Alte Runen und neue Ratschläge

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Am Nachmittag hatten sie zum ersten Mal das Fach Alte Runen.
Draco machte sich lediglich mit Blaise und Theo auf den Weg zu diesem Fach.
Theo war beim Mittagessen still und nachdenklich, und Draco fragte sich, was Lupin wohl mit ihm besprochen hatte. Da Theo aber nicht zugänglich wirkte, was das Thema anging, fragte Draco nicht genau nach.
Auf dem Weg zu Alte Runen wurde Theo allerdings wieder etwas aufgeschlossener. Was immer Lupin mit ihm besprochen hatte - langsam schien es bei Theo wieder in den Hintergrund zu rücken.
Sie gingen lachend und schwatzend in den Klassenraum für Alte Runen, wurden nach Betreten des Raumes allerdings sofort still und tauschten überraschte Blicke.
Es war der wahrscheinlich kleinste Kurs überhaupt.
An einem Gruppentisch saßen lediglich zwei Ravenclaws - Draco wusste, dass die beiden Mädchen Lisa Turpin und Mandy Brocklehurst hießen - und außerdem Hermine Granger.
Draco stockte, als er sie sah.
Warum war sie hier? Hatte Professor Lupin vorhin nicht gesagt, er bräuchte den Irrwicht noch heute Nachmittag für die Gryffindors und Hufflepuffs? Müsste Granger jetzt nicht in Verteidigung gegen die Dunklen Künste sitzen?
Draco beschleunigte seine Schritte instinktiv und ließ sich an dem Tisch neben Granger auf den Stuhl sinken, Theo setzte sich direkt neben ihn und daneben dann Blaise, der den beiden Ravenclaw-Mädchen neben sich ein charmantes Lächeln schenkte.
Granger griff nach irgendetwas auf dem Tisch, einem Pergament, und Draco runzelte die Stirn, als er sah, dass es ihr Stundenplan war, den sie hastig in ihre Tasche stopfte.
Das war wirklich alles sehr merkwürdig.
Draco und seine beiden Freunde holten Pergament, Tinte und Federkiele aus ihren Taschen sowie die beiden benötigten Bücher: „Zaubermanns Silbentabelle" und „Alte Runen leicht gemacht".
Kaum, dass sie fertig waren, betrat die Professorin, Bathsheda Babbling, den Klassenraum.
Sie begann, nach einer kurzen Begrüßung, ohne große Umschweife mit dem Unterricht. Schon nach kurzer Zeit begriff Draco, dass Alte Runen ein sehr trockenes Unterrichtsfach war, aber die Schriftzeichen übten eine merkwürdige Faszination auf ihn aus, so dass es ihn nicht so sehr störte, dass hier scheinbar wirklich die meiste Zeit still am Platz gearbeitet werden musste.
„Runen, altgermanische Schriftzeichen, haben eine magische Bedeutung", erklärte Babbling, während sie sich einen einfachen Runentext im Buch ansahen. „So findet man Runen beispielsweise auf alten Helmen und Waffen, um deren Wehrhaftigkeit zu verstärken. Das Wort „Rune" geht zurück auf das altnordische rún, was Zauber- oder Schriftzeichen bedeutet, und auf das althochdeutsche rúna, was geheime Beratung oder Geheimnis bedeutet, zurück. Die älteste uns bekannte Runenfolge wird Elder Futhark genannt. Sie besteht aus vierundzwanzig einzelnen Runen, denen wie im lateinischen Alphabet jeweils ein einzelner Laut zugeordnet ist."
Sie betrachteten alle das Elder Futhark eine Seite weiter.
Danach gab Babbling ihnen die Aufgabe, den leichten Text, den sie zuerst betrachtet hatten, zu übersetzen.
Sie arbeiteten alle einzeln und still. Da sie nur zu sechst waren, traute sich keiner, etwas anderes zu machen oder zu reden. Babbling beachtete sie nicht weiter, während sie arbeiteten.
