Beißende Bücher und gefährliche Krallen

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Draco war froh, nach dem Mittagessen nicht mehr in einem Klassenraum sitzen zu müssen, sondern nach draußen zu kommen.
Der Regen vom Vortag hatte sich verzogen, der Himmel war klar und blassgrau.
Durch das feuchte Gras liefen sie zu ihrer ersten Stunde Pflege magischer Geschöpfe. Hier war Draco wieder mit seinem ganzen Freundeskreis vereint - Theo, Blaise, Millicent und Pansy sowie Vincent und Gregory hatten den Kurs gewählt, ebenso die beiden anderen Slytherin-Mädchen in ihrem Jahrgang - Daphne und Tracey.
Zu Dracos Leidwesen hatten aber offensichtlich auch alle Gryffindors aus dem dritten Jahrgang das Fach gewählt.
Und tatsächlich gab es wohl gerade Ärger im Paradies, denn er hörte eine hitzige Diskussion zwischen Hermine Granger und diesem Volldeppen Weasley.
„Du hast ja keine Ahnung, wovon die redest!", echauffierte Weasley sich in diesem Moment. „Ein Grimm als Omen sollte immer ernst genommen werden!"
Draco lauschte interessiert.
Seine Eltern hatten ihm schon früh erklärt, dass man auf Omen genauso wenig geben konnte wie auf Wahrsagerei, da beides schwammig war sowie Interpretationssache und beides auch nicht nachweisbar.
Er fragte sich, wie die Gryffindors gerade auf Omen und den Grimm kamen.
„Ich bitte dich, keiner kann sagen, dass dieses Gekrümel da auf dem Teller tatsächlich einen schwarzen Hund darstellte", meinte Granger. „Mal ehrlich, Wahrsagen kommt mir doch recht neblig vor."
„An dem Hund auf Harrys Teller war nichts Nebliges!", rief Weasley aus.
„Ron, mal ehrlich, du hast kurz vorher noch zu Harry gesagt, es sei ein Schaf."
„Professor Trelawney hat gesagt, du hast nicht die richtige Aura!", fuhr Weasley sie an. „Jetzt bist du zum ersten Mal eine Lusche in einem Fach und es gefällt dir nicht!"
Zufrieden sah Draco, dass Granger Weasley nicht minder wütend anstarrte als ihn vorhin in Arithmantik.
„Wenn gut sein in Wahrsagen heißt, dass ich so tun muss, als würde ich Todesomen in einem Haufen Teeblätter sehen, dann weiß ich nicht, ob ich das Zeug überhaupt lernen will! Dieser Unterricht war im Vergleich zu meiner Arithmantikstunde einfach haarsträubender Unfug!"
Wütend wandte sie sich ab und stapfte alleine davon.
Draco konnte ihr im Stillen nur Recht geben. Wahrsagen war eine neblige, undurchsichtige Sache und es war zweifelhaft, ob es überhaupt Menschen gab, die die Zukunft voraussehen konnten.
„Wovon redet die eigentlich?", hörte Draco Weasley zu Potter sagen. „Sie war doch gar nicht in Arithmantik."
Nun war es an Draco, die Stirn zu runzeln.
Wie kam der Vollidiot darauf, dass Granger nicht in Arithmantik war?
Er konnte nicht weiter darüber nachdenken, denn in diesem Moment kam Hagrid, der Wildhüter, aus seiner Hütte, den Hund dicht an seiner Seite.
„Kommt, bewegt euch!", rief er den näherkommenden Schülerinnen und Schülern zu. „Ich hab 'ne Überraschung für euch vorbereitet. Wird 'ne schöne Sache, ihr werdet schon sehen."
Sie folgten dem riesigen Mann, und einen schrecklichen Moment lang dachte Draco, er würde sie in den Wald führen - in dem hatte Draco in der Ersten genug Grauenhaftes erlebt, er wollte ganz bestimmt nicht wieder hinein.
Aber sie gingen um einen Ausläufer des Waldes herum und standen schließlich an einer großen Pferdekoppel, die allerdings leer war.
Draco konnte sich zwar nicht vorstellen, dass der Wildhüter tatsächlich guten Unterricht machen würde, aber neugierig war er nun schon. Welche Tiere würden sie hier pflegen?
„Stellt euch da drüben am Zaun auf", verlangte Hagrid, was sie auch taten.
Draco sah, dass Granger immer noch abseits ihrer beiden Freunde stand - vermutlich war sie immer noch sauer auf Weasley - und bewusst provokativ stellte er sich dicht neben sie.
Sie warf ihm einen giftigen Seitenblick zu, was er mit einem provozierendem Grinsen quittierte.
„So", fuhr der Wildhüter fort. „Nun schlagt erstmal eure Bücher auf und-"
Draco meinte, nicht richtig gehört zu haben.
„Wie denn?", schnarrte er kühl und nahm aus dem Augenwinkel wahr, wie Granger ihn erneut von der Seite ansah.
„Was?", fragte Hagrid.
„Wie wir die Dinger aufschlagen sollen, will ich wissen", erklärte sich Draco genervt.
