Was machst du da?"
Draco zuckte zusammen und drehte sich vom Spiegel in Richtung Badezimmertür, in der Theo stand.
„Was?"
„Was du da machst, frage ich", erklärte Theo und musterte ihn.
Draco gab sich die größte Mühe, einen neutralen Gesichtsausdruck beizubehalten.
„Ich mache mich fertig", gab er knapp Auskunft. „Ich muss Patrouille laufen, schon vergessen?"
Er sagte es etwas unfreundlicher als beabsichtigt, was ihm nicht nur unangenehm war, weil Theo sein bester Freund war, sondern weil es auch den Eindruck machte, als würde er die Vertrauensschüler-Aufgaben abwerten - die Aufgaben, die Theo so gerne übernommen hätte.
„Nicht vergessen", erwiderte Theo. „Ich frage mich nur, warum du dafür so viel Zeit im Bad verbringst."
Draco schnaubte, fast so, als wollte er damit das verräterische Klopfen seines Herzens übertönen.
Verhielt er sich zu auffällig?
Oder sah er selbst Dinge, die gar nicht da waren? War er vielleicht gar nicht wirklich aufgeregt und redete es sich nur ein?
Tatsache war allerdings: Er hatte sich umgezogen. Er trug eine schwarze Hose und passende Schuhe. Sein ebenfalls schwarzes Hemd hatte er nicht bis oben hin zugeknöpft, sondern die beiden ersten Knöpfe offen gelassen. Und er hatte sogar ein Jackett übergezogen - eins von der Stange, kein maßgeschneidertes natürlich. Er ging schließlich nur auf Patrouille, verdammt noch mal!
Ja, er ging nur auf Patrouille - trotzdem hatte er sein Haar noch einmal gekämmt und seine Zähne mit seiner geliebten Minz-Zahnpasta geputzt, obwohl er ersteres normalerweise vorher gar nicht und zweites sonst erst nach dem Gang getan hätte.
„Ich will eben nicht aussehen wie diese heruntergekommenen Schlamm- und Halbblüter, Theo", erklärte Draco unwirsch. „Ich bin ein Malfoy, oder nicht? Ich achte eben immer auf mein Aussehen."
„Hm", machte Theo und klang skeptisch dabei.
Draco beeilte sich, sich an ihm vorbeizuschieben.
„Bis später", murmelte er knapp und floh regelrecht aus dem Schlafraum.
Sie wartete bereits auf ihn, in der Eingangshalle. Da die Sperrstunde vor wenigen Minuten begonnen hatte, war niemand unterwegs.
Als er sich ihr näherte und sein Blick kurz auf die Treppe fiel, die zur Küche hinunterführte, musste er sofort an zwei Dinge denken: An das gemeinsame Plätzchen backen mit einem Hauself - und an die Situation, die er heimlich beobachtet hatte, als Viktor Granger während des Balls in genau dieser Eingangshalle küsste.
Er schob beide Erinnerungen an den Rand seines Bewusstseins.
„Du kommst zu spät", begrüßte sie ihn unfreundlich.
„Zwei Minuten", gab er augenverdrehend zurück, ehe sein Blick rasch an ihr hinab und dann wieder hinauf glitt.
Sie trug eine ausgebeulte, schlichte Muggeljeans und einen dunkelgrauen Sweater mit bordeauxroten Rändern an den Ärmeln und Draco kam sich augenblicklich overdressed vor.
Aber genau das war es doch, was er Theo eben gesagt hatte! Genau deshalb wollte er sich von Schlammblütern optisch distanzieren!
„Ist was?"
Draco sah Granger überrascht an. Diese erwiderte den Blick kampfbereit. Offensichtlich hatte sie seinen Blick bemerkt.
Er kräuselte bewusst leicht abfällig die Nase.
„Nein, nichts."
„Gut", pampte sie und fuhr so ruckartig herum, dass die Locken flogen. „Dann los."
