Draco saß auf einer der Bänke in der Nähe eines Nebeneingangs des Schlosses.
Eigentlich durfte er nicht hier sein, wegen der Dementoren, aber derzeit war es gerade deshalb außerhalb des Schlosses viel ruhiger als sonst und man hatte hier daher so gut die Möglichkeit, sich ohne neugierige Blicke zu treffen.
Denn das war es, was er hier wollte - sich mit seiner Freundin treffen.
Er verstand mittlerweile nur zu gut, warum Blaise sich andauernd mit Anastasia heimlich irgendwohin schlich. In einem Internat war es nun einmal schwierig, sich Privatsphäre zu verschaffen und gerade was sexuelle Aktivitäten anging, hatten die Lehrkräfte allesamt Argusaugen.
Also wartete er auf Lynn, die sicher jeden Moment kommen würde.
Es war kühler geworden, der Herbst, der sich bisher zurück gehalten hatte, schien nun sein Recht einzufordern. Die Zeit verging irgendwie unglaublich schnell, was aber eigentlich nicht verwunderlich war, denn Draco hatte dieses Schuljahr einen sehr eng gesteckten Plan: Er hatte vormittags und nachmittags Schule, danach trainierte er häufig mit Blaise und Theo im Trainigsraum der Slytherins, er ging viel am See joggen, um sich fit zu halten, besuchte ab und zu Kanja, hatte Quidditch-Training, wollte seine Freundin so oft wie möglich sehen und mit seinen Freunden wollte er manchmal auch einfach nur entspannen, wozu er aber fast gar nicht kam. Eigentlich hätte er auf irgendetwas der vielen Dinge verzichten müssen, aber das wollte er einfach nicht.
Also wartete er nun auf Lynn, obwohl er noch einen Aufsatz für Zauberkunst fertig machen musste und seine Astronomie-Hausaufgaben bis zur nächsten Stunde beendet sein müsste.
Um sich die Zeit zu vertreiben, hatte Draco sein Notizbuch aus der Umhängetasche gezogen und zeichnete aus Langeweile eine Schlange. Er war mittlerweile so geübt, dass es ihm leicht von der Hand ging. Auch zum Zeichnen würde er eigentlich gerne viel häufiger kommen, und er arbeitete konzentriert an den Details der Schlange.
Aber in diesem Moment lenkte ihn etwas ab.
Eine Ratte huschte nur wenige Meter von ihm entfernt mit einer rasanten Geschwindigkeit dahin. Eine auffallend fette Ratte.
Genau in dem Moment, in dem er erkannte, dass Weasleys dämliches Vieh war, wurde ihm klar, warum die Ratte es so eilig hatte - sie wurde verfolgt von einem roten Schatten.
Knieselchen holte schnell auf und wirkte vollkommen auf das kleine Tier vor sich fixiert - fast meinte Draco eine grimmige Entschlossenheit auf dem Gesicht des Kniesel-Mix' zu sehen.
Er war sich sicher, dass Knieselchen die Ratte bekommen würde, aber er irrte sich. In letzter Sekunde schaffte das dämliche Vieh es, in einem etwas breiteren Riss im Mauerwerk zu verschwinden. Knieselchen starrte den Riss regelrecht wütend an, sein löwenähnlicher Schwanz peitschte zornig hin und her.
„Die dämliche Ratte wird durch das Mauerwerk irgendwie ins Schloss kommen, Knieselchen."
Knieselchens Kopf ruckte sofort zu Draco, als dieser gesprochen hatte. Er warf einen letzten, vernichtenden Blick auf das Mauerwerk, in dem die Ratte verschwunden war, und stolzierte dann auf seinen krummen Beinchen zu Draco.
„Hallo mein kleiner Freund", grinste Draco und Knieselchen warf sich zu seinen Füßen zu Boden und begann sich zu kugeln und zu wälzen, wobei er immer wieder genießerisch die Beine lang machte.
Draco lachte.
„Du bist wirklich ein witziges Tier", stellte er amüsiert fest.
Da er immer noch sein Notizbuch und den Stift in der Hand hielt, kam ihm eine Idee.
„Warte mal... Ich werde dich zeichnen. Ich brauche schließlich auch nach Hogwarts eine Erinnerung an dich, nicht wahr?"
Er schlug die nächste Seite auf und begann zu zeichnen, während Knieselchen zu seinen Füßen auf dem Rücken liegen blieb. Er rührte sich nicht, starrte zu Draco herauf, lediglich seine Schwanzspitze zuckte aufgeregt.
Draco zeichnete so schnell wie möglich, da er nicht wusste, wie lange Knieselchen ihn mit seiner Anwesenheit beehrte.
Aber seine Hast war unnötig, der Kater-Kniesel-Mix blieb geduldig zu Dracos Füßen liegen, nur ab und zu hob er träge eine Pfote und tippte damit gegen Dracos Hosenbein, wobei er die Krallen nicht ausfuhr.
