Gespräche und Butterbiere

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Dracos Blick glitt zu den anderen Häusertischen.
Aufs Essen konnte er sich heute um einiges schlechter konzentrieren als sonst - auf alles andere ebenfalls nicht.
Zum Glück war wenigstens Wochenende und er musste somit seine Gedanken nicht auf den Unterricht lenken. Gerade hätte er wirklich nicht den Kopf dafür frei gehabt.
Wer konnte es sein? Mit wem hatte Draco Marcus Flint letzte Nacht gesehen?
Immer wieder stachen ihm ältere Jungen ins Auge, die in Statur und Größe sowie von der Haarfarbe her an den Jungen aus letzter Nacht erinnerten, aber Draco war sich ziemlich sicher, dass der Richtige bisher nicht dabei gewesen war.
So intensiv Draco auch zu den anderen Häusertischen starrte, so sehr vermied er den Blick in Marcus' Richtung.
Er wusste nicht, ob er dem Siebtklässler jemals wieder in die Augen sehen können würde.
Draco war zutiefst verwirrt. Marcus Flint, den er bereits vor Hogwarts bewundert hatte und der mittlerweile eine enge Vertrauensperson und fast so etwas wie ein Freund für ihn geworden war, machte solche merkwürdigen Dinge.
Das war doch sicher nicht normal, oder? Jungen konnten und durften sich doch nicht in Jungen verlieben? Aber bei Marcus hatte das ganze so selbstverständlich ausgesehen, beinahe war es erschreckend, wie vertraut die beiden miteinander gewirkt hatten...
Plötzlich kamen ihm seine früheren Gedankengänge so lächerlich vor und es wunderte ihn, dass ihm nicht schon eher aufgefallen war, dass mit Marcus etwas nicht stimmte.
Bereits letztes Schuljahr hatte Draco sich gewundert, warum er Marcus noch nie mit einem Mädchen gesehen hatte. Er hatte sich gefragt, ob Marcus vielleicht eine geheime Beziehung hatte wie Lucian, der es niemals öffentlich zeigte, dass er mit Ava zusammen war. Nun, eine geheime Beziehung hatte er offensichtlich, nur nicht mit einem Mädchen. Außerdem war Draco immer aufgefallen, wie schnell Marcus nach dem Quidditch-Training geduscht hatte und aus der Gemeinschaftsdusche verschwunden war.
„Draco? Alles ok? Du bist heute so schweigsam."
Blaise sah ihn besorgt an, Theo ebenso.
„Ja...ja, natürlich, alles bestens", beeilte sich Draco zu antworten. „Ich habe mir nur gerade Gedanken gemacht über Potters kleine Freundin."
Das war nicht einmal gelogen.
Seit dem Vorfall mit dem Stundenplan dachte er andauernd an die Gryffindor.
Er sagte sich, dass er sich aufgrund ihres seltsamen Stundenplans solche Gedanken über sie machte, aber im Grunde wusste er, dass das nicht stimmte. Zumindest war es nicht der einzige Grund.
Da war immer wieder der Gedanke an ihren Körper, der auf seinem lag, an ihr Gesicht, nur wenige Zentimeter von seinem entfernt.
„Das Schlammblut?", fragte Blaise. „Warum?"
„Nur so, nicht wichtig", murmelte er.
„Ich verstehe deine Obsession mit Granger tatsächlich auch nicht", mischte Theo sich ein.
„Obsession? Blödsinn", schnarrte Draco und schnaubte abfällig. „Die ist mir doch vollkommen egal."
„Warum machst du dir dann Gedanken über sie?", fragte Blaise verständnislos.
„Irgendwas ist merkwürdig mit ihrem Stundenplan", antwortete Draco. „Aber... nicht so wichtig."
Ja, es war nicht so wichtig. Dann war dieses Schuljahr eben irgendwas komisch mit Hermine Granger. Was ging es ihn an? Es gab genug andere Dinge, die ihm Kopfzerbrechen bereiteten, und sie gehörte wahrlich nicht zu den Menschen, die irgendwie wichtig für ihn waren.
