Still lag der See vor ihnen.
In der vergangenen Nacht hatte der Wasserjunge gehetzt gewirkt, als er an ihrem Fenster erschienen war. Draco war sich ziemlich sicher, dass er in etwa das gleiche Alter haben musste wie er selbst und dass die älteren Wassermenschen - vielleicht seine Eltern? - nicht damit einverstanden waren, dass er sich in der Nähe der Hogwartsschüler aufhielt.
Durch Fingerzeigen hatten Draco und Blaise ziemlich schnell begriffen, um wieviel Uhr sie am See sein sollten, aber so viel sie auch gestikuliert hatten, weder der Wasserjunge noch sie hatten verstanden, wo genau der Treffpunkt sein sollte. Schließlich hatte Draco seine Handpan hervorgeholt und darauf gedeutet, was der Wasserjunge mit einem Nicken quittiert hatte.
Draco konnte nur hoffen, dass sie sich nicht missverstanden hatten.
Sie hatten sich also nun einen möglichst ruhigen, nicht so gut einsehbaren Platz am See ausgesucht und sich still ans Ufer gesetzt, an einer Stelle, die nicht sehr flach war, sondern bei der von einer Böschung aus das Wasser gleich etwas tiefer war. Dies hatten sie in der Hoffnung getan, es dem Jungen so leichter zu machen, schließlich hatte er keine Beine, sondern einen Fischschwanz, und hätte sich an eine flache Stelle dann vermutlich mühsam mit den Armen ziehen müssen.
Dann begann Draco, eine einfache Melodie zu spielen.
Er glaubte, eine ganze Weile spielen zu müssen, denn der See war groß und er war sich nicht sicher, wie sehr in der Nähe der Junge wartete, aber bereits nach einer Minute packte Blaise fest Dracos Arm.
„Da!"
Aufgeregt zeigte er aufs Wasser.
Draco legte das Instrument hastig beiseite und beugte sich angespannt am Rande der Böschung über das Wasser, um genau hinzuschauen und sicher zu gehen, dass es keine optische Täuschung war.
Aber ja, da schoss etwas knapp unter der Wasseroberfläche auf sie zu, pfeilschnell, mit einer regelrecht irrsinnigen Geschwindigkeit. Silbrig schimmerte der Leib.
Draco keuchte überrascht auf, als der Wasserjunge direkt unter ihnen aus der Wasseroberfläche brach - und eine Reihe nadelspitzer Zähne entblößte, als er sie angrinste.
„Wow...", hauchte Blaise beeindruckt und starrte den Wassermenschen an.
Auch Draco betrachtete den Jungen interessiert.
Sein silbriger Schuppenschwanz war unter Wasser nur zu erahnen. Sein Oberkörper war grob menschlich, eine flache Brust ohne Brustwarzen und schmale Arme, an denen aber leichte Muskulatur zu erkennen war. Auch der Bauch war flach, alles in allem wirkte er drahtig und so, als sei er es gewohnt, den ganzen Tag in Bewegung zu sein.
Quer über seine nackte Brust mit der grünlichen Haut war ein Gurt gespannt. An diesem Gurt sah Draco zwei Dolche in Scheiden und etwas, das wie ein Horn in Muschelform aussah. Draco fiel auf: Auf dem Bereich des Gurts, der über die Schulter lief, war ein Symbol zu sehen: Eine Seeschlange, die sich um ein Muschelhorn wandt.
Das dunkelgrüne Haar klebte lang und nass am Kopf des Wasserjungen und reichte so bis zu den Schultern. Seine Nase war flach, praktisch nicht vorhanden, es war eher nur eine minimale Wölbung und zwei Schlitze. Die hellgrünen Augen waren lid- und wimpernlos, und auch Ohren konnte Draco auf den ersten Blick nicht erkennen - bis er sah, dass es Löcher rechts und links am Kopf des Jungen waren, hinter denen fächerförmige Auswüchse zu sehen waren, die an die gespreizten Finger des Jungen mit den Schwimmhäuten dazwischen erinnerten.
Das Irritierendste waren die Kiemen an den Seiten des Halses, die - obwohl fest verschlossen - deutlich zu sehen waren.
Kurz fragte Draco sich, ob es unhöflich war, den Jungen so anzustarren, aber dann stellte er fest, dass dieser nicht minder neugierig zurückstarrte, mit seinen grünen Augen ihre Gesichter, ihr Haar und ihren Körper inspizierte.
Offensichtlich waren sie für ihn genauso interessant und befremdlich wie umgekehrt.
„Hallo", begann Blaise mit dem Versuch, ein Gespräch zu führen.
Wieder zeigte der Wasserjunge beim Grinsen eine Reihe spitzer Zähne. Den Gruß erwiderte er nicht, er hob lediglich die Hand und winkte so, wie er es getan hatte, als sie sich vor einem Jahr das erste Mal an der Fensterscheibe gesehen hatten.
