Ein harter Kampf

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„Sehr gut, noch mal."
Draco konzentrierte sich und boxte auf die Art und Weise, die Marcus ihm erklärt hatte, in die Handpratzen, die der ältere Schüler angezogen hatte.
Er hatte nicht vor, das Boxen sehr zu vertiefen, aber jetzt in den Ferien wollte er seine Freizeit auch mal für Dinge nutzen, die er in der Schulzeit nicht schaffte.
Vermutlich war er auch nicht der Typ fürs Boxen, aber es machte Spaß und er bekam dabei den Kopf frei.
Denn ja, so richtig Ferien hatten sie nicht. Es war erschreckend, wieviele Hausaufgaben sie über die Ferien aufbekommen hatten.
Aber jetzt wollte Draco nicht daran denken.
Während Marcus ihm die einfachen Grundlagen des Boxens zeigte, trainierten Theo und Blaise mit Terence Higgs, Adrian Pucey und Vance Urquhart Situps und Liegestütze.
Sie hatten keine Lust gehabt, im Trainingsraum Sport zu machen, daher hatten sie sich am See getroffen - wo ziemlich viel los war. Klar, es waren Ferien, es war warm, aber nicht heiß, und kaum jemand hatte Lust, sich drinnen aufzuhalten.
Aus allen Jahrgängen verteilt lagen Jungs und Mädchen auf Decken faul in der Sonne, lasen, aßen Obst, spielten Zauberschnippschnapp oder gingen mit den Füßen in den seichten Teil des Sees. Einige wenige betätigten sich auch sportlich, so wie Draco und seine Freunde.
Draco war gerade vollkommen vertieft in das, was Marcus ihm zwischendurch erklärte und hörte auf seine Verbesserungsvorschläge, als jemand „Hey Jungs!" zum Gruß rief.
Draco erwischte die Pratze an Marcus' rechter Hand nur halb und erstarrte dann vollkommen, als er sah, wer sie da gegrüßt hatte.
Lu Baddock trug sportliche Kleidung - eine enge, sehr kurze Hose und ein ebenso enges Trägertop - und joggte mit ihrer blonden Freundin, die bei einer Kutschfahrt mal auf Blaise' Schoß gesessen hatte und die ähnlich gekleidet war, an ihnen vorbei. Beide Mädchen hatten ihr glattes, glänzendes Haar zu hohen Zöpfen gebunden, die im Takt ihrer Schritte wippten.
Und die beiden strahlten sie im Vorbeilaufen an.
Es spielte für Draco keine Rolle, dass die beiden hübschen Mädchen nicht nur ihn, sondern die anderen Slytherin-Jungs in seiner Nähe genauso anlächelten. In diesem Moment war es nur wichtig, dass sie ihn eben auch so selbstverständlich gegrüßt hatten, als seien sie Freunde.
Er war so perplex und abgelenkt von dem Kribbeln in seinem ganzen Körper, dass er sogar vergaß, zurück zu grüßen.
Er starrte den beiden hinterher und stellte zufrieden fest, dass sie Mitglieder der anderen Häuser, an denen sie vorbeikamen, keine Beachtung schenkten.
Wie schon einmal im vergangenen Schuljahr, als Lu ihm zum Einstieg in die Mannschaft gratuliert hatte, passierte es automatisch: Er starrte ihr auf den Hintern, während sie davonjoggte.
Bei Merlin und Morgana, das Mädchen war aber auch heiß.
„Behalt die Augen im Kopf, Kleiner."
Ertappt sah Draco zu Marcus, der ihn wissend angrinste.
„Entschuldigung", murmelte Draco, aber sein Blick glitt wieder zu den beiden Slytherin-Mädchen, die sich nun bereits ein gutes Stück entfernt hatten.
„Draco fängt gleich an zu sabbern", feixte Blaise, und erst da wurde Draco peinlich bewusst, dass nicht nur Marcus sein Verhalten mitbekommen hatte.
„Ha ha", machte Draco und die Jungs lachten.
„Ich kann dir auch sagen, wo er gerade sabbert", setzte Adrien noch eins drauf und warf einen Blick in die entsprechende Richtung von Dracos Körper.
Die anderen grölten.
„Arschloch", sagte Draco, aber er musste selber grinsen.
