"Du hast schon fast erschreckend gute Laune, Draco", lachte Blaise am nächsten Morgen.
Anders als Vincent und Gregory, die vorhin über schrecklichen Hunger geklagt hatten, hatten Draco, Blaise und Theo ihren ersten Tag nach den Prüfungen, der ein Samstag war, genießen und sich mal so richtig entspannen wollen. Also waren Vince und Greg alleine zum Frühstück gegangen, während sie in ihren Betten blieben, eine Weile dösten, dann miteinander quatschten, irgendwann immer wacher wurden und dann herumalberten, bis sie sich schließlich in Ruhe für den Tag zurecht machten. Im Bad standen sie zu dritt vor dem großen Spiegel und experimentierten ein wenig mit ihren Haaren und verschiedenen Frisuren.
Irgendwie verstrich auf dieser herrlich faule Art und Weise der Vormittag und nun wurde es bald Zeit für das Mittagessen, so dass sie sich auf den Weg in den Gemeinschaftsraum machten, um Vincent und Gregory zu fragen, ob sie zusammen in die Große Halle gehen wollten.
Draco hatte unfassbar gute Laune, das stimmte.
Nicht nur, dass sie die Prüfungen endlich geschafft hatten, er hatte sogar ein äußerst gutes Gefühl dabei, sicherlich würde er sehr gute Noten bekommen. Außerdem hatten die verrückten Gryffindors anscheinend den Hippogreif befreit. Waren diese Idioten doch tatsächlich mal für etwas nützlich gewesen.
Als sie in den Gemeinschaftsraum kamen, stockten sie überrascht.
Der Raum war überraschend voll, außerdem summte es wie in einem Bienenschwarm aufgrund der unzähligen Gespräche. Offensichtlich beschäftigte die Slytherins etwas, wovon Draco und seine Freunde noch nichts wussten.
„Ob etwas passiert ist?", fragte Blaise alarmiert.
Kurz überlegte Draco, ob sich die Sache mit dem Hippogreif vielleicht herumgesprochen hatte, aber war das tatsächlich eine so wichtige Information, dass so viele Slytherins so aufgeregt waren?
Es war Malcolm, den Draco als erstes zu fassen bekam und den er fragte, was sie verpasst hatten.
Auch Lus kleiner Bruder wirkte aufgeregt nach Dracos Frage.
„Ihr werdet es nicht glauben!", sagte er mit sich vor Aufregung überschlagender Stimme. „Aber Sirius Black ist gestern sichergestellt worden! Er wurde wohl sogar kurzzeitig in Hogwarts festgehalten, in Professor Flitwicks Büro. Er ist dort aber in der Nacht verschwunden. Niemand weiß, wie das passieren konnte, schließlich hatte Black keinen Zauberstab und Flitwicks Büro liegt ja ziemlich weit oben, in einem der Türme... Einige behaupten, er hätte bestimmt diesen Hippogreif des Wildhüters gestohlen und sei darauf davongeflogen, aber wie soll das möglich sein? Der Hippogreif ist wohl schon vorher verschwunden."
„Wie, der Hippogreif, der verurteilt werden sollte?", fragte Theo und warf einen raschen Blick auf Draco.
„Ja genau", bestätigte Malcolm aufgeregt. „Aber wie gesagt, ich kann mir nicht vorstellen, dass Black ihn gestohlen hat, dann hätte er ja schon früher aus Flitwicks Büro verschwunden sein müssen. Auf jeden Fall sind jetzt beide weg. Schon irgendwie gruselig, oder?"
„Ein wenig", bestätigte Blaise.
Draco fragte sich, ob es tatsächlich einen Zusammenhang zwischen Black und dem Hippogreif geben konnte, aber ihm fiel beim besten Willen keiner ein.
„Das heißt, der verurteilte Mörder ist wieder auf freiem Fuß?", hakte Draco nach.
Das war kein schöner Gedanke.
