Der Zug fuhr weiter Richtung Norden und es begann zu regnen. Die Fenster hatten ein undurchdringliches, schimmerndes Grau angenommen, das sich allmählich verdunkelte, bis schließlich die Lampen in den Gängen und in den Abteilen angingen. Der Zug ratterte dahin, der Regen trommelte gegen das Fenster, der Wind heulte, und sie saßen zu viert im Abteil und spielten eine Runde Zauberschnippschnapp, als es an der Abteiltür klopfte.
Sie sahen durch die Scheibe Lu Baddock.
Draco wollte sich instinktiv gerader hinsetzen, konnte es aber in letzter Sekunde unterdrücken und rutschte in eine eher noch lässigere Position.
Auf eine einladende Geste von Blaise schob Lu die Abteiltür auf.
„Hey Jungs", sagte Lu und sie erwiderten alle den Gruß, wobei Draco versuchte, so cool wie möglich zu klingen und die Hand lässig zu heben.
„Routinegang, keine Sorge, ich will nichts Bestimmtes", fuhr Lu fort, während Draco sie so unauffällig wie möglich musterte. Das brünette, glatte Haar fiel ihr glänzend bis knapp über die Schultern, so wie er es kannte. Sie trug bereits ihre Schuluniform, wobei sie die Slytherin-Krawatte gelockert hatte und die beiden obersten Knöpfe der Bluse offen gelassen hatte. Sie trug keine Strumpfhose unter dem Rock, aber Kniestrümpfe, die allerdings ein ganzes Stück unter ihren Knien hingen. Das Vertrauensschüler-Abzeichen glänzte auf ihrem Umhang. „Ach ich sehe, ihr habt die Schuluniformen schon an, sehr gut. Wir fahren nicht mehr lange. Wir sehen uns dann in Hogwarts!"
Sie zwinkerte ihnen zu und Dracos Mundwinkel zuckten instinktiv, während sein Magen Saltos zu schlagen schien.
Lu schien sich abwenden zu wollen, als jemand sie zurückhielt.
„Lu! Lu, warte doch mal!"
„Ich habe doch gesagt, warte im Abteil, ich komme gleich nach meinem Rundgang wieder", maßregelte die Vertrauensschülerin den Jungen, der sie angesprochen hatte.
„Ja, aber seit wann höre ich auf das, was du sagst?", grinste der Kleine frech.
Lu wuschelte ihm durch das kurze, braune Haar.
„Stimmt auch wieder", lachte sie. Dann drehte sie sich zu Draco und seinen Freunden: „Darf ich vorstellen? Mein kleiner Bruder. Und ja, er ist immer so frech. Kommt natürlich pünktlich nach Hogwarts, wenn ich zur Vertrauensschülerin ernannt werde, damit ich noch mehr zu tun habe."
Der Junge grinste sie alle der Reihe nach an.
„Hi, ich bin Malcolm Baddock. Und das ist meine große Schwester. Ich bin extra nach Hogwarts gekommen, um ihr das Leben schwer zu machen."
Draco konnte nicht anders, er musste lachen, und seine Freunde ebenfalls.
Noch einmal musterte Malcolm sie.
„Ihr seid alle in Slytherin! Das beste Haus, wenn ihr mich fragt. Ich will unbedingt nach Slytherin. Himmel, ich hoffe, ich komme nicht nach Hufflepuff oder Gryffindor! Das wäre besonders schlimm. Auch mit Ravenclaw kann ich nicht so richtig was anfangen. Meine Schwester hat mir schon ganz viel erzählt. Ich kann mir gar nicht vorstellen, in ein anderes Haus zu kommen."
„Gute Einstellung", lachte Theo.
Draco sah Lu an.
„Sehr sympathisch, dein Bruder", sagte er.
Es war das erste Mal, dass er Lu von sich aus ansprach, und es kostete ihn ein wenig Überwindung.
Sein Magen überschlug sich ein weiteres Mal, als Lu ihn anlächelte.
„Ja, das ist er", bestätigte sie, ehe sie überraschend liebevoll ihren Arm um seine Schultern legte.
In diesem Moment begann der Zug langsamer zu werden.
