Zentauren und Erklinge

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Dracos Schritte hallten unnatürlich laut von den steinernen Wänden wider, als er die Eingangshalle des Schlosses durchquerte.
Es war bereits Sperrstunde und die Sonne war dabei, unterzugehen.
Granger wartete auf ihn.
Sie trug praktische Kleidung, über die sie ihren Umhang geworfen hatte, sowie festes Schuhwerk. Ihre Locken fielen ihr wild und offen über die Schultern. Sie hatte eine Umhängetasche dabei, was Sinn machte.
Draco selbst, wie immer ganz in schwarz, hatte sich ebenfalls für bequeme Schuhe entschieden - auch, wenn er nur an den Rand des Verbotenen Waldes gehen würde, musste er trittsicher sein - und hatte auch seinen Umhang umgelegt.
Granger war verflucht sauer auf ihn, das merkte er. Sie begrüßte ihn nicht einmal, sondern drehte sich auf dem Absatz um, kaum, dass er sie erreicht hatte, und stapfte hoch erhobenen Hauptes aus dem Schloss.
Draco hielt mit ihr Schritt.
Sie schwiegen, den ganzen Weg über, bis zum Rande des Verbotenen Waldes.
Ihre bockige Art machte ihn wütend. Sie tat gerade so, als sei er daran Schuld, dass sie eine Strafe bekommen hatte. Sie hatte die Zeit aus den Augen verloren und war gestern nach Sperrstunde noch im Schloss unterwegs, was konnte er dafür? Nichts, weder dafür, dass sie die Zeit verpasst hatte noch dafür, dass Umbridge sie erwischt hatte. Was hatte sie erwartet? Dass er für sie log?
Erst, als sie nun aber am Rande des Waldes standen, wurde Draco sich des Ausmaßes der ganzen Sache bewusst.
Still lagen die Bäume vor ihnen - beinahe unheimlich ruhig.
Dracos Blick glitt über die Wand aus Blättern, Rinde und Moos, die sich vor ihnen auftürmte. Die Schatten zwischen den Bäumen waren so dicht, dass bereits jetzt schon nicht mehr zu erkennen war, ob dazwischen etwas lauerte.
„Du musst gar nicht so schauen", fauchte Granger und Draco zuckte ertappt zusammen. Er hatte nicht bemerkt, dass sie ihn beobachtete. „Du musst schließlich nicht in den Wald gehen."
„Sei nicht so zickig", schoss er zurück. „Du tust so, als sei es meine Schuld, dass du Strafarbeit bekommen hast! Es war Umbridges Entscheidung und außerdem hat sie dir wenigstens eine sinnvolle Aufgabe gegeben."
Die Kröte hatte Granger aufgetragen, Fluxkraut aus dem Verbotenen Wald zu holen, in dem vollen Bewusstsein, dass es bei Mondschein geerntet werden musste, sie also nach Sonnenuntergang in den Wald musste - was selbstverständlich noch gefährlicher war als bei Tag. Aber das Sammeln des Krauts stellte nun einmal einen wichtigen Dienst für die Schule dar. Schließlich wurde es dringend für den Unterricht benötigt. Und dass es durchaus vorkommen konnte, dass Schüler zur Strafarbeit in den Verbotenen Wald mussten, wusste Draco nur zu gut aus eigener Erfahrung.
Was nichts daran änderte, dass es gefährlich war.
Granger schnaubte nach seinen Worten, während sie begann, in ihrer Umhängetasche zu wühlen. Sie zog den Mondsteinkompass hervor, den Umbridge ihr gegeben hatte, um den Weg zum Flussgras zu finden. Dann ruckelte sie die Tasche auf ihrer Schulter zurecht.
„Bis in einer Stunde", sagte sie knapp und mit einem irgendwie harten Gesichtsausdruck.
Draco sah, wie sie ihren Stab vom Gürtel zog und leise den Lumoszauber sprach, um dann - den Stab in der einen, den Kompass in der anderen Hand - auf den Waldrand zuzugehen.
