Sie saßen nun bestimmt schon fast eine halbe Stunde an der versteckten Stelle am See und warteten.
„Draco, es ist schon spät, wir müssen wirklich in absehbarer Zeit zum Schloss zurück", sagte Theo.
Draco seufzte.
Ja, Theo hatte Recht. Bisher hatte Kanja noch niemals so lange gebraucht, um auf das Signal des Muschelhorns zu reagieren, welches er Draco in der Zweiten geschenkt hatte.
Er würde nicht kommen. So sehr Draco es auch gehofft hatte - sein Wassermensch-Freund tauchte anscheinend nicht mehr auf. Vermutlich hatte Narius, sein Vater, ihm tatsächlich vollkommen verboten, weiterhin Kontakt zu Menschen aufzunehmen. Fast war ihm dies nicht zu verdenken, nach dem, was bei Dracos unerlaubtem Ausflug in das Unterwasserreich beinahe passiert wäre.
Es war nur zu Dracos Sicherheit, das war ihm klar, aber es schmerzte ihn trotzdem auf merkwürdige und überraschend anhaltende Weise, dass er Kanja vermutlich niemals wiedersehen würde. Auch, wenn sie sich bisher nur so selten gesehen hatten, fühlte der Kontakt zu dem jungen Merrow sich für Draco fast wie eine Freundschaft an.
„Draco...", sagte Theo leise und es klang beinahe tröstend.
Offensichtlich hatte sein Freund seinen Blick auf die still daliegende Wasseroberfläche richtig gedeutet.
Blaise, der auf Dracos anderer Seite saß, klopfte ihm kurz mit der flachen Hand auf die Schulter, wie um ihn aufzumuntern.
„Komm", meinte Theo und erhob sich. Auch Blaise machte Anstalten, sich zu erheben.
Dracos Blick glitt mehr durch Zufall noch einmal zum Wasser.
„Wartet...", murmelte er und kniff die Augen zusammen.
Blaise, der sich nur halb erhoben hatte, sank wieder zu Boden. Theo wandte den Blick erneut aufs Wasser.
Das grüne Schimmern, das silbrige Glitzern war so weit entfernt, dass Draco sich kurz nicht sicher war, ob es nur seinem Wunschdenken entsprang, dass da tatsächlich etwas unter der Wasseroberfläche herangeschossen kam.
Aber dann hoben sich Dracos Mundwinkel langsam, als er begriff, dass er richtig geschaut hatte. Ja, der Größe und Form nach zu urteilen-
Er unterbrach seinen eigenen Gedankengang.
Zuerst konnte er es nicht glauben, aber dann war er sich sicher: Das waren zwei Körper mit schuppigen Schwänzen, die da angetaucht kamen.
„Sie sind zu zweit", murmelte nun auch Theo.
Da durchbrachen sie auch schon die Wasseroberfläche.
Es war Kanja, wie Draco gehofft hatte, aber er wurde von einem zweiten Wassermenschen begleitet.
„Wer ist das?", fragte Blaise ihn leise.
„Ich... bin nicht sicher", gab Draco ehrlich zu. „Ich glaube aber, es ist seine Schwester."
Er hatte Izumi nur einmal über die Ferne beim Frühlingsfest gesehen, daher war er sich nicht sicher.
„Ich komme!", rief er den beiden zu.
Kanja nickte, um ihm zu bedeuten, dass er ihn gehört und verstanden hatte.
Kurze Zeit später war Draco, mit dem Kopfblasen- und einem Wärmezauber versehen, unter Wasser und ließ sich von einem ziemlich neugierigen Wassermädchen bestaunen.