Als sie sich umdrehte, fiel Draco erst auf, dass sie einen kleinen, pragmatischen Muggelrucksack auf dem Rücken trug. Er bemerkte sofort, dass es ein Muggelrucksack war, da er Reißverschlüsse hatte - und die waren etwas, was er erst in Hogwarts durch die Halbblüter kennengelernt hatte. In der Welt der Hexen und Zauberer nutzte man Knöpfe oder Schleifen, um etwas zu verschließen.
Und leider hatte er es nicht unter Kontrolle, dass sein Blick von ihrem Rücken tiefer glitt.
„Wo bleibst du?"
Hastig hob er den Blick wieder und sah direkt in ihre tiefbraunen Augen.
Hatte sie etwas bemerkt?
Scheinbar hatte sie das, denn in ihrem Blick sah er eine Mischung aus Verärgerung und Unsicherheit.
„Komme ja schon", schnarrte er so unnahbar wie möglich und schloss zu ihr auf.
Bloß nicht verdächtig verhalten. Und bloß nicht anmerken lassen, dass er ihr eben tatsächlich ziemlich offensichtlich auf den Hintern gestarrt hatte.
Sie warf ihm einen undeutbaren Seitenblick zu.
In diesem Moment dimmten die Fackeln an den Wänden ihr Licht.
Natürlich war dies vollkommen normal.
Draco hatte bereits zwei Patrouillengänge mit Pansy hinter sich und er wusste, dass wenige Minuten nach Sperrstunde die Fackeln ihr Licht verringerten. Sobald ihr Rundgang beendet war - kurz nach elf Uhr nachts - gingen die Lichter vollkommen aus.
Draco musste sich eingestehen, dass Hogwarts um diese Uhrzeit irgendwie etwas Besonderes bekam. Die Porträts an den Wänden wurden stiller, um irgendwann ganz zu verstummen. Die ersten Personen in den Gemälden schliefen bereits in der Zeit während des Rundgangs ein, der Rest dann, wenn die Lichter vollkommen gelöscht wurden. Dann schlief das ganze Schloss - abgesehen von den Geistern, Filch und seiner Katze. Draco wusste von den Malen, in denen er sich nachts noch heimlich im Schloss aufgehalten hatte, dass der Hausmeister noch lange nach Mitternacht durchs Schloss patrouillierte. Meist wurde er gegen zwei Uhr nachts endgültig von den Geistern abgelöst. Selbst dieser griesgrämige Squib musste schließlich irgendwann mal schlafen.
Granger neben ihm zog ihren Stab.
„Lumos."
Die Zauberstabspitze erleuchtete. Draco zog seinen Stab ebenfalls und sprach den Lumos-Zauber. Beide Stäbe zusammen lieferten genug Licht, so dass sie trotz der gedimmten Fackeln gut in die düsteren Ecken blicken konnten, wenn sie sich diesen näherten.
Die ersten Minuten liefen sie schweigend nebeneinander her.
„Warum hast du eigentlich diesen charmanten kleinen Rucksack dabei?" Draco hatte die Stille einfach nicht mehr aushalten können.
Sie warf ihm einen grimmigen Seitenblick zu, schwieg aber.
„Ich meine", fuhr er fort, „dein ganzes Outfit sieht mehr danach aus, als müsstest du ein paar Tage für ein Überlebenstrainig in den Verbotenen Wald, aber was weiß ich schon. Vielleicht kommt sowas nur in meinen Kreisen komisch rüber."
Sie gab ein ersticktes Geräusch von sich, so als würde seine Unverschämtheit ihr beinahe die Luft abschnüren. Draco musste grinsen.
„Ich weiß gar nicht, was du hast und warum du nicht mit mir redest. Ich meine, du bist doch diejenige, die mir Briefe schreibt, nicht umgekehrt."
Eisiges Schweigen.
„Ok, dir hat doch was den Zauberstab verknotet", stellte Draco unschuldig fest. „Ich meine, das merke ich an deiner Gesprächigkeit."
