Einhornblut

136 14 2
                                        

"Bei Merlins Bart..."
Draco hörte unter anderem diesen Satz aus dem aufgeregten Geplapper der Gruppe Gryffindors heraus, die sich um die großen Punktegläser versammelt hatten und fassungslos starrten.
Er war etwas später als die anderen Jungs auf dem Weg zum Frühstück, da er noch mit Lucian und Ava über die dreißig Punkte, die er in der Nacht verloren hatte, reden wollte.
Dieses Mal hatte er einfach von sich aus erzählt, wie die Punkte verloren gegangen waren, denn es waren ja ungleich viele im Vergleich zum letzten Mal, als er dabei erwischt wurde, wie er Weasley beleidigte. Die beiden Vertrauensschüler hatten zwar nicht wissen wollen, was er angestellt hatte, aber bei dreißig Punkten wollte Draco sich einfach erklären.
Lucian hatte lediglich mit den Schultern gezuckt und gemeint, dass sie die dreißig Punkte schon wieder reinholen würden, und Ava hatte nur trocken bemerkt, dass er sich bitte das nächste Mal nicht erwischen lassen sollte, wenn er nachts umherschlich, sie könnte ihm auch gerne ein paar einfache Tarnzauber zeigen.
Nun, seine dreißig verlorenen Punkte waren aber auch nichts gegen das, was die Gryffindors da gerade auszustehen hatten. Kaum noch rote Steine waren in dem Glas zu sehen, was verwunderlich war, denn Gryffindor lag am Abend zuvor noch großzügig in Führung.
Und offensichtlich waren die Gryffindors sehr erstaunt darüber, dass sie über Nacht sage und schreibe satte hundertfünfzig Punkte verloren hatten.
Über Nacht.
Während die Gryffindors noch rätselten, was passiert sein könnte, beeilte Draco sich, zum Slytherin-Tisch zu kommen, hatte er doch eine Ahnung, was geschehen war.
Wenn die Gryffindors hundertfünfzig Punkte über Nacht verloren hatten, konnte das eigentlich nur bedeuten...
Sein Blick huschte rasch zum Tisch der Löwen.
Potter saß vollkommen in sich zusammen gesunken beim Frühstück, den Kopf tief zwischen die Schultern gezogen, und stocherte in seinem Porridge herum.
Draco setzte sich so schwungvoll zu seinen Freunden, dass Blaise das Glas beim Trinken überschwappte.
„Habt ihr das mit den Gryffindors mitbekommen?", fragte er aufgeregt.
„Du meinst, dass sie hundertfünfzig Punkte verloren haben?", vergewisserte Theo sich. „Klar. Und das über Nacht."
Blaise starrte angesäuert auf den Saftfleck auf seinem Hemd.
„Denkt ihr etwa, es hat was mit-", begann er, wurde aber sofort von Draco unterbrochen.
„Klar! Überleg doch mal. Gestern Abend war das Punkteglas von denen noch total voll. Und heute Morgen waren die Punkte plötzlich weg."
„Du glaubst also auch", grinste Theo. „dass Potter doch erwischt wurde?"
Draco nickte eifrig.
„Das denke ich. Guckt doch mal, wie er da sitzt."
Ihre Köpfe ruckten zu Potter, der noch mehr in sich zusammen gesackt war und seinen Blick scheinbar nicht vom Teller heben wollte.
„Genial, er wurde bestimmt erwischt", brummte Greg hocherfreut.
Draco wollte gerade etwas Schadenfrohes ergänzen, als sein Blick auf Hermine Granger fiel, die neben Potter saß.
Draco erstarrte.
Er war so auf Potter und darauf fixiert gewesen, was wohl passiert war, dass er auf sie nicht geachtet hatte.
„Hundertfünfzig Punkte Abzug", frohlockte Theo, aber Draco hörte es nur wie durch Watte. „Damit liegt Gryffindor auf dem letzten Platz!"
"Und Slytherin liegt in Führung", ergänzte Vincent.
