Muscheln und Grindelohs

102 9 1
                                        

Die Osterferien rückten immer näher.
Nachdem er die ziemlich nervige Beziehung zu der Hufflepuff Megan beendet hatte, war Draco eigentlich der Meinung, vorerst genug von Mädchen zu haben, aber dann sprach ihn eine wirklich süße Slytherin aus der Zweiten an.
Die jüngeren Schülerinnen liefen eigentlich komplett unter Dracos Radar, aber Maira war tatsächlich gar nicht so viel jünger als er. Sie hatte im September Geburtstag. Wäre sie nur eine Woche früher geboren, wäre sie gleichzeitig mit Draco eingeschult worden.
Maira hatte sehr dunkles, fast schwarzes Haar, was ihr in schönen Wellen über die Schulter fiel, wenn sie es nicht gerade zu einem lockeren Zopf geflochten hatte, was meistens der Fall war. Ihre braunen Augen waren groß und sie betonte diese stets mit dunklem Kajal, was ihrem Blick irgendwie etwas Verführerisches gab.
Offensichtlich hatte sie Draco schon länger ins Auge gefasst, denn sie wusste überraschend viel über ihn. Draco merkte durchaus, dass es sie eine Menge Überwindung und Mut kostete, ihn anzusprechen, und genau das gefiel ihm an ihr.
Sie harmonierten tatsächlich so gut, dass Draco der Sache fast schon nicht trauen mochte.
Und sie küsste unfassbar gut.
Ansonsten plätscherte der Unterricht vor sich hin, und Draco ging Hermine Granger vollkommen aus dem Weg, vermied es sogar, sie anzusehen. Er hatte sich viel zu lange viel zu viele Gedanken über das Schlammblut gemacht, und das musste sich dringend ändern.
Sogar in Alte Runen war ihre Partnerarbeit vorerst beendet, sie arbeiteten nun unter Anleitung von Babbling als Gruppe zusammen, also konnte er sie auch dort ignorieren.
In Arithmantik starrte er bewusst an ihrem buschigen Kopf vor sich vorbei.
Schließlich rückte das Frühlingsfest der Wassermenschen immer näher.
„Ich finde, du solltest das nicht tun", sagte Theo zum wiederholten Male, als Draco sich für das Ereignis vorbereitete.
„Das sagtest du bereits", meinte Draco.
„Du nimmst mich nicht ernst", schimpfte sein Freund. „Es ist nicht nur total gruselig, dass du so tief in den See tauchen wirst, du musst auch aufpassen, wie lange der Sauerstoff in deinem Kopfblasenzauber hält. Außerdem ist es gefährlich, über das Gelände zu schleichen, gerade so spät abends. Denk an die Dementoren! Und wenn dich jemand erwischt, wird Snape ausrasten."
„Theo, niemand zwingt dich, mich zu begleiten."
„Darum geht es nicht!", fauchte Theo. „Ich mache mir einfach Sorgen."
Draco seufzte und trat näher an Theo heran, um flüchtig seinen kleinen Finger mit Theos zu verhaken.
„Freunde für immer, egal was kommt", sagte er leise. „Und jetzt lass uns bitte nicht streiten."
Theo atmete langgezogen aus.
„Meinetwegen", brummte er. „Aber wenn du da unten bist und es mir zu lange dauert oder mir etwas komisch vorkommt, hole ich eine Lehrkraft!"


Kanja winkte begeistert, als er aus dem Wasser auftauchte.
Die Sonne würde bald den Horizont berühren, und Draco wollte vorher möglichst wieder im Schloss sein. Das hieß, er konnte vielleicht eine halbe Stunde das Fest der Wassermenschen heimlich beobachten und hatte immer noch genug Zeit für Hin- und Rückweg.
Blaise und Theo hatten ihn begleitet. Nach wie vor hatten Greg und Vince kein Interesse an den Wassermenschen.
Draco ging ins Wasser, wandte den Kopfblasenzauber an und tauchte unter.