„Juhu, wir sind da!", frohlockte Malcolm, aber Lu legte die Stirn in Falten.
„Nein, sind wir nicht", stellte sie fest und ihr kleiner Bruder sah überrascht zu ihr auf.
Auch Draco war der irritierte Unterton nicht entgangen.
Er selbst wunderte sich ebenfalls.
Ja, es konnte nicht mehr weit sein bis zum Bahnhof in Hogsmeade, aber sie waren definitiv noch nicht da.
„Was ist los?", fragte Greg.
„Wir halten an", stellte Vincent das Offensichtliche fest, klang dabei aber auch irritiert.
„Vielleicht eine Panne?", mutmaßte Theo und erhob sich halb.
Mit einem Ruck kam der Zug zum Stehen, Theo wurde auf den Sitz zurückgeworfen und Gregs Handgepäck flog aus dem Gepäcknetz auf den Boden. Fernes Rumpeln verriet ihnen, dass auch in den anderen Abteilen Dinge zu Boden gegangen waren.
Lu hatte Malcolm fixiert, der bei dem Ruck ins Straucheln geraten war.
Dann, ohne jede Vorwarnung, erloschen alle Lichter und sie waren jäh in schwarze Dunkelheit getaucht.
„Was ist hier los?"
„Was passiert hier?"
„Keine Ahnung..."
„Ruhe!"
Es war Blaise, der das letzte Wort gezischt hatte, und erst jetzt bemerkte Draco, dass er angestrengt aus dem Fenster spähte.
„Da draußen bewegt sich was", sagte Blaise. „Ich glaube, da steigen Leute ein..."
„Was?", murmelte Draco.
„Lu?", hörte er den kleinen Malcolm in leicht verängstigtem Ton.
„Alles gut, bestimmt klärt es sich gleich auf", antwortete sie ihm. „Ich werde eine Lehrkraft suchen... Lumos!"
Draco war währenddessen aufgestanden und zu Lu getreten. Neugierig blickte er den Gang hinunter. Selbst in der Dunkelheit konnte er erahnen, dass auch Köpfe aus anderen Abteilen gesteckt wurden.
Er schob sich an Lu vorbei.
„Ich mach das schon", sagte er, da er das dringende Bedürfnis verspürte, Lu zu beeindrucken.
„Draco, nein", widersprach Lu ihm ruhig. „Ich bin Vertrauensschülerin, ich mache das schon."
„Schon gut", sagte Draco leichthin. „Bleib du lieber bei deinem kleinen Bruder."
Draco, dessen Augen sich ein wenig an die Dunkelheit gewöhnt hatten, konnte sehen, wie Malcolm sich schutzsuchend an seine Schwester drängte.
„Ok", gab Lu nach, die offensichtlich auch gerne bei ihrem Bruder bleiben, ihn aber auch nicht durch den dunklen Zug manövrieren wollte. „Danke."
„Kein Ding", sagte Draco lässiger, als er sich fühlte. „Lumos!"
Seine Zauberstabspitze leuchtete augenblicklich auf und er machte sich auf in die Richtung, in die sie vorhin gegangen waren, als sie Blaise gesucht hatten. Kurz dachte er an Granger und er fragte sich, wie Potter und sein Wiesel wohl auf diese merkwürdige Situation reagierten und ob sie ihrer Schlammblut-Freundin Sicherheit gaben, aber dann sagte er sich, dass es ihm egal sein konnte.
Er war gerade ein paar Abteile weit gekommen, als er es sah.
Da kam... etwas... den Gang hinunter.
Ja, er konnte es nur als etwas bezeichnen, nicht als jemand, denn auch wenn die in einen schwarzen Umhang gehüllte Gestalt menschliche Form aufwies, hatte weder die Ausstrahlung noch die Art, sich fortzubewegen etwas Menschliches.
Das Licht an Dracos Zauberstab flackerte.
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A Death Eater's Tale
FanfictionJeder kennt sie - die Geschichte vom Jungen, der überlebte. Auch Draco Malfoy muss in seinem Leben immer wieder feststellen, dass die Geschichte dieses Jungen Einfluss auf seine eigene Geschichte hat. Auch wenn er es anfänglich nicht bemerkt und spä...