Die Gryffindor mit dem braunen, buschigen Haar war ebenfalls tief über ihre Schüssel Porridge gebeugt, ihr Haar fiel nach vorne und fast wirkte es so, als wollte sie sich dahinter verstecken wie hinter einem Vorhang. Ihre Schultern bebten, aber Draco begriff erst, was dies bedeutete, als sie ihre freie Hand hob und sich mit dem Handrücken über die Augen fuhr.
Wenn sie weinte, konnte es nur bedeuten...
Draco senkte den Blick auf seinen Teller.
Der Appetit war ihm plötzlich vergangen.
Die Schadenfreude irgendwie auch.


Dass er mit seiner Vermutung Recht gehabt hatte, erfuhr er schon bald.
Offensichtlich interessierte es nicht so viele, dass sowohl Neville Longbottom als auch Hermine Granger jeweils fünfzig Punkte verloren hatten. Nein, hauptsächlich regte man sich über den berühmten Harry Potter auf, Held aus zwei Quidditch-Spielen.
Draco fragte sich, inwiefern Longbottom als auch Hermine Granger in die Sache mit dem Drachen hineingezogen worden waren und warum es nicht Weasley getroffen hatte. Aber dann fiel ihm ein, dass Weasley ja mit angeschwollener Hand im Krankenflügel gelegen hatte, als Potter den Drachen auf den höchsten Turm gebracht hatte.
Letztendlich konnte es ihm egal sein, wichtig war nur, dass Gryffindor auf dem letzten Platz war und Potter nun von allen gehasst wurde, aber leider war da immer dieser Knoten in seinem Magen, wenn er Hermine Granger sah.
Sie war stiller in den letzten Schulwochen, selbst im Unterricht traute sie sich nicht mehr, auf sich aufmerksam zu machen und sie ließ nur noch still und traurig den Lockenkopf hängen.
Selber Schuld, dachte Draco. Wer mit Dreck spielt, macht sich eben die Hände schmutzig.
Was freundete sie sich auch mit dem dämlichen Potter an.
Andererseits - sie war ein Schlammblut, er durfte das nicht vergessen. Mit wem sollte jemand wie sie sich sonst anfreunden wenn nicht mit einem solchen Versager.
Was Draco allerdings wunderte, war die Tatsache, dass offensichtlich nicht nur die Gryffindors sauer auf Potter waren, sondern die Ravenclaws und Hufflepuffs ebenso. Keiner redete mehr ein Wort mit ihm, außer seine engsten Freunde.
Draco sprach das einmal im Gemeinschaftsraum an, also seine Verwunderung über das Verhalten der Ravenclaws und Hufflepuffs, und erntete ein paar mitleidige Blicke der älteren Schülerinnen und Schüler.
Marcus hatte ihm auf die Schulter geklopft und ihm nur in resigniertem Ton gesagt, dass er es sicher bald verstehen würde und er leider auch lernen musste, dass es auch Nachteile hatte, ein Slytherin zu sein.
Draco beschäftigte sich nicht weiter mit dem Gedanken, sondern konzentrierte sich auf das Lernen für seine Abschlussprüfungen.
Als er schließlich von seinem Hauslehrer kurz und knapp informiert wurde, dass ein Termin für seine Strafarbeit feststünde, war Draco einen Augenblick beinahe irritiert, hatte er zeitweise sogar fast vergessen, dass McGonagall ihm neben Punktabzug auch noch eine Strafarbeit angedroht hatte.
Snape überreichte ihm mit einer zackigen Bewegung einen Zettel, auf dem ihm mitgeteilt wurde, dass seine Strafarbeit heute Abend um elf beginnen würde.
Seine Freunde und natürlich auch er selbst waren mehr als nur irritiert über die Uhrzeit, und Draco machte sich um halb elf, als die anderen bereits im Bett lagen, auf den Weg zum Treffpunkt.