Kanja war aufgeregt. Offensichtlich freute der Merrow sich, Draco endlich mehr von seinem Lebensraum zeigen zu können. Er redete fast ununterbrochen, erklärte Draco viel und erzählte von den Ritualen beim Frühlingsfest.
Draco für seinen Teil bestaunte während des Tauchens diese fremde, aber irgendwie faszinierende und schöne Welt. Einmal kamen sie an dem Riesenkraken vorbei, der wirklich imposant wirkte, aber er war ziemlich gelangweilt und reagierte überhaupt nicht auf die beiden ungleichen Jungen.
Je tiefer sie tauchten, desto dunkler und stiller wurde es.
Und es dauerte viel länger, als Draco vermutet hatte.
„Wir brauchen zu lange", stellte auch Kanja fest.
Nachdenklich sah er Draco an. Dann schien er einen Entschluss zu fassen.
Er schwamm in Dracos Rücken, schlang von hinten seine Arme um ihn, schloss sie fest um Dracos Brust - und schoss los.
Draco gab einen erschrockenen Laut von sich, dann musste er lachen.
Es war ein tolles Gefühl, so schnell durch das Wasser getragen zu werden.
Er fühlte Kanjas Schwanzflosse an seinen Beinen, die durch schnelle Auf- und Abbewegungen den Antrieb gab. Er spürte Kanjas Muskulatur an Armen und Oberkörper, weil er ihn so fest hielt.
Kurz musste Draco wieder daran denken, wie er im letzten Schuljahr die Seeschlange gezeichnet hatte und sich gewünscht hatte, irgendwann als Animagus diese Gestalt zu haben. Ungefähr so musste es dann auch sein, durch das Wasser zu gleiten.
Und dann hörte er es.
Erst leise, dann immer lauter.
Glockenhelles, angenehmes Gelächter. Wunderschönen Gesang.
Sie waren ganz in der Nähe des Festes.
Kanja ließ ihn los und bedeutete ihm mit Gesten, leise zu sein und ihm zu folgen.
Dicht über dem Grund des Sees schwammen sie nebeneinander dahin. Kanja fiel es so viel leichter als Draco. Er war eben vollkommen in seinem Element.
Durch Schlick und Wasserpflanzen bahnten sie sich ihren Weg.
Schließlich hatten sie wohl den Punkt erreicht, an den sie sich trauen konnten, ohne entdeckt zu werden.
Sie pressten sich beide auf den sandigen Boden und lugten zwischen hohen Wasserpflanzen und Algen hervor.
Draco war sofort wie gebannt.
Dutzende Merrows tummelten sich auf einer großen, freien Fläche. Der sandige Platz war frei von Pflanzen und Algen und wirkte wie eine Lichtung in einem Wald. Mannshohe Spieße waren in regelmäßigen Abständen in den Boden gerammt. Diese Spieße waren mit Seilen verbunden und an diesen Seilen hingen Kugeln, die fluoszierendes Licht verströmten.
Auf einer Art Steinalter in der Mitte des Platzes lagen Muscheln und Schneckenhäuser jeder Größe, aber auch hübsche Flaschen und andere Glasbehälter.
Ein paar Merrow-Mädchen waren gerade dabei, die Dinge auf der Steinplatte zu bewundern.
„Die zweite von links ist meine Schwester Izumi", raunte Kanja ihm zu.
Draco erinnerte sich vage an ein vergangenes Gespräch mit Kanja, in dem er ihm von seiner Zwillingsschwester und seinen Eltern, Yara und Narius, erzählt hatte. Draco wusste, dass Kanjas Vater der Anführer der Wassermenschen war.
Neugierig versuchte Draco, Izumi besser zu erkennen, aber sie schwamm mit dem Rücken zu ihm an dem Steinalter, so dass Draco nicht sagen konnte, ob sie große Ähnlichkeit mit ihrem Bruder hatte.
„Wo sind deine Eltern?", fragte Draco leise.
„Die Feierlichkeit beginnt gleich, dann müssten sie auch kommen", antwortete der Wasserjunge.
