Mr und Mrs Malfoy in Wiltshire, England, waren stolz darauf, reinblütig zu sein, sehr stolz sogar. Niemand wäre auf die Idee gekommen, sie könnten sich irgendwann mit Schlammblütern befassen müssen, denn mit diesen wollten sie nichts zu tun haben.
Mr Lucius Malfoy war ein eleganter, gutaussehender Mann mit Sinn für die richtige Wahl der Anzüge und etwas längerem, weißblonden Haar, das er ordentlich zu kämmen und mit einer Samtschleife im Nacken zusammenzubinden pflegte.
Er war ein Meister darin, einflussreiche Kontakte zu pflegen und in die richtigen Projekte und Immobilien zu investieren und somit den Reichtum der Familie Malfoy, der mittlerweile legendär war, noch zu vermehren. Wie seine Vorfahren hatte auch er es selbstverständlich nicht nötig, wie das gemeine Volk einer anderen Tätigkeit nachzugehen.
„Man stelle sich vor", sagte er einmal mit angewidert gekräuselter Nase. „Ein Malfoy, der..."
Fast verschluckte er sich an den nächsten Worten und würgte sie nur mühsam und angewidert hervor.
„...arbeiten geht."
Gerade so unterdrückte er ein entsetztes Schütteln.
„Das ist genauso lachhaft wie die Vorstellung, dass ein Malfoy jemals keinen Wert mehr auf Reinblütigkeit legt", ergänzte er lachend.
Seine Gattin, Mrs Narzissa Malfoy, geborene Black, war selbstbewusst und schön. Ihre Lieblingsbeschäftigung war es, ihr goldblondes Haar zu frisieren - bürsten, flechten, hochstecken, alles kam in Frage - und den Hauselfen und Gärtnern Anweisungen zu erteilen, wie sie den Garten gepflegt haben wollte.
Sie liebte imposante Kleider, je mehr Tüll, Schleifen und Rüschen, desto besser. In der Öffentlichkeit wurde selbstverständlich kein Kleid zweimal aufgetragen.
Wollte man Mrs Malfoy eine große Freude machen, schenkte man ihr Schmuck, und das war etwas, was Mr Malfoy schnell herausfand. Wollte er etwas von seiner Gattin, schenkte er ihr Schmuck. War sie wütend auf ihn, schenkte er ihr Schmuck. Hatte sie schlechte Laune... Nun ja, auch dann bekam sie Schmuck. So war fast immer der Haussegen im Hause Malfoy gesichert.
Mr Malfoy seinerseits konnte man die größte Freude machen, indem man ihn bewunderte. Daher prahlte er den lieben langen Tag eigentlich mit allem - seinem Reichtum, seiner Reinblütigkeit, seiner Gattin, seit einiger Zeit auch mit seinem kleinen Sohn.
Natürlich gab es da diese Kleinigkeit, die er ständig verschwieg. Selbstverständlich lag es nicht an ihm oder seiner Familie, bei dem Malfoys hatte es selbstredend noch niemals einen solchen Skandal gegeben. Nein, die Peinlichkeit kam aus der Familie seiner Gattin.
Allerdings hatte er manchmal das Gefühl, Mrs Malfoy sei diese Sache nicht minder unangenehm, vielleicht sogar noch mehr als ihm.
Niemals durfte sie vor ihr erwähnt werden, diese unsägliche Schwester, die grauenhafterweise doch tatsächlich mit einem... Schlammblut... durchgebrannt war. Skandalös und einfach nur peinlich. Wie gut, dass seine Gattin da den gleichen Standpunkt vertrat wie er selbst. Sie schwieg ihre Schwester tot, und Mr Malfoy wusste, dass sie sehr ungehalten werden konnte, erwähnte man diese Schwester dann doch einmal vor ihr. Gelegentlich war das schon vorgekommen, durch integrante Reinblüter, die die Malfoys in einem schlechteren Licht dastehen lassen wollten, und Mrs Malfoy reagierte stets so extrem ungehalten darauf, dass eine ganze Menge Schmuck seitens ihres Gatten nötig gewesen war, um sie wieder zu beruhigen.
Wie hätte er damals wissen können, dass die Erwähnung einer Blutsverräter-Schwester noch das geringste Problem für seine kleine Familie darstellen würde.
Nein, keiner von beiden, weder Mr Malfoy noch seine Gattin, rechneten mit dem, was am Halloweenabend geschehen würde, als ihr Sohn Draco noch nicht einmal eineinhalb Jahre alt war.
Lucius Malfoy war fassungslos, panisch, absolut nicht mehr Herr seiner Sinne, als er in das Kaminzimmer gestürmt kam, in dem seine Frau - seelenruhig und noch nichtsahnend - in ihrem Lieblingssessel saß, ein Buch lesend, während sein Sohn auf dem Teppich vor dem Kamin saß, unter dem wachsamen Blick einer Hauselfe, damit seine Mutter ihre Ruhe hatte, und das tat, was Kinder in dem Alter nun einmal taten - Mr Malfoy hatte keine Ahnung, was, er beschäftigte sich so gut wie nie mit den Freizeitaktivitäten seines Sohnes.
Die Gelassenheit seiner Gattin fiel recht schnell von ihr ab, fassungslos glitt ihr das Buch zu Boden, als sie langsam realisierte, was er ihr zu erzählen versuchte.
