Die Schwingen der Eule durchschnitten die Luft. Sie flog in einem großen Bogen und landete dann auf einem Ast der großen Silberpappel, wo sie nur noch als Schatten zu erahnen war und das Licht der Sterne sich in ihren Augen spiegelte und diese zum Funkeln brachte.
Das Grundstück lag still, selbst der Wind schien die Luft anzuhalten. Kein Rauschen von Blättern war zu hören, und das Leuchten der Himmelsgestirne war von Natur aus stumm. Die Brunnen waren über Nacht ausgestellt, kein Plätschern erheiterte die Szenerie. Die Pfauen schliefen tief und fest in ihrer verzierten Voliere, die sie in der Nacht schützte, während sie sich am Tage nach Belieben frei bewegen konnten.
Sie standen beide inmitten dieser Stille, und nachdem sie die Eule begutachtet und festgestellt hatten, dass es ein gewöhnliches Exemplar, keine Posteule war, wandten sie sich wieder ihrer momentanen Tätigkeit zu: Dem nervösen Inhalieren von Zigarettenqualm.
„Sie scheinen immer noch nicht fertig zu sein", stellte Draco fest, zog an der Zigarette und entließ den Qualm durch seine Nasenlöcher.
Blaise behauptete stets, er würde wie ein schnaubender Drache aussehen, der sich aufs Feuer speien vorbereitete, wenn er dies tat. Was allerdings nicht häufig vorkam, schließlich rauchte er äußerst selten. Im Gegensatz zu seinem Freund, der gerade neben ihm stand, die Körperhaltung lässig und ein merkwürdiger Kontrast zu der Kleidung, die er trug: Weißes Hemd, graue Hose, schwarze, glänzende Schuhe. Theo war nicht alleine gekommen, also war es ihm auch nicht möglich gewesen, Freizeitkleidung zu tragen.
Auch Draco war den Umständen entsprechend relativ schick gekleidet. Hemd, Anzughose, Schuhe aus Drachenleder, alles in schwarz.
Selbstverständlich sollten sie den richtigen Eindruck machen!
Theo brummte als Antwort.
„Glaubst du, sie reden auch über Potter?"
Theo nahm einen langen Zug von seiner Zigarette und entließ langsam den Qualm aus seinen Lungen, ehe er antwortete.
„Vermutlich", sagte er.
„Bloß nicht so gesprächig", schnarrte Draco mit vor Ironie triefender Stimme.
Theo grinste schief.
„Haha. Aber was soll ich sagen, Draco? Potter ist momentan Dauerthema bei meinem Alten, ich kann den Namen schon nicht mehr hören. Am Anfang der Ferien hat er mich im Prinzip täglich über Potter ausgefragt, wollte wissen, ob er besonders talentiert sei oder irgendwelche besonderen Interessen an Dunklen Künste zeigte. Er hat mir eine verpasst, dass meine Ohren gedröhnt haben, als ich irgendwann flapsig sagte, dass man bei Potter nur die Sorge haben muss, dass er nicht über seine eigenen Füße stolpert. Mein Alter sagt, ich solle den Jungen, der überlebte, mehr ernst nehmen. Schließlich habe er den Dunklen Lord bereits als Baby beinahe seiner Existenz beraubt."
„Verrückt, oder?", sinnierte Draco und betrachtete den Rauch, der von seiner Zigarette aufstieg. „Ein kleiner Junge, der eigentlich noch nicht einmal wissen kann, was Magie ist, besiegt den Dunklen Lord."
Er ruckte mit dem Kopf Richtung Gebäude.
„Sie haben Theorien, was damals passiert sein könnte, nicht wahr?"
Der Dunkle Lord. Bereits in Dracos zweitem Schuljahr hatte sein Vater plötzlich begonnen, den, dessen Name nicht genannt werden darf, so zu nennen. Es war ein vollkommen abstrakter Begriff für Draco gewesen - bis vor ein paar Wochen, als die Sommerferien begonnen hatten und er ins Arbeitszimmer seines Vaters zitiert worden war.
In wenigen Minuten hatte sich damals sein gesamtes Weltbild verändert. Ein wenig fühlte es sich an, als sei er in diesem Moment auf brutale Art erwachsen geworden.
