Ein Brief und ein Geheimnis

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„Hey, Draco."
Lucian ließ sich schwer neben ihm aufs Sofa im Gemeinschaftsraum fallen.
„Hey", antwortete Draco matt und hob seinen Kopf nicht, sondern zeichnete stur weiter in sein Notizbuch.
Es war der Tag nach dem verlorenen Quidditchspiel und Draco fühlte sich noch genauso schlecht wie tags zuvor.
Lucian beugte sich etwas näher.
„Wow, das ist richtig gut."
Draco hob nun doch den Kopf.
Der Vertrauensschüler blickte ehrlich beeindruckt auf seine Zeichnung.
Nachdem Draco die Seeschlange gezeichnet hatte, hatte er die Bücherei nach weiteren Schlangendarstellungen durchforstet. Sehr beeindruckt hatte ihn da die gehörnte Schlange, die er gerade zeichnete.
„Danke", murmelte Draco.
„Du weißt, dass Isolt Sayre sich mit einer gehörnten Schlange angefreundet haben soll, obwohl sie gar kein Parsel sprechen konnte, nicht wahr?"
Draco nickte.
„Klar. Deshalb hat sie ihrem Haus in der von ihr gegründeten Schule Ilvermony auch als Wappen die gehörnte Schlange zugeordnet."
Lucian nickte.
„Ich wusste nicht, dass du so toll zeichnen kannst. Sie sieht aus wie echt."
Draco zuckte vage mit den Schultern und sah wieder auf die Zeichnung. Wäre er nicht so schlecht drauf, hätte er Lucian auch noch die Zeichnung der Seeschlange gezeigt, natürlich sehr darauf bedacht, die Seiten mit den Zeichnungen von Hermine Granger zu überblättern.
„Ich meine das ernst", bekräftigte Lucian.
„Ich weiß, danke", sagte Draco und versuchte, nicht undankbar zu klingen.
„Aber eigentlich wollte ich über etwas anderes mit dir reden."
Draco spannte sich an nach den Worten.
„Ich weiß, dass ich es vergeigt habe, das habe ich auch schon Marcus-"
„Ich weiß, was du Marcus gesagt hast", unterbrach Lucian ihn. „Und ich weiß auch, was er geantwortet hat, deshalb bin ich hier."
Draco klappte leise das Notizbuch zu und ließ den Kopf gesenkt.
„Marcus hat Recht, weißt du? Du musst dir keine Vorwürfe machen. Niemand ist sauer auf dich, auch Marcus nicht."
„Er wirkte sehr wütend", murmelte Draco.
„Ja, er war wütend, weil wir verloren haben. Aber er ist nicht wütend auf dich. Wirklich nicht. Ich würde dich nicht anlügen. Marcus sagt, du hast das gemacht, was er dir eingebläut hat: Du hast versucht, Potter anzulenken."
„Ja, und dabei habe ich nicht gemerkt, dass der Schnatz direkt hinter mir ist."
„Na und? Kurz davor hat Potter es nicht bemerkt und du hättest ihn beinahe gefangen. Draco, es war dein erstes Spiel. Und du hast das gut gemacht. Du hattest alles toll im Blick."
„Klar, nur im richtigen Moment nicht", murrte Draco.
Er machte sich so furchtbare Vorwürfe.
Die Mannschaft bedeutete ihm so viel, und er hatte sie enttäuscht.
Er hatte Marcus sogar vorgeschlagen, die Mannschaft wieder zu verlassen und den Platz für Terence frei zu machen. Außerdem sagte er, dass er seinen Vater dazu überreden würde, der Mannschaft trotzdem die Besen zu lassen, aber Marcus wollte nichts davon hören.
„Was hat dich in diesem Moment abgelenkt?"
Draco sah Lucian überrascht an.
Der Vertrauensschüler war einfach unfassbar aufmerksam.
Kurz zögerte Draco.
„Ich war wütend", gestand er dann. „Dadurch war ich unachtsam."
„Verstehe. Warum warst du wütend?"
