Sie erstarrte vollständig, als sie begriff, mit wem sie tanzen sollte.
Auch Draco zögerte einen Herzschlag lang - doch er war sein Leben lang darauf getrimmt worden, in der Öffentlichkeit stets die Contenance zu wahren, also reagierte sein Körper instinktiv.
Er griff ihre Hand, zog sie näher.
Aus irgendeinem verrückten Grund nahm er alles überdeutlich wahr.
Sie atmete sichtbar tief ein, als sie sich plötzlich so nahe waren. Er hob seine andere Hand, legte sie an ihre Taille. Langsam glitt seine Handfläche über seidigen Stoff.
Draco führte sie, ohne darüber nachzudenken. Dabei starrte sie ihn an wie eine Erscheinung.
Himmel, ihre Hand fühlte sich so zart an in seiner. Und er konnte ihre Körperwärme durch den Stoff ihres Kleides fühlen.
Nur ein paar Atemzüge, sagte Draco sich. Eine Minute waren nur ein paar Atemzüge, das würde er ja wohl schaffen.
Warum zur Hölle starrte sie ihn so an?
Jetzt, aus der Nähe, wurde Draco noch mehr bewusst, wie schön sie war.
Sie war dezent geschminkt, wodurch ihre Wimpern noch dunkler, ihre Augen noch größer wirkten. Ein paar kleine Locken waren nicht in dem eleganten Knoten in ihrem Nacken gefangen.
Ein Schritt zurück, kurz lösen, Schritt nach vorne, Drehung. Draco führte die Tanzabfolge durch, ohne darüber nachzudenken.
Schritt zurück, gegenseitiges Umrunden, Schritt nach vorn, wieder zusammen finden.
Sie war seinem Körper so furchtbar nahe.
Das nachtblaue Kleid schimmerte leicht, was den Effekt, dass es wie der Himmel aussah, noch verstärkte. Keine Rüschen. Keine Schleifchen. Nur dieser wunderschöne seidige Himmelsstoff. Dünne Träger. Merlin, noch niemals hatte sie so viel Haut gezeigt.
Granger hatte einen schönen, schlanken Hals. Deutlich sah Draco ihr Schlüsselbein.
Hätte er jemals Zweifel daran gehabt, dass Hermine Granger ein Mädchen war, so hätte er heute Abend deutlich vor Augen geführt bekommen, dass es so war; ihr Ausschnitt war ungewohnt tief und das Kleid zwar nicht extrem eng, aber doch figurbetont. Ihre weiblichen Rundungen zeichneten sich auf eine anregend schöne Weise ab.
Ihre Wangen hatten einen irgendwie hübschen Rotton angenommen. Es wirkte fast, als würde es sie in Aufregung versetzen, mit ihm zu tanzen. Ihre Lippen waren leicht geöffnet.
Verflucht, diese Lippen...
Atmen. Er musste atmen. Gleich war es geschafft.
Schritt zurück, Schritt vor, Drehung, Wechsel.
Er musste wohl doch die Luft angehalten haben, denn als er sich der nächsten Tanzpartnerin - Daphne Greengrass - zuwandte, atmete er langgezogen aus.
Er glaubte, es nun hinter sich zu haben, doch während er mit etlichen weiteren Mädchen tanzte, verfolgten ihn in Gedanken Grangers große dunkle Augen und ihre schön geschwungenen Lippen.
Er konnte es drehen und wenden wie er wollte, er konnte versuchen, die Augen davor zu verschließen und sich einreden, dass da nichts war - aber, Salazar möge ihm verzeihen, Granger war verflucht attraktiv und er fühlte sich verdammt noch mal zu ihr hingezogen.
Kaum, dass der 'Founders' Turning Dance' beendet war, löste sich Draco hastig von seiner letzten Tanzpartnerin - eine von Océans Freundinnen - und beeilte sich, die Halle zu verlassen.
Die Toilette befand sich nur ein Stück den Gang hinunter, nicht weit entfernt vom Eingangsbereich vor der Großen Halle.
Draco stürmte hinein.