„Wofür sind die ganzen Muscheln und das andere Zeugs?", erkundigte Draco sich weiter.
„Erinnerst du dich, dass ich dir vom Einschließen von Gesang erzählt habe?"
Natürlich erinnerte Draco sich.
Von Theo hatte er bereits in der Ersten erfahren, dass alle Wassermenschen, ob Merrows, Selkies, Sirenen oder Meerjungfrauen, Musik liebten. Später erzählte Kanja ihm in einem Gespräch, dass er mit seinem Volk beim Frühlingsfest Musik in Gegenstände einschloss - ein uralter Zauber, den die Merrows sehr liebten.
Auch wenn Wassermenschen grundsätzlich keine Magie wirken konnten, war es ihnen mit Musik und Gesang eben doch bis zu einem gewissen Grad möglich.
Genau in diesem Moment begann das Wasservolk tatsächlich zu singen.
Draco wurde still.
Nicht nur, dass er schwieg, er wurde auch innerlich still, als er den wunderschönen Gesang der Wassermenschen hörte. Er hatte das Gefühl, er habe noch nie etwas so Schönes gehört und in diesem Moment war er sich sicher, dass er auch nie wieder irgendeinen Gesang schön nennen würde. Eine merkwürdige Ruhe überkam ihn, und der Gesang schien irgendetwas in Draco zum Klingen zu bringen.
Er hätte ewig hier auf den sandigen Boden gepresst daliegen und lauschen können.
Kanja neben ihm summte die Melodie leise mit. Offensichtlich traute er sich nicht, mitzusingen, aus Angst, jemand könnte ihn hören. Draco wusste, dass Kanjas Vater, Narius, es nicht gut hieß, wenn Kanja Kontakt zu Menschen aus Hogwarts hatte.
Draco schätzte, dass Narius sehr streng war. Er hatte ihn bereits einmal gesehen - in seiner ersten Nacht hier in Hogwarts. Kanja war an ihrem Fenster erschienen und hatte versucht, zu ihnen Kontakt aufzunehmen. Dann war sein Vater erschienen und er war geflüchtet. Narius hatte sehr finster in den Schlafraum der Slytherin-Jungs geblickt und sie hatten damals einen riesigen Respekt vor ihm.
Draco entspannte sich immer mehr. Kanja hatte eine unglaublich melodische Stimme, das war Draco schon beim Reden aufgefallen, aber sein Summen klang so schön, so angenehm, dass Draco sich in diesem Moment sehnlichst wünschte, er würde auch anfangen zu singen.
Kurz musste er schmunzeln, als er daran dachte, dass dies aber nur unter Wasser der Fall war.
Draco hatte Kanja nur einmal sehr kurz über Wasser „reden" gehört, und bei dem Gekreische hatte er das Gefühl, sein Trommelfell würde zerbersten. Nein, über Wasser war keine normale Konversation mit Merrows möglich.
Nun kamen Kanjas Eltern herbei geschwommen.
Für die Feierlichkeit heute trugen sie beide Kronen, die sie als Anführerin und Anführer des Volkes auswiesen.
Der Gesang veränderte sich, die Wassermenschen begannen zu tanzen.
Draco hätte nicht gedacht, dass man ohne Beine tanzen konnte, aber die hübschen Formationen, die sie schwammen, waren für ihn definitiv ein Tanz.
Er war vollkommen versunken in den schönen Anblick.
Nach und nach schwammen kleine Gruppen zu dem Steinalter. Die Merrows suchten sich Gegenstände aus und begannen, in die Öffnungen hinein zu singen. Dies war offensichtlich das Ritual, bei dem sie den Gesang in Gegenstände verschlossen.
„Unter euch Menschen gibt es das Gerücht, wir würden so anderen die Stimme stehlen", flüsterte Kanja ihm zu. „Das ist natürlich Blödsinn."
„Was machen sie mit dem eingeschlossenen Gesang?", fragte Draco.
Ihm war seltsam schummrig zumute.