„Ich komme gleich wieder", verkündete er und stand auf.
Draco verspürte das dringende Bedürfnis, ein wenig alleine zu sein.
Er fühlte Blaise' und Theos Blicke in seinem Rücken, als er die Halle verließ.
Ihm fiel auch Lynn ins Auge, aber glücklicherweise bekam sie gar nicht mit, dass er den Raum durchquerte, denn ehrlicherweise wollte er gerade auch sie nicht um sich haben.
Als er die mit Fackeln erhellten Gänge entlang ging, fragte er sich, wo er hingehen sollte. Er musste dringend den Kopf frei kriegen, aber wie?
Fast hoffte er, er würde Knieselchen irgendwo finden, gerade hatte er das Gefühl, dass seine Gesellschaft ihm guttun würde. Aber Schloss und Gelände drumherum waren riesig und unübersichtlich, er hätte nicht einmal gewusst, wo er nach dem Tier hätte suchen können.
Er war sehr in seine Gedanken vertieft, was sicherlich auch dazu beitrug, dass er nicht kommen sah, was dann geschah.
Erschrocken japste er nach Luft, als starke Arme ihn packten. Bevor er schreien konnte, presste sich eine Hand auf seinen Mund und er wurde in das nächstbeste Klassenzimmer gezerrt, ehe die Tür mit einem Zauber von innen verschlossen wurde und Draco mit einem Ruck an die Wand gedrückt wurde.
Sirius Black! Das war es, was ihm durch den Kopf schoss, da legte sich auch schon eine große Hand an seinen Hals und packte fest zu.
Draco gab ein erschrockenes Geräusch von sich - und sah zu seiner Überraschung in ein vollkommen anderes Gesicht als erwartet. In ein sehr wütendes Gesicht.
„Wem hast du davon erzählt?", zischte Marcus Flint.
„Was?"
Draco, der aufgrund eines solchen Angriffs tatsächlich mit Black gerechnet hatte, war mit der Frage vollkommen überfordert.
„Stell dich nicht blöd!", fuhr Marcus ihn an und der Griff an seinem Hals wurde etwas fester. „Du weißt genau, wovon ich rede!"
„Marcus, bitte...", keuchte Draco erschrocken. Der bullige Siebtklässler machte ihm tatsächlich gerade ziemlich Angst.
„Beantworte meine Frage!"
Langsam begriff Draco, was hier passierte.
„N-niemandem", stotterte er. „Ich habe niemandem etwas erzählt."
„Lügner!", knurrte Marcus.
„Ich lüge nicht! Ich habe niemandem davon erzählt! Wirklich! Bitte, hör auf! Wir sind doch Freunde!"
Einen Augenblick hielt Marcus ihn noch fest und starrte ihm intensiv ins Gesicht. Dann, ganz langsam, entspannte sich seine Körperhaltung.
Draco atmete hastig, aber erleichtert aus, als sich die Hand um seinen Hals lockerte und schließlich ganz verschwand, während Marcus sich langsam löste und sogar einen Schritt rückwärts machte.
„Was... was soll das?", presste Draco hervor. „Wolltest du mich zu Tode erschrecken?"
„Du hast es niemandem erzählt?", vergewisserte Marcus sich noch einmal, ohne auf seine Frage einzugehen. „Niemandem? Nicht einmal deinen Freunden?"
„Nein, niemandem", bestätigte Draco und als er Marcus' skeptischen Blick sah, ergänzte er: „Es ist wirklich die Wahrheit!"
Er war sich sicher, worum es Marcus ging: Er hatte Angst, dass sich in Hogwarts verbreiten könnte, was er mit diesem Jungen getan hatte.
Erst jetzt wurde Draco bewusst, wie Marcus aussah: Sein Haar wirkte zerzauster als sonst, unter seinen Augen waren dunkle Ringe, die Augen waren gerötet.
Er machte sich offensichtlich große Sorgen.
Marcus seufzte und fuhr sich mit der Hand durchs Haar. Dann machte er noch einen Schritt rückwärts und lehnte sich, irgendwie erschöpft, an einen der Schülertische.