Er stellte sich ans Waschbecken, stützte sich darauf ab und starrte hinein.
„Das darf doch einfach nicht wahr sein", murmelte er.
Hastig drehte er den Wasserhahn auf und schöpfte sich kaltes Wasser ins Gesicht. Dann blickte er in den Spiegel.
Das Wasser rann in Tropfen über seine helle Haut. Seine Spiegelbild starrte ihn beinahe verschreckt an.
„Schlammblut", flüsterte er. „Sie ist ein Schlammblut."
Es holte ihn ein wenig auf den Boden der Tatsachen zurück.
Himmel, dann war sie eben hübsch. Was spielte es für eine Rolle? Es war ja wohl auch nichts dabei, sie attraktiv zu finden. Das war schließlich auch alles, Punkt, Aus, Ende.
Aber dann klopfte sein verräterisches Herz schnell in seiner Brust, als er an ihr Lächeln dachte. Und daran, wie sie zusammen in der Schulküche Plätzchen verziert hatten. Die flüchtigen Berührungen ihrer Hände. Er musste sogar daran denken, wie sie geweint hatte, wegen Weasley und Potter, als sie sich zerstritten hatten, und wie sie mit ihm auf einer Bank gesessen und bei ihm ihr Herz darüber ausgeschüttet hatte. Er dachte an den Geruch von Karamell und Rosen und geheime Zeichnungen in seinem Notizbuch.
„Scheiße", fluchte er leise.
„Was hat der hübsche blonde Junge für Sorgen?"
Draco zuckte zusammen, dann verdrehte er die Augen.
„Myrte", seufzte er.
Die Maulende Myrte stieg aus dem Abflussrohr des Waschbeckens rechts von ihm.
„Haben sie dich auch gehänselt?", fragte Myrte weinerlich und stierte ihn aus großen Augen an.
„Was? Nein! Nein, natürlich nicht."
„Was bekümmert dich dann so? Vielleicht kann ich dir helfen?", fragte Myrte beflissen.
Draco starrte wieder sein Spiegelbild an.
„Ich fürchte, mir ist nicht mehr zu helfen", sagte er leise.
„Was?"
Draco gab sich einen Ruck.
„Nichts", sagte er unwirsch. „Warum bist du eigentlich nicht in deiner Toilette?"
Myrte zog eine Schnute.
„An so einem besonderen Abend? Ich bin viel zu nervös."
„Wenn du meinst...", sagte er geistesabwesend und trocknete rasch Gesicht und Hände ab, ehe er die Maulende Myrte einfach stehen - oder schweben - ließ und die Toilette verließ.
Vor der Tür rannte er beinahe in Pansy hinein.
„Was zum- Pansy, was zur Hölle machst du hier?"
„Draco, was ist los?", fragte Pansy, seine Frage ignorierend. Sie wirkte gereizt. „Du bist irgendwie merkwürdig."
„Blödsinn", schnarrte er. „Ich musste einfach aufs Klo. Kann man heutzutage nicht einmal mehr in Ruhe pinkeln?"
„Du warst schon zu Beginn des Balls komisch." Pansy blieb eisern. „Ich habe mir den Abend wirklich anders vorgestellt."
„Der Abend wird schon noch zu deiner Zufriedenheit ausfallen", sagte Draco unfreundlicher als beabsichtigt. Er griff Pansys Oberarm, drehte sie, legte dann seine Hand an ihren Rücken und schob sie wieder Richtung Große Halle. „Komm, wir gehen wieder zu den anderen."
„Denk ja nicht, dass das Thema erledigt ist", verkündete Pansy beleidigt. „Übrigens ist das Buffet jetzt eröffnet."
„Prima", befand Draco brüsk.
Pansy warf ihm einen gekränkten Seitenblick zu.
In der Halle spielte nach wie vor die Musik, viele Paare tanzten, aber die ersten waren bereits dabei, das Buffet zu erobern.
„Wo sind die anderen?", fragte Draco.
Pansy blieb stehen und starrte ihn an.