„Toll, dass du gekommen bist", fuhr Blaise fort.
Der Junge grinste wieder, schwieg aber immer noch.
„Ähm... Wie heißt du?", fragte Blaise.
Der Wasserjunge presste die Lippen zusammen und erwiderte Blaise' Blick.
„Du hast doch einen Namen, oder?", mischte sich nun Draco ein.
Sofort richteten sich die intensiv-grünen Augen auf ihn.
Eine Antwort kam allerdings immer noch nicht.
„Vielleicht versteht er uns nicht", meinte Blaise.
Der Junge schwamm ein Stückchen näher.
„Verstehst du unsere Sprache?", fragte Draco.
Der Wasserjunge nickte.
Draco und Blaise tauschten einen irritierten Blick.
Warum redete er dann nicht?
„Kannst du nicht in unserer Sprache antworten? Liegt es daran?"
Kopfschütteln war die Antwort.
„Und du hast einen Namen?", hakte Draco nach.
Nicken.
„Ich bin Draco", stellte er sich nun näher vor. „Und das ist Blaise. Und du bist...?"
Der junge Wassermensch biss sich mit den spitzen Zähnen auf die Unterlippe.
„Darfst du es nicht sagen?", fragte Draco in dem Versuch, die Handlung des Jungen irgendwie zu verstehen.
Dieser schüttelte allerdings mit dem Kopf.
„Warum redest du dann nicht?", wunderte sich Draco. „Du kannst doch reden, oder?"
Als ein Nicken als Antwort kam, ergänzte er: „Dann rede doch bitte mit uns."
Fast wirkte es, als würde der Junge resigniert seufzen.
Dann öffnete er den Mund.
Draco stöhnte und presste sich die Hände auf die Ohren, Blaise stieß einen kurzen, erschrockenen Schrei aus und bedeckte ebenfalls seine Ohren.
Was immer da aus dem Mund des Jungen kam - die Töne waren unfassbar schrill und dröhnten in den Ohren, zu verstehen war allerdings nichts.
Genauso schnell wie das merkwürdige Gekreische begonnen hatte war es auch schon wieder vorbei.
„Verfluchte Scheiße...", entfuhr es Blaise, während er langsam die Hände wieder sinken ließ.
Der Wasserjunge zuckte beinahe entschuldigend mit den Schultern.
„Fuck", nutzte Draco zum ersten Mal das Wort, das er von Blaise und den älteren Schülern gelernt hatte. „Du klingst grauenvoll."
Das Grinsen wirkte nun etwas verlegen, fand Draco.
Aber dann begann der Junge zu gestikulieren.
„Er will, dass wir ins Wasser kommen", stellte Draco fest.
Eifriges Nicken war sofortige Reaktion.
„Keine gute Idee", befand Blaise.
Doch Dracos Neugier war geweckt.
Auch er fühlte Unsicherheit, Zweifel. Er kannte dieses merkwürdige Wesen überhaupt nicht, und nur weil er bereits viele Zeichnungen und ein paar Fotos von Wassermenschen gesehen und viel über sie gelesen hatte, hieß das nicht, dass er sie einschätzen konnte.
Sie vermuteten, dass die Wassermenschen zum Schutze der Schülerinnen und Schüler hier angesiedelt waren, aber sie wussten es nicht.
„Ich gehe, du bleibst."
„Draco...", kam es sofort alarmiert von Blaise.
„Überleg mal", sagte Draco leise zu seinem Freund. „Wir können so viel erfahren. Nicht nur über die Wassermenschen, sondern auch darüber, wo sie herkommen. Also wie sie hierher gekommen sind. Und vielleicht weiß er, welche Maßnahme es in Hogwarts zur Verteidigung gibt, die Gryffindor beigesteuert hat."
Hufflepuffs Verbotener Wald, Ravenclaws Treppen, Slytherins Wassermenschen - zumindest vermuteten sie, dass das die Verteidigsmaßnahmen der Gründerinnen und Gründer waren. Bei Gryffindor tappten sie im Dunkeln und auch die anderen Maßnahmen wussten sie nicht mit Sicherheit.
„Draco", wisperte Blaise. „Es könnte eine Falle sein."
„Deshalb bleibst du an Land und passt auf", bestimmte Draco und klang mutiger, als er sich fühlte.
„Ich weiß nicht...", murmelte Blaise, aber Draco begann bereits, sich vorsichtig die Böschung hinabzulassen, ehe er zu viel nachdenken und es sich anders überlegen konnte.
Seine Füße berührten gerade die Wasseroberfläche und der Wasserjunge beobachtete ihn intensiv, als Draco mit den Händen abrutschte und mit einem lauten Platschen im Wasser landete.
Glücklicherweise war es an dieser Stelle nicht allzu tief. Er konnte problemlos stehen und das Wasser reichte ihm nur bis knapp über den Bauchnabel.
