Verwandtschaft

130 12 2
                                        

"Lumos!"
Dracos Zauberstabspitze leuchtete sofort auf und erhellte den Tagespropheten vor ihnen.
„Da, gleich auf der Titelseite", flüsterte Theo.
Einen Augenblick war Draco unfähig, die Überschrift oder irgendetwas anderes zu lesen, denn er war vollkommen gefangen vom Anblick der Fotografie. Sie zeigte das sich bewegende Bild eines Zauberers. Der Mann trug die typische Sträflingskleidung, die in Askaban Pflicht war. Das lange, schwarze Haar fiel ihm vors Gesicht, was ihm etwas Unheimliches verlieh. Obwohl es eine schwarz-weiß Fotografie war, konnte Draco erahnen, dass die Augen des Zauberes hell waren, vermutlich blau oder graublau.
Die Farbe der Augen von Dracos Mutter.
Draco und Theo lagen zusammengedrängt auf Dracos Bett und starrten wie gebannt das Bild an.
Die Ferien neigten sich dem Ende zu, und eigentlich hatte Theo bereits über zwei Wochen bei Draco verbracht, aber gestern kam ein Brief per Eule von ihm, der in Dracos Augen fast einem Hilferuf gleichkam, obwohl er erst vor einer Woche wieder abgereist war, so dass Draco seine Eltern umgehend fragte, ob Theo die letzten Tage auch noch im Manor verbringen durfte.
Draco hatte Theo äußerlich nichts angesehen, als er heute morgen mit Flohpulver anreiste, aber er wusste, dass Theo mittlerweile recht gut in Heilzaubern war und das vermutlich auch der Grund war, warum keine Blessuren mehr zu sehen waren.
Aber Draco wusste trotzdem, warum Theo so dringend wieder von Zuhause fort wollte.
Ich halte es nicht mehr aus, hatte in dem Brief gestanden, und Draco wusste, wenn Theo schrieb, dass er es nicht mehr aushielt, hielt er es auch wirklich nicht mehr aus.
Vorhin war Theo brav im Gästeflügel verschwunden, aber kaum, dass er sicher war, dass Dracos Eltern schliefen, war er zu Dracos Zimmer geschlichen.
Tagsüber hätten sie nicht wagen können, den Propheten anzusehen und über den Artikel zu reden.
Nun lagen sie bäuchlings auf Dracos Bett, unter seiner Decke, beide in den schicken Satinpyjamas, die sie in den Ferien nachts tragen mussten. In Hogwarts hatten sie sich letzten Sommer angewöhnt, so wie Blaise in T-Shirt und Boxershorts zu schlafen, was Dracos Eltern sicher nicht gern gesehen hätten. Da sie aber sowieso schon nicht ganz so gut auf Blaise zu sprechen waren, diskutierte Draco diesen Punkt mit ihnen gar nicht erst. In Hogwarts würde er sowieso wieder so schlafen, wie es ihm passte, und fertig.
Gerade waren seine Gedanken aber genau genommen nicht hauptsächlich auf Pyjamas und Boxershorts gelenkt, sondern auf den Artikel im Tagespropheten, den seine Eltern ihm vorenthalten hatten.
Black immer noch auf freiem Fuß, las Draco nun die Überschrift, und dann den Anfang des Artikels unter dem Bild:
Sirius Black, der wohl berüchtigste Gefangene, der je in Askaban saß, ist immer noch auf freiem Fuß, wie der Zaubereiminister heute bestätigte. „Wir tun alles, um Black zu fassen", sagte Zaubereiminister Cornelius Fudge heute morgen. „und wir bitten alle Hexen und Zauberer, Ruhe zu bewahren."
„Er war sogar in den Muggelnachrichten", flüsterte Theo neben ihm.
Draco riss seinen Blick von der Fotografie, die er schon wieder angestarrt hatte, los und drehte den Kopf, um Theo anzusehen.
„Was? Woher weißt du das?", flüsterte Draco zurück.