Draco überlegte gerade noch, ihr irgendetwas hinterher zu rufen (wobei er nicht wusste was und warum er es tun sollte), da war sie bereits in den Schatten zwischen den Bäumen verschwunden.
„Was soll schon schief gehen?"
Draco benötigte einen Augenblick, um zu begreifen, dass er seinen Gedanken laut ausgesprochen hatte.
Ja, was sollte schon schief gehen?
Leider erinnerte er sich nur allzu lebendig an seine Strafarbeit im Wald, in der Ersten.
Es konnte definitiv eine Menge schief gehen.
„Ist mir doch scheißegal", murmelte Draco.
Er würde jetzt ins Schloss zurückgehen, eine Weile Patrouille laufen, um seiner Aufgabe als Mitglied des Insquisitonskommandos nachzukommen, und dann zum Wald zurückkehren, um Granger abzuholen.
Wenn sie denn abgeholt werden konnte und ihre Einzelteile nicht irgendwo im Wald verrotteten.
Werwölfe, Zentauren und wer weiß was trieben sich dort herum. Alles Wesen, die nicht gerade ungefährlich waren.
Draco erinnerte sich nur zu gut an seine Recherche in der ersten und zweiten Klasse. Er hatte unbedingt alles über die Sicherheitsmaßnahmen der vier Gründerinnen und Gründer herausfinden wollen. Automatisch spulten die Erkenntnisse sich noch einmal in seinem Kopf ab: Salazar Slytherin war zuständig für den See gewesen und hatte die Wassermenschen angesiedelt; Rowena Ravenclaw hatte das Innere des Schlosses durch die sich bewegenden Treppen gesichert; Godric Gryffindor war verantwortlich für die riesigen Steinsoldaten an den Eingängen; und Helga Hufflepuff... sie hatte den Wald wachsen lassen und die Kreaturen angesiedelt.
Niemand wusste genau, welche Kreaturen.
Nun, aber Granger war keine Erstklässlerin mehr. Sie würde schon klar kommen. Es war schließlich nicht allzu weit bis zu der Stelle, an der das Fluxkraut wuchs. Sie würde sich schnell die Umhängetasche vollstopfen und zurückkehren.
Es würde schon gut gehen.
Draco fluchte und beeilte sich, Granger zu folgen.
Bereits nach wenigen Schritten im Wald wurde ihm klar, dass er nur eine grobe Ahnung hatte, in welche Richtung sie gegangen war, dass er keinen Kompass hatte und von Granger keine einzige Locke zu sehen war.
„Granger!" Draco war bis zu diesem Zeitpunkt nicht bewusst gewesen, dass man laut flüstern konnte. Noch einmal zischte er: „Granger!"
Nichts.
Draco machte ein paar zögernde Schritte in die Richtung, in die Granger gegangen sein musste.
Ein zischendes Geräusch, über ihm in der Luft, ließ ihn zusammenzucken. Sein Kopf ruckte nach oben. Kurz meinte er, einen sehr schmalen Schatten über sich hinwegfegen zu sehen. Ein Schatten, der aussah wie... Doch nein, das konnte nicht möglich sein...
Mit schnellen Schritten bewegte er sich weiter in die Richtung, von der er wusste, dass dort irgendwo die Quelle sein musste, an der das Flussgras wuchs. Dann fiel er in einen leichten Trab.
Da vorne! Ein Schatten zwischen den Bäumen! Das konnte sie sein.
Draco wurde langsamer und wagte es, etwas lauter zu rufen: „Granger?"
Er hörte das Hufgetrappel nur wenige Sekunden, bevor die Zentauren aus dem Dickicht brachen.
Draco keuchte erschrocken, als die riesigen Pferdemenschen ihn blitzschnell einkreisten. Es waren ein Dutzend, mindestens, mit wildem Haar und zornigen Blicken. Über die nackte Haut ihrer Oberkörper spannten sich Lederriemen für die Köcher auf ihren Rücken. Aus allen Richtungen zeigten nun gespannte Bögen und scharfe Speere auf ihn. Draco hörte das Scharren und Stampfen der Hufe auf dem erdigen Boden.