„Ja", bestätigte Malcolm. „Aber das ist noch nicht alles. Seid ihr eben erst aus eurem Zimmer gekommen? Dann habt ihr ja sicherlich auch die Ansage von Terence und meiner Schwester verpasst."
„Machs nicht so spannend", meinte Blaise, halb amüsiert, halb ungeduldig. „Was ist denn noch los?"
Malcolm, offensichtlich stolz darauf, dass seine Schwester befugt war, wichtige Informationen weiter zu geben, straffte die Schultern. Dann sah er sie eindringlich und verschwörerisch, aber auch etwas beunruhigt an.
„Es geht um Professor Lupin", sagte er.
Theo erstarrte.
Draco spürte ein gewisses Unwohlsein - kürzlich hatte er noch darüber geredet, was Lupin wohl für eine komische, unheilbare Krankheit haben könnte. Ob etwas Schlimmes mit dem Professor passiert war? Hatte sich sein Zustand verschlechtert? Er würde doch nicht etwa sterben?
Theo neben ihm wirkte zum Zerreißen angespannt.
„Was ist mit ihm?", fragte Blaise.
„Ich konnte es kaum glauben, aber Terence und meine Schwester haben die Information direkt von Snape, es ist also verlässlich", erklärte Malcolm. „Etliche Schüler haben schon ihren Eltern geschrieben, die Eulen sind vorhin zu Dutzenden über das Gelände geflogen. Viele sind beunruhigt. Ich übrigens auch. Stellt euch vor, Snape hat Lu und Terence erzählt, dass Professor Lupin ein Werwolf ist! Es wird nicht lange dauern, und die Eltern werden vollkommen ausrasten. Verständlicherweise. Lupin wird die Schule bestimmt ganz schnell verlassen. Wer weiß, ob der Schulleiter ihn nicht genau in diesem Moment rauswirft."
Draco hatte keine Zeit, irgendetwas zu erwidern.
Er wollte erst lachen, sagen, dass das lächerlich sei. Gleichzeitig überkam ihn ein merkwürdiges Grauen bei dem Gedanken, von einem Werwolf unterrichtet worden zu sein. Ihm wurde bewusst, wie sehr alles ins Bild passte - Lupins Narben, sein Fehlen einmal im Monat, sein Reden über eine merkwürdige Krankheit - aber all das konnte Draco gedanklich gar nicht schnell genug greifen, denn da hatte auch schon Theo seine ganze Aufmerksamkeit.
Dieser fuhr nämlich herum und stürmte, gerade so schnell, dass er nicht rannte, Richtung Ausgang des Slytherin-Gemeinschaftsraums.
„Entschuldige", sagte Draco geistesabwesend zu Malcolm - dann beeilte er sich, hinterher zu rennen.
„Danke für die Infos, Malcolm", hörte er Blaise hinter sich und dann, wie dieser ihm folgte.
Theo hatte sich im Gemeinschaftsraum wohl noch zurück gehalten - auf dem Gang hatte er tatsächlich begonnen, zu rennen. Er hatte bereits ein gutes Stück zurückgelegt und auch Draco rannte nun schnell, um seinen Freund nicht aus den Augen zu verlieren, denn er war kurz davor, um die erste Ecke zu biegen.
Hinter sich hörte er Blaise fluchen, bevor dieser ebenfalls zu rennen begann.
Theo durfte jetzt einfach nicht zu Lupin rennen. Das war es nämlich, was Draco vermutete, und Blaise schien das gleiche zu denken. Sie durften Theo nicht mehr in die Nähe dieses Menschen lassen! Er war ein Werwolf! Vermutlich war er äußerst gefährlich! Wie hatten sie das nur das ganze Schuljahr über nicht erkennen können. Konnte der Professor sich so gut verstellen?
Und ein anderer Gedanke war noch erschreckender: Was hatte der Werwolf alleine mit Theo getan?
Die Vorstellung, dass sein bester Freund so häufig mit einem Werwolf alleine gewesen war, löste in Draco unfassbares Grauen aus.
Blaise sprintete ein kurzes Stück und holte so Draco ein.
