Stille

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Die Halle war zum Abschiedsessen nicht festlich geschmückt.
Statt der Farben des diesjährigen Gewinnerhauses hingen schwarze Tücher an den Seiten und hinter dem Tisch der Lehrkräfte.
Bereits in den letzten Tagen hatte sich eine schwere Stille auf das Schloss gelegt. Draco hatte nicht gewusst, dass Trauer im Außen so spürbar sein konnte.
Auch jetzt, als sie sich alle an ihren Häusertischen niedergelassen hatten, hörte man nur vereinzelte, geflüsterte Gespräche.
Draco starrte auf den leeren, goldenen Teller vor sich. Er fühlte sich unwohl in dieser gedrückten Stimmung.
Als abrupt auch die leisen Gespräche um ihn herum erstarben, sah er wieder auf.
Dumbledore war von seinem Platz aufgestanden und nach vorne getreten.
Was folgte, war eine lange Rede - die längste, die Draco jemals vom Direktor gehört hatte.
Draco lauschte wie alle anderen schweigend, wie der Professor davon erzählte, was für ein Mensch Cedric Diggory gewesen war - fair, tugendhaft, freundlich.
Als Dumbledore dann die ungeheuerliche Behauptung aufstellte, Diggory sei von Lord Voldemort ermordet worden, starrten alle den alten Zauberer entsetzt an.
Greg lehnte sich näher zu Draco und den anderen.
„Glaubt ihr, das stimmt?", flüsterte er.
„Der Dunkle Lord? Zurückgekehrt?", fragte Vincent ebenso leise.
Draco schüttelte leicht den Kopf.
„Da hätte doch die Presse drüber berichtet", flüsterte er zurück.
Er warf einen raschen Blick auf Theo und Blaise, um von ihnen eine Bestätigung zu bekommen, aber Blaise hatte die Stirn in tiefe Falten gelegt, während er Dumbledore anstarrte, und Theos Blick war auf den leeren Teller vor sich gesenkt. Er wirkte blasser als sonst.
Natürlich schaffte Dumbledore es sogar in seine Rede über Diggory wieder einmal Sankt Potter einzubringen, was Draco komplett unpassend fand. Er behauptete, Potter hätte dem, dessen Name nicht genannt werden darf, während des Turniers gegenüber gestanden.
Draco schüttelte verärgert den Kopf. Warum hatte Dumbledore nur einen solchen Narren an diesem Potter gefressen? Er glaubte kein Wort von dem, was da gesagt wurde.
Als nun auch noch auf Potters Wohl angestoßen wurde, ließ Draco - wie viele andere Slytherins - seinen Kelch trotzig stehen.
„Ziel des Turniers war es", schloss Dumbledore. „das gegenseitige Verständnis unter den Magiern verschiedener Länder zu fördern. Im Lichte dessen, was geschehen ist, sind partnerschaftliche Bande wichtiger denn je." Sein Blick schweifte umher, erfasste alle, ehe er weitersprach und mit den Augen am Slytherin-Tisch verweilte, bei den Durmstrangs.
„Jeder Gast hier in der Halle", sagte Dumbledore und Draco sah, wie Viktor sich anspannte, so als erwarte er harsche Worte, „ist jederzeit wieder willkommen. Lord Voldemort besitzt ein großes Talent, Zwietracht zu verbreiten. Dem können wir nur entgegen treten, indem wir ein nicht minder starkes Band der Freundschaft und des Vertrauens knüpfen. Unterschiede in Lebensweise und Sprache werden uns nicht im Geringsten stören, wenn unsere Ziele die gleichen sind und wir den anderen mit offenem Herzen begegnen."
Viktor entspannte sich sichtlich, und Draco sah, wie er leicht und zustimmend nickte.
„Und... erinnert euch an Cedric, wenn ihr bald entscheiden müsst zwischen dem, was richtig ist und dem, was bequem ist. Denkt daran, was einem Junge, der gut und freundlich und mutig war, geschah, nur weil er Lord Voldemort in die Quere kam. Erinnert euch an Cedric Diggory."