„Es ist nur ein Junge aus dem Schloss", stellte ein blonder Zentaur fest.
„Nur?", wiederholte ein anderer. „Es ist bedenklich, dass er sich so spät am Abend hier herumtreibt. Und dann auch noch alleine. Er führt etwas im Schilde."
„Das denke ich auch", bestätigte ein besonders großer Zentaur, das Fell am Körper genauso rabenschwarz wie seine unbändigen, langen Haare. „Wir sollten mit den Speeren aus ihm herauskitzeln, was er zu verbergen hat."
„Ich habe nichts zu verbergen", beeilte sich Draco, dem das Herz bis zum Hals schlug, zu sagen.
„Lügner!", fuhr der schwarzhaarige Zentaur ihn an. „Die Sterne haben uns schon lange die Wahrheit gesagt. Wir erkennen einen Verräter, wenn er vor uns steht."
„Was?", murmelte Draco.
„Bane, hör auf", mischte sich wieder der blonde Zentaur ein. „Der Junge weiß doch gar nicht, wovon du redest."
„Und du solltest aufhören, so mit den Menschen zu sympathisieren, Firenze", fuhr der Schwarzhaarige, Bane, ihn an. „Wir sind keine Haustiere!"
„Darum geht es nicht", erklärte Firenze, die Stimme überraschend weich und sanft, das blonde Haar schimmerte silbern im aufkommenden Mondlicht. „Es-"
„Ruhe, alle beide", befahl ruhig der Zentaur, der behauptet hatte, Draco würde etwas im Schilde führen. Sein langes Haar und der Körper waren kastanienbraun. „Der junge Zauberschüler soll nun sagen, was er hier zu suchen hat."
„Ich-", begann Draco, brach dann aber ab.
Was sollte er sagen? Im Grunde genommen hatte er hier tatsächlich nichts zu suchen.
„Du hast Recht, Magorian", mischte sich ein besonders junger Zentaur ein. „Er führt tatsächlich etwas im Schilde."
„Das stimmt nicht", fauchte Draco, der plötzlich wütend wurde. Warum unterstellten sie ihm solche Dinge? „Es geht euch nur einfach nichts an, warum ich hier bin!"
Bane richtete die Spitze seines Speers näher auf Dracos Gesicht.
„Hüte deine Zunge, Menschenjunge", zischte er.
„Bane...", hörte Draco den Zentauren Firenze beschwichtigend sagen.
„Du solltest schnell reden, Junge", knurrte der kastanienbraune Magorian.
„Ihr würdet es nicht wagen...", presste Draco hervor.
„Denkst du, wir sind zahme Ponys?", fuhr Bane ihn an. „Rede, oder wir bringen dich dazu!"
„Er ist wegen mir hier!"
Granger brach aus dem Unterholz und kam zu ihnen herüber gerannt.
Mutig - oder vollkommen lebensmüde - quetschte sie sich zwischen zwei dunkelbraunen Zentauren hindurch.
„Er ist wegen mir hier", wiederholte Granger.
„Noch ein Menschenkind", stellte Bane finster fest.
„Ich hoffe, du hast eine gute Begründung für euer beider Anwesenheit und dafür, dass du ungefragt sprichst", fuhr Magorian Granger an.
„Verzeihung", sagte Granger und es klang überraschend ehrlich. „Wir respektieren natürlich euer Revier und wollten niemanden verärgern."
Draco starrte Granger überrascht an. Er konnte kaum glauben, wie diplomatisch sie klang.
„Was macht ihr dann hier, so spät am Abend?", erkundigte Magorian und tatsächlich klang er zwar immer noch streng, aber etwas gnädiger als bei Draco zuvor.
„Ich habe Strafarbeit aufbekommen", sagte Granger ehrlich. „Von einer unserer Professorinnen. Ich soll Fluxkraut für den Unterricht sammeln."
Kurz war es still.
Dann fragte Magorian: „Und der Junge?"
Granger zögerte minimal. Eigentlich hatte Draco hier gar nichts zu suchen.