Sie rannten Seite an Seite, aber Theo war schnell, und beinahe verloren sie ihn tatsächlich aus den Augen - vor allen Dingen, weil er doch ein ganz anderes Ziel hatte, als sie vermutet hatten.
Sie erreichten Snapes Büro wenige Sekunden nach Theo. Bereits von Weitem hatten sie gesehen und gehört, wie Theo energisch an die Tür geklopft hatte.
Als sie ihn erreichten, hob er erneut die Hand - doch dieses Mal klopfte er nicht, er hämmerte mit der Faust gegen die Tür. Mehrfach. Laut.
Theo wirkte aufgewühlt und zornig. Weder Blaise noch Draco wagten es, ihn anzusprechen. Stattdessen blieben sie einen guter Meter hinter ihm stehen und beobachteten, wie er die Tür mit seiner Faust malträtierte, bis diese abrupt aufgerissen wurde.
Snape stand im Türrahmen, die Augen noch finsterer als seine Kleidung.
„Was, bei Merlin und Morgana, bringt Sie zu der Annahme, dass Sie das Recht haben, auf diese wüste Art und Weise an die Bürotür Ihres Hauslehrers zu hämmern, Mr Nott?", schnarrte Snape, langsam und jede Silbe betonend. „Ich hoffe doch sehr für Sie, dass es sich um einen dringenden Notfall handelt."
Theo atmete schnell und abgehackt. Seine Hände an seinen Seiten waren fest zu Fäusten geballt.
„Es geht um Professor Lupin", presste er mühsam hervor.
Snape musterte Theo kühl.
„Die Vertrauensschüler haben alle Informationen und können Sie weiter geben", sagte Snape kurz angebunden.
„Ich will aber mit Ihnen reden!", fuhr Theo ihren Hauslehrer an.
Dessen Gesicht blieb eine audruckslose Maske, aber die schwarzen Augen schienen Funken zu sprühen.
„Ich wüsste nicht, warum ich mit Ihnen über Lupin-"
„Professor Lupin", korrigierte Theo in aufbrausendem Ton.
Snapes Gesichtsausdruck verfinsterte sich.
„Wenn es Beschwerden über meinen ehemaligen Kollegen gibt, wenden Sie sich an die Schulleitung oder Ihren Vater", schnarrte Snape abweisend.
„Ich will mich nicht beschweren!", entfuhr es Theo, nun um einiges lauter. „Ich will wissen, warum Sie es erzählt haben!"
Snape starrte Theo mit einer Mischung aus Zorn und Unglauben an.
„Mr Nott, Sie fragen mich nicht allen Ernstes, warum ich die Information, dass eine Lehrkraft ein Werwolf ist, nicht zurück halte? Wissen Sie - ist Ihnen auch nur ansatzweise bewusst - welche Gefahr von einer solchen Kreatur ausgeht?"
„Sie wussten es die ganze Zeit über!"
Theo schrie nun.
„Der Trank, den Sie Professor Lupin regelmäßig gebraut haben - es ist ein Wolfsbanntrank, nicht wahr? Sie wussten es das ganze Schuljahr über! Warum haben Sie es jetzt verraten?"
Draco konnte es nicht fassen, aber einen Moment lang wirkte Snape tatsächlich überrumpelt.
Aber er fing sich schnell.
„Reden Sie nicht über Dinge, über die Sie nichts verstehen. Sie sind nur ein Kind, Mr Nott."
„Vielleicht bin ich ein Kind", schrie Theo. „Aber ich verstehe trotzdem mehr, als Sie denken! Sie hassen Professor Lupin! Ich weiß nicht, warum, und wenn ich ehrlich bin, ist es mir auch total egal. Aber wir verlieren einen Lehrer, weil Sie ihn nicht mögen! Sie haben vom ersten Tag an versucht, ihn schlecht zu machen! Jedes Mal, wenn Sie ihn vertreten mussten! Aber wissen Sie was? Er kann nichts dafür, dass er den Job hat, den Sie gerne hätten! Er kann nichts dafür, dass Sie ihn hassen! Und er kann nichts dafür, dass er ein Werwolf ist!"