Erneut zuckte Draco kurz mit den Schultern.
„Ach, ist eigentlich nicht so wichtig. Aber... naja, als ich den Schnatz gejagt habe, während dieser komische Klatscher auf Potter los ist... Da war ich ja sehr in der Nähe der Tribüne, und..."
Plötzlich schämte Draco sich, einerseits dafür, dass er sich hatte ablenken lassen, und andererseits für das, was ihm zugerufen worden war.
„... einige Zuschauer haben blöd auf mich reagiert und auch dämliche Sachen gerufen. Ich hätte einfach nicht drauf hören sollen."
Vorsichtig lugte er zu Lucian, um dessen Reaktion abzuschätzen. Dieser nickte bedächtig.
„Draco, ich möchte, dass du mir jetzt genau zuhörst", sagte Lucian. „Es ist nicht immer leicht, ein Slytherin zu sein. Du bist ein Individuum, Draco. Du spielst großartig Quidditch. Ich habe mitbekommen, dass du ein sehr guter Schüler bist. Du hast auch noch andere Talente."
Er ruckte mit dem Kopf in Richtung von Dracos Notizblock.
„Du hast Freunde. Gute Freunde! Es gibt so viel, was dich ausmacht. Das darfst du nie vergessen. Aber leider ist es so, dass wir Slytherins nicht als Individuen wahrgenommen werden. Klar, alle Häuser werden immer ein bisschen abgestempelt und auf ihre speziellen Fähigkeiten reduziert. Aber bei keinem Haus ist es so extrem wie bei unserem. Wir sind die falschen, bösen Schlangen. Aber wir selber wissen, dass dies nicht so ist. Schlangen sind weder falsch noch böse. Sie sind intelligent, schnell, gerissen und vielschichtig. Ihr Gift kann tödlich sein, aber wie bei allem macht die Dosis das Gift. Die Schlange steht auch für Heilung. Natürlich hat unser Haus eine andere Hintergrundgeschichte als die anderen drei Häuser. Trotzdem ist es eigentlich langsam an der Zeit, uns die Chance zu lassen, aus diesem Schatten herauszutreten. Das wird aber nicht funktionieren, solange uns solcher Hass entgegen schlägt. Hass erzeugt Hass. Die anderen begreifen nicht, dass unser Verhalten häufig auch einfach Reaktion auf ihre Ablehnung ist."
Draco dachte kurz darüber nach.
„Und was soll ich jetzt machen?", fragte er.
Lucian hob leicht die Schultern.
„Das ist deine Entscheidung. Möchtest du ihren Vorstellungen entsprechen oder nicht?"
Wenn Draco tief in sich hinein horchte, hatte er die Entscheidung bereits gestern auf dem Quidditch-Feld getroffen.
Wenn sie alle dachten, er sei ein Arschloch, dann würde er eben auch eins sein. Es war ihm egal, was die anderen Häuser von ihm dachten, solange sein Haus und Menschen wie Lucian ein gutes Bild von ihm hatten.
„Und überleg dir, wie du mit solchen Situationen wie beim Quidditch umgehen willst. Also Situationen, in denen dir der typische Hass gegen Slytherin entgegen schlägt. Willst du gegen gehen, wie zum Beispiel Marcus, oder willst du einfach drüber stehen und es ignorieren?"
Dracos Mundwinkel hoben sich.
„So wie du."
Lucian erwiderte sein Grinsen.
„So wie ich."
Irgendwie bewunderte Draco Lucian dafür, dass er so locker mit dem Hass der anderen Häuser umgehen konnte, aber irgendwie spürte er, dass er selbst diese Gelassenheit nicht hatte.
„Sag mal, Lucian, wird aufgrund unseres schlechten Rufs eigentlich schon seit Jahrzehnten kein Slytherin mehr Schulsprecher?"
„Hm", machte Lucian nachdenklich. „Ich denke, dass hängt hauptsächlich damit zusammen, dass-"
Draco erfuhr nicht, womit es zusammenhing, denn Lucian brach ab und starrte Richtung Eingang des Gemeinschaftsraums.