„Steht im Artikel", erklärte Theo und seine blauen Augen senkten sich flüchtig auf den Propheten. „Fudge hat dem Muggelpremierminister bescheid gegeben. Er meint, Sirius Black sei eine Gefahr für jeden, egal ob magisch oder nichtmagisch."
„Die Muggel wissen, dass ein Zauberer aus Askaban ausgebrochen ist?", fragte Draco zweifelnd.
Theo schüttelte den Kopf, das braune, wuschelige Haar flog dabei.
„Nein, nein. Der Muggelpremierminister hat doch eine Verschwiegenheit unterzeichnet. Er hat in den Muggelnachrichten sagen lassen, Sirius Black sei mit einer Pistole - das ist eine Muggelwaffe - bewaffnet."
Nachdenklich blickte Draco auf das Bild des ausgebrochenen Sträflings.
Es ging um den, dessen Name nicht genannt werden darf, wieder einmal. Sirius Black war wohl ein Anhänger des Dunklen Lords, wie Dracos Vater ihn zu betiteln pflegte.
Draco wusste mittlerweile, dass der, dessen Name nicht genannt werden darf der Erbe Slytherins war. Und offensichtlich nicht so tot war, wie alle Welt glaubte oder hoffte.
„Sag mal", fragte er leise. „Wenn du weißt schon wer der Erbe Slytherins ist, dann müssten seine Anhänger doch eigentlich Slytherins nichts tun, oder?"
Er starrte bei den Worten das düstere Gesicht von Sirius Black an. Sein Gesicht war eingefallen, die Haut grau, die Augen überschattet. Er wirkte alles andere als vertrauenserweckend.
„Ich glaube nicht, dass er wirklich ein Anhänger von du weißt schon wem war", murmelte Theo.
Draco sah auf.
„Wieso?"
Theo zuckte vage mit den Schultern.
„Nur so."
Draco legte den Kopf schräg und blickte vorwurfsvoll.
„Theo, komm schon!"
Wieder einmal hatte er das Gefühl, dass sein bester Freund mehr wusste, als er erzählte.
Er verschwieg etwas, mittlerweile war Draco sich da ziemlich sicher.
„Was denn?", hielt Theo stur gegen.
„Theo, wir sind beste Freude", stellte Draco fest.
„Draco, hör auf", murmelte Theo und wich seinem Blick aus.
„Theo, warum glaubst du, dass Sirius Black kein Anhänger vom Dunklen Lord war?"
„Nenn ihn nicht so", brummte Theo.
„Warum nicht? Mein Vater nennt ihn ständig so."
Theo seufzte.
„Ja, meiner auch."
„Also?"
„Mein Vater redet schlecht über Sirius Black", erklärte Theo widerwillig. „Und normalerweise redet er über alles und jeden gut, was in Zusammenhang mit du weißt schon wem steht. Von Sirius Black scheint er aber nichts zu halten, daher bin ich mir sehr sicher, dass er kein Anhänger von dem, dessen Name nicht genannt werden darf, war."
Dracos Augen huschten über den Artikel.
„Hier steht etwas anderes. Er hat mit einem Fluch dreizehn Menschen umgebracht. Dreizehn? Mit einem Fluch?"
„Ein Bombarda Maxima", erklärte Theo. „Dabei sind auch Muggel ums Leben gekommen. In den Muggelnachrichten stand wohl damals, es wäre eine Gasexplosion oder sowas gewesen, was auch immer das sein soll. Steht auch im Artikel."
„Meine Eltern wollten nicht, dass ich den Artikel lese", murmelte Draco. „Seit Tagen reden sie heimlich über nichts anderes als über Sirius Black. Ich habe ein paarmal versucht, sie zu belauschen, aber sie passen gut auf. Das ist doch albern. Spätestens in Hogwarts werde ich doch sowieso alles hören. Ich meine, ich weiß, dass Sirius Black aus dem Stammbaum gestrichen wurde. Ich weiß, dass er ein Muggel- und Schlammblutfreund war und deshalb nicht mehr zur Familie Black gehört. Es ist ja ok, dass meine Eltern wollen, dass ich nicht über ihn rede, also unter normalen Umständen, aber, entschuldige bitte, er ist aus dem Gefängnis ausgebrochen und alle reden über ihn, aber ich soll im Dunkeln tappen?"