„Ist das nicht egal?", fragte sie mit einem irgendwie gefährlichen Unterton.
Draco wusste, er müsste jetzt eigentlich zurückrudern, wenn er keinen Streit wollte, aber er war zu aufgewühlt, um vernünftig zu sein.
„Selbstverständlich ist es nicht egal", schnarrte er. „Wir wollen den Abend alle zusammen verbringen, oder nicht?"
Pansy sah so aus, als würde sie einiges herunterschlucken, was sie gerne sagen wollte.
Gemeinsam bahnten sie sich einen Weg durch die Menge, bis sie Blaise und Theo mit den beiden Durmstrang-Mädchen an einem Tisch sitzen und sich angeregt unterhalten sahen.
„Ah, da sind Draco und Pansy", sagte Blaise und Theo drehte den Kopf.
Draco erinnerte sich in letzter Sekunde an das, was ihm in Reinblutkreisen für Tanzveranstaltungen beigebracht worden war und rückte Pansy den Stuhl zurecht, als sie sich setzte, dann sank auch er auf einen Stuhl.
Blaise und Theo hatten offensichtlich für sich und ihre Begleitungen schon Getränke besorgt.
„Wo sind Greg und Vince?", erkundigte Draco sich.
Blaise grinste.
„Guck mal da", sagte er und ruckte mit dem Kopf.
Draco schaute in die angegebene Richtung. Erstaunt stellte er fest, dass ihre beiden anderen Freunde immer noch tanzten. Greg und die Drittklässlerin schwiegen dabei, fast wirkten sie beide ein bisschen verlegen, und Vincent und Millicent... Sie redeten und lachten die ganze Zeit, während sie den klassischen Walzer tanzten, und immer, wenn sie aus dem Takt kamen, amüsierten sie sich besonders.
„Na da hat aber jemand Spaß", kommentierte Draco erstaunt.
Im nächsten Moment bemerkte er, dass es ein Fehler gewesen war, zur Tanzfläche zu schauen.
Grangers schimmerndes blaues Kleid stach ihm sofort ins Auge.
Auch sie tanzte immer noch mit Viktor. Dieser schien seine Augen nicht von ihr lassen zu können. Während er sie perfekt führte, sah er ihr ununterbrochen tief in die Augen.
Granger lächelte. Sie wirkte glücklich und redete immer wieder leise mit Viktor.
Es machte Draco wahnsinnig.
Es machte ihn wahnsinnig, wie sie die ganze Zeit zu ihm aufsah. Wie sein Blick über ihr Gesicht glitt, beinahe sanft, wie eine Berührung. Und erst recht machte ihn wahnsinnig, dass Viktor einen überanständigen Abstand zu ihr einhielt und seine eine Hand brav an ihrer Taille ruhte.
Rasch riss Draco seinen Blick von den beiden los.
„Und ihr braucht eine Pause vom Tanzen?", fragte er, eigentlich nur, um sich abzulenken.
„Oh, Blaise hat mir versprochen, gleich wieder mit mir zu tanzen", lächelte das Mädchen, das seine Tanzpartnerin war - Draco fiel erst jetzt auf, dass er ihren Namen gar nicht kannte. „Er ist einfach ein unglaublich guter Tänzer. Er hat mir erzählt, dass ihr alle schon früh Tanzkurse besucht habt. Das merkt man wirklich, großes Lob. Und Blaise hat eine so gerade Haltung beim Tanzen, so etwas habe ich bisher noch nie gesehen. Ich bin wirklich beeindruckt."
Ihre Freundin lachte leise. Erst jetzt bemerkte Draco, dass Theo und sie ihre Hände auf der Tischplatte miteinander verschränkt hatten.
„Ja, die vielen Bücher, die ich balancieren musste, müssen sich ja auch irgendwie auszahlen", lachte Blaise.
Seine Tanzpartnerin blinzelte verwirrt.
„Bücher balancieren?"
Blaise nickte.
„Ja. Ich musste als Kind immer mal wieder ein Buch auf dem Kopf balancieren, um meine Haltung zu verbessern."