„Genug Boxtraining für heute", befand Marcus, als sich alle wieder beruhigt hatten. „Noch ein paar Situps und Liegestütze, Draco, ja? Los, mein Sucher muss fit für das Spiel nach den Ferien sein."
Draco legte sich gehorsam in die Nähe seiner Freunde, die auch noch keine Pause machten, ins Gras und winkelte die Beine an, um sich für die Situps bereit zu machen.
Marcus machte das gleiche direkt neben ihm.
Als Draco schließlich erschöpft auf dem Rasen liegen blieb, knuffte Marcus ihn in die Seite.
„Weiter! Du schaffst noch mehr!", behauptete er und Draco seufzte zwar, zwang sich aber, seine Bauchmuskulatur weiter zu trainieren.
„Super! Weiter! Das schaffst du!"
Tatsächlich waren Marcus' Worte motivierend und Draco biss die Zähne zusammen. Er sollte wohl häufiger mit seinem Kapitän trainieren, nicht nur mit seinen Freunden.
Er war gerade vollkommen konzentriert auf ihre Situps, als es laut wurde.
Eine lachende Gruppe Gryffindor-Jungs kam auf ihren Besen über den See heran geschossen. Nicht unweit von Draco und seinen Freunden landeten sie.
Es war Wood, der Kapitän der Gryffindor-Mannschaft, mit den Weasley Zwillingen und ein paar anderen Jungs.
Marcus erstarrte und schien das Training zu vergessen. Finster starrte er zu den Gryffindors herüber.
Auch Draco begab sich in eine sitzende Position.
Er öffnete gerade den Mund, um zu Marcus einen abfälligen Spruch über die dämlichen Gryffindors zu sagen, als es ihm auffiel.
Es war nur minimal, und vermutlich fiel es ihm nur auf, weil er mehr über Marcus Flint, der stets stark und unnahbar wie ein Fels wirkte, wusste, als fast alle anderen.
Die Gryffindor-Jungs gingen, die Besen in der Hand, immer noch lachend und miteinander herumalbernd Richtung Schloss, ein Freund von Wood legte ihm freundschaftlich den Arm um die Schultern. Wood fuhr sich mit der Hand durchs Haar und lachte.
Marcus' Gesichtsausdruck blieb steinern, aber Draco sah das Anspannen des Kiefers, die Bewegung des Kehlkopfes, als er schluckte. Er sah den flüchtigen Blick, der kaum bemerkbar an Woods sportlicher Gestalt auf und ab glitt. Und er sah, wenn auch nur kurz, ein regelrechtes Brennen in den Augen des Slytherin-Kapitäns.
Draco lehnte sich näher.
„Behalt deine Augen im Kopf", flüsterte er Marcus zu.
Draco hätte nie erwartet, Marcus tatsächlich einmal ertappt zu erleben - aber das war er eindeutig, nachdem Draco bewusst die gleichen Worte gewählt hatte wie er kurz zuvor. Sein Blick schnappte zu Draco.
Einen Augenblick sahen sie sich einfach an, Marcus wirkte kurz beunruhigt.
Dann wandte Marcus den Blick ab und fuhr sich mit einer beinahe nervösen Geste durchs Haar.
„Fuck", murmelter er.
Rasch sah er sich um, so als wollte er sicher gehen, dass niemand etwas mitbekommen hatte.
„Scheiße, Draco, ist es so offensichtlich?", fragte er leise.
Draco schüttelte den Kopf. Flüchtig sah er noch einmal Oliver Wood und seinen Freunden hinterher. Offensichtlich machten sie sich gerade bereit, um zum Schloss zu fliegen.
„Nein", antwortete er.
Das war die Wahrheit.
Jetzt, rückblickend, hatte er schon dutzende Male beobachtet, wie Marcus den Quidditch-Kapitän der Gryffindors so angesehen hatte - meistens war dann ein provozierender Spruch gefolgt. Aber bisher hatte Draco sich tatsächlich nichts dabei gedacht. Nein, er hätte es niemals verstanden, wenn er nicht gewisse Dinge über Marcus erfahren hätte.
„Nein", wiederholte er daher, um Marcus zu beruhigen. „Mach dir keine Gedanken."
Fast ein wenig nervös zog Marcus eine Packung Zigaretten aus seiner Tasche.
„Scheiße, dass man sich sowas nicht aussuchen kann", sagte er, ohne Draco anzusehen und während er eine Zigarette aus der Packung fummelte.
