Kapitel 113

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Chord Overstreet - Hold On

Es geht alles so schnell. Zu schnell. Ich befinde mich in einem Zustand, indem mein Herz von zwei großen, starken Händen so fest gedrückt wird, dass mich ein ermüdendes Gefühl einholt. Es ist alles vorbei. All meine Träume zerplatzen in dem Moment, indem Mama in meine geröteten Augen schaut und eins und eins zusammenzählt. Es tut mir so leid, Mama. Ich schließe schluchzend meine Augen. Ein kleiner Teil in mir hofft, dass das Ganze ein schlimmer Albtraum ist, aber als ich höre, wie Cihan auf sie zugeht und Elif flehend ihren Namen schluchzt, weiß ich, dass all das real ist. "Bitte, Shana. Bitte, rette mein Kind. Ich habe nur ihn. Ich tue alles für dich, nur rette meinen Sohn." Mein Gesicht verzieht sich weinend, als ich Elifs Weinen höre. Wie groß ihre Angst sein muss, ihren einzigen Sohn zu verlieren? Ich öffne meine Augen schweratmend, schaue flehend zu Mama, obwohl ich ihr keinen Druck machen will. Bitte, Mama. Bitte rette ihn. Ihr Blick gleitet zu mir. Ihre Augen zeigen gemischte Gefühle, aber sie nickt. Ihr Nicken bestärkt mich ungemein, obwohl keiner von uns in die Zukunft sehen kann. "Setzt euch. Ich hole erst einmal diesen gottverdammten Wichser aus dem OP und dann gebe ich die Anleitungen. Setzt euch. Holt mir Buckard raus!", schreit sie schon fast zu den OTAs, die die Schiebetür öffnen. Mama stürmt hindurch, rein in die zweite Tür rechts. Sie ist weg. Es liegt in ihrer Hand. Ich hoffe so sehr, sie kann ihm helfen. Ich könnte es nicht ertragen, wenn Ardan stirbt. Nein. Mein Herz lebt mit seinem und mein Herz stirbt mit seinem.

Mein Blick bleibt auf das Glas gerichtet. Mein Herz macht einen Satz, als Mama aufgebracht rausstürmt und diesen Assistenzarzt am Kragen rauszerrt. Sie ist sauer. Sie kocht vor Wut. Ihre Faust knallt gegen den Knopf um die Schiebetür zu öffnen. "Du kannst deine Lizenz sofort zerreißen. Du wirst nie wieder mit deiner Arroganz ein Menschenleben gefährden, du gottverdammter Wichser!" "Er war es", keucht Cihan. Er erhebt sich, seine Muskeln sind abgespannt, seine Oberarme zeigen die Kraft, die er besitzt, als er auf den Assistenzarzt losgehen will. "Cihan, nicht!" Mama drückt ihn zurück, schubst mit der anderen den 1.80 Höllenbewohner weiter in den Flur, durch den er stolpert. "In das Büro meines Mannes! Du wirst die Konsequenzen dein Leben lang als Unfähiger zu spüren bekommen. Ich will dich nie wieder sehen!" Mama schüchtert mich ein. Sie ernüchtert meine ganze Trauer, die sich langsam in Angst umwandelt. Ich will nicht nach Hause. Ich habe Angst vor den Konsequenzen, die mich treffen werden. "Ich muss das delegieren. Ich darf und werde selbst keine Hand anlegen. Nicht in meinen Zustand. Nur im aller schlimmsten Notfall. Wir reden später." Ich weiß nicht, ob ihr letzter Satz nur an mich ging, aber sie hat zu Elif und Cihan gesprochen, bevor sie wieder durch die Tür in den OP rennt.

Sie hat mir für einen Moment die Sicherheit gegeben, dass alles wieder gut wird, aber kaum sehe ich sie nicht mehr, füllt sich mein Körper wieder mit Angst. Cihan bleibt angespannt vor der Tür stehen, Elif gleitet weinend die Wand hinab, hält sich schniefend ihre Brust und ich? Ich fühle mich leer. Als hätte man mir Herz und Seele rausgerissen. Mir ist schwindelig. Ich spüre kaum noch etwas außer dieses leichte Kreisen, das in meinem Kopf herrscht. Ardan liegt nur wenige Meter von mir entfernt und doch fühlt es sich so an, als wäre er oben im Himmel und ich lebendig vergraben. Ich kann nichts tun. Ich bin gefangen. Ich bin gefangen in einer Situation, auf die ich mich trotz meines anfänglichen Pessimismus nicht vorbereitet habe und vorbereiten konnte. Was wird passieren? Was ist passiert? Was hat dieser gottverdammte Wichser mit meinem Ardan gemacht?! Ich will ihn erwürgen. Ich will meine Wut an ihm rauslassen und am liebsten das fühlen lassen, was Ardans Körper jetzt durchhalten muss. Mama soll dafür sorgen, dass er nie wieder in seinem Leben im medizinischen Bereich arbeiten darf und so wütend, wie sie gerade war, wird sie auch alles daransetzen, dass es so passiert. Meine Wut lässt mich zittern. Ich will zu Baba. Ich will es ihm sagen, auch wenn der Typ gerade selbst zu ihn gegangen ist, aber ich will und kann mich gerade nicht wegbewegen. Ich will Ardan nicht verlassen. Ich will in den OP stürmen, um zu wissen, was gemacht wird, aber ich bleibe hier. Ganze fünf Stunden und 12 Minuten vergehen. Ich bin kaputt. Wir sind kaputt und verstummt. Erst als Mama wieder aus dem OP-Saal tritt, erwacht wieder Leben in uns.

HerzensdiebWo Geschichten leben. Entdecke jetzt