Draco tauschte einen raschen Blick mit Blaise.
Er hatte es gewusst. Theo hatte ganz offensichtlich gewusst, dass Lupin ein Werwolf war, und das anscheinend schon seit längerem.
Snapes Blick wurde eisig, das Gesicht steinern.
„Vorsicht, Mr Nott..."
„Warum? Weil ich Recht habe? Es geht Ihnen doch nur um Sie selber! Andere sind Ihnen egal! Es ist Ihnen egal, was jetzt aus Professor Lupin wird, und wir sind Ihnen auch egal! Ich-"
„Schluss jetzt!", zischte Snape. „Ich habe die Information weiter gegeben, um Sie, die Schüler, zu schützen! Lupin-"
„Sie lügen!", unterbrach Theo ihren Hauslehrer. „Wenn Sie um unsere Sicherheit besorgt wären, hätten Sie schon viel früher-"
„Zufälligerweise, Mr Nott", unterbrach Snape ihn in einem frostigen Ton. „habe ich dem Schulleiter vom ersten Tag an gesagt, dass ich Lupin für gefährlich halte. Aber ich diskutiere nicht mit Ihnen über-"
„Aber er ist nicht gefährlich!"
Theo hatte nun vollkommen die Kontrolle verloren, er brüllte Snape regelrecht an.
„Er hat nie jemandem von uns etwas-"
„Schweigen Sie!", donnerte Snape. „Lupin war lediglich harmlos, weil mein Trank das Monster in ihm zurück gehalten hat! Er wird zur gefährlichen Bestie, sobald er ihn nicht nimmt! Und zufälligerweise war das in der vergangenen Nacht der Fall. Ist Ihnen eigentlich klar, was hätte passieren können? Glauben Sie mir, ich durfte bereits einmal Bekanntschaft mit Ihrem hoch gelobten Lupin machen, wenn er keinen Trank genommen hatte, und gnade Merlin jedem, der ihm dann über den Weg läuft. Also halten Sie endlich den Mund und seien Sie froh, dass Sie nächstes Schuljahr einen neuen Lehrer bekommen werden!"
„Ich will keinen neuen Lehrer!", schrie Theo. Seine Stimme brach dabei, fast so, als würde er Tränen zurück halten. „Professor Lupin soll-"
„Lupin ist keine geeignete Lehrkraft!", fauchte Snape.
„Professor Lupin ist der beste Lehrer, den wir jemals hatten!", fuhr Theo ihn an. „Er ist ein tausendmal besserer Lehrer, als Sie es jemals sein werden!"
Es war regelrecht unheimlich still auf dem Gang nach Theos Worten.
Draco und Blaise tauschten wieder einen verstohlenen, angespannten Blick.
Theo atmete schwer, Draco konnte es deutlich an dem schnellen Heben und Senken seiner Schultern sehen.
Snapes Gesicht, das die Farbe von saurer Milch angenommen hatte, wurde eiskalt.
„Das reicht", sagte er so ruhig, dass man eine Gänsehaut davon bekam. „Fünfzig Punkte Abzug für Ihr Verhalten, Mr Nott. Und Strafarbeit, jeden Nachmittag bis Schuljahresende. Außerdem werde ich Ihren Vater über Ihr Verhalten in Kenntnis setzen."
Theo hatte die Worte stumm über sich ergehen lassen, aber beim letzten Satz zuckte er sichtbar zusammen.
„Und nun gehen Sie mir aus den Augen."
Mit einem Knall schloss sich die Bürotür.
Einen Augenblick rührte sich niemand.
„Theo...", sagte Draco dann leise.
Es war, als hätte er seinen Freund so wie aus einer grauenerfüllten Trance gerissen.
Mit einem Ruck fuhr Theo herum und rannte erneut los.
„Theo!", rief Blaise ihm hinterher, aber da er nicht reagierte, rannten sie ebenfalls beide los.