Draco blieb an die Wand gelehnt stehen. Sein Herz raste immer noch vor Schreck.
„Warum hast du es niemandem erzählt?", fragte Marcus leise, ohne ihn anzusehen.
Draco blinzelte.
„Ich... ich weiß es nicht", gestand er.
Es stimmte.
Er hatte irgendwie überhaupt nicht darüber nachgedacht, ob er es jemandem erzählen sollte, und wenn ja wem. Draco hatte es auch nicht bewusst verschwiegen, aber so richtig war er auch nicht auf die Idee gekommen, mit seinen Freunden darüber zu reden. Es kam ihm dafür zu ungeheuerlich vor.
Marcus schloss die Augen und legte leicht den Kopf in den Nacken.
„Ich war dumm. Ich war unvorsichtig. Es ist einfach zu lange gut gegangen... Aber eigentlich war es klar, dass es irgendwann auffliegen wird."
Marcus machte eine kurze Pause.
„Ich war zu unvorsichtig, obwohl ich genau wusste, dass niemand es wissen darf."
Draco war nach wie vor einfach verwirrt über das, was er nun über Marcus wusste.
„Ich erzähle es niemandem", hörte er sich selber sagen.
Marcus öffnete die Augen und sah ihn überrascht und auch irgendwie beschämt an.
„Du würdest es für dich behalten?", fragte er skeptisch, aber Draco meinte auch eine leise Hoffnung herauszuhören.
Draco zögerte, dann stieß er sich von der Wand ab und ging zögernd zu Marcus.
Er lehnte sich neben dem Quidditch-Kapitän an den Tisch.
„Ich... ja."
Sichtlich widerwillig sah Marcus ihm direkt in die Augen. Offensichtlich war er verwirrt über Dracos Reaktion.
„Ich meine", ergänzte Draco. „Wir sind Slytherins. Wir müssen zusammen halten, oder nicht?"
Ein flüchtiges Grinsen zeigte sich auf Marcus' Gesicht.
„Da hast du wohl Recht." Dann wurde er wieder ernst. „Das ist echt in Ordnung von dir, Draco. Danke."
„Kein Ding", murmelte Draco, immer noch verwirrt über die Situation. „Weiß es... weiß es denn wirklich niemand?"
Marcus starrte auf seine Schuhspitzen.
„Adrian weiß es", sagte er. „Er ist mein bester Freund und nicht dumm. Er hat es einfach irgendwann mitbekommen. Und... Lucian weiß es. Es ging mir eine Zeit lang sehr schlecht deswegen, gerade in der Anfangsphase, als ich gemerkt habe, dass an mir irgendwas anders ist. Er hat bemerkt, dass irgendwas mich stark beschäftigt, und Lucian hatte schon immer diese irrsinnig soziale Ader, auch in seiner Zeit, als er noch kein Vertrauensschüler war. Er... hat mich in einem schwachen Moment erwischt und naja, was soll ich sagen, ich hatte eine Art kleinen Nervenzusammenbruch oder so, ich war vollkommen verzweifelt, weil ich gemerkt habe, dass ich anders bin und mit mir etwas nicht stimmt. Lucian hat mich mit Gesprächen wieder auf die Beine gestellt."
Kurz schwiegen sie.
Draco versuchte sich den körperlich wie geistig starken Marcus Flint bei einem Nervenzusammenbruch vorzustellen. So richtig wollte es ihm nicht gelingen. Marcus war ihm immer unverwüstlich vorgekommen, wie ein Fels in der Brandung.
„Draco, ich muss dir nicht sagen, was es bedeuten würde, wenn das raus kommt, oder?"
„Du meinst... Alle würden dich ablehnen?", hakte Draco nach.
Marcus ruckte mit dem Kopf, was sowohl Zustimmung als auch Widerspruch bedeuten konnte.
„Es ist nicht nur das", murmelte er. „Wenn meine Familie davon erfahren würde... Die Konsequenzen wären verheerend. Ich... ich würde enterbt werden. Und damit meine ich nicht nur die finanziellen Mittel. Ich brauche dir nicht zu sagen, was noch dazu kommen würde."