„Aber... Der Dunkle Lord... Lucius, er ist wirklich... tot? Aber das ist nicht möglich!"
„Offensichtlich doch!", rief Mr Malfoy aus.
„Getötet durch einen kleinen Jungen, im Prinzip ein Baby?"
Lucius Malfoy ignorierte die ungläubigen Worte seiner Gattin.
„Dobby!", rief er in den Raum hinein, und ein kleiner, in Lumpen gehüllter Hauself erschien mit einem leisen Ploppen.
„Master?", quiekte er ängstlich und wagte es kaum, zu seinem Meister aufzusehen.
„Mach dich nützlich, und zwar schnell! Bringe alle schwarzmagischen Artefakte in den vorborgenen Bereich im Kellergewölbe. Du hast den Auftrag, alle so unterzubringen, dass niemand sie jemals finden kann, hast du mich verstanden? In zwanzig Minuten möchte ich nichts Schwarzmagisches mehr im Rest des Hauses sehen. Nichts, auch keine Bücher. Das ist ein Befehl und mögen dir die Heiligen gnaden, wenn du ihn nicht vernünftig ausführst!"
„Ja, Master!", kam die erschrockene Antwort, ehe der Elf mit einem erneuten Knall verschwand.
„Lucius, was hat das zu bedeuten?"
„Verstehst du nicht, Narzissa? Sie werden bald hier sein."
„Sie?"
„Ja", bestätigte Mr Malfoy. „Das Ministerium. Die Auroren. Sie dürfen dann keine schwarzmagischen Artefakte hier finden, geschweige denn die Dinge, die er uns anvertraut hat."
Eine kurze Pause entstand. Keiner der beiden bemerkte, dass ihr Sohn verängstigte Geräusche von sich gab und nur leiser wurde, da die Kinderelfe ihn beruhigte.
„Sie werden mich nach Askaban schicken, Narzissa", flüsterte Lucius Malfoy dann.
Seine Gattin wurde noch bleicher, als sie ohnehin schon war.
Dann hob sie entschlossen das Kinn.
„Nein", sagte sie.
„Narzissa, ich trage das Dunkle Mal. Sie werden-"
„Nein", wiederholte Mrs Malfoy. „Wir werden uns etwas überlegen."
„Etwas überlegen? Was-"
„Ich weiß es noch nicht", unterbrach sie ihn. „Aber wir haben ein paar Minuten Zeit, uns etwas einfallen zu lassen. Du wirst nicht nach Askaban gehen. Ich lasse nicht zu, dass sie mir meinen Gatten nehmen und meinem Sohn den Vater."
Besagter Sohn ließ sich auf dem Teppich immer noch von der Elfe in den Armen wiegen.
Er war noch klein, aber er verstand, dass etwas Wichtiges passiert war. Etwas Beunruhigendes. Er hatte es durch die laute Stimme seines Vaters verstanden, durch den Knall des herunterfallenden Buchs und die Aufregung in der Stimme seiner Mutter.
Draco Malfoy war blass und hellhaarig wie seine Eltern. In seinem bisherigen Leben hatte er kaum Kontakt zu Gleichaltrigen gehabt, aber in diesem Moment wusste er nicht, dass das noch viele Jahre so bleiben sollte. Er wusste auch nicht, dass die Aufregung seiner Eltern durch einen anderen kleinen Jungen ausgelöst worden war, der so vollkommen anders aufgewachsen war als er selbst. Er verstand auch nicht die Worte seines Vaters, der in diesem Moment seiner Mutter erklärte, dass ebenjener Junge den Dunklen Lord nur durch einen schwarzmagischen Fluch besiegt haben konnte und dieser Junge somit noch mächtiger sein musste als der Dunkle Lord selbst.
Nein, Draco verstand so viel noch nicht und wusste noch so wenig.
Er wusste nicht, dass, überall im Land, Hexen und Zauberer keine Angst hatten, so wie seine Eltern in diesem Augenblick. Er wusste nicht, dass sie feierten und auf der Straße tanzten und den Tag priesen, an dem der, dessen Name nicht genannt werden darf, besiegt wurde.
Auch wusste er nicht, dass in diesem Moment über Kent ein Feuerwerk aus Sternschnuppen niederging, oder ein Junge mit rabenschwarzem Haar in den Armen eines Halbriesen auf einem Motorrad einem unschönen Schicksal entgegen geflogen wurde.
Und erst recht wusste er nicht, wieviel Einfluss dieser Junge eines Tages auf sein Leben haben würde.
Auf so viele Leben.
Draco hatte keine Ahnung, dass, während wenig später fremde Hexen und Zauberer in sein Zuhause eindrangen, seine Eltern verhörten und das gesamte Malfoy Manor durchsuchten, dieser Junge auf einer Türschwelle abgelegt und zusammen mit einem Brief zurückgelassen wurde.
Er ahnte nichts davon, dass in allen Ecken und Endes des Landes Hexen und Zauberer ihre Gläser hoben, freudig lachten und, während sie anstießen, noch etwas verhalten und leise sagten: „Auf Harry Potter, den Jungen, der lebt!"
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A Death Eater's Tale
FanfictionJeder kennt sie - die Geschichte vom Jungen, der überlebte. Auch Draco Malfoy muss in seinem Leben immer wieder feststellen, dass die Geschichte dieses Jungen Einfluss auf seine eigene Geschichte hat. Auch wenn er es anfänglich nicht bemerkt und spä...