Draco schaffte es, eine detailgetreue Skizze anzufertigen.
„Sieh mal. Was sagst du?"
Er hielt Knieselchen das aufgeschlagene Buch hin und das Tier begutachtete das Ergebnis, das hässliche Gesicht zeigte dabei keine Regung.
„Bisher hat kaum jemand meine Zeichnungen gesehen, du kannst dich also geehrt fühlen", grinste Draco und drehte das Buch wieder in seine Richtung.
„Ich habe bisher schon recht viel gezeichnet...", murmelte er, mehr zu sich selbst, als er in dem Buch blätterte.
Knieselchen sprang zu ihm auf die Bank und einen Augenblick bildete Draco sich ein, er würde interessiert ins Buch schauen, aber das war unmöglich, weder Kater noch Kniesel interessierten sich vermutlich für Kunst. Vermutlich! Ganz sicher konnte Draco sich da nicht sein.
Er fand so viel, was er schon länger nicht angesehen hatte - die Wasserschlange, den Basilisken, den Schnatz, die Slytherin Quidditch-Uniform...
Zögernd schlug er auch die Seiten auf, die er andauernd vermied, anzusehen.
Hermine Granger.
Seine erste Zeichnung von ihr. Dann die Zeichnung im Sommer, im Buchladen, als sie diese kurze Hose getragen hatte und ihm zum ersten Mal an ihren beginnenden Rundungen aufgefallen war, dass sie ein Mädchen war, dass sich körperlich entwicklte. Draco biss sich auf die Unterlippe. Die Zeichnung aus Professor Binns Unterricht, bei der Greg und Vince ihn beobachtet hatten. Dann Grangers Augen, die er im Winter gezeichnet hatte, mit den Schneeflocken in den Wimpern. Seine Wangen wurden warm, als er daran dachte, wie sie damals dagestanden hatte, eingeklemmt zwischen ihm und dem Schneemann. Jetzt, da er älter war und eine Freundin hatte, bekam diese merkwürdige Situation für ihn plötzlich eine ganz andere Bedeutung. Sie waren sich so nahe gewesen... Ob sie schon viel rumgeknutscht hatte? Hatte sie überhaupt schon einen Jungen geküsst? Draco hatte sie noch nie bei so etwas gesehen, was aber nichts zu bedeuten hatte. Vielleicht machte sie so etwas nur heimlich. Draco war sich so lange sicher gewesen, dass sie in Potter verknallt war, aber vielleicht irrte er sich ja doch?
Er bemerkte, dass Knieselchen neben ihm leise zu schnurren begonnen hatte. Als er ihn ansah, stellte er fest, dass der Kniesel-Mix Grangers Zeichnung anstarrte.
„Die Ratte, die du gejagt hast, gehört einem ihrer Freunde, weißt du?", fragte Draco das Tier geistesabwesend.
Und dann sah er, wie der Kater die Pfote hob.
„Oh, nein, nicht-", begann Draco, der befüchtete, Knieselchen könnte mit seinen Krallen Seiten zerreißen.
Aber er brach ab, denn er irrte sich.
Der rote Kater tippte kurz, beinahe sanft, und sehr vorsichtig mit der Pfote gegen die Zeichnung von Hermine Granger.
Aus irgendeinem Grund musste Draco schmunzeln.
„Oh, da fällt mir etwas ein", murmelte er und legte das Buch aufgeschlagen neben sich auf die Bank.
Er kramte aus seiner Umhängetasche eine Packung der Leckerlies hervor, die er für Knieselchen gekauft hatte. Wieder einmal überlegte er, wem der Kater wohl gehörte und wie sein richtiger Name war. Den hätte Draco tatsächlich gerne gewusst. Eigentlich fand er es blöd, das Tier immer Knieselchen zu nennen, er hätte es lieber mit seinem richtigen Namen angesprochen. Andererseits hatte er sich schon an den Spitznamen Knieselchen gewöhnt.
Der Kniesel-Mix betrachtete interessiert die knisternde Tüte.
„Na, da bin ich mal gespannt, ob du auf diese Dinger wirklich so versessen bist...", murmelte Draco und riss die Tüte auf.
Die Reaktion war eindeutig und kam sofort.
Knieselchens Pupillen schienen sich zu weiten, die Schnurrhaare zuckten.
Und im nächsten Moment hatte Draco alle Hände voll damit zu tun, das Tier daran zu hindern, den Kopf vollständig in die Tüte zu zwängen und alle Leckerlies auf einmal zu inhalieren.
„Langsam, Kleiner", lachte er amüsiert und versuchte, dem gierigen Kniesel-Mix jedes Stück einzeln zu geben.
Schon nach wenigen Sekunden war die Tüte leer gefuttert.
In diesem Moment nahm Draco eine Bewegung aus dem Augenwinkel wahr.
