Der Herbst nahm die Ländereien von Hogwarts zügig ein. Der Oktober klopfte an die Tür, die Blätter begannen, sich bunt zu färben, es wurde kühler und ungemütlicher. Ab und an lief Draco in Begleitung von Theo und Blaise am See, aber hauptsächlich verlagerte er sein Training in den Trainingsraum, da es immer wieder regnete. Gelegentlich trug er sich dort auch zusammen mit seinen beiden Freunden ein, und insbesondere Blaise zeigte großes Interesse an den verschiedenen Möglichkeiten, seine Muskeln zu trainieren.
„Marcus hat gesagt, wir müssen langsam anfangen", belehrte Draco ihn, denn was der Mannschaftskapitän sagte, war für ihn Gesetz, und Blaise nickte brav.
Auch mit Kanja hatte Draco sich noch einmal getroffen, aber sie hatten nur miteinander kommuniziert, indem sie gestikulierten, denn das Wasser war bereits so kalt, dass Draco nicht hinein wollte.
Dies bedeutete nun, dass er dringend einen Wärmezauber lernen musste, wenn er nicht nur im Sommer mit dem Merrowjungen sprechen wollte.
Dafür fehlte ihm momentan allerdings die Zeit. Quidditch, Training, Hausaufgaben und anderer Schulkram nahmen ihn vollkommen ein. Draco begann, eine vage Ahnung davon zu bekommen, was Terence damit meinte, als er sagte, Lucian sei überarbeitet. Wie der Siebtklässler neben all diesen Verpflichtungen es auch noch schaffte, den Vertrauensschülerposten so gewissenhaft auszuführen, war Draco ein Rätsel.
Wie hatte dieser Tom Riddle das wohl geschafft? Kein Wunder, dass er vor fünfzig Jahren eine Auszeichnung für besondere Leistungen für die Schule erhalten hatte. Er war sogar Schulsprecher gewesen!
Draco stellte sich diesen Riddle wie eine Mischung aus Lucian, Terence und Marcus vor. Auf jeden Fall ein richtiger toller Typ, der klug und belesen war und offensichtlich ein offenes Ohr für seine Mitschüler hatte. Sicherlich hatten ihn damals viele bewundert. Und das wollte Draco auch. Er wollte auch bewundert werden und später, wenn er älter war, in solchen Posten glänzen. Mit Quidditch hatte er bereits begonnen, aber plötzlich erschien ihm die Idee, Vertrauensschüler zu werden, gar nicht so uninteressant.
Dieser Riddle erschien ihm wie jemand, dem man nacheifern sollte, so wie Lucian.
Merkwürdig fand er nur, dass scheinbar kein Slytherin mehr Schulsprecher geworden war, nach Tom Riddle.
Aber Draco sagte sich, dass er noch genügend Zeit hatte, sich über Vertrauensschülerposten und ähnliches Gedanken zu machen, er war ja erst in der Zweiten.
Also konzentrierte er sich auf die Unterrichtsinhalte, so wie gerade auch.
Er war mit Theo in der Bibliothek. Greg und Vince hatten wieder einmal keine Lust gehabt, sie zu begleiten, und Draco sah es jetzt schon kommen, dass sie wieder einmal bei ihm, Theo und Blaise betteln würden, wenn ihnen die Zeit davonlief, um die Aufsätze fertig zu bekommen und sie jemanden zum Abschreiben suchten.
Allerdings war Blaise gerade auch nicht anwesend - er traf sich wieder einmal mit dieser Isabel aus Ravenclaw. In den letzten Wochen hatte er sie häufiger getroffen.
Theo saß an einem der Tische und war vertieft in einen Aufsatz. Sein Haar war noch wuscheliger als sonst, da er immer wieder gestresst mit den Fingern hindurch geglitten war. Gerade schrieb er eifrig auf ein Blatt Pergament und warf zwischendurch immer wieder Blicke in das Buch, was aufgeschlagen neben ihm lag.
Draco, der eigentlich gerade ein Buch aus dem Regal hatte ziehen wollen, drehte sich wieder von Theo weg und hob die Hand, um sie um das Buch zu schließen, das er brauchte - nur um zu bemerken, dass jemand anders es bereits in der Hand hatte.
Zeitgleich zogen sie das Buch aus dem Regal und hielten es dann zwischen sich.
Draco blickte in dunkle Augen, die herausfordernd blitzten.
„Darf ich bitte das Buch haben?"
Hermine Granger sagte zwar bitte, aber der Ton war schneidend und fordernd.
Seit dem Vorfall beim Quidditchtraining hatten sie kein Wort mehr miteinander gewechselt.
Draco schnaubte.