„Das wusste ich gar nicht", sagte Draco. „Wieviele Minuten?"
„Minuten?", fragte Blaise verwirrt. „Den ganzen Tag."
Kurz herrschte verwirrte Stille am Tisch.
„Den ganzen Tag?", wiederholte Draco dann. Er war sich sicher, dass sie sich hier missverstanden.
„Ja", bestätigte Blaise. „Ich musste es von morgens bis abends schaffen, dass das Buch nicht herunter fällt."
Wieder war es still.
Dann lachte Blaise' Tanzpartnerin kurz und unsicher. „Das ist ein Scherz, oder?"
Blaise schüttelte den Kopf.
„Nein. Ich habe es aber ziemlich schnell hinbekommen." Blaise lachte flüchtig, sah dabei aber irritiert in die Runde. Offensichtlich verstand er nicht, warum ihn alle sprachlos anstarrten. „Ich meine, wenn ich es nicht geschafft habe, musste ich am nächsten Tag wieder von vorne anfangen, da hatte ich natürlich keine Lust drauf."
Sein Grinsen erstarb, als er ihre Gesichter sah.
„Was ist los?"
Draco sah, wie die beiden Durmstrang-Mädchen einen Blick miteinander tauschten.
„Blaise, das klingt furchtbar", sagte dann seine Tanzpartnerin.
„Furchtbar?", wiederholte Blaise. „Ich weiß nicht, ob das das richtige Wort ist. Meine Mutter wollte schließlich nur das Beste für mich."
Wieder tauschten die beiden Mädchen einen Blick.
Draco räusperte sich.
„Das klingt schon krass, Blaise", sagte er.
„Musstest du häufig solche Sachen machen?"
„Naja", meinte Blaise schulterzuckend. „Vernünftig Essen gelernt habe ich mit unter die Arme geklemmte Tagespropheten, damit die Arme vernünftig angewinkelt sind. Meinst du sowas?"
„Äh... ja", bestätigte Draco. „Sowas meinte ich."
Blaise blinzelte verwirrt.
„Musstet ihr das nicht machen?"
Allgemeines Kopfschütteln antwortete ihm.
„Wie alt warst du denn da?", erkundigte sich Theos Freundin.
„Weiß nicht. Sieben oder acht?"
„Das ist grauenhaft!", rief Theos Freundin aus und das andere Durmstrang-Mädchen nickte.
„Ach, jetzt übertreibt nicht", sagte Blaise, sichtlich verwirrt über ihrer aller Reaktion.
„Übertreiben?", wiederholte seine Tanzpartnerin. „Das klingt wirklich schlimm. Wie hast du dich denn damals dabei gefühlt?"
„Ähm... Naja, nicht so toll", gestand Blaise zögernd. „Wenn ich richtig darüber nachdenke, fand ich es ziemlich schrecklich."
Auch Draco war schockiert. Seine Eltern hatten immer darauf geachtet, dass er eine vernünftige Körperhaltung aufwies. Er musste beim Essen still und gerade sitzen und bei öffentlichen Veranstaltungen stets hoch aufgerichtet umhergehen. Aber so etwas wie Blaise...
„Aber ich dachte irgendwie, das sei normal", ergänzte Blaise.
„Puh, Blaise, ehrlich, ich finde es übel", gestand Draco.
Blaise schwieg nachdenklich.
In diesem Moment fiel Draco etwas auf.
Viktor stand alleine an der Bar, wo durch einen Zauber (vermutlich dank der Elfen) Getränke ausgegeben wurden. Es war dort viel los und er musste warten.
Dracos Blick glitt instinktiv über die Menge, suchte blauen Stoff.
Da war sie.
Sie redete mit Weasley und Potter.
Redete? Nein, das war keine normale Unterhaltung, das war eine hitzige Diskussion.
„Draco? Hörst du mir eigentlich zu?"
Draco lenkte mühsam seinen Blick auf Pansy, die ihn angesprochen hatte.
„Ja, natürlich", sagte er geistesabwesend und sah rasch wieder hinüber zu Granger und ihren Freunden.