Draco fand schnell heraus, dass es nicht schwer war, die Runen zu übersetzen, sondern in dem dann übersetzten Text einen Sinn zu erkennen, denn die Wörter hatten auf den ersten Blick gar keinen Zusammenhang. Aber Draco verstand, dass man nicht die wortwörtliche Übersetzung, sondern die Botschaft dahinter verstehen musste, und dann fiel es ihm um einiges leichter.
Beispielsweise bedeutete die Rune Fehu wörtlich übersetzt Vieh, sinngemäß stand sie aber für materiellen Wohlstand und Reichtum, aber auch für Hoffnung und glückliche Umstände, was Sinn machte, schließlich konnten sich zu der Zeit, als Runen viel genutzt wurden, nur sehr reiche Menschen viel Vieh leisten, also bedeutete Vieh automatisch Wohlstand.
Theo auf seiner einen Seite und Granger auf seiner anderen Seite arbeiteten genauso still und konzentriert wie er, aber die beiden Ravenclaw-Mädchen sahen immer wieder auf, und erst nach einer ganzen Weile begriff Draco, dass sie Blaise neben sich anstarrten, der jedes Mal, wenn sie den Blick hoben, ein unfassbar charmantes Lächeln auf seine Lippen zauberte.
Als der Unterricht beendet war, eilte Granger unfassbar schnell aus dem Raum.
„Die hat es aber eilig", murmelte Draco, aber Theo zuckte nur mit den Schultern.
Als sie den Raum verließen, sagte Draco amüsiert zu Blaise: „Deine Freundin sollte besser nicht mitkriegen, dass du andere Mädchen angräbst."
Blaise warf ihm einen Blick zu, in dem der Schalk nur so funkelte.
„Ach komm, ich habe nur ein bisschen geflirtet. Diese Lisa Turpin ist schon süß geworden."
Draco lachte.
„Mal ehrlich, du stehst doch voll auf deine Freundin, oder nicht?"
Blaise war immer noch mit dem Slytherin-Mädchen aus der Vierten zusammen, die Freundin von Lynn, von der Theo behauptete, sie würde auf Draco stehen. Draco war sich ziemlich sicher, dass Blaise bisher keine so lange Beziehung hatte wie zu diesem Mädchen.
„Klar, meine Freundin ist total heiß", sagte Blaise vollkommen überzeugt. „Ich gehe ja auch nicht fremd. Ich habe nur geflirtet."
„Die Frage ist, ob sie das auch so sieht", schmunzelte Draco. Dann wandte er sich an Theo: „Sag mal, was wollte Professor Lupin eigentlich vorhin von dir? Du hast aber keinen Ärger bekommen, oder?"
Theos Gesichtsausdruck wurde ein bisschen verschlossen.
„Nein, nein, habe ich nicht."
„Und was wollte er nun?", hakte Draco nach, als Theo nicht weiter redete.
„Ach, nur was zum Unterricht", sagte Theo ausweichend und ergänzte dann: „Was war denn nun eigentlich mit deinem Vater heute Morgen?"
Draco war sich sicher, dass Theo das nur fragte, um abzulenken.
„Ach, der ist total sauer wegen meines Arms. Wollte von mir und Pomfrey alles über den Unfall hören. Hat dann gesagt, er würde noch zur Schulleitung gehen. Ich bin dann aber los zum Unterricht, weil ich sowieso schon so spät dran war. Ich glaube, er hat Dumbledore bestimmt noch die Hölle heiß gemacht."
„Zu Recht", meinte Theo. „Es war wirklich fahrlässig, was dieser Hagrid gemacht hat. Sie müssen einfach eine andere Lehrkraft für Pflege magischer Geschöpfe finden."
Sie hatten den Kerker erreicht und betraten den Gemeinschaftraum, der noch relativ leer war, da der Unterricht erst beendet worden war.
Gemeinsam gingen sie auf ihr Zimmer, um sich umzuziehen. Von Greg und Vincent war nichts zu sehen.
„Bloß raus aus dieser Schuluniform", stöhnte Blaise und lockerte die Krawatte, um sie schnell über den Kopf zu ziehen.