Filch wartete auf ihn in der Eingangshalle und warf ihm einen abfälligen Blick zu, was Draco sehr ärgerte. Dieser heruntergekommene Hausmeister war sicherlich der Letzte, der auf einen Malfoy herabschauen sollte. Draco machte sich eine gedankliche Notiz, herauszufinden, warum dieser griesgrämige Mann eigentlich niemals mit einem Zauberstab zu sehen war. Er hatte einen Verdacht, woran es liegen könnte, und wenn dieser sich bestätigte, hatte Filch absolut kein Recht, Draco so abfällig zu behandeln.
In unangenehmen, eisigen Schweigen warteten sie, Draco wusste nicht genau, worauf.
Erst als er Potter sah, fiel es ihm wie Schuppen von den Augen: Da sie alle nachts herumgeschlichen waren, mussten sie offensichtlich auch zusammen ihre Strafe absitzen.
Hinter Potter kamen mit gesenkten Köpfen Hermine Granger und Longbottom.
„Folgt mir", befahl Filch und zündete eine Laterne an - kein Zauberstab mit Lumos, wie Draco sofort auffiel. „Ich wette, beim nächsten Mal überlegt ihr euch, ob ihr gegen die Regeln verstoßt."
Draco sah aus dem Augenwinkel, wie Hermine Granger unter seinen Worten zusammenzuckte wie unter Peitschenhieben. Offensichtlich schämte sie sich nach wie vor, die Schulregeln gebrochen zu haben.
Sie gingen in der monddurchfluteten Nacht über das Schulgelände in Richtung der Hütte des Wildhüters.
„Bist du das, Filch?", hörte man Hagrids Stimme.
Potter seufzte erleichtert auf.
Filch ranzte ihn sofort an.
„Denkst wohl, ihr könnt euch mit diesem Hornochsen einen schönen Abend machen, was? Von wegen. Ihr geht in den Verbotenen Wald und es würde mich wundern, wenn ihr da in einem Stück wieder herauskommt."
Longbottom stöhnte auf und Draco blieb wie angewurzelt stehen.
„In den Wald?", wiederholte er. „Wir können da nachts nicht rein, da treibt sich alles mögliche herum - auch Werwölfe, hab ich gehört."
Longbottom packte Potter am Arm und gab ein ersticktes Geräusch von sich. Hermine Granger starrte Draco erschrocken an und wurde sichtlich blass.
Ja, Draco hatte von seinen Eltern und älteren Schülern bereits einiges über den Wald gehört und es hatte schließlich einen Grund, warum er für sie alle verboten war. Wieso, zur Hölle, schickte man sie jetzt absichtlich hinein?
„Nun, da hättet ihr vorher dran denken müssen, selber Schuld", befand Filch kalt.
Hagrid kam aus der Dunkelheit gestapft, begrüßte die anderen Kinder und ignorierte Draco vollkommen, dann tauschte er noch ein paar Sätze mit Filch aus, ehe dieser zum Schloss zurück ging.
Draco wandte sich wütend an Hagrid.
Die Wahrheit war, dass er schreckliche Angst hatte, in diesen Wald zu gehen, und er wusste, durchaus zu Recht.
Sie waren Erstklässler! Wie konnte die Schulleitung eine solche Strafe anordnen? Was dachten sich Dumbledore und McGonagall dabei? Wollten sie sie umbringen?
„Ich gehe nicht in diesen Wald", stellte er klar.
„Du musst, wenn du nicht von der Schule fliegen willst", sagte Hagrid grimmig. „Du hast was ausgefressen und jetzt musst du dafür bezahlen."
„Aber das ist Sache der Bediensteten!", sagte Draco wütend. „Und nicht der Schüler. Ich dachte, wir würden die Schulordnung abschreiben oder so. Wenn mein Vater wüsste-"
„Wenn du glaubst, dann Vater hätte es lieber, wenn du von der Schule verwiesen wirst, dann geh zurück und pack deine Sachen", knurrte Hagrid. „Los jetzt!"
Einen Moment starrte Draco dem Wildhüter trotzig in die käferschwarzen Augen.

A Death Eater's Tale Geschichten, die süchtig machen. Entdecke jetzt