Weasley und Granger bewegten sich heftig miteinander diskutierend aus der Halle, Potter folgte ihnen dichtauf.
„Bin gleich wieder da", informierte er die anderen am Tisch und beeilte sich, sich einen Weg durch die Menge zu bahnen.
„Draco!", rief Pansy vorwurfsvoll aus, aber er ignorierte sie.
Er hörte den Streit schon von Weitem.
Geschickt hielt er sich hinter ein paar Rüstungen und huschte in einen Nebengang, in dem er von Schatten versteckt wurde.
Niemand sonst hielt sich hier auf außer ihm und wenige Meter entfernt die drei Gryffindors - alle waren in der Halle und amüsierten sich.
„...ein Durmstrang!", schrie Weasley in diesem Moment. „Er kämpft gegen Harry! Gegen Hogwarts! Du... du... du verbrüderst dich mit dem Feind, das ist es!"
Draco zog überrascht die Augenbrauen hoch. Wieso, zur Hölle, reagierte Weasley so emotional?
„Du spinnst!", rief Granger aus. „Mit dem Feind! Also wirklich! Wer war denn so aus dem Häuschen, als die Durmstrangs hier ankamen? Wer wollte denn ein Autogramm von ihm und war neidisch auf Draco Malfoy, weil er Kontakt zu deinem hochverehrten Quidditchspieler hat?"
Das Gespräch schien ja sehr vielversprechend zu werden, dachte Draco amüsiert.
Aber dann fiel ihm etwas anderes auf.
Draco Malfoy.
Draco. Es war das erste Mal, dass er seinen Vornamen aus ihrem Mund hörte.
„Ich nehme an, er hat dich gefragt, als du alleine in der Bibliothek warst?", fragte Weasley, der offensichtlich nicht auf das eingehen wollte, was Hermine Granger gesagt hatte.
„Ja", antwortete sie hitzig. „Das hat er. Und?"
„Wie seid ihr ins Gespräch gekommen? Hast du versucht, ihn mit Belfer vollzuquatschen?"
„Nein!" Granger schrie beinahe. „Stell dir vor, er hat mich angesprochen. Er hat mir später auch erzählt, dass er wegen mir so viel in der Bibliothek war. Er wollte mich schon länger wegen des Balls fragen, aber dann hat ihn immer der Mut verlassen."
Draco staunte. Viktor hatte der Mut verlassen, ein Mädchen anzusprechen? Das konnte er sich einfach nicht vorstellen.
„Ja, das hat er dir erzählt", sagte Weasley gehässig.
„Was soll das denn schon wieder heißen?"
„Ist doch klar, oder? Er ist der Schüler von Karkaroff. Er weiß, mit wem du viel zu tun hast. Er will doch nur versuchen, näher an Harry ranzukommen - um einiges über ihn zu erfahren... Oder um nah genug heranzukommen, um ihn zu verhexen."
Draco zog empört die Luft ein, und das gleich aus zwei Gründen: Erstens war es eine bodenlose Frechheit, Viktor solche Dinge zu unterstellen. Und zweitens... Zweitens sagte Weasley damit eindeutig aus, dass Viktor kein wirkliches Interesse an Granger hatte. Das war genau genommen eine ziemliche verbale Ohrfeige, fand er.
Granger schien das ähnlich zu sehen, denn ihre Stimme zitterte bei der nächsten Antwort.
„Zufälligerweise hat er mir keine Frage über Harry gestellt, keine einzige..."
„Dann hofft er sicher, du hilfst ihm, das Eierrätsel zu lösen!", behauptete Weasley. „Ihr habt doch bestimmt in der Bibliothek die Köpfe zusammengesteckt..."
Draco verdrehte die Augen. Wenn Weasley wüsste, dass das gar nicht nötig war. Viktor hatte das Rätsel wunderbar durch Draco lösen können.
„Ich würde ihm niemals dabei helfen!", rief Granger empört aus. „Ich will, dass Harry das Turnier gewinnt - das weißt du doch, Harry, oder?"