„Ja", bestätigte Theo. „Eine verrückter als die andere. Einig sind sie sich allerdings, dass der Dunkle Lord nie ganz fort war - was viele von ihnen wohl aber eine lange Zeit gedacht hatten. Dein Vater übrigens auch."
Er warf ihm einen bezeichnenden Seitenblick zu.
„Deiner nicht", stellte Draco fest.
Theo zuckte vage mit den Schultern, zog an seiner Zigarette.
„Nicht so richtig, vermutlich. Aber er hat andererseits auch nicht so wirklich daran geglaubt, dass er eines Tages wiederkehren würde."
„Das ist doch gar nicht sicher", sagte Draco, in einem ärgerlicheren Ton als beabsichtigt.
Er wollte nicht zugeben, dass ihn die Vorstellung, Voldemort könnte zurück kehren, irgendwie beunruhigte.
„Nein, das ist es nicht", bestätigte Theo und klang beinahe amüsiert. „Aber wäre es komplett unwahrscheinlich, würden sich hier heute Abend wohl kaum all diese... alten Freunde treffen, nicht wahr?"
Draco presste den Kiefer fest zusammen.
Er wusste sehr wohl, welchem Ausdruck Theo bewusst ein wenig provokativ aus dem Weg gegangen war.
Es waren Todesser, die dort im Manor saßen, allesamt, einschließlich ihrer beider Väter.
Seit seiner Rückkehr aus Hogwarts wusste Draco nun bescheid.
Er zog ein letztes Mal an seiner Zigarette und drückte den Stummel dann gründlich im nahegelegenen Kiesbeet aus, behielt ihn aber in der Hand, schließlich wollte er das Grundstück nicht verdrecken.
„Weißt du, sie wollen im Grunde genommen etwas Gutes", sagte er geistesabwesend. „Sie wollen uns schützen. Vor Angriffen der Muggel. Wir müssten keine Angst mehr haben, dass unsere Welt entdeckt wird, wenn wir keine Schlammblüter mehr unter uns hätten. Dieses dreckige Pack lockt doch die Muggel zu uns. Ich kann immer weniger glauben, dass Dumbledore das zulässt. Mein Vater sagt, der Schulleiter ist eine Zumutung für Hogwarts."
„Hm, ja, schon", brummte Theo.
„Oder habe ich etwa nicht Recht?", hakte Draco nach.
„Doch, natürlich", stimmte Theo zu. „Außerdem besteht die Gefahr, dass unsere Magie irgendwann schwindet, wenn wir sie immer mehr mit Muggeln und Schlammblütern mischen."
„Eben", bestätigte Draco. „Glaubst du, sie planen etwas? Etwas, um ein Zeichen im Namen des Dunklen Lords zu setzen?"
„Vermutlich", stimmte Theo zu. „Mein Alter meinte vor einiger Zeit, dass der Dunkle Lord sicherlich schauen wird, wer weiterhin in seinem Namen gehandelt hat, wenn er erst zurück gekehrt ist."
„Ich kann es immer noch nicht glauben", stellte Draco fest, während nun Theo seine Zigarette ebenso gründlich wie er im Kies ausdrückte. „Ich kann mir einfach nicht vorstellen, dass er irgendwo da draußen sein soll..."
Nachdenklich blickte Draco in die Dunkelheit.
Nun, seine Aussage stimmte nicht ganz.
Er war dem Dunklen Lord bereits zweimal begegnet. Beide Male hatte er den Körper von Quirrell besetzt, aber es zählte trotzdem. Und er hatte die kleine Weasley gelenkt wie eine Puppe. Er war real, er war da.
Draco schauderte.
„Wie kann er den zurückgeprallten Todesfluch nur überlebt haben?", murmelte er.
Theo holte eine kleine Metalldose aus der Hosentasche, klappte sie auf und legte seinen Zigarettenstummel zu einigen, die sich bereits darin befanden, ehe er Draco die Dose hinhielt, damit Draco seinen ebenfalls dazulegen konnte.