„Man würde dich aus dem Stammbaum entfernen", murmelte Draco und Marcus nickte.
Er wusste nur zu gut, was das bedeutete. Schon als kleines Kind hatte er immer wieder mitbekommen, dass Reinblüter in Ungnade gefallen waren und von ihrer Familie verstoßen wurden. Es bedeutete, alle sozialen Kontakte zu verlieren. Reinblütige Familien hatten Macht und Einfluss, sie konnten dafür sorgen, dass man in der Welt der Hexen und Zauberer keinen Fuß mehr fassen konnte.
Und kurz, ganz kurz schoss Draco durch den Kopf, dass seine Eltern es vermutlich als seine Pflicht ansahen, jemanden wie Marcus an seine Familie zu verraten, damit diese Konsequenzen ziehen konnten.
Aber Draco wusste, das würde er nicht über sich bringen.
Das hier war Marcus Flint! Er hatte ihn schon vor Hogwarts bewundert. Marcus war von seinem ersten Tag hier in der Schule freundlich zu Draco gewesen. Er hatte damals niemandem erzählt, dass er Kontakt zu einem Schlammblut gehabt hatte. Er war immer für Draco da gewesen, wenn er Fragen oder Sorgen gehabt hatte, hatte ihn im Quidditch gefördert und war sogar bereit gewesen, es mit den Weasley-Zwillingen gleichzeitig aufzunehmen, als diese sich in der Zweiten auf Draco hatten stürzen wollen.
Trotz des Altersunterschieds war Marcus Flint für Draco ein Freund.
„Und du triffst dich heimlich mit diesem Jungen?", fragte Draco nach einer kurzen Pause leise.
Marcus nickte erneut.
„Ja. Er möchte genauso wenig, dass jemand es weiß. Er hat Angst vor der Reaktion seines Freundeskreises."
Verständlich, fand Draco.
„Er ist nicht aus unserem Haus, richtig?"
Marcus seufzte.
„Vermutlich weißt du nun sowieso schon so viel, dass es keine Rolle spielt, da kann ich dir das jetzt auch noch sage... Nein, er ist nicht aus unserem Haus, er ist aus Hufflepuff."
„Entschuldige, wenn ich sehr neugierig bin", murmelte Draco. „Aber das ganze ist so merkwürdig für mich. Ist er... so richtig dein Freund oder wie?"
Konnte ein Junge tatsächlich mit einem Jungen zusammen sein? So etwas gab es in Dracos Kreisen einfach nicht.
„Nicht direkt", sagte Marcus leise. „Wir stehen eben irgendwie aufeinander. Und ich glaube, wir waren beide einfach froh, dass wir jemanden gefunden haben, der... genauso ist wie man selbst und auch noch zuverlässig die Klappe halten kann."
„Du bist also gar nicht... verknallt in ihn?"
Draco hatte noch nie darüber nachgedacht, dass man aufeinander stehen aber nicht ineinander verknallt sein konnte.
Bisher war er der Meinung gewesen, in Lynn ziemlich verknallt zu sein, aber plötzlich tat sich diesbezüglich eine vollkommen neue Sichtweise für ihn auf.
„Nein", bestätigte Marcus.
Kurz schien er noch etwas ergänzen zu wollen, aber dann schwieg er doch.
Einen Moment war es still zwischen ihnen, dann sagte Marcus: „Danke, Draco. Wirklich. Du rettest mir echt den Arsch, das ist dir hoffentlich klar?"
Wieder schoss es Draco durch den Kopf, dass seine Eltern wollen würden, dass er so etwas weiter gab, aber er drückte den Gedanken weg.
„Schon klar. Mach ich gerne, Marcus."
Und in diesem Moment, in dem er es aussprach, merkte Draco, dass es stimmte: Er machte das gerne für Marcus. Er wollte loyal sein gegenüber den Menschen, die für ihn da waren.

A Death Eater's Tale Geschichten, die süchtig machen. Entdecke jetzt