Ja, wenn es um die Familienseite seiner Mutter ging, waren Gespräche bisher immer sehr unangenehm gewesen, Fragen seinerseits wurden häufig im Keim erstickt.
„Die Familienverhältnisse deiner Mutter sind etwas komplizierter als die Linie der Malfoys, Draco", hatte sein Vater ihm immer wieder gesagt.
Draco konnte den Familienstammbaum väterlicherseits rauf und runter beten. Und ja, auch die Black-Seite, die Familie seiner Mutter, kannte er auswendig. Aber er wusste auch, viele Namen wurden aus unterschiedlichen Gründen nur hinter vorgehaltener Hand gewispert, so der Name Bellatrix, ebenso wie der Name ihres Ehegatten Rudolphus Lestrange und dessen Bruder Rabastan. Dracos Vater wollte ungern, dass viel darüber geredet wurde, dass Familienangehörige seiner Frau in Askaban saßen. Ein sehr unangenehmes Thema. Ein noch unangenehmeres Thema - so unangenehm, dass sogar gar nicht über sie geredet wurde - waren Namen wie Andromeda oder eben Sirius. „Sie existieren für uns nicht mehr", hatte sein Vater erklärt.
Draco starrte das Bild von Sirius Black im Propheten an.
Er konnte nicht so recht greifen, dass er mit diesem Mann tatsächlich verwandt sein sollte, sogar ziemlich eng.
„Sie wollen vielleicht nicht, dass du dir Sorgen machst", versuchte Theo ihn zu trösten.
„Was sagt denn dein Vater dazu?", hakte Draco nach. „Was redet er über Sirius Black?"
Theo wich seinem Blick aus.
„Ich möchte nicht über meinen Vater reden", sagte er abweisend.
Draco faltete umsichtig den Tagespropheten und legte ihn auf seinen Nachttisch.
„Theo", sagte er, so vorsichtig wie möglich. „Vielleicht... solltest du mit jemandem darüber reden?"
„Über was?", fragte Theo, immer noch abweisend.
Draco räusperte sich.
„Naja, du weißt schon. Deswegen kommst du doch in den Ferien her."
„Draco, hör auf."
„Ich meine ja nur", gab Draco nicht nach. „Vielleicht solltest du es jemandem sagen."
„Ach, und wem, du Schlaumeier?", schnarrte Theo.
Nach wie vor wich er Dracos Blick vollkommen aus.
Ja, wem? Plötzlich ärgerte Draco sich, dass er nicht bereits im vergangenen Schuljahr über solche Dinge nachgedacht hatte. Lucian wäre sicherlich eine gute Hilfe gewesen, oder Ava.
Momentan hatte Draco auch keine Ahnung, wem Theo sich anvertrauen könnte.
„Ich weiß nicht", gestand er daher resigniert.
Theo schnaubte.
„Siehst du."
„Aber", sagte Draco, der Theo unbedingt helfen wollte. „vielleicht könnte ich mal mit meinem Vater-"
„Auf gar keinen Fall!", fuhr Theo dazwischen, offensichtlich lauter als beabsichtigt, denn nicht nur Draco, sondern auch er selbst zuckte zusammen.
„Aber-"
„Draco", beschwor Theo ihn eindringlich, aber sehr viel leiser als zuvor. „Du darfst es niemandem sagen, hörst du? Niemandem!"
„Aber es ist nicht richtig!", beharrte Draco. „Das, was dein Vater macht, ist nicht ok. Er sollte so etwas nicht tun."
„Es ist gar nicht so schlimm", behauptete Theo.
„Klar", schnaubte Draco. „Deshalb hast du in deinem Brief auch geschrieben, dass du es nicht mehr aushältst."
„Ich habe übertrieben", log Theo.
„Theo, dein Vater tut dir weh", brachte Draco die Sache endlich auf den Punkt. „Wir müssen es jemandem sagen!"