Sie kamen an verschwindend wenig anderen Schülerinnen und Schülern vorbei. Die meisten waren froh über die beendeten Prüfungen, entspannten also in den Geimeinschaftsräumen oder hielten sich draußen in der Sonne auf.
„Auf den Gängen wird nicht gerannt!", schimpfte Professor Flitwick, als sie ihn beinahe über den Haufen rannten, während sie gehetzt um eine Ecke im ersten Stock bogen, um Theo nicht aus den Augen zu verlieren. Sie ignorierten den Hauslehrer von Ravenclaw und blieben Theo auf den Fersen.
Im zweiten Stock angekommen, sahen sie, was verwirrenderweise das Ziel ihres Freundes gewesen war: Die dortige Mädchentoilette.
Es war die Toilette, die sich nicht unweit der Wand befand, an der vergangenes Schuljahr der Erbe Slytherins durch die Hände von Ginny Weasley seine Drohung geschrieben hatte.
Und Draco wusste sehr wohl, dass dieser Toilettenraum von allen gemieden wurde - und warum.
Zum wiederholten Male tauschte er einen Blick mit Blaise, ehe sie Theo in die Mädchentoilette folgten.
„Hau ab, habe ich gesagt!", hörten sie ihren Freund aus einer der geschlossenen Kabinen laut sagen. „Verpiss dich, du Nervensäge!"
Durch die Tür kam ein Geist geschwebt, und Draco sah die Maulende Myrte zum ersten Mal. Er hatte schon so einiges über sie gehört, sie aber noch nie zu Gesicht bekommen.
Durch ihre riesige Brille, die ihre Augen merkwürdig vergrößerte, starrte sie sie an.
„Warum sind hier plötzlich so viele Jungs?", keifte sie. „Ihr habt hier nichts zu suchen!"
„Was interessiert es dich, du bist doch tot und sonst kommt hier niemand her", sagte Blaise unfreundlich. Offensichtlich wollte er schnell sehen, wie es Theo ging, und das Geistermädchen hielt sie davon ab.
Draco verstand schon nach diesem kurzen Zusammentreffen mit Myrte, warum kein Mädchen mehr diese Toilette benutzte. Was für ein merkwürdiger Geist sie war!
Myrte starrte Blaise an, als würde sie ihm am liebsten an die Gurgel gehen.
„Du schlimmer, böser, unsensibler Junge!", heulte sie. „Wie kannst du so etwas sagen?"
„Was?", konterte Blaise. „Hast du ein Problem damit, dass ich das Offensichtliche ausspreche?"
Die Maulende Myrte gab einen langgezogenen Klagelaut von sich.
„Grausam!", jaulte sie. „So grausam! Hackt nur alle auf mir rum, ich bin es ja nicht anders gewohnt!"
Aus aufgerissenen Augen starrte sie einen Moment Draco an, so als erwarte sie, dass er sie auch beleidigen würde, aber er war etwas sprachlos und starrte nur zurück.
Ihr Blick glitt flüchtig über seine Gestalt, dann besah sie besonders interessiert sein helles Haar, ehe sie ihm einen Augenblick überraschend intensiv in die Augen sah, so als würde sie versuchen, seine Augenfarbe zu erkennen - dann schoss sie plötzlich in die Höhe, drehte wehklagend eine Pirouette in der Luft und verschwand schließlich kopfüber in einem Waschbecken, wo sie anscheinend durch die Rohre geisterte. Leise hörte man von dort noch ihr Wimmern.
Blaise hatte sich bereits auf die Toilette zubewegt, in der Theo verschwunden war.
„Theo?", fragte er in möglichst einfühlsamen Ton.
Keine Reaktion.
„Theo, mach bitte die Tür auf", bat Blaise.
Wieder hörte man kein einziges Geräusch.
Blaise warf Draco einen hilflosen Blick zu.
Nun trat Draco näher an die Tür heran.
„Theo, lass uns rein", sagte er zu der geschlossenen Tür.
Auch bei ihm kam keine Antwort.