„Sie glauben, es war alte, sehr dunkle Magie", sagte er leise, während er die Dose wieder in seiner Hosentasche verschwinden ließ. Seine dunkelblauen Augen waren weit aufgerissen, während er weiter redete. „Sie sagen, er muss Vorkehrungen getroffen haben, damit in genau so einem Fall sein Geist nicht vollkommen zerstört werden kann... Aber offensichtlich fehlt ihm ein eigener Körper, deshalb hat er bisher andere benutzt."
Wieder schauderte Draco.
Es war eine gruselige Vorstellung, von einem anderen Geist besetzt zu werden.
Und der Dunkle Lord hatte Vorkehrungen getroffen, hatte Theo gesagt. Vorkehrungen, damit sein Geist nicht vollkommen zerstört werden konnte...
„Mein Alter jedenfalls sagt, niemand sollte darüber reden, das Geheimnis des Dunklen Lords würde niemanden etwas angehen", flüsterte Theo.
Und kurz, ganz kurz, hatte Draco das Gefühl, die Lösung sei zum Greifen nah. Der Gedanke bildete sich in seinem Kopf, nahm gerade Gestalt an, aber als das Puzzle sich beinahe zusammengesetzt hatte, öffnete sich die große Tür des Manor.
Licht fiel auf die imposante Außentreppe und auf ein Teil des Grundstücks davor.
Theo und Draco standen gerade so außerhalb des Lichkegels.
Hastig zogen sie ihre Zauberstäbe und wandten einen einfachen Zauber gegen den Geruch von Zigarettenqualm an sich an. Schnell ließ Theo die Metalldose mit den Zigarettenstummeln in seiner Hosentasche verschwinden.
Die Herren, allesamt in schicken Anzügen, kamen leise miteinander plaudernd die Treppe hinunter.
Einige disapparierten relativ schnell, eine kleine Gruppe versammelte sich allerdings am Fuße der Treppe und redete weiter, während sie Zigarren rauchten.
Draco erkannte Avery, Crabbe, Goyle, Macnair, Nott sowie seinen eigenen Vater.
Avery war der erste, der sie entdeckte.
„Ah, da sind ja die jungen Herren!"
Mit einem selbgefälligen Grinsen kam er auf sie zu, verließ den fächernden Streifen Licht und trat zu ihnen in den Schatten.
Sofort schlug Draco der intensive Geruch des Tabaks entgegen. Mit einem einzigen Blick erkannte er die sündhaft teure Marke, die Avery und die anderen rauchten: Handgerollte, mit Blattgold verzierte Zigarren, die mit exquisitem, gereiften Tabak aus Kuba gefüllt waren und limitiert in hochwertigen Humidoren verkauft wurden - alles andere wäre unter dem Niveau eines Reinblüters.
Draco war sich sicher, dass den alten Männern die Haare zu Berge stehen würden, wenn sie wüssten, was er und seine Freunde rauchten. Es waren zwar nicht die billigsten Zigaretten, wie andere Hogwarts-Schüler sie konsumierten, aber eben lang nicht vergleichbar mit dem, was die Erwachsenen hier rauchten.
Andererseits, dachte Draco still bei sich, würden ihre Väter so oder so durchdrehen, wenn sie wüssten, dass er und Theo rauchten. Das war wie so häufig die Doppelmoral von Erwachsenen: Sie verboten ihnen Dinge, die sie vor ihren Augen allerdings vollkommen selbstverständlich taten.
Da sie aber keinen Streit provozieren wollten, rauchten sie nur heimlich, daher hatten sie eben auch noch schnell den Geruch magisch entfernt. Wobei, dachte Draco, der Qualm der Zigarren so heftig roch, dass es ihren Geruch vermutlich übertüncht hätte.
„Mr Avery", grüßte Theo höflich und Draco sagte gleichzeitig: „Guten Abend."
„Ich habe gehört, ihr habt mit hervorragenden Noten glänzen können im vergangenen Schuljahr", fuhr Avery im Plauderton fort. „Eure Väter können sich wohl nicht über euch beschweren."
„Nein, wohl nicht", bestätigte Draco.
Die anderen Männer kamen näher.
„Ach, Theodore, du bist auch hier", brummte ein großer, bulliger Mann mit Halbglatze. „Vincent und Gregory wären sicher auch mitgekommen, aber sie sind mit ihren Müttern auf Reisen."