„Das ist unterschiedlich", sagte Kanja. „Manche verschenken die Gegenstände, damit andere Merrows den Gesang befreien und hören können. Manche öffnen sie selber zu besonderen Ereignissen. Manche möchten, dass ihre Nachkommen den Gesang erst nach ihrem Tod wieder befreien."
„Das ist wirklich abgefahren", murmelte Draco.
Kanja sah ihn an.
„Ist alles in Ordnung?"
Draco zuckte vage mit den Schultern.
Kanja wirkte beunruhigt.
„Draco, ich glaube, dein Sauerstoff wird langsam knapp, kann das sein?"
Jetzt, da Kanja es aussprach, wurde Draco erst bewusst, wie lange er bereits hier war und wie schwer ihm das Atmen fiel.
„Ich... ich glaube schon..."
Kanja wirkte leicht unruhig.
„Komm, ich bringe dich an die Oberfläche zurück."
Nebeneinander schwammen sie, versteckt von den Pflanzen, weit genug von den Feierlichkeit weg, bis sie es wagen konnte, aus den Wasserpflanzen aufzutauchen.
„Ich werde dich wieder transportieren, das geht schneller", bestimmte Kanja mit Unruhe in der Stimme.
Noch war Draco ruhig.
Ja, er hatte vermutlich schon viel Sauerstoff verbraucht, aber wenn Kanja genauso schnell zurück schwamm, wie er es vorhin getan hatte, müssten sie es gut bis zur Wasseroberfläche schaffen.
Wieder fühlte er sich von dem Wasserjungen gepackt. Dieses Mal schoss er sogar noch schneller durch den See als vorhin.
Schon nach kurzer Zeit war Draco froh, dass Kanja sich so beeilte, denn tatsächlich wurde ihm immer bewusster, wie knapp die Luft in der Kopfblase wurde.
Die Unterwasserlandschaft zog rasend schnell an ihm vorbei. Irgendwann merkte Draco aber, wie Kanja minimal im Tempo nachließ - er war sich sicher, dass es den Wasserjungen langsam erschöpfte, Draco zu ziehen.
Aber dann wurde es immer heller um sie herum und schließlich war die Wasseroberfläche zu sehen.
Kanja stoppte.
„Alles in Ordnung?"
Draco nickte.
„Ja. Aber langsam fällt mir das Atmen schwer. Ich muss schnell an die Oberfläche und den Zauber von mir nehmen. Danke für das tolle Erlebnis, Kanja."
„Gern", strahlte der Merrow-Junge. „Wir können ja demnächst-"
Er brach ab, starrte in das Wasser unter Draco.
Dann zog er abrupt eins seiner Messer.
„Schwimm nach oben, Draco. Schnell!"
„Was-", begann Draco und wollte nach unten sehen - als ihn bereits etwas an den Fußgelenken packte und in die Tiefe zog.
Innerhalb weniger Sekunden geriet er in Panik.
Es waren kleine, blassgrüne Wasserdämonen mit spitzen Zähnen und langen Krallen, und mit zweiterem machte Draco gerade unliebsam Bekanntschaft. Sie bohrten sich nämlich schmerzhaft tief in seine Haut, als die Wesen sich an ihn klammerten und in die Tiefe zogen.
Draco musste leider feststellen, dass es eine Sache war, im Unterrichtsfach Verteidigung gegen die Dunklen Künste in der Theorie zu besprechen, wie man sich gegen Grindelohs zur Wehr setzte und eine ganz andere, es dann tatsächlich tun zu müssen. Genau genommen hatte er gar keine wirkliche Chance, etwas zu unternehmen.
Er schaffte es zwar, seinen Stab zu ziehen und Zauber zur Verteidigung abzufeuern, aber die Grindelohs zerrten so rücksichtslos an ihm, dass alle Zauber sie verfehlten, da Draco gar nicht vernünftig zielen konnte.
Auch war es keine große Hilfe, dass er tatsächlich stark in Panik verfallen war.
Nicht nur, dass seine Knöchel und Waden, in die die Wasserdämonen ihre Krallen vergraben hatten, schrecklich schmerzten, durch die Aufregung atmete er natürlich schneller und verbrauchte den wenigen Sauerstoff in der Kopfblase noch schneller.