Es war Lynn, die sich näherte.
Hastig klappte Draco das Buch, das neben ihm lag, zu und verstaute es tief in seiner Umhängetasche, die neben ihm auf der Bank lag.
Knieselchen sprang von der Bank und machte einen Buckel.
„Hey", sagte Lynn zu ihm und dann, mit einem angewiderten Blick auf Knieselchen: „Da ist ja schon wieder dieses hässliche Vieh."
Knieselchen fauchte.
„Setz dich", forderte Draco seine Freundin auf.
Lynn ließ sich neben ihn sinken, ohne den Kater aus den Augen zu lassen.
„Ich glaube, der mag mich nicht."
„Ach Quatsch." Draco bückte sich und hob Knieselchen vorsichtig hoch, der sich dies widerstandlos gefallen ließ. „Lass ihn mal an deiner Hand schnüffeln, er muss dich bestimmt nur kennen lernen."
Zögernd hob Lynn die Hand - und quiekte im nächsten Moment auf, als der Kniesel-Mix sofort nach ihr schlug.
Daraufhin sprang das Tier von Dracos Schoß und stolzierte auf irgendwie beleidigte Art und Weise davon.
„Was ist das für ein blödes Vieh?", schimpfte Lynn.
„Tut mir leid", sagte Draco ehrlich. „Zeig mal deine Hand."
Lynn wurde sofort wieder versöhnlich, als Draco sanft ihre Hand in seine nahm und die Schramme begutachtete, die Knieselchen ihr verpasst hatte.
Draco zog seinen Zauberstab und wandte einen einfachen Heilzauber an, so dass der Kratzer sich schloss.
„Danke", sagte Lynn leise und als er sie ansah, ohne ihre Hand loszulassen, traf ihn ihr verliebter Blick.
„Kein Ding", murmelte er und senkte seinen Blick auf ihre Lippen.
Nur Sekunden später saßen sie knutschend auf der Bank. Sie waren noch keine zwei Wochen zusammen, nutzten aber jede - leider nicht so häufige - Gelegenheit, um sich zu küssen.
Draco liebte das. Er liebte es, wie seine Freundin in seinen Armen immer ganz weich wurde. Wie sie beim Küssen varrierten zwischen sanft und leidenschaftlich. Und wie sie sich ausprobierten, vorsichtig den Körper des jeweils anderen über der Kleidung ertasteten.
Ab und an war er ihr dabei schon so nah gewesen, dass ihn das Herumgeknutsche ganz verrückt gemacht hatte. Er verstand jetzt, dass Blaise einmal gesagt hatte, dass auch Küssen verdammt heiß sein konnte und er sich ständig selbst Abhilfe verschaffen musste. Das musste Draco in letzter Zeit auch immer häufiger.
Auch jetzt fühlte er wieder einmal ein erregendes Kribbeln im Körper, während er seine Freundin küsste. Er zog sie auf seinen Schoß, was sie sich widerstandlos gefallen ließ. Draco zog sie nah an seinen Körper. Es fühlte sich beinahe verboten gut an.
Schritte ließen sie zusammen zucken.
Sie reagierten schnell.
Lynn stand auf, Draco schnappte seine Umhängetasche, und sie hasteten hinter die Bank und dann zu den steinernen Wächtern, die rund um Hogwarts positioniert waren. Hinter einer der Steinfiguren drückten sie sich ans Mauerwerk, damit man sie nicht sah.
Gerade noch rechtzeitig, denn in diesem Moment bog die Person um die Ecke, dessen Schritte sie gehört hatten.
Es war Professor Lupin.
Der Professor schlenderte über das Gelände, es sah aus, als würde er einfach einen Spaziergang machen, aber er wirkte nachdenklich, ein wenig unruhig und besorgt.
Draco jedenfalls war froh, dass sie sich versteckt hatten, denn auch wenn Lupin ein toller Lehrer war, war er aber eben genau das - ein Lehrer, und sicherlich hätte auch er sie dafür gerügt, dass sie sich ohne Erlaubnis und ohne Aufsichtsperson trotz der Dementoren auf dem Gelände herumtrieben.
Lupin entfernte sich und Draco atmete erleichtert aus.
Es war Zufall, dass sein Blick auf die Rückseite des steinernen Ritters fiel und sein Herz einen Hüpfer machte, als er an der Figur ein eingemeißeltes Zeichen sah.
Bei Merlin, es war kaum möglich! Er hatte das Rätsel, was ihn so lange beschäftigt hatte, durch einen Zufall tatsächlich gelöst!
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A Death Eater's Tale
Fiksi PenggemarJeder kennt sie - die Geschichte vom Jungen, der überlebte. Auch Draco Malfoy muss in seinem Leben immer wieder feststellen, dass die Geschichte dieses Jungen Einfluss auf seine eigene Geschichte hat. Auch wenn er es anfänglich nicht bemerkt und spä...