Der Wind zerzauste sein Haar und pfiff in seinen Ohren.
Draco trieb den Besen bis zur Höchstgeschwindigkeit, während er über den See hinwegflog. Grundsätzlich flog er eigentlich lieber mit seinen Freunden, aber ab und an kam es eben auch vor, dass er Zeit für sich alleine brauchte. So sehr er die Tatsache auch genoss, in Hogwarts seine Freunde täglich zu sehen, so sehr verspürte er auch gelegentlich das Bedürfnis, nur für sich zu sein.
So wie jetzt, wenige Stunden vor der Verabschiedung der Gastschulen und seiner Abfahrt nach Hause.
Also schoss er nahezu pfeilschnell alleine dahin.
Zuvor hatte er sich mit dem Wasserjungen Kanja und dessen Schwester, Izumi, getroffen, um sich zu verabschieden; war er erst zurück nach Hause gereist, würde er seinen Merrow-Freund die ganzen Ferien über nicht sehen.
Der Tagesprophet hatte ausführlich über das schreckliche Ende des Turniers und Diggorys tragischen Tod berichtet. Draco hatte den Artikel wieder und wieder gelesen, so als würden sich die Worte ändern, wenn man sie nur oft genug wiederholte.
Sie taten es nicht. Also versuchte Draco, die Worte aus seinem Kopf zu pusten.
Er flog bereits die zweite Runde über den See, aber dieses Mal näherte er sich dem Durmstrang-Schiff, was er bei der ersten Runde tunlichst vermieden hatte.
Er erkannte die große, dunkelhaarige Gestalt an Deck selbstverständlich schon über die Ferne, hatte sie vorhin bereits entdeckt und daher bewusst einen großen Bogen um das Schiff gemacht.
O

b Viktor einsam dort an Deck saß, weil er, genau wie Draco, die Stille des Alleinseins benötigte?
Als er sich näherte, erhob Viktor sich und stellte sich an die Reling, blickte ihm entgegen. Draco war sich ziemlich sicher, dass er ihn die ganze Zeit schon bemerkt hatte.
Viktor hatte sich lässig mit den Unterarmen auf die Reling abgestützt, als Draco geschickt nur wenige Meter neben ihm an Deck landete. Kurze Zeit später stand Draco neben ihm, hatte den Besen an die Reling gelehnt und sich ebenso wie Viktor abgestützt.
„Sind die anderen unter Deck?", eröffnete Draco das Gespräch.
„Ein paar", antwortete Viktor. „Einige sind aber auch an Land, treiben sich irgendwo im Schloss herum. Jetzt, wo Niko sich um alles kümmert, sind einige Regeln gelockert - wie du sicher selbst auch bemerkt hast."
Draco nickte flüchtig.
Er würde nicht hier, an Bord des Durmstrang-Schiffes, stehen, wäre Karkaroff noch da. So, wie er stets den genauen Ort, an dem sich das Durmstrang-Institut befand, hatte verschweigen wollen, so wollte er auch keine Fremden auf dem Schiff haben. Niko hatte kein Problem damit.
Karkaroff war überstürzt aufgebrochen, gleich nachdem Potter mit Diggorys Leiche aus dem Labyrinth aufgetaucht war. Für den Grund gab es Gerüchte, aber der Tagesprophet hatte keins davon bestätigt.
„Es ist merkwürdig, dass es so endet, nicht wahr?", fragte Draco. „Alle haben sich auf dieses Schuljahr gefreut - auf das Turnier, auf euch, auf den Ball. Und jetzt reist ihr wieder ab und alles ist so..."
Er brach ab, ließ die Worte in der Luft hängen. Sicherlich wusste Viktor auch so, was er meinte.
Es endete... traurig? Tragisch? Welches Wort war passend für das, was geschehen war?
„Endet?", wiederholte Viktor überraschend ernst. „Es endet nicht, Draco. Cedrics Tod war erst der Anfang."