„Bestimmt nicht. Ich hatte es zuerst."
Ihre Augen weiteten sich.
„Das ist eine glatte Lüge!"
„Ist es nicht. Ich hatte schon vor, es zu nehmen, bevor du hier überhaupt im Gang standest."
„Aber ich hatte es zuerst in der Hand!", fauchte sie und zog das Buch leicht in ihre Richtung.
„Und ich stand schon länger davor, um es mir zu nehmen", zischte Draco und übte nun seinerseits auch Zug auf das Buch aus, um es in seine Richtung zu zerren.
„Das ist total albern!", behauptete sie.
„Na, damit kennst du dich ja aus", schnarrte Draco.
„Was soll das denn nun schon wieder heißen?", fragte sie und hielt eisern das Buch fest.
„Weil Potter und Weasley auch albern sind. Wie Kleinkinder benehmen die sich."
„Ach ja? Sie verurteilen andere nicht aufgrund ihrer Herkunft."
Dracos Magen zog sich unwohl zusammen.
„Na und?", sagte er. „Sie verurteilen andere, weil ihnen die Nase nicht passt."
Probeweise zog er am Buch, aber sie zog sofort zurück.
„Das tun sie nicht!"
Draco lachte humorlos auf.
„Klar, deshalb waren sie auch zu Beginn der Ersten so nett zu dir, was?"
Ihre Wangen färbten sich rot.
„Das ist ewig her! Außerdem waren wir, wie du selber sagst, in der Ersten noch viel kindischer, das kannst du nicht mit jetzt vergleichen."
„Ich kann und ich tue es", grinste Draco provokativ.
„Oh... du... du..."
„Na komm schon", schnarrte er. „Spucks aus. Ich bin schon ganz gespannt, deine netten Worte zu hören."
„Argh!", machte sie. „Du bist ein arroganter Schnösel!"
„Und du eine nervige Klugscheißerin."
„Wie kannst du es wagen, du aufgeblasener-"
„Dumme, ätzende-"
„Wag es ja nicht...!"
Sie umklammerten beide immer noch das Buch, waren sich aber mit jeder begonnenen Beleidigung immer näher gekommen, da sie sich in ihrem Zorn nach vorne gebeugt hatten.
Tiefstes Braun.
Draco wusste nicht, ob er jemals so dunkle Augen gesehen hatte. Außer vielleicht bei Blaise. Aber ihre waren anders. Draco konnte nicht sagen, warum. Er konnte auch nicht sagen, warum er kaum wegsehen konnte. Oder vielleicht konnte er es doch sagen. Er konnte es nur schwer in Worte fassen. Es war, als würde er in diesen Augen versinken. Als wären sie ein Strudel, der ihn gefangen hielt. Ihre Augen waren herbstlich, schoss es ihm durch den Kopf. Es war, als könnte man die kommende Jahreszeit in ihrem Blick sehen. Und fiel die Sonne von der Seite hinein, leuchteten sie haselnussbraun und schienen einen Hauch des vergehenden Sommers in sich zu tragen. Aber ein wenig erinnerten sie ihn auch an den kommenden Winter, an Zimtstangen, die man an den Weihnachtsbaum hängen konnte.
Mit Schreck wurde ihm bewusst, dass sie sich ein paar Sekunden einfach schweigend angestarrt hatte, daher ließ er das Buch mit einem Ruck los und schob es sogar unwillig in ihre Richtung.
„Hier", knurrte er. „Dann nimm es eben. Das ist mir echt zu blöd."
„Ach? Dir ist es zu blöd, ja?", fuhr sie ihn an. „Du hast mit dem Blödsinn doch angefangen!"
„Ja, mir ist das zu blöd. Sowas muss ich mir nicht geben. Das ist unter meinem Niveau."
„Unter deinem Niveau!", echote sie wütend und Draco hörte deutlich, sie musste sich beherrschen, um nicht laut zu werden und Ärger von Pince zu bekommen. „Das ist ja wohl unglaublich! Du willst mir was von Niveau erzählen? Wo du doch erst kürzlich bewiesen hast, auf welchem Niveau du unterwegs bist?"
„Hä?", machte Draco.
Sie zog die sommerprossige Nase kraus.
„Mit Beleidigungen um dich werfen, nur weil jemand eine andere Herkunft hat als du", sagte sie kühl. „Schäm dich."
Sofort wallte heißer Zorn in Draco auf.
„Das verstehst du nicht", behauptete er.
Sie machte große Augen.
„Ach? Das verstehe ich nicht, ja?"