„Komische Art, das zu zeigen", behauptete Weasley, ehe Potter den Mund aufmachen konnte.
„Der Sinn dieses Turniers soll sein, Zauberer und Hexen aus anderen Ländern kennen zu lernen und Freundschaften zu schließen!", sagte Granger schrill.
„Blödsinn, es geht allein ums Gewinnen!", schrie Weasley.
„Ron, es macht mir nichts aus, dass Hermine mit Krum zum Ball geht", mischte Potter sich vorsichtig ein.
Ron schnaubte unwirsch.
„Aber mir macht es etwas aus!", fauchte er. „Er ist ein Gegner, Punkt."
„Na schön, wenn es dir so viel ausmacht, dann weißt du ja, was du das nächste Mal zu tun hast!", keifte Granger.
„Ach ja, was denn?"
„Wenn das nächste Mal ein Ball ist, dann frag mich gleich und nicht als letzte Rettung!"
„Pff!", machte Weasley. „Du hast überhaupt nicht verstanden, worum es geht!"
Dann machte er auf dem Absatz kehrt und stürmte wieder in die Große Halle.
Draco war vollkommen erstarrt.
Es war verrückt. Er hatte es all die Jahre ernsthaft geglaubt - dass da etwas war, zwischen Potter und Hermine Granger. Granger hatte es immer abgestritten und er hatte es nie ernst genommen, aber anscheinend... war es die Wahrheit. Allerdings war da eindeutig irgendetwas zwischen Granger und Weasley. Draco konnte es nicht ganz greifen, aber er war sich sicher, dass Granger viel mehr verstanden hatte als Weasley.
„Tut mir leid, Hermine", hörte Draco Potter leise sagen. „Versuch trotzdem, den Abend zu genießen. Ich sage Krum, wo er dich findet. Bleib kurz hier und beruhig dich ja?"
Draco beobachtete, wie nun auch Potter in die Halle ging.
Granger drehte sich um, so dass sie nun mit dem Rücken zur Großen Halle stand und seitlich zu Draco.
Deutlich sah er, wie sie sich wütend mit dem Handrücken über die Wangen wischte, dann schniefte sie laut.
„Ach Mann, so eine Scheiße", sagte sie dann leise und klang traurig und verzweifelt dabei. Wieder wischte sie sich über die Wangen.
In diesem Moment wusste Draco - er musste mit Granger reden.
Ein rascher Blick Richtung Große Halle - Viktor war noch nicht zu sehen und auch ansonsten niemand.
Langsam trat er aus den Schatten.
Granger zuckte leicht zusammen, als sie seine Schritte hörte. Er sah, wie sie sich noch einmal gründlich über die Wangen wischte und nervös nach ihrer Frisur tastete, wie um sicherzugehen, dass sie noch saß.
„Hat Harry dich-" Granger brach ab, als sie sich zu ihm drehte und erkannte, dass er offensichtlich nicht Viktor war.
Er trat näher.
Genau genommen wusste er selbst nicht, was er von ihr wollte. Am liebsten wollte er ihr irgendetwas an den Kopf werfen, irgendetwas Gemeines.
Aber er konnte nicht.
Warum, war ihm nicht ganz klar. Vielleicht war es ein Zusammenspiel aus vielen Dingen; diesem wunderschönen Himmelkleid und der Tatsache, dass sie gerade geweint hatte. Vielleicht lag es auch an ihren tränennassen Augen und diesen hübschen dunklen Wimpern. Oder an der nackten Haut und der eleganten Frisur.
Aber vielleicht ging es noch tiefer. Denn vielleicht lag es auch an dem Duft von Rosen und Karamell. An hitzigen Diskussionen und sanften Neckereien. Oder an Besuchen im Krankenflügel und gemeinsamen Backen mit einem vorlauten Hauselfen.
„Das ist also dein Typ, ja?", hörte er sich selbst leise fragen. „Ich wusste nicht, dass du auf muskulös und dunkelhaarig stehst. Oder auf berühmte Quidditch-Spieler."