„Na, das ist doch ganz einfach", lachte Hagrid und sah in die Runde. Er wurde wieder ernst. „Wie, hat niemand von euch geschafft, es zu öffnen?"
Die Slytherins und Gryffindors hatten ihre Bücher allesamt mit Gürteln, Seilen oder riesigen Wäscheklammern gesichert. Allgemeines Kopfschütteln antwortete dem Wildhüter.
„Ihr müsst sie streicheln", erklärte Hagrid, als sei es das Selbstverständlichste der Welt. „Seht mal..."
Er kam in Dracos Richtung und nahm Granger das Buch ab.
Diese japste erschrocken, als er das Seil löste und das Buch sofort versuchte, nach ihm zu schnappen, aber der Wildhüter streichelte ihm geduldig über den Buchrücken. Das Buch erzitterte, ehe es still wurde und vollkommen zahm aufklappte.
„Oh...", machte Granger erstaunt neben Draco.
„Wir hätten es streicheln sollen!", rief Draco aus und er hörte, wie Theo abwertend schnaubte. „Aber natürlich! Dass wir da nicht selbst drauf gekommen sind!"
„Ich... ich dachte, die wären lustig...", murmelte Hagrid, an Hermine Granger gewandt, die ihm aufmunternd zulächelte.
„Ja, unglaublich lustig", schnarrte Draco. „Bücher, die uns die Hände abbeißen wollen, zum Totlachen."
Vincent und Gregory lachten.
„Hör auf", flüsterte Granger und Potter rief laut herüber: „Halt den Mund, Malfoy!"
„Ähm...", machte der riesige Mann. „Wie auch immer... Jetzt habt ihr die Bücher, fehlen noch die Tiere. Ich hole sie."
Er drehte sich um und stapfte davon.
Draco schüttelte ungläubig den Kopf.
Er hatte sich wirklich darauf gefreut, Kontakt mit magischen Kreaturen zu haben, und dann sowas.
„Bei Salazar, das kann was werden", seufzte Blaise.
„Diese Schule geht vor die Hunde", meinte Draco. „Dass dieser Hornochse überhaupt unterrichten darf... Wenn mein Vater davon erfährt..."
„Halt die Fresse, Malfoy!", fuhr Potter ihn an.
„Pass auf, Potter, hinter dir steht ein Dementor", feixte Draco, der die Schnauze voll von diesem eingebildeten Gryffindor hatte.
Pansy lachte laut.
„Malfoy, ich warne dich...", knurrte Potter.
Draco verdrehte die Augen. Potter musste doch selbst sehen, was für ein Versager dieser Hagrid war. Er verteidigte ihn doch nur, weil er mit ihm befreundet war.
Draco öffnete gerade den Mund, um Potter etwas Unfreundliches entgegen zu schleudern...
„Bitte, hör auf", flüsterte Hermine Granger ihm zu, die immer noch in seiner Nähe stand.
Sein Blick traf auf große, braune Augen, die ihn halb verärgert, halb bittend ansahen.
Und irgendwie blieb ihm der nächste Spruch dadurch im Hals stecken.
Er schloss den Mund wieder, schnaubte und wandte sich von Potter ab.
„Uuuuuuuhhhh", kreischte in diesem Moment eine der Gryffindors, Lavender Brown.
„Bei Merlin...", hauchte Theo leise neben Draco.
Die Kreaturen hatten die Körper und Hinterbeine von Pferden, doch die Vorderbeine, Flügel und Köpfe waren die riesiger Adler mit grausamen, stahlfarbenen Schnäbeln und großen, leuchtenden Augen. Die Krallen an ihren Vorderbeinen waren lang wie Hände und sahen todbringend aus. Jede Kreatur hatte einen dicken Lederring um den Hals, an dem eine Kette befestigt war. Alle Ketten liefen in der Hand des Wildhüters zusammen. Deutlich sah Draco, wie die Muskulatur der Tiere arbeitete, als sie sich vorwärts bewegten.
„Merlin steh uns bei...", flüsterte Blaise, Granger sog erschrocken die Luft ein und Theo murmelte: „Er muss vollkommen wahnsinnig sein!"
Genau den gleichen Gedanken hatte auch Draco.
Denn das hier waren eindeutig...
„Hippogreife!", strahlte Hagrid. Er wirkte regelrecht glückselig. „Wundervoll, nicht?"
Die gesamte Klasse wich zurück, als er mit den Biestern näher kam.
Ja, er war wahnsinnig.
„Das muss ich meinem Vater schreiben", flüsterte Draco Theo entsetzt zu.
Hippogreife wurden vom Zaubereiministerium in eine mittlere Gefahrenklasse eingestuft. Draco wusste, das Ministerium sah vor, dass nur speziell trainierte Hexen und Zauberer gefahrlos mit ihnen umgehen sollten. Der Umgang überstieg das Können von Drittklässlern bei Weitem!
Schön waren die Tiere, das musste Draco eingestehen. Ihr glänzendes Gefieder ging in - vermutlich sehr weiches - Fell über. Jedes Tier hatte eine andere Farbe; sturmgrau, bronze, rostrot, kastanienbraun und tintenschwarz.
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