„Ja. Du weißt überhaupt nicht, wie ein Leben in der Zauberergemeinschaft funktioniert. Du hast keine Ahnung von unseren Richtlinien. Du kapierst eben nicht, dass manche Hexen und Zauberer besser sind als andere. Kannst du ja auch gar nicht verstehen. Du wusstest ja vor Kurzem nicht mal, dass es was anderes als Muggel gibt."
„Oh!", rief sie aus. „Du glaubst wirklich, was du da sagst, oder? Dass du etwas Besseres bist, weil du reinblütig bist?"
„Klar", antwortete er ohne ein Zögern. „Wir sind eben die Obrigkeit der Zaubererwelt. Komm damit klar, Granger."
Es war ihm einfach so rausgerutscht.
Erst wirkte sie irritiert aufgrund der Anrede, dann wurden ihre Zimtaugen zu schmalen Schlitzen.
„Also, Malfoy", zischte sie und betonte dabei besonders seinen Nachnamen, so als wollte sie ihm zeigen, wie albern sie es fand, dass er sie mit dem Nachnamen angeredet hatte. „Ich sehe in dir keine Obrigkeit, komm du damit klar."
Er fühlte Wärme in seinen Wangen.
Sie waren der Adel der Zaubererwelt, verstand sie das nicht? Die Reinblüter, insbesondere die Unantastbaren Achtundzwanzig, genossen ein ganz besonderes Privileg.
„Du-"
„Es ist total albern, jemanden aufgrund seiner Herkunft herabzustufen", fuhr sie fort, ohne ihn zu Wort kommen zu lassen. „Oder würdest du auch sagen, jemand ist weniger wert, weil er nicht viel Geld hat?"
„In gewisser Weise schon."
„In gewisser Weise schon?", wiederholte sie ungläubig.
„Ja. Wenn jemand zu dumm oder zu faul ist, um genug Gold anzuhäufen, dann-"
„Oh, weil du selber ja auch so viel zu eurem Reichtum dazu getan hast, nicht wahr?", spottete sie.
Die Hitze kroch ihm den Hals hinauf.
Wieso schaffte sie es, ihn so wütend zu machen und so aus der Fassung zu bringen?
„Es ist mein Geburtsrecht-", begann er.
„Oh, jetzt ist es schon dein Geburtsrecht, ja?", unterbrach sie ihn erneut. „Das wird ja immer besser! Dann ist es also dein Geburtsrecht, reich zu sein, oder wie? Hörst du dich eigentlich reden?"
„Ich-"
„Also hast du mehr Rechte, weil du zufällig in eine reiche Familie geboren wurdest?"
„In eine reinblütige Familie, deshalb", korrigierte er.
„Und andere sind weniger wert, weil sie nicht reinblütig sind? Würdest du auch jemanden abwerten, nur weil er aus einem anderen Land kommt?"
„Nein, was soll die blöde Frage? Was hat denn das Land damit zu tun? Kann doch keiner was dafür, wo er geboren wird."
Ihre Augenbrauen rutschten hoch.
„Ach?"
„Was zur Hölle willst du eigentlich von mir?", schnarrte er.
Er hatte das Gefühl, irgendwo unterwegs den Anschluss verpasst zu haben und ihn nicht wieder zu finden.
Um wieviele Hirnwindungen dachte diese Hexe eigentlich?
„Und was ist mit der Hautfarbe? Ist jemand mehr oder weniger wert, weil er oder sie eine andere Hautfarbe hat?"
Er starrte sie an.
„Was?"
„Du hast mich verstanden."
„Verflucht, was... Merlin und Morgana, wieso sollte die Hautfarbe darüber bestimmen, wieviel jemand wert ist?"
Sie sah ihn vielsagend an, so als ob er nun endlich kapieren müsste, aber er hatte immer noch keine Ahnung, was sie von ihm wollte.
Er schüttelte den Kopf.
„Ganz ehrlich? Das ist mir zu blöd. Du hast das Buch, also verzieh dich und lass mich in Ruhe."
Und ohne sie weiter zu beachten, drehte er sich ruckartig um und stolzierte hoch erhobenen Hauptes zu Theo, der immer noch still arbeitete und ihm vermutlich gleich den Kopf abreißen würde, weil er nicht das Buch mitgebracht hatte, was er mitbringen sollte.
Und in ihm gärte das unschöne Gefühl, gerade den Kürzeren gezogen zu haben.
DU LIEST GERADE
A Death Eater's Tale
FanfictionJeder kennt sie - die Geschichte vom Jungen, der überlebte. Auch Draco Malfoy muss in seinem Leben immer wieder feststellen, dass die Geschichte dieses Jungen Einfluss auf seine eigene Geschichte hat. Auch wenn er es anfänglich nicht bemerkt und spä...