Draco zog als erstes seine Schuhe aus. Auch er freute sich, jetzt in Freizeitkleidung zu schlüpfen. Er war gerade dabei, ein paar der Klamotten, die Blaise mit ihm in der Winkelgasse ausgesucht hatte und die etwas lässiger waren, aus dem Schrank zu ziehen, als er Theos überraschten Ausruf hörte.
„Alter, Blaise, was hast du denn gemacht?"
Er drehte sich um, um zu sehen, was Theo meinte.
Blaise guckte perplex.
„Hä? Was? Was ist?"
Verwirrt sah Blaise an sich herab.
Er hatte seinen Umhang abgelegt und sein Hemd geöffnet und abgestreift, man sah nun seinen freien Oberkörper.
Draco verstand sofort, was Theo meinte.
„Hast du in den Ferien mit Trollen trainiert?", fragte Theo und er klang halb scherzhaft, halb neidisch.
„Achso", meinte Blaise, der zu begreifen schien, was Theo meinte. „Ich hab nur meine Ernährung ein bisschen umgestellt und etwas mehr trainiert."
„Etwas mehr?", mischte sich nun Draco ein. „Ehrlich, Blaise, das sieht schon echt extrem gut aus."
„Danke!" Blaise strahlte. „Es ist noch ein langer Weg bis zu dem Ergebnis, das ich mir wünsche, aber ich bin schon recht zufrieden."
„Ich wäre total glücklich, wenn ich so aussehen würde wie du", sagte Draco ehrlich, fühlte aber tatsächlich auch ein wenig Neid in sich aufkommen.
„Total", bestätigte Theo. „Kannst du uns zeigen, wie du das hinbekommen hast?"
„Klar", meinte Blaise und zuckte leicht mit den Schultern.
Draco zögerte kurz, und während Blaise sich weiter umzog, gab er sich einen Ruck und fragte: „Kannst du mir vielleicht auch noch andere Tipps geben außer in Sachen Trainieren und Sport machen?"
„Was für Tipps?", fragte Blaise und schlüpfte in eine bequemere Hose.
„Naja... Ich dachte nur... Ich meine, du hattest ja schon einige Freundinnen... Wie... Wie hast du dich denen denn angenähert?
Blaise grinste breit.
„Oh", machte er langgezogen. „Ich verstehe. Du möchtest wissen, wie du ein Mädchen dazu bekommst, dich zu daten."
„Ähm... ja", bestätigte Draco verlegen.
Theo guckte interessiert.
„Also, ich weiß nicht, ob es da ein Patentrezept gibt...", meinte Blaise. „Aber ich kann versuchen, euch ein bisschen was zu erzählen. Ich kann nur sagen, dass es bei mir so klappt, ich weiß nicht, ob es bei euch auch gut funktioniert. Zuerst suche ich mir ein Mädchen aus, was mir gefällt. Dann versuche ich ein paar Tage lang, immer wieder Blickkontakt zu ihr zu haben und sie auch mal anzugrinsen. Man merkt dann schon an der Reaktion, ob sie Interesse hat. Zum Beispiel, wenn sie auch ständig guckt, aber auch wenn sie schnell verlegen wird, oder natürlich wenn sie zurück lächelt. Ein ziemlich eindeutiges Zeichen, dass sie Interesse hat, ist wenn sie ihre Haare zurück streicht."
„Hä? Was?", fragte Theo genauso verwirrt, wie Draco sich fühlte.
„Naja, dieses Haare zurück streichen. Habt ihr das noch nie bemerkt? Ungefähr so."
Blaise legte den Kopf leicht schräg, senkte den Blick und strich sich mit den Fingern hinters Ohr, wobei er nur so tat, als würde er eine Haarsträhne beiseite streichen, denn schließlich war sein Haar kurz.
Draco und Theo prusteten.
„Süß, Blaise", kommentierte Draco stichelnd.
Blaise grinste nur.
„Und dann? Wie gehst du weiter vor?", fragte Theo.