„Nein!", fauchte Theo, die Augen groß vor Angst. „Mensch, denk doch mal nach. Was, denkst du, passiert, wenn er mitbekommt, dass ich es irgendjemandem erzählt habe?"
Draco öffnete den Mund und schloss ihn wieder.
Stumm erwiderte er Theos Blick.
Genau genommen hatte er keine Ahnung, was Nott Senior tun würde, wenn er es mitbekommen würde, aber offensichtlich wäre es wohl etwas sehr Schlimmes, ansonsten würde Theo ihn nicht mit diesem Entsetzen im Gesicht ansehen.
Flüchtig dachte er an die Blessuren, die er früher an Theos Körper gesehen hatte - Blutergüsse, Striemen.
Er senkte den Blick.
„Ok", lenkte er ein. „Ich erzähle es niemandem."
Theo atmete hörbar aus.
Draco fühlte Theos kleinen Finger an seinem und wie er sich darum schlang.
„Danke", flüsterte Theo, und dann: „Freunde, egal was kommt?"
Draco schmunzelte.
„Freunde, egal was kommt", bestätigte er.
Theo löste den Finger wieder.
„Nicht so leicht mit der Verwandtschaft", sagte er, halb ernsthaft, halb amüsiert. „Nicht wahr?"
„Nein", stimmte Draco mit einem flüchtigen Blick Richtung Propheten zu.
„Ich bin froh, wenn wir wieder in Hogwarts sind", meinte Theo. „Also, ich bin natürlich total gerne hier, aber... naja..."
„Ich verstehe schon", sagte Draco schnell, der Theo nicht das Gefühl geben wollte, dass er ihn falsch verstand. Er wusste, Theo war froh und dankbar, hier sein zu können.
„Es ist noch mal etwas anderes", erklärte Theo. „Ich meine, hier ist es tausendmal besser als bei mir Zuhause, aber in Hogwarts sind wir richtig frei, nicht?"
„Naja", gab Draco zu bedenken. „Die Lehrkräfte schränken uns schon ein."
„Ach", tat Theo es ab. „Die mit ihren blöden Regeln. Das können sie gut, Regeln aufstellen, aber eigentlich kümmern sie sich doch gar nicht darum, was wir machen. Außerdem können wir endlich nach Hogsmeade!"
Ja, sie waren immer neidisch gewesen, wenn die Älteren an den Wochenenden nach Hogsmeade gehen durften. Aber jetzt gehörten sie offiziell nicht mehr zu den Kleinen, auch sie durften das Schloss verlassen. Draco freute sich schon auf die Vierte, wenn sie endlich auch bei den Partys mit dabei sein durften. Aber jetzt war erstmal Hogsmeade dran. Nicht, dass das Zaubererdörfchen so spannend war, aber sie konnten endlich etwas unternehmen, ohne dass ständig eine Lehrkraft um die Ecke kommen konnte.
Da fiel ihm etwas ein.
„Mensch, Theo, was ist denn mit der Einwilligung?"
Die zu unterschreibende Einwilligung war mit der Liste der Schulbücher gekommen.
Theo sah ihn fragend an.
„An die hast du aber gedacht, oder?"
Theo lachte und zeigte dabei seine auffälligen Schneidezähne.
„Klar, die hab ich meinen Alten sofort unterschreiben lassen und dann gut weggepackt."
Draco atmete erleichtert aus.
„Gut, ich wäre nur ungern ohne dich nach Hogsmeade gegangen."
Theos Grinsen bekam etwas Wölfisches.
„Oh, ich wüsste schon, mit wem du ohne mich nach Hogsmeade gehen könntest", behauptete er. „Am besten in Madam Puddifoots Café."
„Hä?", machte Draco verständnislos.
„Ach komm, Draco. Du wirst doch diese Lynn nicht vergessen haben."
Draco lachte leise.
„Theo, die ist jetzt schon in der Vierten."
„Und?" Theo zuckte mit den Schultern. „Blaise hat auch ständig ältere Freundinnen. Außerdem steht Lynn auf dich."
„Meinst du?"
