„Was zur Hölle hat sie vor?", murmelte er.
„Was? Wer?"
Blaise, der gerade von seinem Brötchen abbeißen wollte, sah sich verwirrt um.
Sie saßen beim Frühstück in der Großen Halle und Draco konnte nicht verhindern, dass er wieder einmal wie fremdgesteuert zum Gryffindor-Tisch blickte. Seit er vor fast zwei Wochen Grangers Hungerstreik bemerkt hatte, ertappte er sich immer wieder dabei, wie er überprüfte, ob sie aß - und, bei Merlin, das tat sie. Sie schaufelte das Essen immer regelrecht im Rekordtempo in sich hinein. Sie schien beim Essen schnell fertig werden zu wollen, um - auch das hatte er bereits herausgefunden - so viel Zeit wie möglich in der Bibliothek zu verbringen. Also, noch mehr Zeit, als sie es sowieso schon immer tat.
Draco fragte sich schon seit Längerem, was zur Hölle sie plante, denn dass sie etwas plante, fand er mehr als eindeutig.
Blöderweise war er so in Gedanken versunken gewesen, dass er seine Überlegungen laut ausgesprochen hatte.
Er bemerkte, wie Theos Blick zum Gryffindor-Tisch huschte, während Blaise sich immer noch fragend umsah.
„Ach, nichts", murmelte Draco.
Rasch senkte er seinen Blick wieder auf das Frühstück.
Er hatte wahrlich andere Probleme als Grangers Essgewohnheiten.
Die Schule hatte sie dieses Jahr alle fest im Griff. Die Lehrkräfte schienen ihnen noch mehr abzuverlangen als in den Jahren zuvor. Professor McGonagall rügte sie dafür, dass sie es nicht einmal schafften, einen Igel in ein Nadelkissen zu verwandeln. Professor Binns, der Geist, der Zaubereigeschichte unterrichtete, ließ sie gefühlt dutzende Male Aufsätze über die Koboldaufstände schreiben, und Snape bläute ihnen ein, wie man giftige Zaubertränke erkannte. Sie nahmen seinen Unterricht sehr ernst, denn er drohte immer wieder damit, dass er noch vor Weihnachten versuchen würde, im Unterricht einen von ihnen zu vergiften, um so endlich einen Lerneffekt bei der ganzen Klasse zu erzielen.
In Alte Runen mussten sie so viele Texte übersetzen, dass Draco manchmal noch abends an ihnen saß. Offensichtlich meinte Professor Babbling, sie hätten keine Freizeit nötig.
Am Schlimmsten aber war Verteidigung gegen die Dunklen Künste.
Draco, der das Fach seit der ersten Klasse gehasst hatte, hatte es im letzten Schuljahr tatsächlich als sein Lieblingsfach auserkoren - was natürlich Professor Lupin zu verdanken gewesen war.
Mit Moody war das Fach nun wieder die Hölle... Wenn auch aus einem anderen Grund als bisher.
In der Ersten war das Fach bei Quirrell einfach langweilig gewesen. In der Zweiten präsentierte Lockhart sich ihnen als Witzfigur.
Dann hatte Lupin einen so guten Job gemacht.
Und nun Moody...
Das Schlimme war, dass die ganze Schule Lupin überhaupt nicht zu vermissen schien. Sie feierten Moody, und an allen Ecken hörte Draco Mitschüler darüber reden, wie verdammt cool der neue Professor sei und dass er „es echt drauf hätte".
Draco und seine Freunde hatten sehr unter ihm zu leiden.
Irgendwie konnte Draco sich nun vorstellen, wie die Gryffindors sich mit Snape fühlten, der sie ständig übermäßig streng und, wenn man ehrlich war, auch unfair behandelte. Moody machte das gleiche mit ihnen.
Draco konnte nicht einmal sagen, dass Moody speziell die Slytherins hasste oder benachteiligte - es schien eine bestimmte Gruppe zu sein, zu der unter anderem auch Theo, Vincent, Gregory und Draco selbst gehörten.
Eigentlich war es logisch.
Moody war Auror. Sein Job war es, gegen Todesser vorzugehen.
