Der Artikel erschien wenige Tage, nachdem der Unterricht wieder begonnen hatte.
Tatsächlich war Draco zwar irgendwie klar gewesen, dass Kimmkorn irgendetwas mit seinen Worten anfangen würde, sie für was auch immer nutzen würde - eine Reporterin stellte schließlich nicht umsonst Fragen. Aber er hatte nicht damit gerechnet, dass er namentlich erwähnt und sogar wortwörtlich zitiert wurde.
Womit er ebenfalls nicht gerechnet hatte, war, dass ein so langer Artikel nur über den Wildhüter erscheinen würde - und dass er ein Geheimnis gehütet hatte, das Draco nicht für möglich gehalten hatte.
Hagrid war ein Halbriese.
Draco hatte keine Ahnung, wie Kimmkorn das herausfinden konnte, aber die Tatsache schockierte ihn. Riesen waren bekanntlich gefährlich und neigten dazu, schnell gewalttätig zu werden. Und so etwas wurde auf sie losgelassen!
„Eigentlich nicht verwunderlich", stellte Theo ruhig fest. „Ich meine, welcher normale Mensch ist so riesig?"
Jedenfalls waren sie nun unfassbar gespannt auf ihre erste Stunde Pflege magischer Geschöpfe im neuen Jahr; wie würde Hagrid reagieren? Würde er es sogar abstreiten, wenn man ihn darauf ansprach? Es leugnen?
Draco stopfte sicherheitshalber den Artikel in seine Schultasche, ehe sie sich auf den Weg zu Hagrids Hütte machten.
Dort trafen sie allerdings nicht den Halbriesen an, sondern eine ältere Hexe mit kurz geschorenem grauem Haar, einem spitzen Kinn und energischer Ausstrahlung.
Sie stellte sich ihnen als Vertretungslehrerin vor und fragte dann barsch, wo die Gryffindors seien, woraufhin Draco und die anderen Slytherins nur mit den Schultern zuckten.
Knapp fünf Minuten später kamen die Gryffindors als unkoordinierter, lauter Haufen durch den Schnee gestapft. Als sie die Vertretung sahen, wurden sie allerdings ruhiger.
„Wer sind Sie?", fragte Weasley und starrte die Hexe an. „Und wo ist Hagrid?"
„Ich bin Professor Raue-Pritsche", stellte sie sich nun auch den Gryffindors vor. „Die Vertretungslehrerin. Ihr seid fünf Minuten zu spät zum Unterricht gekommen. Das kommt nicht noch mal vor, sonst gibt es Punkte Abzug!"
„Wo ist Hagrid?", wiederholte Potter laut.
Draco sah hinüber zur Hütte des Wildhüters. Die Vorhänge waren zugezogen, alles wirkte dunkel. Er bekam eine Ahnung, was los war.
Leise musste er lachen, woraufhin Potter ihm einen bösen Blick zuwarf.
„Er fühlt sich nicht wohl", antwortete die Vertretung knapp.
Potters Blick schnappte kurz zu Hagrids Hütte.
„Kommt mit, bitte", ordnete Raue-Pritsche an und führte sie an der Koppel mit den Beauxbatons-Pferden vorbei.
Potter beeilte sich, die Professorin einzuholen.
„Was fehlt Hagrid denn?"
„Das geht dich nichts an", blaffte Raue-Pritsche.
„Tut es allerdings", hielt Potter hitzig gegen und Draco fand, dass er eine ziemlich große Klappe hatte.
Raue-Pritsche ignorierte ihn und führte sie weiter.
Am Waldrand befand sich ihr Ziel, und Draco konnte nicht glauben, was es war.
Der Anblick machte unfassbar viel mit ihm.
Er fühlte Glück und Trauer zugleich, war auf der einen Seite einfach nur fasziniert von dem zauberhaftem Wesen und gleichzeitig wurde ihm die Kehle eng bei der Erinnerung an die erste Klasse, als er eine solche Kreatur dahingemeuchelt im Verbotenen Wald gesehen hatte.
Es war ein Einhorn, so gleißend weiß, dass der Schnee drumherum grau wirkte. Wieder einmal dachte er, dass es einfach das Schönste war, was er jemals in seinem Leben gesehen hatte.
Nur der Strick, mit dem es festgebunden war, erschien ihm furchtbar hässlich. Hässlich und unpassend.
Das Tierwesen stapfte nervös mit dem goldenen Huf auf und warf den gehörnten Kopf zurück.
Draco hörte viele langgezogene, faszinierte „Oooohhs" und Lavender Brown, eine Gryffindor, flüsterte: „Es ist wunderschön! Wie hat sie es gefangen? Das soll unglaublich schwer sein!"
Draco dachte bei sich, dass er fand, dass so ein Wesen gar nicht eingefangen gehörte, aber gleichzeitig konnte er auch beim besten Willen den Blick nicht von dem Einhorn abwenden.
„Jungen zurückbleiben!", bellte Raue-Pritsche. „Mädchen nach vorn, und vorsichtig annähern."
Draco blieb nur ungern zurück. Er fühlte sich auf eine starke Weise, die er kaum erklären konnte, von diesem Geschöpf angezogen.
Fasziniert beobachtete er, wie nah die Mädchen an das Tier herangingen. Granger hielt in diesem Moment die Hand hin und das Einhorn schnupperte zögerlich in ihre Richtung.
„Was meinst du, hat Hagrid?", hörte er da Potter in Richtung Weasley flüstern. „Meinst du, ein Kröter hat..."
Draco riss mühsam seinen Blick von Einhorn und Hermine Granger los.
