Seidenschnabel

100 9 0
                                        

"Ich bin dann mal bei Professor Lupin."
„Schon wieder?", fragte Draco erstaunt. „Was treibt ihr da eigentlich? Ganz ehrlich, Theo, was kann man denn so oft mit einem Lehrer besprechen?"
Theo zuckte vage mit den Schultern.
„Redet ihr über Schulkram?", bohrte Draco weiter nach.
Theo schüttelte den Kopf.
„Nein, tatsächlich so gut wie nie", gestand er.
„Das wird langsam ein bisschen seltsam, Theo", gestand Draco.
Theo warf ihm einen finsteren Blick zu.
„Ok, was willst du andeuten?", fragte er.
„Nichts", beeilte Draco sich zu sagen. „Ich will nichts andeuten."
„Ich verstehe, was Draco meint", mischte Blaise sich ein. „Ich meine, Lupin ist echt in Ordnung, aber du triffst dich schon das ganze Schuljahr über mit ihm."
„Und?", meinte Theo. „Wir sitzen nur in seinem Büro und trinken Tee. Ihr ward doch selber mal dabei. Macht doch nicht so ein Drama daraus."
„Ich meine ja nur", sagte Blaise beschwichtigend. „Aber, wisst ihr, ganz ehrlich, so cool der Unterricht bei Professor Lupin auch ist und so nett er auch sein mag... Der Typ ist irgendwie auch komisch. Was glaubt ihr, wer hat ihn so zugerichtet? Der scheint voller Narben zu sein. Und ständig versucht er, die zu verstecken."
„Nun, es gibt eben Menschen, die stören Dinge an ihrem Körper", fauchte Theo, nun unterschwellig aggressiv. „Es will eben nicht jeder seinen Körper so präsentieren wie du!"
Blaise hatte tatsächlich den trainiertesten Körper von ihnen allen und auch den makelosesten. Draco war manchmal seine so extrem helle Haut neben Blaise' dunklem Teint beinahe unangenehm. Blaise lief nun, in der warmen Zeit des Jahres, in seiner Freizeit ständig mit ärmellosen T-Shirts oder geöffneten Hemden herum, er genoss es offensichtlich, seinen Körper zu zeigen. Draco war da etwas zurückhaltender, aber das war nichts im Vergleich zu Theo, der peinlichst genau darauf achtete, dass niemand außer sein Freundeskreis seinen Körper sah - oder besser gesagt, die Narben darauf. Narben, die ihm sein Vater zugefügt hatte.
„Ist ja gut", brummte Blaise.
„Ich mag Professor Lupin auch", meinte Draco. „Aber es ist schon merkwürdig, wie oft er krank ist. Ich meine, er fehlt tatsächlich einmal im Monat, oder? Anfänglich dachte ich noch, ich bilde mir das ein, aber es ist so, oder? Jeden Monat immer zwei oder drei Tage am Stück. Was ist das denn für eine komische, unheilbare Krankheit?"
„Der Gesundheitszustand anderer Menschen geht dich nichts an."
Draco war über die Heftigkeit, mit der Theo diesen Satz sagte, überrascht.
„Weißt du mehr über Lupins Krankheit?"
„Ich muss los", stellte Theo fest, ohne auf Dracos Worte einzugehen.
Nachdenklich blickten sie ihm nach.
„Er weiß mehr, als er sagt", stellte Blaise fest.
Draco dachte nach.
„Blaise, glaubst du auch, dass die Dinge, über die Theo mit dem Professor spricht, etwas mit dem Irrwicht zu Beginn des Schuljahres zu tun haben?"
Blaise schwieg kurz.
„Ja, das kann durchaus sein."
Draco ließ in Gedanken die Unterrichtsstunde noch einmal Revue passieren.
„Hast du erkannt, was Theos Irrwicht war?"
„Nein", antwortete Blaise kopfschüttelnd.
Draco seufzte und sah in die Richtung, in die sein bester Freund verschwunden war.
Welche Geheimnisse hütete Theo?

Die Gryffindors waren nach dem Sieg im Quidditch eine Woche lang vollkommen unerträglich - sogar noch unterträglicher als sonst. Sie grinsten die Slytherins süffisant an, immer wenn sie sie sahen, und Potter stolzierte umher, als würde ihm die Schule gehören.
Doch dann waren sie irgendwann alle mit intensivem Lernen beschäftigt, denn die Abschlussprüfungen standen an.
Der Juni brach an, und es war so herrliches Wetter, dass sie alle am liebsten nur draußen auf den grünen Wiesen herumgelungert hätten, doch sie saßen gezwungermaßen im Unterricht, sahen sehnsuchtsvoll durch die offenen Fenster nach draußen und beneideten die Vögel in den Baumwipfeln und auf den Zinnen des Schlosses, die den ganzen Tag die Sonnenstrahlen genießen konnten. Sie bekamen Unmengen von Hausaufgaben auf, damit sie sich vernünftig auf die Prüfungen vorbereiten konnten, und mussten so auch an den Nachmittagen mehr Zeit drinnen verbringen als ihnen lieb war.
Und Draco bekam eine Ahnung davon, dass es in den nächsten Jahren nicht besser werden würde - wenn er beispielsweise Terence sah, der auf seinen ersten ZAG, Zauberergrad, hinarbeitete... Er hatte noch viel mehr zu tun als Draco und seine Freunde. Oder Marcus' Jahrgang, der Abschlussjahrgang, der sich auf die UTZ Prüfungen (Unheimlich Toller Zauberer) vorbereitete...
„Hat jemand mein Nummerologie und Grammatica irgendwo gesehen?", fragte Theo eines morgens zertreut beim Frühstück, während er aß und gleichzeitig in seiner Schultasche wühlte, da er sich angewöhnt hatte, nun kurz vor den Prüfungen sogar beim Essen zu lernen.
„Ich glaub, das lag auf deinem Nachttisch", antwortete Draco, der im nächsten Moment zusammenzuckte, da eine Posteule auf dem Tisch landete und beinahe sein Saftglas umstieß.
Es war ein Brief von seinem Vater.
Draco riss ihn sofort auf und überflog die Zeilen.
Er spürte, wie sein Magen sich unwohl zusammenzog.
In dem Brief teilte sein Vater ihm mit, dass der Termin für die Berufungsverhandlung des Hippogreifs feststand: Der achte Juni, ihr letztes Prüfungstag.
Draco schluckte, als er las, dass die Verhandlung tatsächlich hier in Hogwarts stattfinden sollte - jemand vom Zaubereiministerium würde kommen... und ein Henker.
Draco las den Satz zweimal, um sicher zu gehen, dass er ihn nicht falsch verstanden hatte, aber es war wohl tatsächlich so: Das Ministerium schickte zur Berufungsverhandlung einen Henker, so als würde sowieso schon feststehen, dass der Hippogreif getötet werden würde. Was war das dann für eine Berufungsverhandlung? Draco war sich sicher, dass diese nur pro forma abgehalten wurde und das Urteil im Ministerium schon klar war.
Unwillig schob Draco seinen Frühstücksteller von sich.
Der Appetit war ihm irgendwie vergangen.

A Death Eater's Tale Geschichten, die süchtig machen. Entdecke jetzt