Und Draco hätte seinen Rennbesen darauf verwettet, dass Moody wusste, wessen Väter sich nach dem Sturz von jenem, dessen Name nicht genannt werden darf damit herausredeten, dass sie unter dem Imperius gehandelt hatten. Mit großer Wahrscheinlichkeit wünschte dieser total Bekloppte sich, ihre Väter einbuchten zu können.
Während scheinbar alle den Unterricht bei ihm total spannend zu finden schienen, hatten sie unter besonders strengen Blicken und auch etlichen Seitenhieben zu leiden. Moody ließ keine Situation aus, um sie bloßstellen oder ihr Können besonders skeptisch zu beäugen.
Und die Unterrichtsinhalte waren mehr als fragwürdig.
Bereits in der ersten Stunde führte er ihnen die Unverzeihlichen Flüche vor. Eine Spinne, die er magisch vergrößerte, musste dafür herhalten. Während er die Spinne mit seinem normalen Auge beobachtete, behielt er mit seinem gruseligen, magischen Auge Draco und seine Freunde aufmerksam im Blick, fast so als wollte er testen, wie sie auf die Flüche reagierten.
Draco stellte fest, dass es nicht schön war, zu beobachten, wie die Spinne willenlos wie eine Puppe mit dem Imperio von Moody gelenkt wurde - und die Folter durch den Cruciatus und schließlich das Versterben der Spinne, nachdem Moody den Avada gesprochen hatte, war sehr gruselig, fand er.
Aber keiner von ihnen traute sich, Moody zu widersprechen oder in irgendeiner Form vorlaut zu werden. Draco hatte am eigenen Leibe erfahren, wozu dieser Wahnsinnige fähig war, und seine Freunde hatten es gesehen. Niemand von ihnen hatte Lust, von diesem merkwürdigen Lehrer misshandelt zu werden. Leider interessierte es die Schulleitung nämlich scheinbar gar nicht, was Draco angetan worden war, und Dracos Vater hatte ihm auf seinen Brief hin geantwortet, dass es bei Moody tatsächlich besser war, die Füße still zu halten und sich bedeckt zu halten.
Es schockierte Draco, dass sein Vater nicht gegen den Professor vorging. Schließlich hatte dieser ihn einfach verwandelt und dann schwer verletzt! Das war nicht vergleichbar mit dem, was der Hippogreif vergangenes Schuljahr getan hatte - es war ungleich schlimmer. Und damals hatte sein Vater sämtliche Hebel in Bewegung gesetzt.
Und dieses Mal? Füße still halten, Draco!
Tatsächlich hielten sie sich in Moodys Unterricht bedeckt. Sie ließen die Köpfe gesenkt, trauten kaum, sich zu bewegen, und widersprechen würden sie ihm erst recht nicht.
Moody humpelte griesgrämig durch die Reihen, jeder zweite Schritt ein unangenehmes „Tock". Mindestens einmal in jeder Stunde schnauzte er Draco und seine Freunde an, wobei er sich bedrohlich vor ihnen aufbaute.
Sie zogen dann stets einfach die Köpfe ein und hofften, dass der Unterricht schnell vorbei sein möge.
Und dann kam die Stunde, in der Moody den Imperio an ihnen ausführte.
Es war ein schreckliches Gefühl und Draco bezweifelte, dass die Schulleitung wusste, was dieser Irre tat.
Einen der Unverzeihlichen an Schülern ausprobieren, also wirklich!
Es war wirklich grauenhaft.
Kaum, dass Moody den Imperio auf ihn gelegt hatte, war Draco vollkommen willenlos. Zwar fühlte er sich irgendwie leicht und so, als sei sein Kopf mit Watte gefüllt, aber irgendetwas in seinem Geist wehrte sich gegen die Stimme in seinem Kopf, die ihm anordnete, auf einen Stuhl zu steigen und Kniebeuge zu machen.
Auf unangenehme Weise erinnerte ihn der Kontrollverlust an seine Frettchen-Verwandlung, und dies war kein schönes Gefühl.
Sie sollten gegen den Imperio ankämpfen, aber Draco schaffte es nicht, so wie auch sonst niemand aus dem Kurs.