„Lass es einfach, Malfoy", zischte sie. „Ich weiß, dass du mich mit diesem zusätzlichen Patrouillengang nur ärgern willst. Ich erfülle jetzt einfach meine Pflicht und dann war es das."
„Deine Pflicht", schmunzelte Draco. „Mal ehrlich, Granger, nimm den Stock aus dem Hintern. Lass den armen Menschen hier an der Schule doch ein bisschen Spaß. Ich meine, wo und wann soll man sich denn sonst treffen, wenn man natürlichen Bedürfnissen nachkommen will?"
Ihre Wangen wurden rot, aber sie erwiderte im Gehen tapfer seinen Blick, als er sie provokant ansah.
„Mir wird gerade ein weiteres Mal deutlich, warum die Art und Weise, wie an dieser Schule Vertrauensschüler und -schülerinnen gewählt werden, absolut sinnfrei ist."
Draco blinzelte. „Was?"
Granger holte tief Luft.
„Die Hauslehrer schlagen der Schulleitung die Personen vor, die das Amt übernehmen sollen. Die Schulleitung nimmt die Vorschläge in der Regel vorbehaltlos an. Dies erscheint mir doch ein sehr kontraproduktives Prozedere."
„Ach?", machte Draco. „Denkt das Miss Schlauberger, ja?"
Ihr wütender Blick war ein dutzend Galleonen wert.
„In der Tat", bestätigte sie hochnäsig. „Überleg doch mal - wir sollen die Schülerschaft unseres Hauses repräsentieren und für unser Haus da sein. Wäre es da nicht allzu fair, wenn die Wahl von unseren Häuserkameraden getroffen werden würde statt von Lehrkräften?"
Kurz schwieg Draco perplex. Im Grunde hatte Granger recht.
„Hört hört", lachte er dann. „Unser kleiner Lehrerliebling zweifelt die Methoden des Lehrpersonals an! Diesen Tag werde ich mir wohl im Kalender markieren müssen."
„Kannst du eigentlich auch mal was ernst nehmen?"
„Nichts, was du sagst", sagte er gehässig.
Granger verdrehte die Augen und wandte sich dann einer Tür zu.
„Granger, das ist eine Besenkammer. Dort zieht sich eher selten jemand zurück. Darin Sex zu haben ist auch verdammt unbequem, das kann ich aus Erfahrung sagen. Wenn du unbedingt wen erwischen willst, solltest du die unbenutzten Klassenräume untersuchen."
Wieder warf sie ihm einen zornigen Blick zu, aber Draco sah auch noch etwas anderes darin: Leichte Verlegenheit aufgrund des Themas und... Er konnte es nicht richtig greifen. Fast wirkte es so, als würden seine Worte sie kränken?
„Ich weiß, dass es eine Besenkammer ist, stell dir vor", murrte sie.
Dann öffnete sie ebenjene und trat hinein.
Draco runzelte die Stirn, zögerte kurz - und stellte sich in den Türrahmen.
„Was zur Hölle machst du da?"
Granger hatte den Rucksack von ihrem Rücken gleiten lassen und bereits geöffnet.
„Geht dich nichts an."
„Oh, wir sind gerade Vertrauensschüler-Partner, es geht mich also sehr wohl was an", schnarrte Draco, während er versuchte, an Granger vorbei zu schauen und zu sehen, warum sie ihren Rucksack öffnete. Allerdings drehte diese kleine Nervensäge sich immer wieder von ihm weg, um ihm die Sicht zu versperren. „Ach komm schon, Granger. Sei nicht so. Was machst du da?"
„Steck deine Nase nicht in fremde Angelegenheiten."
„
DU LIEST GERADE
A Death Eater's Tale
FanfictionJeder kennt sie - die Geschichte vom Jungen, der überlebte. Auch Draco Malfoy muss in seinem Leben immer wieder feststellen, dass die Geschichte dieses Jungen Einfluss auf seine eigene Geschichte hat. Auch wenn er es anfänglich nicht bemerkt und spä...
