Verteidigung und Vertrauensschüler

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„Habt ihr euch den Weg jetzt gemerkt?", erkundigte Draco sich freundlich. Instinktiv hatte er sich ein wenig zu den bedeutend kleineren Erstklässlern herabgebeugt.
Bisher war ihm noch nie so bewusst gewesen, wie hilflos die Neuen am ersten Schultag waren, doch jetzt, als Vertrauensschüler, war er für sie verantwortlich und irgendwie hatte er seit dem Vorabend permanent das Bedürfnis, ein Auge auf sie zu haben. Zumindest auf die Erstklässlerinnen und Erstklässler aus Slytherin.
Überraschenderweise hatte es tatsächlich Spaß gemacht, sie Willkommen zu heißen - ihre bewundernden Blicke, die jedes Detail des Gemeinschaftsraums aufsaugten, waren Gold wert. Draco musste sich ein Schmunzeln verkneifen, als er sah, wie sie verunsichert zu ihm und Pansy aufblickten - bis sie sie freundlich begrüßten.
„Wir Slytherins halten zusammen", hatte Draco am Vorabend gesagt. „Ihr könnt mit allen Fragen zu jedem von uns kommen, besonders zu Pansy und mir. Egal wobei ihr anfänglich Unterstützung braucht... wir werden keine Frage lächerlich finden und euch alles beantworten und erklären. Wir sind auch für euch da, wenn ihr Mist gebaut habt. Keine Sorge, da hauen wir euch dann schon irgendwie raus."
Nachdem die Kleinen ihre Schlafräume bezogen hatten, hatte Pansy noch einmal nach den Mädchen gesehen und Draco nach den Jungen und da war ihm zum ersten Mal bewusst geworden: Sie sahen bereits nach diesen wenigen Stunden in ihm einen Familienersatz wie er es am ersten Abend in Lucian gesehen hatte.
Heute, am ersten Schultag, liefen einige der Kleinen etwas orientierungslos herum und fanden die Klassenräume nicht. Bei seinen Patrouillengängen unterstützte Draco also die neuen Slytherins, die jedes Mal ganz erleichtert waren, wenn sie ihn sahen.
„Komm", sagte Pansy. „Wir haben jetzt das erste Mal Verteidigung bei dieser neuen Lehrerin. Ich glaube, die anderen sind bereits in den Klassenraum gegangen."
Draco spähte den Gang hinunter und stellte fest, dass Theo noch an der Tür stand und ungeduldig in ihre Richtung winkte. Mit raschen Schritten gingen sie zu ihm.
Dieses Jahr hatten sie Verteidigung gegen die Dunklen Künste mit den Hufflepuffs, die brav bereits in den vorderen Reihen saßen und ihr Schulmaterial auspackten, während die neue Lehrerin, Professor Umbridge, hinter dem Pult stand, alles überblickte und immer wieder die Stifte und Bücher vor sich richtete, obwohl sie sowieso schon akribisch angeordnet waren.
Draco setzte sich zusammen mit Theo und Pansy zu Millicent. Gregory, Vincent und Blaise hatten in der Reihe vor ihnen Platz genommen, Daphne und Tracey saßen noch etwas weiter vorne in der Nähe der Hufflepuffs.
Gerade, als Draco sein ganzes Material ausgepackt hatte, verschaffte sich Umbridge mit einem Räuspern Gehör.
Da noch niemand wusste, wie stark die pinke Kröte auf Disziplin achtete, wurden sie sicherheitshalber leise und richteten ihre Aufmerksamkeit nach vorne.
Es kann nur besser werden als bei Moody letztes Jahr, dachte Draco. Unter dem hatten er und seine Freunde sehr zu leiden gehabt.
„Guten Tag", begann Umbridge.
„Guten Tag", murmelte der größte Teil der Klasse. Einige, wie Draco, schwiegen ganz.
„Also bitte!", trällerte Umbridge. „Guten Tag, Professor Umbridge, heißt das! Also, noch einmal: Guten Tag, Klasse!"