„Er wurde nicht verletzt und ist auch nicht krank", mischte er sich ein, da er sich regelrecht diebisch darauf freute, Potter die Wahrheit unter die Nase zu reiben. Er zog den Artikel aus seiner Schultasche. „Tut mir unfassbar leid, dass du es erfahren musst, Potter."
Er grinste höhnisch und hielt den Tagespropheten in Richtung der Gryffindors. Weasley riss ihm das Exemplar aus der Hand.
Potter sowie Thomas, Finnigan und Longbottom sahen dem Rothaarigen über die Schulter, um mitzulesen.
'Dumbledores Riesenfehler' lautete die Überschrift des Artikels von Rita Kimmkorn.
Draco fand den Artikel großartig. Es ging darin nicht nur um Hagrid, sondern auch um Moody, der ebenfalls nicht gut wegkam. Kimmkorn bezeichnete ihn als „berüchtigten, schockzauberfreundlichen Ex-Auroren" und kritisierte, dass dieser jeden angriff, der es auch nur wagte, in seiner Nähe eine unbedachte Bewegung zu machen.
Dann ließ sie sich seitenweise über den Wildhüter aus und darüber, wie gefährlich ein Halbriese für die Schülerschaft von Hogwarts war. Er wurde als unberechenbar und launisch beschrieben, außerdem wurden die Kröter stark kritisiert - es stellte sich nämlich heraus, dass diese Kreaturen eine eigene Kreuzung waren, aus Heuschrecke und Feuerkrabbe. Die Züchtung neuer Kreuzungen magischer Geschöpfe stand allerdings unter der strengen Kontrolle der Abteilung zur Führung und Aufsicht magischer Geschöpfe.
Potters Kopf ruckte hoch; offensichtlich hatte er den Artikel überflogen.
„Was soll das heißen: Fast alle haben Angst vor Hagrid?", fuhr er Draco an.
Draco grinste.
„Ist wohl das Ende der Lehrerkarriere deines Freundes", feixte er.
„Hört ihr dahinten überhaupt zu?" Raue-Pritsche sah streng zu ihnen herüber.
Rasch stellte Draco sich wieder etwas näher zu den anderen.
Die Mädchen umringten immer noch das Einhorn, die Jungen standen mit etwas Abstand da und lauschten den Ausführungen der Professorin, die über Einhörner referierte.
Dracos Blick huschte zwischen dem Einhorn und Granger hin und her, die das Tier immer noch fasziniert betrachtete und vorsichtig zuließ, dass es ihre Hand abschnupperte. Die anderen Mädchen zückten ihr Notizbücher und schrieben mit, was die Vertretungslehrerin erzählte.
Vorsichtig trat Draco näher.
Raue-Pritsche hatte zwar angeordnet, dass die Jungen Abstand halten sollten, aber Draco konnte einfach nicht widerstehen. Und zu seiner Überraschung sah das Einhorn ihn an und zeigte keinerlei Anzeichen, dass seine Gegenwart ihm unangenehm war.
Granger warf ihm einen überraschten Seitenblick zu, als er nun beinahe auf einer Höhe mit ihr war.
Als er nun so nah vor dem Einhorn stand, hatte er einen erschreckenden Moment die Befürchtung, weinen zu müssen, aber er hatte das Gefühl unter Kontrolle, ehe es ihn vollständig übermannen konnte.
„Besser als Knallrümpfige Kröter, was?", raunte er Granger leise zu.
Sie warf ihm einen flüchtigen Seitenblick zu.
„Nun...ja", gab sie, sichtlich widerwillig, zu. „Wirklich ein schönes, faszinierendes Wesen."
„Mhm", machte Draco geistesabwesend, während er weiterhin Granger anstarrte.
Sie bemerkte seinen Blick und wurde rot.
„Und ich wusste nicht mal die Hälfte von dem, was Professor Raue-Pritsche erzählt hat", ergänzte sie und nun schaffte sie es nicht mehr, die Begeisterung aus ihrer Stimme herauszuhalten.
„Ich glaube, das ist die erste Stunde Pflege magischer Geschöpfe, die mir gefällt", stellte Draco fest.
Granger sah ihn an.
„Es ist eine wirklich gute Unterrichtsstunde", räumte sie ein.
Als der Unterricht beendet war und sie sich auf den Weg Richtung Schloss machten, hörte er Parvati Patil zu ihrer Freundin Lavender Brown sagen: „Ich hoffe diese Frau bleibt. Das war eine tolle Unterrichtsstunde."
„Hätte nicht gedacht, dass ich den Gryffindors mal zustimme", sagte Pansy, die in Dracos Nähe ging, zu Millicent.
Auch Draco musste einfach zugeben, dass es genau so etwas wie heute gewesen war, was er sich bei der Wahl des Unterrichtsfaches gewünscht und vorgestellt hatte.
Sogar Granger hatte zugegeben, dass der Unterricht viel besser war als bei Hagrid.
Instinktiv huschte sein Blick wieder zu der Gryffindor - diese las gerade den Artikel, den Potter ihr wohl gegeben haben musste. Ihre Augen wurden riesig.
Rasch wandte Draco sich ab und beeilte sich, mit seinen Freunden zum Schloss zu kommen.
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A Death Eater's Tale
FanfictionJeder kennt sie - die Geschichte vom Jungen, der überlebte. Auch Draco Malfoy muss in seinem Leben immer wieder feststellen, dass die Geschichte dieses Jungen Einfluss auf seine eigene Geschichte hat. Auch wenn er es anfänglich nicht bemerkt und spä...
