Erkenntnis und Niederlage

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Langsam schob Draco das Buch ins Regal zurück und beobachtete nebenher, wie Hermine Granger, vollkommen vertieft in die Buchtitel, langsam in seine Richtung kam.
Er drehte sich kurz um, zu dem Tisch, an dem Theo, Blaise, Greg und Vincent saßen und über Lektüre brüteten. Keiner von ihnen schenkte Draco Beachtung.
Draco sah wieder zu dem Mädchen, das beträchtlich näher gekommen war, immer noch mit leicht schräg gelegtem Kopf die Buchrücken betrachtend.
Schmunzelnd lehnte er sich seitlich ans Bücherregal und verschränkte die Arme vor der Brust.
Nun beugte sie sich etwas herab und schlich in leicht gebückter Haltung weiter, die Augen wurden vor Konzentration zu schmalen Schlitzen.
Es kam, wie es kommen musste: Sie stieß mit dem Kopf gegen Dracos Brust.
Erschrocken richtete sie sich auf und starrte ihn an.
„Oh, tut mir leid, ich-"
Sie brach ab, als sie ihn erkannte.
„Du hast nicht aufgepasst, schon klar", grinste er und machte damit eine Anspielung auf ihre erste Begegnung im Zug.
„Ähm... ja", bestätigte sie und wieder einmal zierte leichte Röte ihre Wangen.
Draco, immer noch lässig an das Regal gelehnt, grinste noch breiter.
Da sah er am Ende des Ganges Adrian und Marcus vorbeigehen.
Adrian war in ein Buch vertieft, aber Marcus sah in seine Richtung.
Draco hob rasch die Hand zum Gruß. Deutlich sah er, wie Marcus kurz stockte, Hermine Granger einer intensiven Musterung unterzog und erst dann die Hand hob, um flüchtig zurück zu grüßen.
„Und, hast du dich schon gut in Hogwarts eingelebt?", fragte er.
„Nun... ja", antwortete sie. „Ich denke ja. Und du?"
„Auf jeden Fall", meinte er. „Der Unterricht ist bisher aber ziemlich leicht, finde ich."
Sie lächelte.
Ein sehr sympathisches Lächeln, schoss es ihm durch den Kopf.
„Das finde ich auch", bestätigte sie. „Ich helfe deshalb ein paar anderen Kindern aus meinem Jahrgang, die ein wenig Unterstützung brauchen."
„Nett von dir", sagte Draco und er meinte es ehrlich.
Wieder lächelte sie und beinahe verlegen strich sie sich eine ihrer Locken hinter das Ohr.
Gerade schien sie noch etwas sagen zu wollen, als man eine Stimme auf der anderen Seite des Regals hörte.
„Hermine? Hermine?"
„Oh! Ja! Ich komme gleich!"
„Hast du das Buch gefunden, was wir brauchen?"
Draco war sich ziemlich sicher, die Stimme erkannt zu haben, konnte sich aber nicht vorstellen, dass diese Person tatsächlich so nett mit Hermine Granger redete.
„Noch nicht. Ich komme gleich, Harry."
Draco spürte, wie seine Miene sich verdüsterte.
„Harry?", wiederholte er leise. „Harry Potter?"
„Ähm... ja", bestätigte sie. „Hör zu-"
„Hilfst du etwa auch Potter?", unterbrach Draco sie und spie den Namen aus wie etwas Ungenießbares.
„N... nein. Von Helfen kann nicht direkt die Rede sein. Wir arbeiten viel zusammen. Also er, Ronald und ich. Und, naja, eigentlich verbringen wir seit Halloween auch so viel Zeit miteinander."
Draco blinzelte.
„Moment mal", sagte er. „Waren es nicht Potter und Weasley, die dich bisher immer eher nicht so nett behandelt haben? Willst du mir etwa sagen, du bist mit denen jetzt befreundet?"