„Guten Tag, Professor Umbridge", antworteten die Hufflepuffs brav. Die Slytherins murmelten. Draco tauschte einen Blick mit Theo.
„Sehr schön", flötete Umbridge. Dann schwang sie ihren Zauberstab. An der Tafel erschienen die Worte: Verteidigung gegen die Dunklen Künste - Eine Rückkehr zu den Grundprinzipien.
„Nun denn", begann Umbridge. „Ich habe mir die Aufzeichnungen der letzten Jahre - insofern überhaupt vorhanden - angesehen und festgestellt, dass Ihr Wissen bruchstückhaft ist und große Lücken aufweist. Der Unterricht in diesem Fach war doch sehr unstet. Es ist erfreulich, dass sich das nun für Sie ändern wird, insbesondere in Hinsicht auf ihre ZAGs."
Natürlich war ihnen klar gewesen, dass die Zauberergrade, kurz ZAGs genannt, eine große Rolle in diesem Schuljahr spielen würden. Draco musste auch einräumen, dass die alte Kröte nicht unbedingt Unrecht hatte - der Unterricht war in diesem Fach, abgesehen von ihrem dritten Jahr, bisher tatsächlich eine Katastrophe gewesen. Er verschränkte die Arme und hörte aufmerksam weiter zu.
„Da Sie weit unter dem Niveau sind, welches Sie eigentlich in Ihrem fünften Jahr erreicht haben müssten", fuhr die Professorin fort und Draco bemerkte, wie Theo neben ihm sich leicht anspannte, „werden wir in diesem Jahr einen sorgfältig strukturierten, theoriezentrierten und vom Ministerium anerkannten Kurs durchführen."
Draco horchte auf. Sein Vater hatte guten Kontakt zum Ministerium, ein von dort abgesegneter Lehrinhalt war sicherlich im Sinne seines Vaters. Allerdings fragte er sich, was „theoriezentriert" zu bedeuten hatte. Natürlich war in Verteidigung die Theorie auch wichtig - aber Verteidigungszauber und ähnliches musste man eben auch praktisch üben, sonst machte es überhaupt keinen Sinn.
„Haben Sie Ihr Exemplar 'Theorie magischer Verteidigung' von Wilbert Slinkhard?" Einige nickten. Umbridge runzelte die Stirn. „Also, damit wir das gleich klarstellen: Wenn ich eine Frage stelle, erwarte ich, dass Sie mit ja, Professor Umbridge oder nein, Professor Umbridge antworten. Ist das klar?"
„Ja, Professor Umbridge", antworteten die meisten.
Draco zog die Augenbrauen hoch. Theo holte tief Luft, schwieg aber.
„Gut. Dann schlagen Sie es auf Seite fünf auf und lesen Sie Kapitel eins. Dabei ist absolutes Stillschweigen einzuhalten."
Vor ihm griffen alle nach den Büchern und schlugen sie auf. Draco seufzte und legte seine Hand beinahe widerwillig auf sein Exemplar des Werkes von Slinkhard. Es wirkte so, als würde es verdammt langweiliger Unterricht bei dem Krötengesicht werden.
Theo neben ihm rührte sich nicht, was Draco wunderte. Sein bester Freund las gerne, häufte Wissen ohne Ende an und tat in der Regel, was im Unterricht von ihm verlangt wurde.
Draco schlug das Buch auf. Theo hob die Hand.
„War meine Anweisung nicht klar, Mr...?", erkundigte Umbridge sich und fixierte Theo mit ihren wässrigen Augen.
„Nott", erklärte Theo und fuhr dann fort: „Ihre Anweisung war klar, Professor. Aber ich habe eine Frage."
„Wie können Sie eine Frage haben, wenn Sie das Kapitel noch nicht gelesen haben?", erkundigte Umbridge sich und lächelte ein breites, irgendwie nerviges Lächeln.