„Klar, ich hab doch mitbekommen, wie sie dich angesehen hat. Und ständig hat sie versucht, dich zu betatschen, als wir da am See saßen. Ich wette, du könntest bei ihr landen. Warte mal ab, wenn sie dich jetzt sieht, die fällt dir gleich um den Hals."
Draco musste wieder lachen, aber genau genommen gefiel ihm die Vorstellung.
Und Theo hatte Recht.
Ähnlich wie bei Blaise war Dracos Stimmbruch schleichend gekommen. Erst in den Ferien, als seine Eltern ihn darauf ansprachen, begriff er, dass gegen Ende des Schuljahres seine Stimme bereits immer tiefer geworden war. Außerdem hatte er einen ordentlichen Schuss gemacht. Sicherlich war er immer noch kleiner als Blaise, aber er war nun einen halben Kopf größer als Theo. Zudem hatte er trainiert wie ein Besessener und sah nun endlich wirkliche Ergebnisse am ganzen Körper, insbesondere an den Armen und dem Oberkörper. Er war immer noch nicht muskulös, aber auch nicht mehr so dünn wie in der Ersten und Zweiten, sondern sportlich.
„Blödsinn", sagte er trotzdem.
„Sie hat dir auch gefallen", behauptete Theo.
„Ja, sie ist heiß", gab Draco offen zu.
Er erinnerte sich noch gut an die Slytherin, an ihr glänzendes Haar, die dunklen Wimpern, die vollen Lippen.
„Na, dann schnapp sie dir", grinste Theo. „Wobei ich weiß, dass es da noch eine gibt, die dir viel besser gefällt."
Das Bild war nur flüchtig in seinem Kopf, aber ignorieren konnte er es nicht.
Braune, wilde Locken. Große, dunkle Augen. Sommersprossen auf Nase, Wangenknochen und Schultern. Ein feuriger Blick und ein freundliches Lächeln mit etwas großen Schneidezähnen, die ihn immer an Theos freches Grinsen erinnerten.
„Wen meinst du?", fragte er und sein Herz klopfte so schnell und laut in seiner Brust, dass er fast fürchtete, Theo könnte es hören.
„Na, als ob du das nicht wüsstest", stichelte Theo. „Lu Baddock natürlich."
Draco fühlte, wie die Anspannung von ihm abfiel.
Lucrezia Baddock, natürlich.
Nun musste auch er grinsen.
Vor seinem inneren Auge erschien ein Bild von Lu, ihrem brünetten, glatten Haar, das sicherlich so seidig war, wie es aussah, den schön geschwungenen Lippen, den hübschen Augen und-
„Oh man", stöhnte Draco und drückte sein Gesicht ins Kopfkissen. „Scheiße, ja. Die ist richtig scharf."
„Wusste ich es doch!", prustete Theo. „Du bist verknallt in sie."
„Nein, Quatsch", lachte Draco und tauchte wieder aus dem Kissen auf. „Bin ich nicht."
„Bist du wohl. Du geierst die schon seit der Ersten an."
„Bei Merlins langem Bart, kannst du das nicht verstehen? Die ist so hübsch, und hast du dir mal ihren Körper angeguckt?"
„Ein wenig, sicher nicht so intensiv wie du", meinte Theo und wackelte mit den Augenbrauen. „Ich erinnere mich noch, wie du ihr in den Ausschnitt gestarrt hast, als sie dir zu deinem Eintritt in die Schulmannschaft gratuliert hat."
„Oh man, ja. Ich erinnere mich. Salazar, war das heiß. Ihre Brüste in der Spitzenunterwäsche waren schon ein einprägsamer Anblick."
„Uh, ich bin gespannt, wen du dir krallst, Lynn oder Lu."
„Spinnst du, Theo? Ok, mit Lynn könntest du Recht haben, also dass sie vielleicht auf mich steht, aber Lu? Theo, die ist jetzt schon in der Fünften. Vergiss es. Die wird mich nicht mal angucken."
„Hast vermutlich Recht", stimmte Theo ihm gähnend zu. „Dann eben ran an Lynn. Die ist auch heiß."
„Gefällt sie dir?", fragte Draco ehrlich interessiert.