„Ja, irgendwie schon. Wir haben an Halloween ganz schön was zusammen durchgemacht. Naja, dann hat es sich einfach so ergeben."
„Aha", machte Draco tonlos.
Wieso, zur Hölle, gab sich ein intelligentes und nettes Mädchen wie Hermine Granger mit dem arroganten Potter und dem dämlichen Weasley ab?
Noch dazu, wo diese sie so schrecklich behandelt hatten?
„Lange Geschichte", sagte sie und lachte verlegen. „Ich geh erstmal wieder zu ihnen, ja? Man sieht sich."
„Ja", murmelte Draco und sah ihr nach, wie sie hinter dem Regal verschwand.


Das erste Quidditschspiel der Saison rückte immer näher. Slytherin würde gegen Gryffindor spielen und alle waren Tage vorher schon in heller Aufregung.
Draco hatte seinen Kopf fast nur noch bei dem anstehenden Spiel, denn er war schon unfassbar gespannt, wie die Jungs sich in einem echten Spiel machten, bisher hatte er sie ja nur beim Training gesehen.
Als Marcus Flint ihn eines Tages den muskulösen Arm um die Schultern legte und mit ihm reden wollte, hatte Draco keine Ahnung, worum es gehen könnte, schließlich war auch Marcus in der letzten Zeit fast nur noch mit Quidditch beschäftigt gewesen und Draco konnte sich nicht vorstellen, dass es darum gehen sollte.
Ging es auch nicht, wie sich herausstellte.
Marcus hatte ihn auf dem Weg in den Kerker abgefangen, als Draco zufällig alleine von der Jungentoilette zum Zaubertrankunterricht gehen wollte.
„Ich muss kurz mit dir reden", sagte er, ruhig und freundlich, und zog ihn, den Arm immer noch um die Schultern, in eine ruhige Ecke.
„Ja?", fragte Draco und sah zu dem älteren Jungen auf, der ihn um mehrere Köpfe überragte.
„Es geht um dieses Mädchen, mit dem du ab und zu redest."
Draco starrte verständnislos und schwieg, während seine Gedanken rasten.
Welches Mädchen?
„Die kleine Gryffindor", spezifizierte Marcus, als er seinen verwirrten Blick bemerkt hatte. „Ich habe euch kürzlich zusammen in der Bibliothek gesehen, habe mich dann so nebenbei mal umgehört und mitbekommen, dass auch andere dich mal mit ihr gesehen haben. Du triffst dich mit ihr?"
„Ich... ähm... nein. Wir haben uns im Zug kennen gelernt und hier in Hogwarts dann immer zufällig getroffen. Naja, außer im Unterricht natürlich."
Draco wusste immer noch nicht, worauf das ganze hinauslaufen sollte.
„Hm, ok. Was weißt du über sie?"
Draco blinzelte.
„Nicht viel", antwortete er. „Sie heißt Hermine Granger und ist in Gryffindor. Aber das ist ja offensichtlich."
Den letzten Satz sagte er mit einem leichten Lachen in der Stimme.
Marcus grinste daraufhin flüchtig, aber es wirkte nicht so ungezwungen wie sonst und seine Augen blieben ernst, während sein Blick aufmerksam über Dracos Gesicht huschte.
Aus einem Grund, den Draco sich selbst nicht erklären konnte, schlug sein Herz schneller als gewöhnlich. Marcus' Verhalten machte ihn irgendwie nervös.
„Mehr weißt du nicht über sie?", hakte Marcus nach.
Draco dachte, dass er über sie wusste, dass sie klug war und Bücher mochte. Dass ihre Zähne ihn an Theo erinnerten und sie ihm dadurch irgendwie sympathisch war. Dass ihre Sommersprossen lustig waren und zu ihrem Gesicht passten, ihm ihre wilden Locken viel besser gefielen als die ordentlichen Frisuren der Mädchen, die er vor Hogwarts gekannt hatte. Und dass sie ein schönes Lachen hatte.