In seinen Augen hatte die Schule einen Wahnsinnigen eingestellt.
Es gab dieses Schuljahr also kaum Fächer, auf die er sich freute.
Arithmantik, was sie heute als erstes Fach hatten, gehörte allerdings dazu.
Professor Vector machte klaren, strukturierten Unterricht. Sie war streng und irgendwie unnahbar, schien sich auch nicht sehr für die Schülerinnen und Schüler zu interessieren, aber sie vermittelte das Wissen gut. Es war ein schweres Fach - daher hatten es auch so wenige belegt - aber Draco mochte es, auch ab und an seinen Kopf ein wenig mehr anzustrengen.
Also machte er sich nach dem Frühstück auf zu Arithmantik, zusammen mit Blaise, Theo, Pansy und Millicent.
Genau wie im vergangenen Schuljahr saß Draco in den frontal ausgerichteten Sitzreihen auch jetzt an dem Tisch direkt hinter Granger.
Er hasste es, ihren Hinterkopf anstarren zu müssen. Konnte sie, verdammt noch mal, nicht wenigstens diese Katastrophe von wilden Locken zusammenbinden oder so? Damit er diesen Busch nicht so extrem vor Augen hatte?
Sie machte ihn furchtbar wütend und er verstand selber nicht so richtig, warum.
Die ganze Stunde über lenkte es ihn ab, wie sie ihr Haar nach hinten strich, wie sie Locken um den Finger wickelte. Lehnte sie sich nach hinten, berührten ihre Locken beinahe seine Tischplatte.
Vielleicht sollte er ihr eine verfluchte Haarspange oder so etwas schenken, damit sie dieses Doxynest endlich unter Kontrolle brachte und es ihn nicht mehr ablenkte?
Draco hatte den Eindruck, ihr Haar sei noch glänzender als im vergangenen Schuljahr. Es sah wirklich sehr weich aus. Warum sie es wohl immer so ungebändigt trug? Hielt sie etwa nichts von den Idealen der anderen Mädchen? Sie frisierte ihr Mähne offenbar nie.
Zum wiederholten Male fragte er sich, wie ihr Haar sich wohl anfühlte.
Und als die Hälfte der Stunde rum war, sie gerade alle konzentriert Berechnungen aufstellten, und Vector durch die Reihen ging, ergriff er die Chance, obwohl er wusste, dass er etwas vollkommen Blödsinniges tat: Er beugte sich leicht vor und berührte ihr Haar.
Vorsichtig spielte er mit den Enden der Locken, die sich mindestens genauso weich anfühlten, wie sie aussahen.
Ein rascher Blick zeigte ihm, dass niemand bemerkte, was er tat.
Sein Herz schlug so heftig in seiner Brust, als er vorsichtig eine Locke um seinen Finger wickelte, dass er befürchtete, jemand könnte es verräterisch klopfen hören.
Nun, Granger hörte es sicherlich nicht, aber sie musste wohl die Berührung an ihrem Haar gespürt haben, denn sie hob irritiert den Kopf von ihren Aufzeichnungen.
Rasch ließ Draco die Locke los.
Langsam drehte Granger sich zu ihm herum. Scheinbar war sie selber nicht sicher, ob sie sich eine Berührung eingebildet hatte.
Es war zu spät, um so zu tun, als würde er den Unterrichtsstoff mitschreiben wie alle anderen.
„Was?"
Er fragte es nicht wirklich, er bewegte nur die Lippen, um die Professorin nicht auf sich aufmerksam zu machen, und sah sie bewusst herausfordernd an.
Ihre Lippen öffneten sich leicht - sein Blick senkte sich instinktiv auf sie - und es schien, als wollte sie etwas sagen, überlegte es sich dann aber eindeutig anders.
Draco atmete aus, als sie sich wieder nach vorne drehte.
DU LIEST GERADE
A Death Eater's Tale
FanfictionJeder kennt sie - die Geschichte vom Jungen, der überlebte. Auch Draco Malfoy muss in seinem Leben immer wieder feststellen, dass die Geschichte dieses Jungen Einfluss auf seine eigene Geschichte hat. Auch wenn er es anfänglich nicht bemerkt und spä...
