Erst, als ich wieder vor der Tür stehe, registriere ich plötzlich, was das alles bedeutet. Und was ich dazu fühle. Es ist, als wäre ich vor eine Wand gerannt. Ich liebe diese Frau! Es ist nicht Bewunderung, nicht das Gefühl von Geborgenheit bei der Älteren, Erfahreneren, nicht diese atemberaubend schönen Küsse, die uns beide überrumpelt und mitgerissen haben. Es ist ihr Humor, ihre Schlagfertigkeit, nicht nur mit Worten sondern ganz allgemein ihre Haltung gegenüber dem Leben, ihr Mut, für andere einzustehen, ihre Gabe, Menschen zuzuhören, es ist, dass sie für ihre Schüler kämpft, dass sie keine halben Sachen macht. Und es sind diese unglaublichen, grünen Augen. Ich liebe sie, und es ist auf einmal scheißegal, wer da wen oder auch nicht verraten, vergessen, versprochen, ver-achwasweißich-t hat. Ich habe sie verloren, und sie hat nun ganz klar die Grenze gezogen.