Draco runzelte die Stirn. Bisher hatte er aufs Wasser geschaut, aber nun drehte er den Kopf zu Viktor.
„Was meinst du?"
Auch Viktor wandte den Kopf und sie sahen sich an.
„Du hast gehört, was Harry gesagt hat", antwortete er ruhig. „Du weißt schon wer ist zurückgekehrt. Das ist nicht das Ende. Es ist der Anfang von etwas... von etwas, was den meisten von uns nicht gefallen wird."
Draco schüttelte ungläubig den Kopf.
„Du glaubst doch nicht etwa Potter mehr als dem Tagespropheten? Ich kenne Potter länger als du - er hat ständig den Drang, sich in den Vordergrund zu schieben. Da kommt so eine verrückte Geschichte gerade recht."
„Du kennst ihn vielleicht schon länger, aber ich kenne ihn besser. Harry ist ein guter Mensch. Er mag manchmal übereilt handeln, aber er ist kein Lügner. Der, dessen Name nicht genannt werden darf, ist zurück, und er hat Cedric ermordet."
„Diggorys Tod war ein Unfall!", entfuhr es Draco und er hörte selbst, er klang wütend während er wiederholte, was der Tagesprophet über Diggorys Tod geschrieben hatte.
„Cedric wurde getötet", beharrte Viktor stur. „Wenn Harry das sagt, glaube ich ihm. Hermine glaubt es auch, das macht es nur noch glaubwürdiger."
Zorn kroch Draco heiß den Hals empor. Grangers Namen so selbstverständlich aus Viktors Mund zu hören, regte ihn maßlos auf.
Hermine, Hermine, Hermine...
Der Name begann auf eine ungesunde Art in seinem Kopf zu kreisen und sich dort einen Platz zu suchen.
Er wusste selbst, die nächsten Worte sagte er nur, weil er so zornig war.
„Ich glaube es zwar nicht", sagte er. „Ich glaube es nicht... Kein Wort von dem, was Potter sagt, aber wenn es so sein sollte... Dann ist es nichts Schlechtes. Sollte du weißt schon wer zurückgekehrt sein, wird er auf der Seite derjenigen stehen, die Macht und Einfluss haben. Potter regt sich nur so auf, weil er sich vor Jahren für die falsche Seite entschieden hat. Ich stehe auf der richtigen."
Er erwartete, dass Viktor wütend werden würde, wie beim Ball. Aber er blickte Draco nur ruhig in die Augen, so lange, bis Draco nervös wurde und wieder aufs Wasser hinausstarrte.
„Draco", sagte Viktor leise. „Jemand wie du weißt schon wer steht auf der Seite von niemandem. Er kennt nur eine Seite: seine eigene."
Draco schwieg stur.
Sein Vater hatte ihm stets gesagt, der Dunkle Lord würde genau für die Dinge stehen, an die sie auch glaubten: Macht und Reinblütigkeit. Und wenn sein Vater das sagte, musste es auch stimmen.
Einen Augenblick war es still zwischen ihnen.
„Ich mochte Cedric", sagte Viktor dann plötzlich zusammenhangslos. „Er war immer höflich zu mir. Immer. Obwohl wir Konkurrenten beim Turnier waren. Obwohl ich aus Durmstrang bin - und obwohl Karkaroff zu uns gehört hat."
Wie am Ballabend spie er den Namen des Schulleiters aus wie etwas Ungenießbares.
Draco wusste daraufhin nichts zu erwidern.
Sie standen noch eine Weile stumm beieinander, auf die Reling gestützt blickten sie über das dunkle Wasser zum Schloss Hogwarts, bis Viktor sich ohne ein Wort abwandte und im Bauch des Schiffes verschwand.
Still stand Draco ein paar Atemzüge alleine da, ehe er seinen Besen nahm und von Deck abhob, um Richtung Schloss zurückzufliegen.
Er flog so schnell, dass seine Augen vom Wind tränten.
Nur vom Wind...

A Death Eater's Tale Geschichten, die süchtig machen. Entdecke jetzt