„Theo, komm schon", fuhr Draco fort. „Lass uns darüber reden..."
Ein Schluchzen war zu hören.
„Fuck, Theo...", murmelte Blaise.
„Bitte, Theo, mach die Tür auf", sagte Draco eindringlich.
Natürlich hätten sie die Tür mit einem Zauber öffnen können, aber das wäre eine klare Grenzüberschreitung ihrem Freund gegenüber gewesen.
„Ist nicht abgeschlossen."
Theos Satz war kaum verständlich, so weinerlich und schluchzend klang er. Es hörte sich an, als würde jemand seine Kehle zudrücken.
Draco zögerte nur einen kleinen Augenblick, dann drückte er die Türklinke herunter und öffnete die Tür.
Das, was ihn erwartete, war schlimmer, als er befürchtet hatte.
Theo saß zusammengesunken ganz in der hintersten Ecke des Toilettenraums, halb verborgen hinter dem Klo, auf dem schmutzigen, total nassen Boden. Er hatte sich klein zusammengekauert und die Arme um seine angezogenen Beine geschlungen.
Und er weinte.
Draco wusste nicht, ob und wann er Theo jemals so hatte weinen sehen. Vielleicht, als sie ganz klein gewesen waren. Vielleicht hatte er auch so nach dem Tod seiner Mutter geweint, er wusste es nicht. Wenn, dann hatte er es heimlich getan, denn Draco wusste, Theos Vater erlaubte keine Tränen bei seinem Sohn.
Aber nun war Theos Gesicht vollkommen nass. Die Tränen liefen in Strömen über seine Wangen, und mit dem Ärmel wischte er sich Rotz unter der Nase weg. Auch sah Draco, dass er unkontrolliert zitterte.
Zuerst begriff Draco nicht, warum der Boden so schrecklich nass war, aber dann sah er, dass der Spülkasten der Toilette an einer Stelle zerfetzt war. Vermutlich hatte Theo ihn in seinem Zorn mit einem Zauber zerstört. Das Wasser plätscherte ununterbrochen daraus.
Draco betrat zögernd die kleine Toilette, Blaise folgte ihm.
Als er sich neben Theo auf den nassen Boden sinken ließ, drehte dieser den Kopf weg, so dass Draco sein verheultes Gesicht nicht mehr sehen konnte. Aber er weinte immer noch, dessen war Draco sich sicher.
Es war widerlich, auf diesem Boden zu sitzen.
Da die Toilette sowieso nicht mehr benutzt wurde, wurde hier nur selten sauber gemacht und nun war der Boden auch noch nass. Draco spürte Ekel, als er merkte, wie seine Hose sich innerhalb von Sekunden mit dem Wasser aus dem Spülkasten vollsog. Aber es ging hier um seinen besten Freund, als nahm er es hin.
Blaise näherte sich langsam und sank auf den geschlossenen Toilettendeckel. Ein rascher Blick zeigte Draco, dass auch Blaise nicht angetan war - er rümpfte kurz angewidert die Nase und versuchte offensichtlich, seine Schuhe so gut es ging aus dem Wasser heraus zu halten.
„Theo, bitte rede mit uns", bat Draco leise.
Leider hatte es nicht den gewünschten Effekt.
Theo vergrub sein Gesicht auf seinen Knien, die er immer noch mit seinen Armen eng an seinen Körper presste. Er schluchzte und sein ganzer Körper bebte.
Draco sah zu Blaise auf, der halb mitleidig, halb hilfesuchend zurückstarrte.
Theo würde jetzt nicht reden, begriff Draco. Er konnte einfach nicht. Scheinbar war er in einer Art Schock oder irgendetwas ähnlichem. Draco kannte sich mit solchen Zuständen nicht aus und wusste nicht, was er tun sollte.
Auch verstand er noch nicht so ganz, was Theo aufwühlte. Professor Lupin war ein Werwolf, und anscheinend hatte Theo das schon lange gewusst, aber es störte ihn nicht. Er hatte über das Schuljahr durch die wöchentlichen Treffen offensichtlich eine starke Verbindung zu dem Professor aufgebaut, und Draco fragte sich nun noch mehr, über was Theo mit Lupin wohl immer gesprochen hatte.