Als Draco seinem Blick folgte, sah er in der Nähe des Eingangs Ava, die Vertrauensschülerin, stehen. Sie sah sich suchend um.
Ava Scott war die beliebteste Schülerin im ganzen Haus Slytherin, was Draco gut nachvollziehen konnte. Ava war einfach cool.
Dracos Eltern hätten aufgrund ihrer äußeren Erscheinung sicherlich die Hände über den Kopf zusammen geschlagen - bunte Tattoos zierten die dunkle Haut ihrer trainierten Arme und zum Teil auch ihres Halses, ihre Ohren waren mehrfach durchstochen und auffällige Ohrstecker glitzerten darin. Seit diesem Schuljahr war auch ihre Nase mit einem zweiten Ring versehen. Vor Hogwarts war Draco immer der Meinung gewesen, dass alle Mädchen langes Haar haben mussten, aber nun dachte er natürlich nicht mehr so. Ava trug ihr schwarzes Haar fast so kurz wie ein Junge, und es kräuselte sich wild zu winzigkleinen Locken. Außerdem hatte sie stets ein offenes Ohr für alle Mitglieder des Schlangenhauses, war stets fair zu ihnen und vertrat sie auch bei den Lehrkräften. Ava scheute sich nicht, auch bei den Professorinnen und Professoren den Mund aufzumachen und als Sprachrohr für die Slytherins zu fungieren.
Ihr Blick hatte mittlerweile Lucian eingefangen, der sich nervös mit der Hand über sein kurzgeschorenes, blondes Haar fuhr. Offensichtlich hatte er bemerkt, was auch Draco sofort aufgefallen war: Ava wirkte unglaublich angespannt.
Lucian war sofort auf den Beinen und eilte zu ihr.
Draco hatte die beiden im vergangenen Schuljahr heimlich belauscht und so mitbekommen, dass Ava und Lucian ein Paar waren - ein ziemlich ineinander verschossenes, leidenschaftliches Paar - und auch, dass Lucian zum Teil wütend auf seine Familie war, die viel wert auf Reinblütigkeit legte. Offensichtlich war es wohl ein Problem, dass Ava ein Halbblut war.
Draco beobachtete, wie Ava leise auf Lucian einredete und der Gesichtsausdruck des Vertrauensschülers dabei immer mehr entglitt.
Schließlich sagte auch er etwas zu Ava, ziemlich eindringlich, dann sahen sie sich einen Moment lang intensiv und besorgt in die Augen, ehe Ava sich mit einem Ruck abwandte und ihr Blick über die anderen Slytherins im Raum glitt.
„Leute! Ich habe eine wichtige Ansage zu machen!"
Es dauerte nicht lange, bis die Gespräche versiegt waren und die leise Musik, die irgendwo lief, ausgemacht wurde.
Lucian verschränkte die muskulösen Arme vor der breiten Brust und blickte ernst.
Draco setzte sich instinktiv gerader hin.
Was war passiert?
„Hört zu", bat Ava. „Wir müssen in Zukunft alle achtsam sein. Die Katze des Hausmeisters ist nicht mehr das einzige Opfer, das versteinert wurde."
Einen grausigen Moment lang glaubte Draco, Hermine Granger sei versteinert worden. Er hatte es ihr schließlich, aus einem Moment der Wut heraus, gewünscht, oder nicht? Was, wenn es nun wirklich passiert war? Wenn-
„Ein Erstklässler ist versteinert worden", fuhr Ava fort und ein seltsamer Knoten löste sich in Dracos Bauch.
„Geht in der nächsten Zeit nicht mehr alleine durchs Schloss", fuhr Ava fort. „Leider sind die anfänglichen Vermutungen wohl tatsächlich wahr. Die Kammer des Schreckens ist kein Mythos. Und sie wurde geöffnet."


A Death Eater's Tale Geschichten, die süchtig machen. Entdecke jetzt