Er hatte Recht gehabt - der zweite Merrow war Kanjas Zwillingsschwester Izumi. Draco meinte, eine gewisse Ähnlichkeit zu Kanja in Izumis Gesicht zu entdecken. Aber es gab auch gravierende Unterschiede. Zwar war das Wassermädchen auch drahtig, aber nicht so muskulös wie ihr Bruder. Zudem wirkten ihre Gesichtszüge irgendwie... weicher. Und obwohl auch Kanja sein Haar nicht kurz trug, sondern mittlerweile beinahe schulterlang, war Izumis noch länger. Allerdings war ihre Brust genauso nackt und flach wie die ihres Bruders. Einen Moment irritierte Draco diese Tatsache, bis ihm klar wurde: Es war absolut logisch, dass Izumis Brust nicht so aussah wie es in Dracos Welt als typisch weiblich verknüpft wurde - schließlich waren sie keine Säugetiere.
Allerdings hatte Izumi natürlich die gleichen optischen Eigenschaften wie alle Wassermenschen; zwei dünne Schlitze in der Mitte des Gesichts anstelle einer Nase. Dunkelgrünes, algenartiges Haar. Runde, lidlose Augen. Und Draco war sich sicher, dass die schmalen, kaum wahrnehmbaren Lippen die gleichen nadelspitzen Zähne wie die Kanjas verbargen.
„Tut mir leid, dass es so lange gedauert hat", eröffnete Kanja das Gespräch nach einer kurzen Begrüßung.
„Ich dachte schon, du kommst gar nicht mehr", meinte Draco, als reine Feststellung, ohne Vorwurf.
„So wäre es auch fast gekommen", bestätigte Kanja, und als er Dracos Blick in Richtung des Wassermädchens bemerkte, ergänzte er: „Das ist meine Schwester, Izumi."
Es war, als hätte Izumi nur darauf gewartet, dass sie endlich vorgestellt wurde.
„Ich finde es einfach klasse, dass ich einen Menschen so nahe sehen kann!", sagte sie begeistert und schwamm dicht an Draco heran.
„Izumi!", tadelte Kanja, aber seine Schwester ignorierte ihn.
„Ich habe ganz viel Menschenzeug gesammelt", erzählte sie stolz. „Oh es muss so aufregend sein, an Land herumzulaufen! Ich konnte es kaum glauben, als vor ein paar Monaten herauskam, dass mein Bruder Kontakt zu einem Menschen hat, und das sogar schon seit Längerem. Das war schon immer mein größter Wunsch!"
„Hör auf ihn zu nerven", schimpfte Kanja. „Er ist hier, weil er sich mit mir unterhalten möchte."
„Du kannst froh sein, dass ich auch hier bin", entgegnete Izumi schnippisch. „Ohne mich könntest du gar nicht mit ihm reden."
„Schwachsinn", behauptete Kanja unwillig, aber Draco bemerkte durchaus, dass er nicht so überzeugt klang, wie er es eigentlich gerne gehabt hätte.
„Du weißt, es ist kein Schwachsinn", meinte das Wassermädchen. „Du weißt, was Vater eben gerade gesagt hat."
„Halt den Mund!", zischte Kanja.
„Was hat er gesagt?", erkundigte sich Draco.
„Nichts", kam es von Kanja, aber Izumi sagte gleichzeitig: „Unser Vater hat gesagt, Kanja darf sich mit dir ab sofort nur noch treffen, wenn ich dabei bin."
Kanja gab einen unwilligen Laut von sich.
„Das letzte Wort ist da noch nicht gesprochen", murrte er.
„Natürlich ist es das", sagte Izumi in hochnäsigem Ton. „Vater sagt, ich soll aufpassen, damit du nicht wieder Blödsinn machst."
„Dann verzieh dich wenigstens ein bisschen", verlangte Kanja. „Wir wollen unsere Ruhe haben."
„Nichts da", widersprach Izumi. „Wenn ich schon die Chance habe, einen Menschen von Nahem zu sehen und mehr über Menschen zu erfahren, dann nutze ich sie auch."
„Draco ist mein Freund!", sagte Kanja wütend. „Unsere Gespräche gehen dich nichts an! Schwimm ein Stück beiseite!"
„Auf keinen Fall!"
Izumi wandte sich wieder an Draco.
„Wie ist das, zwei Beine zu haben? Wie fühlt es sich an?", fragte sie und schwamm noch näher, so dass sie nur noch wenige Zentimeter von ihm entfernt war.
„Äh..."