Außerdem verblasste das Licht, das durch die Wasseroberfläche fiel, immer mehr. Die Grindelohs waren bereits dabei, ihn wieder in tiefere Regionen des Sees zu ziehen.
In verzweifelter Angst trat und strampelte Draco, aber für jeden Dämon, den er so loswurde, schienen sich zwei neue an ihn zu klammern.
Genau das hatten sie bei Professor Lupin gelernt: Grindelohs waren klein, aber sehr hartnäckig.
Und dann war Kanja da.
Der Merrow-Junge kam angeschossen, der Gesichtsausdruck entschlossen, das Messer fest in der Hand.
Er begann, nach den Grindelohs zu stechen, aber sie waren überraschend geschickt darin, ihm auszuweichen.
Als Kanja bemerkte, dass er kaum eine Chance hatte, die Wasserdämonen von Draco zu entfernen, tat er das einzige, was er in diesen Situation eben noch tun konnte - er packte Draco und hielt in fest.
Ein Ruck ging durch Dracos Körper, als Kanja gegenhielt und versuchte, ihn wieder nach oben zu ziehen.
Draco gab einen Schmerzenslaut von sich, als die Grindelohs stärker an seinen Beinen zogen und Kanja ihn mit aller Kraft festhielt, damit er nicht noch tiefer in den See gezogen wurde.
Die Luft wurde knapp. Draco merkte es nun so deutlich, dass er Todesangst bekam. Dass scharfe Krallen seine Beine zerkratzten, spürte er kaum noch.
Kanja zeigte den Grindelohs drohend seine nadelspitzen Zähne und sah dabei tatsächlich erschreckend bedrohlich aus.
Draco japste erschrocken, als Kanja ihn abrupt losließ.
Mit einer unglaublichen Wut ging er erneut mit dem Messer auf die Grindelohs los, richtete unter ihnen aber nicht genügend Schaden an, um sie dazu zu bringen, Draco loszulassen.
Wieder klammerte der Wasserjunge sich verzweifelt an Draco fest, um zu verhindern, dass er noch tiefer gezogen wurde.
Und diesem wurde klar: Würde nicht gleich ein Wunder geschehen, würde er bald sterben.
Kanja hielt ihn mit einem muskulösen Arm umschlungen. Mit der andere Hand steckte er erst sein Messer weg und zog dann sein Muschelhorn vom Gürtel.
Langgezogen erklang ein wohlklingender Ton aus dem Horn, als Kanja hinein blies.
Und Draco erinnerte sich: Als Kanja ihm ein solches Muschelhorn geschenkt hatte, hatte er gesagt, dass jedes Muschelhorn einen individuellen Klang hatte. Und er hatte gesagt, dass Draco kurz hinein blasen sollte, wenn er sich mit Kanja treffen wollte und lang, wenn es ein Notfall war.
Er verstand: Kanja rief gerade verzweifelt um Hilfe.
Draco starrte sehnsüchtig nach oben.
Die helle, glitzernde Wasseroberfläche erschien ihm unfassbar weit weg.
Und in diesem Moment war er sich sicher: Er würde es nicht schaffen. Er würde hier unter Wasser sterben. Verrückterweise würde er nicht einmal ertrinken, sondern einfach ersticken. Der Sauerstoff in der Kopfblase war beinahe vollständig aufgebraucht.
Draco hatte kaum noch die Kraft, nach den Grindelohs zu treten, die immer noch an seinen Beinen zerrten und diese mit ihren Krallen verletzten. Kanja schlug mit seiner Flosse nach den kleinen Biestern, aber er schaffte es nicht, sie vollkommen zu vertreiben.
Ein zweites Mal blies er in sein Muschelhorn - langgezogen und verzweifelt ertönte der Klang.
Draco klammerte sich mit einer Hand fest an seinen Stab, mit der anderen an Kanja. Als der Wasserjunge ein drittes Mal ins Horn blies, nahm Draco seine letzte Kraft zusammen und feuerte noch einmal Zauber auf die Grindelohs ab.