„Schon", gab Theo zu. „Aber sie steht auf dich, das habe ich gemerkt. Außerdem..."
„Außerdem?", hakte Draco nach.
Theo zuckte mit den Schultern.
„Ach nichts."
„Komm, spucks aus."
„Nicht so wichtig", brummte Theo. „Aber... naja, mal ehrlich, neben dir und Blaise guckt mich doch keine an."
Einen Augenblick war Draco sprachlos.
„Theo, meinst du das ernst?"
Sein Freund gab einen undefinierbaren Laut von sich.
Nachdenklich sah Draco ihn an.
Theo war schlank und sportlich, er hatte volles, wenn auch etwas chaotisches braunes Haar und ausdrucksstarke, dunkelblaue Augen.
„Warum zur Hölle sollte dich keine angucken?", fragte er perplex.
„Naja, Blaise zieht Mädchen an wie ein Magnet. Sie stehen nicht nur auf sein Äußeres, dieser ganze dunkle Typ eben, sondern auch auf alles andere. Seine ganze Ausstrahlung, sein Selbstbewusstsein. Er weiß genau, was er wann sagen muss, und die Mädchen liegen ihm zu Füßen."
Da konnte Draco nicht widersprechen. Genau das hatte er vergangenes Schuljahr sehr wohl beobachtet. Blaise war einfach gutaussehend, selbstbewusst und ein Charmeur.
„Und du", fuhr Theo fort. „Bist das Gegenteil. Deine Haar- und Augenfarbe fällt sofort auf, beides so hell, und du wirkst total kühl und unnahbar. Du hast diesen Blick drauf, ich sehe doch, wie die Mädchen dann gucken."
„Hä? Was für einen Blick?", fragte Draco irritiert.
„Na, diesen ich-bin-zu-cool-für-euch-alle-Blick. Während Blaise die Mädchen schon mit seinen Augen anlacht und ihnen manchmal sogar zuzwinkert, wirkt es bei dir immer so, als könnten die Mädchen sich glücklich schätzen, wenn du sie eines Blickes würdigst. Deshalb kichern die auch ständig, wenn du in ihre Richtung guckst."
„Oh", machte Draco überrascht, dem das mit dem Kichern letztes Schuljahr tatsächlich ab und an aufgefallen war, zum Beispiel die Ravenclaws auf der Zugfahrt nach Hogwarts oder die Hufflepuffs an Valentinstag. „Aber das mache ich gar nicht mit Absicht."
„Achte mal drauf", lachte Theo.
„Ja, aber Theo", kam Draco zum eigentlichen Thema zurück. „Wieso sollten die Mädchen dich denn nicht angucken? Du siehst auch gut aus."
Theo lächelte dankbar.
„Na, ich habe eben nicht so etwas besonderes wie ihr", sagte er dann, plötzlich wieder ernst. „Ich habe nur diese blöden Muttermale und die hässlichen Zähne."
Draco war überrascht.
Ja, Theo hatte ein paar Muttermale im Gesicht und am Körper, aber die waren so selbstverständlich für Draco da, dass er sie gar nicht bewusst wahrnahm. Und Theos Zähne waren irgendwie lustig, fand er. Aber Theo hatte ein gutaussehendes Gesicht.
„Ach komm", sagte er. „Du hast letztes Schuljahr an Valentinstag auch mehrere Liebesbriefe bekommen. Ich habe dich noch nie als weniger gutaussehend als mich empfunden, oder als Blaise."
Theo guckte unsicher.
„Danke", sagte er.
Draco grinste.
„Wirst schon sehen", prophezeite er. „Wir machen dir dieses Schuljahr auch ein Mädchen klar."
Theo lachte und legte seinen Kopf auf Dracos Kopfkissen.
„Ich hätte schon Bock auf eine Freundin", gestand Theo.
Wieder gähnte er.
„Danke noch mal, Draco. Für alles. Auch, dass ich immer herkommen darf. Aber jetzt... Jetzt schleiche ich mich wieder in den Gästeflügel. Ich bin echt müde."

A Death Eater's Tale Geschichten, die süchtig machen. Entdecke jetzt