„Amerika, hörte ich, Mr Crabbe", sagte Theo höflich und überging gekonnt, dass er mit der langen Form seines Namens angesprochen worden war, was er hasste... Allerdings bestand sein Vater so hartnäckig darauf, dass „unter seinem Dach keine närrischen Kurzformen verwendet wurden", dass eine Diskussion sowieso zu nichts geführt hätte - allenfalls zu ein paar weiteren blauen Flecken an Theos Körper, auf die er sicherlich dankend verzichten konnte.
Bis auf ihre Väter, die sich immer noch leise am Fuße der Treppe unterhielten, hatten sich nun alle anderen Besucher zu ihnen gesellt.
„Korrekt", bestätigte Crabbe Senior und paffte seine Zigarre.
„Sie werden neidisch sein, wenn sie hören, dass ihr heute Abend hier ward und sie nicht", stellte Goyle, ein Mann mit breiter Nase und dichten Augenbrauen fest.
„Die Jungen sollen sich nicht so anstellen", meinte nun wieder Vincents Vater. „Theodore und Draco wissen an diesem Punkt auch nicht mehr als sie."
„Was gibt es denn zu wissen?", fragte Theo so beiläufig wie möglich und Avery lachte schallend.
„Der Junge ist ein waschechter Nott, lässt sich nicht an der Nase herumführen."
Theo spannte den Kiefer an, schwieg aber. Draco war sich nicht sicher, ob das Kompliment für ihn nicht eher eine Beleidigung gewesen war.
„Theodore!"
Theo zuckte so minimal zusammen, dass niemand außer Draco es bemerkte.
Mr Nott kam langsam, mit einem eleganten Gehstock als Hilfe, zu ihnen herüber.
Er war der Älteste in der Runde, trotzdem nahm Draco an, dass er den Stock nicht aufgrund seines Alters, sondern wegen einer alten, nicht korrekt geheilten Verletzung benötigte.
Leider war er nicht mehr so naiv, zu glauben, dass Theo nicht auch noch eine andere Verwendung des Stocks zu spüren bekommen hatte.
„Wir müssen hoffentlich nicht über dein Benehmen reden", sagte Theos Vater ruhig und klang gerade dadurch irgendwie bedrohlich.
„Ach, der Junge hat nur eine neugierige Frage gestellt, ist doch typisch für das Alter", sagte Avery wohlwollend. „Er möchte uns vermutlich einfach nacheifern."
„Der Junge hat manchmal ein zu loses Mundwerk", stellte Nott Senior eisig fest.
„Verzeihung", sagte Theo ruhig. „Ich wollte nicht unhöflich sein."
„Gut, dann verabschiede dich angemessen, Theodore", befahl Mr Nott. „Wir gehen."
„Ja, Sir", bestätigte Theo.
Er verabschiedete sich höflich zuerst vom Gastgeber, Dracos Vater, ehe er brav den anderen Männern die Hand gab. Genauso förmlich verabschiedete er sich zum Schluss von Draco.
Als sein Vater ihm die Hand auf die Schulter legte, um mit ihm Seit-an-Seit zu Apparieren, suchte er mit Blicken noch einmal Draco.
Wir treffen uns und reden dann weiter, schienen seine Augen zu sagen und Draco ruckte kaum merklich mit dem Kopf.
„Er ist sehr streng mit dem Jungen", stellte Avery wertfrei fest.
„Eine strenge Hand hat noch niemandem geschadet", gab Dracos Vater knapp zurück.
Draco verdrehte innerlich die Augen.
Er konnte es beim besten Willen nicht verstehen, warum sein Vater sich so gut mit dem alten Nott verstand. Offensichtlich kümmerte es ihn nicht, wie dieser mit Theo umging.
Nachdem auch die letzten Gäste disappariert waren, stand Draco alleine mit seinem Vater in der Nähe der Treppe.
„Komm", sagte sein Vater. Er wirkte ernst und nachdenklich. „Du solltest zu Bett gehen."
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A Death Eater's Tale
FanfikceJeder kennt sie - die Geschichte vom Jungen, der überlebte. Auch Draco Malfoy muss in seinem Leben immer wieder feststellen, dass die Geschichte dieses Jungen Einfluss auf seine eigene Geschichte hat. Auch wenn er es anfänglich nicht bemerkt und spä...