Die Wasserdämonen wurden immer mehr. Kanja hatte nun Mühe, die Wesen auch sich selbst vom Leib zu halten. Draco wusste, dass sie normalerweise keine Merrows angriffen, aber offensichtlich waren sie so versessen darauf, Draco zu ertränken, dass sie eine Ausnahme machten.
Und dann wurde er Kanja aus den Armen gerissen.
Rasend schnell wurde Draco in die Tiefe gezogen und er sah nur flüchtig Kanjas schockiertes Gesicht, ehe er hinter einer Wand aus kleinen grünen Körpern verschwand, da die Grindelohs ihn offensichtlich abschirmten, so dass er Draco nicht hinterher schwimmen konnte.
Draco schoss noch einmal verzweifelt der Gedanke durch den Kopf, dass er nicht sterben wollte - da geschah das Wunder, auf das er gehofft hatte.
Sie kamen mit einer irrsinnigen Geschwindigkeit angeschossen, das Wasser schlug Blasen dort, wo sie schwammen.
Draco sah, wie Kanja innerhalb von Sekunden durch sein Volk von den Grindelohs abgeschirmt wurde. Auch beeilten sich die kleinen Wasserdämonen, von den neu angekommenen Wassermenschen wegzukommen, die offensichtlich sehr zornig waren. Draco konnte nicht zählen, wieviele es waren, aber er schätzte, mindestens zehn.
Das letzte, was er sah, war Kanja, der auf einen großen, kräftig gebauten Merrow einredete und dabei heftig gestikulierte.
Dann verdeckten Grindelohs seine Sicht.
Die Kreaturen drückten ihn nun auch an den Schultern tiefer, zerrten an seinen Haaren.
Die Panik schnürte ihm regelrecht die Kehle zu. Gleichzeitig schien sein Blickfeld zu verschwimmen - er begriff, der Sauerstoff war nun tatsächlich so gut wie aufgebraucht.
Und dann ließen die Grindelohs so abrupt von ihm ab, dass Draco einen Augenblick regelrecht orientierungslos war.
Erst nach etlichen Sekunden begriff er, dass zwei weibliche Merrows die Wasserdämonen vertrieben hatten. Sie gaben wütende, zischende Laute von sich, hatten ihre Messer gezogen und zeigten ihre Zähne in die Richtung, in die die Grindelohs verschwunden waren.
Ein dritter Merrow tauchte so plötzlich nah vor Dracos Gesicht auf, dass er erschrocken zusammenzuckte.
Er blickte in das finstere Gesicht des kräftigen Merrow-Mannes, auf den Kanja eben so aufgeregt eingeredet hatte.
Draco kannte dieses Gesicht.
Er hatte es bereits in seiner ersten Nacht in Hogwarts gesehen, kurz nachdem sie Kanja am Fenster ihres Schlafraums entdeckt hatten, und er hatte es eben beim Frühlingsfest gesehen.
Narius, Kanjas Vater und Anführer des Merrow-Stammes, das hier im See lebte, umschlang Draco mit beiden Armen fest, beinahe schmerzhaft. Er schoss mit einer solchen Geschwindigkeit Richtung Wasseroberfläche, dass Draco Druck auf den Ohren hatte. Dabei war der Gesichtsausdruck des Wassermannes entschlossen und grimmig.
Geistesgegenwärtig nahm Draco den Kopfblasenzauber von sich. Mittlerweile schwindelte ihm und er musste das Bedürfnis unterdrücken, unter Wasser tief Luft zu holen.
Die glitzernde Wasseroberfläche kam irrsinnig schnell näher, trotzdem hatte Draco die Sorge, dass es zu lange dauern würde.
Als er zusammen mit Narius die Oberfläche durchbrach, reagierte Draco automatisch. Lautstark holte er durch den Mund tief Luft.
Alles drehte sich um ihn, als der lebensnotwendige Sauerstoff endlich wieder in seine Lungenflügel gepumpt wurde.