Er wollte ein abfälliges „Granger" hinter anhängen, aber es wollte nicht über seine Lippen kommen.
Draco Malfoy. Verflucht noch mal, sein Vorname aus ihrem Mund...
Sie holte tief Luft. Es wirkte nervös und ein bisschen unsicher.
„Ich stehe nicht auf berühmte Quidditch-Spieler", sagte sie. „Das hat damit überhaupt nichts zu tun."
„Aber der trainierte, dunkelhaarige Typ ist deins, ja?", fragte er und hörte selbst, dass es irgendwie fast beleidigt klang.
Ja, verdammt, es störte ihn! Es störte ihn, dass Viktor so offensichtlich optisch das genaue Gegenteil von ihm selbst war - dunkle Haare, dunkle Augen. Auch Draco selbst war mittlerweile sportlich-trainiert, aber nicht mal entfernt so stark muskulös wie Viktor.
„Wird das ein Verhör?", fragte sie spitz.
Er hätte sich mit ihr streiten können. Er hätte sie provozieren können.
Aus irgendeinem Grund wollte er das nicht.
„Nein", sagte er ruhig.
Überrascht sah sie ihn an und kurz schwiegen sie.
Dann gab sie sich offensichtlich einen Ruck.
„Ich muss zurück auf den Ball", sagte sie leise.
Ihre Blicke trafen sich. Zu lang. Zu intensiv.
„Natürlich", bestätigte er. „Viktor wartet."
Warum, zur Hölle, klang seine Stimme so merkwürdig dabei?
Sie schluckte.
„Parkinson wartet sicherlich auch", flüsterte sie und zu Dracos Überraschung schien es kurz wieder in ihren Augen feucht zu schimmern. Sie blinzelte, und der Eindruck verschwand.
Draco zuckte leicht mit den Schultern.
„Möglich."
Er sah kurz Überraschung in Grangers Augen aufblitzen. Einen Moment lang wirkte es so, als wollte sie noch etwas sagen, aber dann ging sie schweigend an ihm vorbei - viel zu dicht, wobei sie einen angenehmen Duft hinterließ, dezent, aber Draco mittlerweile so vertraut.
Wie durch einen inneren Zwang drehte er sich um und sah ihr nach, wie sie zurück zur Großen Halle ging.
Das Gefühl war da, ohne dass er irgendeinen Einfluss darauf hatte:
Ein Flattern in der Brust, gefolgt von einem sehnsuchtsvollen Ziehen. Da war ein Keim in ihm gesät worden - vermutlich schon vor viel längerer Zeit, als ihm bewusst gewesen war.
Und dieser hatte nun begonnen, zu sprießen.
Das, was da in ihm wuchs, war gefährlich. Es war nicht richtig. Es war so anders als das, was er bisher empfunden hatte.
Und er war verzweifelt und wütend und aufgeregt und noch viel mehr und alles irgendwie gleichzeitig.
In diesem Augenblick hatte er einen so schwachen Moment, dass er sich erlaubte, einen Gedanken zuzulassen:
Da geschah eindeutig etwas mit ihm, was sich nicht mehr aufhalten ließ.
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A/N: Ich habe mir erlaubt, hier zwei Gespräche zwischen Hermine und Ron zusammenzufassen und ein wenig abzuändern. Im Original streiten sie sich erst auf dem Ball an sich und dann noch einmal später im Gemeinschaftsraum. Da ich aber unbedingt wollte, dass Draco alle Infos bekommt, wurde bei mir ein Streit daraus. Und, ja, es wird nächstes Mal noch einen dritten Teil vom Ball geben - dann ist aber wirklich gut. :) Aber so eine besondere Situation muss ich Dramione-mäßig einfach ausschöpfen, tut mir leid. :)
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A Death Eater's Tale
FanfictionJeder kennt sie - die Geschichte vom Jungen, der überlebte. Auch Draco Malfoy muss in seinem Leben immer wieder feststellen, dass die Geschichte dieses Jungen Einfluss auf seine eigene Geschichte hat. Auch wenn er es anfänglich nicht bemerkt und spä...