„Er wurde ausgewählt, um mich zu begleiten."
Granger war eine unfassbar schlechte Lügnerin. Allerdings war sie offensichtlich geschickt im Formulieren. Es war keine direkte Lüge, dass Draco als Begleitung ausgewählt worden war. Allerdings war nie davon die Rede gewesen, dass er ihr in den Wald folgen sollte. Dieses Detail sparte Granger offensichtlich absichtlich aus.
„Klingt einleuchtend", meldete sich Firenze mit seiner ruhigen, sanften Art zu Wort.
Bane schnaubte. Magorian schwieg und blickte ernst.
„Also... Wenn es für euch in Ordnung ist, gehen wir jetzt das Fluxkraut sammeln und verschwinden dann so schnell wie möglich wieder", ergänzte Granger.
Kurz war es still, keiner rührte sich. Dann ruckte Magorian flüchtig mit dem Kopf. Speere und Bögen wurden gesenkt.
„Bleibt keine Minute länger als nötig", verlangte Magorian und Bane gab ein zustimmendes Schnauben von sich.
Mit einem Ruck fuhr die Zentaurenherde herum und preschte los. Alle - bis auf den silberblonden Firenze.
„Ihr habt Verstand, junges Fräulein", sagte er leise, doch er blickte nicht Granger an. Seine blauen Augen wanderten hinauf zum Blätterdach, wo der Himmel durch die Wipfel blitzte. „Unterschätzt nicht die Dunkelheit des Waldes. Mars brennt heute Nacht blutrot und steht im Zeichen des Jägers. Die Sterne lügen nicht - ungesehene Augen beobachten euch bereits jetzt aus dem Gebüsch. Verlasst diesen Wald, ehe das Lachen der Schatten euch einholt."
Draco spürte, wie ihm ein kalter Schauder den Rücken hinabrann, aber ehe er den Zentauren fragen konnte, was zur Hölle er mit diesen Worten meinte, war dieser bereits seiner Herde hinterher galoppiert.
Schweigend standen sie einen Augenblick nebeneinander.
„Dann wirst du jetzt wohl mitkommen müssen", stellte Granger sachlich fest.
Draco befürchtete, dass sie Recht hatte. Das Risiko, dass die Zentauren misstrauisch wurden und ihn wieder zur Rede stellten, war zu groß. Er ruckte kurz mit dem Kopf, um ihr zu bedeuten, dass er sie begleiten würde.
Eine Weile gingen sie schweigend nebeneinander her.
Dracos Herz hatte sich immer noch nicht ganz beruhigt. Die Zentauren hatten ihn mehr geängstigt, als er zuzugeben bereit war.
„Warum bist du mir gefolgt?"
Grangers Frage hing schwer in der Stille zwischen ihnen.
„Bild dir ja nichts drauf ein", knurrte Draco schließlich unwirsch.
Bewusst blickte er stur geradeaus, aber aus dem Augenwinkel sah er, dass sie flüchtig lächelte.
Draco überlegte gerade, ihr etwas Unfreundliches an den Kopf zu werfen, damit sie bloß nicht auf die Idee kam, er könnte sich um sie sorgen, als sie ein merkwürdiges Geräusch hörten.
„Was war das?", flüsterte Granger.
Instinktiv waren sie beide stehen gelieben.
Es war eine Mischung aus Rascheln, Ruckeln und Knacken und es kam nur wenige Meter rechts von ihnen.
„Denk nicht mal dran", sagte Draco leise, als er Grangers konzentrierten Blick in die Richtung sah.
„Es klingt, als würde etwas zappeln", murmelte sie.
„Granger..."
„Ich bin vorsichtig."
„Granger!", fauchte Draco, aber diese dämliche Gryffindor hatte sich bereits in Bewegung gesetzt. Draco fluchte leise.
Alleine hier im Dunkeln wollte er nicht zurückbleiben, also zog er seinen Stab.
„Lumos", flüsterte er und folgte Granger rasch.
D

A Death Eater's Tale Geschichten, die süchtig machen. Entdecke jetzt