Ihm lagen tausend Fragen auf der Zunge. Seit wann Theo Lupins Geheimnis kannte. Was sie bei ihren Treffen besprochen hatten. Welche Gestalt sein Irrwicht hatte und ob dieser einen Zusammenhang zu den Treffen mit dem Lehrer hatte. Warum es ihn emotional so aufwühlte, dass Lupin gehen musste - er war ein guter Lehrer, tatsächlich der beste, den sie bisher gehabt hatten, so wie Theo es Snape an den Kopf geworfen hatte, aber trotzdem war eben einfach nur eine Lehrkraft.
Und langsam, ganz langsam begann Draco zu verstehen. Nicht alles, nein. Vermutlich nur die Spitze des Eisberges. Aber er fragte sich: Was, wenn Lupin für Theo auf einer emotionalen Ebene mehr geworden war als nur eine Lehrkraft?
Er fragte nichts, er sprach auch keinen seiner Gedanken aus.
Stattdessen legte er, vorsichtig und langsam, seinen Arm um Theos bebende Schultern.
Theo begann noch heftiger zu schluchzen und zu zittern, aber es kam keine Gegenwehr. Blaise, der dies beobachtete, legte Theo in einer tröstenden Geste die Hand auf den Arm und ließ sie dort liegen.
Draco wusste nicht, wie lange sie so dasaßen. Er wusste nur, dass seine Hose immer nasser wurde und das verdammt unangenehm war, er aber trotzdem nicht im Entferntesten daran dachte, etwas an der Situation zu ändern, solange sein Freund noch so neben sich stand.
Auch Blaise rührte sich nicht, obwohl es unbequem sein musste, sich so lange vom Toilettendeckel herunter zu beugen, um Theos Arm zu berühren.
Es dauerte lange, bis Theos Schluchzen etwas leiser wurde, sein Körper nicht mehr so stark zitterte.
Und dann, kaum verständlich, presste er einen Satz hervor: „Er darf nicht gehen, ich kann doch nur mit ihm reden... über meinen Vater."
Draco sah zu Blaise auf, der besorgt die Stirn kraus gezogen hatte.
Und plötzlich ergab alles so glasklar Sinn, dass Draco sich fragte, wie er es die ganze Zeit über nicht hatte verstehen können.
Die erste Unterrichtsstunde bei Lupin. Der Irrwicht. Theos blankes Entsetzen, als er bei ihm Gestalt annahm. Die große, männliche Gestalt, die dabei gewesen war, sich zu manifestieren. Sie hatte etwas Längliches in der Hand gehabt. Einen Gürtel, begriff Draco nun.
Lupin hatte mit Theo über das geredet, worüber er mit Draco nicht hatte reden wollen: Über seinen Vater. Sein Vater, der auch sein Irrwicht war. Erst jetzt wurde Draco klar, welche Angst Theo vor Mr Nott hatte. Und Lupin hatte mit ihm darüber geredet - um ihm zu helfen, aber auch, damit Theo seinem Irrwicht bei den Prüfungen überhaupt besiegen, also lächerlich machen konnte.
Lupin war nicht nur ein toller Lehrer, begriff Draco. Er war auch ein fürsorglicher Mensch. Einer der wenigen Menschen, der ihnen ohne Vorurteile gegenüber getreten war, obwohl sie Slytherins waren.
Vielleicht, weil er selbst wusste, wie es war, wenn einem ständig Vorurteile begegneten?