„Ich habe bereits das ganze Buch gelesen", sagte Theo ungeduldig und wischte Umbridges Einwand mit einer beiläufigen Handbewegung fort. „Meine Frage bezieht sich auf Ihre Kursziele."
Draco warf Theo einen überraschten Seitenblick zu, Blaise drehte sich leicht um.
Umbridge lächelte immer noch, aber Draco fand, es wirkte mehr wie ein Zähnefletschen.
„Meine Kursziele?", echote die Professorin.
„Korrekt", bestätigte Theo. „Sie haben doch sicherlich Kursziele?"
Umbridges Lächeln gefror nun endgültig.
„Nun, Mr Nott, selbstverständlich habe ich Ziele. Und auch, wenn es Ihnen als Schüler nicht zusteht, diese zu hinterfragen, bin ich so freundlich und gebe sie an Sie weiter. Die Ziele dieses Schuljahr sind Verständnis der Grundprinzipien defensiver Magie sowie das theoretische Erkennen von Situationen, in denen defensive Magie auf rechtlicher Grundlage eingesetzt werden darf. Ich denke, das beantwortet Ihre Frage. Und nun lesen Sie-"
Umbridge brach ab, denn Theo hob erneut die Hand.
„Mr Nott?"
„Aber wann wollen Sie uns zeigen, wie man die Zauber einsetzt?", fragte Theo.
„Einsetzt?", wiederholte die Professorin und betonte das Wort so, als hätte Theo allen Ernstes gefragt, warum Wasser einen Berg nicht hinauffließen konnte.
„Ja", bestätigte Theo. Draco kannte diese Betonung bei seinem Freund. Auch wenn er nach außen hin ruhig wirkte, brodelte es unter der Oberfläche. Theo war wütend, und Draco verstand nicht, warum. „Ich meine, der springende Punkt im Fach Verteidigung gegen die Dunklen Künste ist doch, dass wir Zauber zu unserer Verteidigung üben, oder nicht?"
Blaise drehte sich um und tauschte einen Blick mit Draco. Es kam äußerst selten vor, dass Theo Lerninhalte anzweifelte.
Umbridge lächelte honigsüß.
„Sind Sie ein vom Ministerium geschulter Ausbildungsexperte, Mr Nott?"
„Nein, aber-"
„Dann, fürchte ich, sind Sie nicht qualifiziert, zu entscheiden, was der springende Punkt meines Unterrichts ist", säuselte das Krötengesicht.
„Aber Theo hat nicht Unrecht", mischte Draco sich ein, da er seinem Freund beistehen wollte. „Verteidigungszauber muss man üben und-"
„Schüler heben in meinem Unterricht die Hand", unterbrach Umbridge ihn.
Draco hob die Hand. Umbridge ignorierte ihn.
„Ich muss ehrlich sagen", erklärte die Professorin, „meine Vorgänger haben hier offensichtlich einen Trümmerhaufen hinterlassen. Selbst die einfachsten Unterrichtsstrukturen scheinen nicht zu-"
„Das ist nicht wahr!", fuhr Theo dazwischen. „Wir können-"
„Ihr Hand ist nicht oben, Mr Nott!"
Theo rammte die Faust in Luft, den Blick starr und wütend auf Umbridge gerichtet.
„Ich möchte die Art und Weise, wie diese Schule bisher geführt wurde, nicht kritisieren", sagte das Krötengesicht in einem Ton, der das Gegenteil aussagte, „aber-"
„Das können Sie auch nicht, denn Sie führen diese Schule nicht!", fauchte Theo gut hörbar.
Umbridge starrte ihn an.
„Noch ein Hereinrufen ohne Erlaubnis, Mr Nott, und ich verweise Sie des Klassenraums!"
Draco sah, wie Theo mit dem Kiefer mahlte.
„Jedenfalls", fuhr Umbridge fort, „waren die Zauberer, denen Sie hier im Unterricht bisher ausgesetzt wurden, äußerst fragwürdiger Natur. Ganz zu schweigen von extrem gefährlichen Halbblütern."

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