Aber das alles war nichts, was er vor Marcus erwähnen wollte.
„Nein", sagte er daher.
Marcus nickte und wirkte fast erleichtert, fand Draco.
„Habe ich mir fast gedacht", sagte er. „Hätte mich auch gewundert, wenn du das bewusst gemacht hättest."
„Was bewusst gemacht hätte?", hakte Draco nach. „Ehrlich, Marcus, du sprichst in Rätseln."
„Du hättest dich nie mit jemandem wie ihr abgegeben, wenn du es gewusst hättest, das meine ich."
„Was?", fragte Draco, immer noch nicht klüger. „Wie, mit jemandem wie ihr?"
Marcus holte tief Luft.
„Draco, ich gebe dir jetzt einen gut gemeinten Rat. Bevor du in Zukunft mit jemandem Kontakt hast, solltest du dich vorher erkundigen, wie es um den Blutstatus der Person bestellt ist, ok?"
Draco fühlte die Erkenntnis irgendwo am Rande seines Bewusstsein anklopfen, aber so ganz war sie noch nicht greifbar.
„Um den Blutstatus?"
„Ja, Draco. Du weißt sicher, dass einige Zaubererfamilien besser sind als andere, oder nicht?"
„Natürlich", bestätigte Draco.
„Und du willst dich doch nicht mit denen abgeben, die den falschen Blutstatus haben?"
Draco schwieg.
„Du meinst...", murmelte er dann, immer noch nicht ganz sicher, ob er wusste, worauf Marcus hinauswollte.
„Draco, dieses Gryffindor-Mädchen ist ein Schlammblut."
Es war ein Gefühl, als hätte man ihm vollkommen unerwartet einen eiskalten Eimer Wasser über den Kopf gegossen.
Einerseits, weil seine Eltern ihm eingeprägt hatten, dieses Wort nicht in Hogwarts zu verwenden, auch wenn sie es Zuhause selbst ständig taten, und Marcus es so selbstverständlich benutzte, andererseits, weil ihm das Ausmaß des Ganzen bewusst wurde.
Aus großen Augen starrte er Marcus an.
Dieser grinste flüchtig.
„Nun schau mich nicht an wie ein verschrecktes Kaninchen. Du wirst deine Konsequenzen daraus ziehen, oder?"
„Ja!", kam es aus Draco geschossen. „Ja, natürlich!"
„Na siehst du. Aber merk es dir für die Zukunft, Kleiner: Bevor du dich mit jemandem abgibst, hör dich um, ob es nicht ein Schlammblut oder ein Blutsverräter ist."
„Ich... ja, ja natürlich", stotterte Draco und ergänzte dann: „Oh Merlin, wenn mein Vater davon erfährt..."
„Draco, beruhige dich. Er muss es ja nicht erfahren. Du hast nicht aufgepasst, du hast dir nichts dabei gedacht. Jetzt weißt du es und wirst sie meiden, oder nicht?"
„Selbstverständlich!", beeilte sich Draco zu sagen und merkwürdigerweise spürte er dabei, wie sich sein Herz kurz zusammenzog. „Ich würde nie... Marcus, du musst mir glauben..."
„Ich glaube dir. Ich sehe, dass deine Reaktion echt ist, du bist wirklich geschockt. Und es hat ja auch sonst kaum jemand mitbekommen. Du hast nichts zu befürchten, Draco."
„Ok", sagte Draco und versuchte, sich wieder zu beruhigen. „Danke, Marcus."
Die Zuneigung und Dankbarkeit, die er in diesem Moment für Marcus empfand, war nicht mit Worten zu beschreiben.
Nicht auszudenken, was gewesen wäre, hätte Marcus es im Manor gemeldet oder unter den anderen Slytherins herumerzählt!
„Kein Ding. Wir sind Slytherins, wir halten zusammen, schon vergessen?"

A Death Eater's Tale Geschichten, die süchtig machen. Entdecke jetzt