„Also dann frage ich meistens ziemlich direkt, ob sie Lust auf ein Date haben."
„Wie? Einfach so?", hakte Draco nach.
„Naja", meinte Blaise. „Ich frage sowas wie: Hast du Lust auf einen Spaziergang am See, nur mit mir? Oder: Wollen wir uns irgendwo zu zweit zurück ziehen? Aber manchmal frage ich tatsächlich auch: Hast du am Wochenende Lust auf ein Date?"
„Klingt so einfach bei dir", meinte Draco skeptisch.
„Probiert es einfach mal aus", meinte Blaise. „Aber ganz ehrlich... Für dich könnte ich vermutlich schnell ein Date klar machen, Draco."
„Was? Wieso?"
„Naja", fuhr Blaise fort. „Ich könnte meine Freundin einfach mal auf Lynn ansprechen. Ich glaube, die steht auf dich."
Theo warf Draco einen „hab ich doch gesagt" - Blick zu.
Draco zögerte.
„Weiß nicht... Nein, warte da noch mal mit. Ich gucke erstmal, ob ich da selber was hinkriege."
„Guter Junge", grinste Blaise. „Komm, wir gucken mal, ob sie im Gemeinschaftraum sind."
Im Gemeinschaftraum war es voll und laut, wie meistens zu Beginn des Schuljahres. Viele haben sich in den Ferien nicht gesehen und tauschten sich nun erstmal aus. Die älteren Schülerinnen und Schüler waren scheinbar gerade dabei, die erste Party zu planen.
„Ah, da ist meine Süße. Kommt, wir gehen hin."
Blaise' Freundin saß in einem Haufen von Mädchen aus ihrem Jahrgang. Dracos Herz stolperte, als er sah, dass Lynn auch dabei war. Sollte er wirklich gleich sein Glück versuchen?
Blaise setzte sich ganz selbstverständlich neben seine Freundin und legte den Arm um sie, Theo und Draco setzten sich etwas zurückhaltender zwischen die anderen Mädchen.
Dracos Blick schnappte automatisch zu Lynn - und zu seinem Erstaunen sah er, dass sie ihn bereits angesehen hatte. Als er nun zu ihr sah, sah sie rasch weg, aber ihre Mundwinkel hoben sich leicht.
Es dauerte nur Sekunden, bis sie wieder zu ihm sah. Ihre Blicke trafen sich.
Draco war aufgeregt. Er hatte Angst, etwas falsch zu machen. Er hatte Angst, abgewiesen zu werden. Vielleicht blamierte er sich, weil sie gar kein Interesse an ihm hatte?
Aber er versuchte, nach außen hin komplett gelassen zu wirken.
Er sah ihr bewusst in die Augen und zog minimal eine Augenbraue hoch. Gleichzeitig hoben sich seine Mundwinkel leicht.
Sie würde nicht reagieren. Er war sich so sicher, dass sie nicht reagieren würde.
Er irrte sich.
Sie lächelte und sah ein wenig verlegen weg.
Vielleicht eine halbe Minute später trafen sich ihre Blicke erneut. Und wieder lächelte sie.
Und dieses Mal hob Draco, ermutigt von ihrer Reaktion, seine Mundwinkel deutlicher.
Daraufhin passierte es.
Sie senkte den Blick, legte den Kopf leicht schräg und strich sich eine Strähne ihres braunen Haares hinter das Ohr.
Die Geste glich so exakt Blaise' Darbietung, dass Draco beinahe gelacht hätte.
Ein Mädchen neben Lynn stupste sie an, die beiden steckten die Köpfe zusammen und tuschelten, während immer wieder flüchtige Blicke in seine Richtung riskiert wurden.
Draco spürte, wie sein Selbstbewusstsein explosionsartig wuchs.
Es schien tatsächlich zu funktionieren. Offensichtlich war Lynn einem Flirt nicht abgeneigt.
Und vielleicht hatte Blaise Recht. Vielleicht war es doch gar nicht so schwer, zu flirten.

A Death Eater's Tale Geschichten, die süchtig machen. Entdecke jetzt