Als er sich den Glimmstengel anzündete, warf er noch einen raschen Blick auf die Gryffindors, die sich auf ihren Besen bereits so weit entfernt hatten, dass man über die Ferne nicht mehr erkennen konnte, wer dort wer war.
Marcus zog an der Zigarette.
„Ist es zu viel verlangt, wenn ich dich bitte, auch das für dich zu behalten?"
Draco sah Marcus an, aber dieser starrte weiterhin Richtung Schloss - oder eher Richtung der Gryffindors, die dahin unterwegs waren.
Man kann es sich nicht aussuchen, hatte er gesagt.
Draco erinnnerte sich an das Gespräch mit Marcus, das er gehabt hatte, nachdem er ihn in der Nacht mit diesem Hufflepuff erwischt hatte. Er hatte damals gesagt, dass das Verhältnis zu diesem Jungen von beiden Seiten mehr oder weniger Mittel zum Zweck war, offensichtlich fanden sie sich attraktiv, waren aber nicht verliebt.
Aber der Blick, mit dem Marcus eben Wood angesehen hatte...
Verrückt, Marcus stand nicht nur auf Jungs, er war offensichtlich ganz vernarrt in Oliver Wood.
Gerade in Wood! Ein Gryffindor, der Marcus so offensichtlich hasste!
Draco öffnete gerade den Mund, um Marcus zu antworten, als Theo sich neben Marcus ins Gras fallen ließ. Sowohl dieser als auch Draco zuckten zusammen, denn sie hatten beide nicht mitbekommen, dass Theo sich näherte.
„Hey, krieg ich auch eine?", bettelte Theo und setzte einen regelrechten Hundeblick auf.
Marcus, plötzlich wieder ganz der lockere Typ, der er sonst auch immer war, lachte. Nichts war mehr von dem Gefühlschaos in seinem Gesicht zu sehen, in das Draco eben gerade kurz einen Einblick bekommen hatte.
„Klar."
Er hielt Theo die Schachtel hin, der begeistert eine Zigarette herauszog.
Plötzlich waren auch die anderen Jungs da. Adrian, Blaise, Terence und Vance sanken zu ihnen ins Gras.
„Leute, Training reicht für heute, oder?", meinte Terence. „Lasst uns an der seichten Seite des Sees noch ein bisschen Schwimmen gehen. Ich will heute auch noch was Nettes machen."
„Schwimmen ist auch Sport, du Idiot", grinste Marcus.
Terence verdrehte die Augen und legte sich auf den Rücken. Auf seinem T-Shirt waren leichte Schweißflecken von der Trainingseinheit eben zu sehen. Aber verschwitzt waren sie alle, man konnte es ihm also nicht verdenken.
„Ja", sagte er langgezogen. „Aber nicht, wenn man nur so ein bisschen locker herumschwimmt. Ich könnte meine Freundin fragen, ob sie mit dazu kommt. Vielleicht kann sie ein paar Freundinnen mitbringen."
„Keine schlechte Idee", meinte Adrian.
„Vielleicht frage ich Lu, ob sie auch kommt", fügte Terence süffisant und beinahe hinterhältig grinsend mit einem Blick in Dracos Richtung hinzu. „Wir haben durch unser Vertrauensschüleramt ja viel Kontakt zueinander. Es könnte ja sein, dass sich hier jemand über ihre Anwesenheit freuen würde."
„Ach halt's Maul", gab Draco nur lachend zurück.
„Uh, dann soll sie bitte ihre blonde Freundin mitbringen", mischte sich Blaise ein.
Draco und die anderen lachten.
„Du hast eine Freundin, Blaise", meinte Adrian gespielt tadelnd.
„Ich meine doch nur, damit Lu sich nicht so alleine fühlt", entgegnete Blaise so unschuldig, dass Draco es ihm abgekauft hätte, wenn er ihn nicht so gut gekannt hätte.
Er warf einen raschen Blick auf Marcus, der gelassen seine Zigarette rauchte und amüsiert ihr Gespräch verfolgte.
Man hat es nicht leicht, dachte Draco, wenn man sich in jemanden verknallt, mit dem man niemals zusammen sein kann.



A Death Eater's Tale Geschichten, die süchtig machen. Entdecke jetzt