Plötzlich war alles so logisch. Lupins Fehlen einmal im Monat. Seine vielen Narben. Selbstverstümmelung, die ein Werwolf sich zugefügt hatte, weil er sich vermutlich während jeden Vollmonds irgendwo eingesperrt und dann in seinem Zorn mit Autoaggression reagiert hatte. Sein schäbiges Auftreten zu Beginn des Schuljahres. Vermutlich hatte er in seinem bisherigen Leben gar nicht oder so gut wie gar nicht arbeiten können, weil niemand ihn eingestellt hatte. Wie sollte er gute Kleidung tragen, wenn er kein Geld dafür gehabt hatte? Und erst recht hätte er sich keinen kostenintensiven Wolfsbanntrank leisten können - den er offensichtlich hier in Hogwarts zur Verfügung gestellt bekommen hatte. Snape hatte ihn gebraut, sicherlich nicht freiwillig, sondern auf Dumbledores Geheiß, vermutete Draco. Warum hatte er ihn vergangene Nacht nicht genommen?
In einer Nacht waren der Hippogreif (durch Granger und Potter) verschwunden, Black war gefangen genommen worden und war wieder geflohen, und Lupin hatte seinen Trank nicht genommen. So viele verrückte Ereignisse auf einmal, aber Draco sah keinen Zusammenhang.
Tatsache war, Lupin war intensiv für Theo dagewesen.
Draco konnte nicht einmal ahnen, was es für Theo bedeutete, den Professor nun zu verlieren.
Wieviel es ihm tatsächlich bedeutete, begriff er allerdings im nächsten Moment.
„Ich will nicht, dass er geht", schluchzte Theo, das Gesicht immer noch auf seine Knie gepresst. „Ich... ich wünschte, Professor Lupin wäre mein Vater."
Draco schluckte.
Auch hier wurden ihm die Zusammenhänge erst jetzt klar.
Theo hatte Angst vor seinem Vater. Er hatte von klein auf gelernt, dass der Mann, der eigentlich für ihn da sein und ihn beschützen sollte, ihm wehtat. Bei ihrem gemeinsamen Treffen zum Tee mit Lupin hatte Theo darum gebeten, dass sie über etwas anderes reden sollten als sonst. Er hatte vor Blaise und Draco nicht über seinen Vater und seine Ängste reden wollen. Stattdessen hatte er Lupin ausgefragt, was wohl sonst bei den Treffen nicht möglich gewesen war. Er hatte nach seiner „Krankheit" gefragt (vermutlich wusste Theo erst seit Snapes Unterricht über Werwölfe die Wahrheit über Professor Lupin) und er hatte neugierig gefragt, ob Lupin denn Kinder habe.
Bereits zu diesem Zeitpunkt musste er den Wunschgedanken gehabt haben, seinen Vater gegen Lupin einzutauschen. Natürlich musste ihm klar gewesen sein, dass das nicht möglich war, aber es war vermutlich ein Tagtraum, in dem er sich verloren hatte.
Und nun wurde ihm diese wichtige Figur einfach aus seinem Leben entrissen.
„Komm, Theo", sagte Draco leise. „Wir müssen aus dieser Toilette raus. Wir sind beide schon klatschnass. Komm, wir reden später. Du musst dich jetzt ein bisschen ausruhen."
-------------------------------------
A/N: Emotional, aber eins meiner Lieblingskapitel. Liegt sicherlich auch daran, dass ich den Charakter bzw meine Darstellung von Theo Nott so gerne mag.
Das nächste Kapitel ist das Abschluss-Kapitel von "Der Gefangene von Askaban" aus Dracos Sicht. Dann kommt eine vierwöchige Pause. Ich arbeite allerdings jetzt schon vor - eineinhalb Kapitel von "Der Feuerkelch" sind bereits fertig.
Übrigens gehe ich heute (26.07.) um 20.30 Uhr live auf Instagram und werde aus einem neuen, für die Zukunft geplanten Projekt vorlesen. Vielleicht sehen wir uns?
DU LIEST GERADE
A Death Eater's Tale
Fiksi PenggemarJeder kennt sie - die Geschichte vom Jungen, der überlebte. Auch Draco Malfoy muss in seinem Leben immer wieder feststellen, dass die Geschichte dieses Jungen Einfluss auf seine eigene Geschichte hat. Auch wenn er es anfänglich nicht bemerkt und spä...