Immer noch hielt Narius ihn fest umschlungen, worüber Draco froh war, denn er stand so neben sich, dass er vermutlich Schwierigkeiten gehabt hätte, sich alleine über Wasser zu halten.
Vom Ufer hörte er die aufgeregten Rufe von Blaise und Theo.
Draco zitterte am ganzen Leib, als der Merrow langsam mit ihm in Richtung der Rufe schwamm. Draco hielt sich einfach dankbar an ihm fest.
Neben ihnen tauchte Kanja auf, sein Blick huschte besorgt über Dracos Gesicht.
Unter der Wasseroberfläche sah Draco weitere, grün-silbrig schimmernde Körper. Offensichtlich waren ihnen auch die anderen Wassermenschen, die auf Kanjas Ruf hin zu Hilfe geeilt waren, gefolgt.
Theo und Blaise zögerten nicht - sie kamen ihnen im Wasser entgegen, gingen so tief, dass sie bis zur Hüfte im Nass standen. Bereitwillig übergab Kanjas Vater Draco an seine beiden Freunde, die seine Arme um ihre Schultern legten und ihn so aus dem See führten. Draco stützte sich schwer auf die beiden anderen Jungen.
Am Ufer setzten sie ihn vorsichtig ab, und Draco war froh, festen Boden unter sich zu spüren.
Mühsam drehte er sich Richtung Wasser.
Es war ein faszinierender Anblick. Die Gruppe Wassermenschen hatten ihre Köpfe aus dem Wasser gesteckt und sahen zu ihnen herüber.
Hätte Draco nicht gewusst, dass sie von Natur aus Gesichter hatten, die immer irgendwie grimmig und finster wirkten, hätte er geglaubt, sie seien ihnen böse gesinnt. Aber gerade hatte er das Gegenteil erlebt. Sie hatten ihn beinahe mit der gleichen Inbrunst verteidigt wie einen der ihren.
Nach und nach tauchten die Merrows wieder unter. Draco sah sie silbrig schimmern, während sie immer tiefer glitten. Nur Kanja und sein Vater blieben zurück.
Draco sah deutlich die Erleichterung in Kanjas jungem Gesicht, und auch sein Vater musterte Draco aufmerksam und besorgt. Dann ruckte er kurz mit dem Kopf, als sei er zufrieden damit, dass Draco nun von anderen Menschen betreut wurde, denn Blaise und Theo tasteten ihn ab und redeten besorgt auf ihn ein, und er wandte sich an seinen Sohn.
Draco sah deutlich, wie Kanja unter dem strengen Blick seines Vaters zu schrumpfen schien. Er senkte schuldbewusst den Kopf.
Da die Merrows über Wasser nicht reden konnten, beziehungsweise ihre Stimme über der Wasseroberfläche grauenhaft klangen, ruckte Narius nur mit dem Kopf Richtung Wasser, was wohl so viel bedeuten sollte wie: Ab jetzt mit dir, wir reden später über den Blödsinn, den du verzapft hast.
Kanja wagte es nicht einmal, noch mal in Dracos Richtung zu schauen.
Vater und Sohne tauchten unter, und Draco starrte noch einen Moment auf die kleinen und großen Kreise, die dort auf der Wasseroberfläche erschienen waren, wo sie verschwunden waren.

---------------------------------------------------------
A/N: Erstmal vorweg: Im nächsten Kapitel wieder mehr Dramione, versprochen. :)
Und dann wollte ich noch kurz erzählen (falls es euch interessiert), dass ich, als ich beschlossen habe, A Death Eater's Tale zu schreiben, dieses Kapitel genau so ganz von Anfang an im Kopf hatte und ich es kaum aushalten konnte, so lange zu warten, bis die Geschichte endlich an diesem Punkt angelangt ist, damit ich die Szene schreiben und veröffentlichen kann. Aber hier ist sie nun endlich. :)
Noch 5 Kapitel kommen, dann ist Buch 3 aus Dracos Sicht beendet!

A Death Eater's Tale Geschichten, die süchtig machen. Entdecke jetzt