„Was für eine schwachsinnige Frage", mischte sich Kanja ein und verdrehte die Augen. „Wie soll er es dir beschreiben? Du könntest ihm auch nicht sagen, wie es ist, eine Flosse zu haben. Es ist einfach von Geburt an so - man kennt es einfach nicht anders! Hau endlich ab!"
„Du hast tolle Haare", redete Izumi weiter, als hätte ihr Bruder gar nichts gesagt. „Ganz anders als die von uns. Sie sehen sehr weich aus."
Sie kam mit ihrem Gesicht seinem näher, um ihm aufmerksam in die Augen zu sehen.
Intensives Grün, die gleiche Augenfarbe wie Kanjas, fiel Draco sofort auf.
„Deine Augen sehen aus wie das Wasser an einem frostkaltem Wintertag", schwärmte sie.
„Es reicht!"
Kanja schob seine Schwester resolut beiseite und ignorierte ihre daraufhin folgenden Proteste.
„Entschuldige", sagte er an Draco gewandt. „Sie hat manchmal einfach kein Benehmen."
Izumi schimpfte leise vor sich hin, Draco versuchte, es zu ignorieren.
„Ich bin jedenfalls froh, dass wir uns weiterhin irgendwie sehen können", sagte er zu Kanja. „Hast du nach dem Frühlingsfest noch sehr großen Ärger bekommen?"
Kanja zuckte vage mit den Schultern.
„Geht so."
Er erzählte, dass seine Eltern zuerst sehr wütend gewesen waren. Sie hatten sich große Sorgen gemacht, dass Draco vielleicht aus der ganzen Situation, aufgrund des Sauerstoffmangels, irgendwelche Schäden erlitten hatte, was ja zum Glück nicht der Fall gewesen war. Auch hatten sie befürchtet, dass die Schulleitung etwas erfahren und den Wassermenschen Vorwürfe machen könnte. Doch auch das war nicht geschehen.
„Weißt du, das Verhältnis zwischen Wassermenschen und Hexen und Zauberern ist nicht immer einfach", erklärte Kanja. „Mit uns und der Schule läuft alles gut, mein Vater hat guten Kontakt zu Schulleiter Dumbledore, und ich habe den Eindruck, niemand der Älteren möchte das gute Verhältnis gefährden."
Draco verstand nicht zu hundert Prozent, was Kanja meinte, aber er nahm die Worte vorerst einfach so an, schließlich interessierte ihn etwas vollkommen anderes derzeit viel mehr. Er fragte Kanja nach dem Durmstrang Schiff und bekam eine interessante Auskunft.
„Es ist über einen unterirdischen Tunnel angereist", erklärte er. „Aus dem See führt ein höhlenartiger Tunnel wohl zu einem naheliegenden Fluss, der Richtung Meer fließt. Der Tunnel wird Tag und Nacht von den Älteren bewacht. Ich glaube, kaum jemand weiß von dieser Verbindung, aber mein Vater sagt, wir müssen auf Nummer sicher gehen, um unerwünschte Besucher fernzuhalten. Ich durfte noch nie in diesen Tunnel schwimmen, aber ich durfte dabei sein, als das Schiff von dieser anderen Schule angereist ist. Es war sehr beeindrucken."
Sie unterhielten sich noch eine Weile weiter, bis Draco sich schließlich verabschiedete. Izumi strahlte ihn an und sagte ihm, dass sie sich auf das nächste Treffen freuen würde, woraufhin ihr Bruder die Augen verdrehte.
Draco für seinen Teil war erleichtert. Er hatte es kaum zu hoffen gewagt, Kontakt zu Kanja halten zu können und dass es nun tatsächlich so war, erfüllte ihn mit ehrlicher Freude.
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A Death Eater's Tale
FanfictionJeder kennt sie - die Geschichte vom Jungen, der überlebte. Auch Draco Malfoy muss in seinem Leben immer wieder feststellen, dass die Geschichte dieses Jungen Einfluss auf seine eigene Geschichte hat. Auch wenn er es anfänglich nicht bemerkt und spä...