„Alles ok?", rief Blaise von oben.
Draco sah zu ihm herauf und reckte einen Daumen, ehe er den Wasserjungen ansah.
Tatsache war, dass das Wasser zwar nicht sehr tief, aber überraschend kühl war. Dafür, dass es warm war und die Sonne schien, hatte der See viel niedrigere Temperaturen, als Draco erwartet hatte.
Der grünhaarige Junge entfernte sich rückwärts schwimmend von ihm, ohne ihn aus den Augen zu lassen. Als Draco sich nicht rührte, winkte er auffordernd.
Zögernd setzte Draco sich in Bewegung.
„Draco, sei vorsichtig!", hörte er Blaise hinter sich.
Und ja, auch er wurde immer misstrauischer. Warum wollte der Junge ihn in tiefere Gewässer locken?
Aber Theo hatte deutlich gesagt, dass es die Sirenen waren, die Menschen lockten, um sie zu ertränken, nicht die Merrows.
War das Sicherheit genug?
Der Junge lotste ihn so weit in den See, bis Draco gerade noch so stehen konnte und er bei leichten Wellenbewegungen aufpassen musste, kein Wasser einzuatmen.
Nun wurde ihm doch ein wenig unheimlich zumute. Er konnte die Umgebung unter Wasser kaum erkennen und sofort war er unsicher. Was, wenn sich etwas näherte? Wenn ihn etwas packte?
Er versuchte ruhig zu atmen und sich nicht von der Panik übermannen zu lassen.
Behalt einen kühlen Kopf, sagte er sich selbst.
Dann war der Merrowjunge verschwunden.
Draco benötigte einen Augenblick, um zu begreifen, dass der Junge untergetaucht war und nun bekam er wirklich Panik.
Hatte er ihn in eine Falle gelockt? Würde er gleich ertränkt werden? Vielleicht sogar von dem Jungen selber?
Mit Schrecken dachte er an die nadelspitzen Zähne und kurz hatte er die Vision, wie er unter Wasser gedrückt und ihm diese Zähne in die Kehle gerammt wurden.
Durch die Recherchen mit Theo wusste er, dass Merrows alles andere als Vegetarier waren.
Würden sie auch Menschenfleisch essen oder beschränkte ihre Nahrung sich auf Fisch?
Im nächsten Moment stieß Draco einen erschrockenen Schrei aus, als der Wasserjunge direkt vor ihm auftauchte.
„Draco!", rief Blaise alarmiert vom Ufer aus.
Der junge Merrow entblößte wieder seine spitzen Zähne, aber es wirkte nach wie vor nicht bedrohlich.
Er grinste, offensichtlich amüsiert über Dracos Schreck.
Dann deutete er mit dem Zeigefinger auf die Wasseroberfläche und tauchte wieder unter.
Und Draco verstand.
Er drehte sich zu Blaise, machte eine beruhigende Handbewegung - und tauchte unter.
Es war still unter Wasser, aber er konnte weiter sehen, als er es vorher gedacht hatte.
Der Wasserjunge ruhte in einer Art sitzenden Position - insofern man mit einem Fischschwanz sitzen konnte - auf dem sandigen Grund des Sees.
Draco tauchte das kürze Stück hinab und ließ sich ihm gegenüber im Schneidersitz nieder, wobei er zwischendurch leichte Bewegungen machte, um sich unten zu halten. Auch die mit Wasser vollgesogene Kleidung machte ihn schwerer und half ihm, unten zu bleiben.
„Endlich!"
Draco guckte überrascht, als der Merrowjunge zu sprechen begann.
Unter Wasser klang seine Stimme vollkommen normal, nicht schrill und so, als würde jeden Moment das Trommelfell des Zuhörenden platzen. Im Gegenteil. Der Junge hatte zwar eine relativ hohe Stimme - so, wie Jungen im Alter von elf oder zwölf Jahren sie für gewöhnlich eben haben - aber sie war überraschend melodisch und wohlklingend. Kurz kam Draco der Gedanke, dass er den Jungen gerne einmal singen hören würde.
Sie haben alle eins gemeinsam, hatte Theo gesagt, alle Wasservölker: Ob Merrows, Selkies, Sirenen oder Meerjungfrauen... Sie alle lieben Musik.
„Ich versuche schnell zu reden, du wirst ja gleich wieder Luft holen müssen. Oh, ich bin ja so aufgeregt! Weißt du eigentlich, wie lange ich schon mal mit einem Menschen reden wollte? Ich durfte letztes Jahr das erste Mal die Boote mit ziehen, Vater sagte, ich sei nun alt genug, und da habe ich euch Menschen das erste Mal von Nahem gesehen. Das war so toll! Ich musste abends einfach schauen, wie Menschen schlafen! Ihr habt wirklich Betten, das ist so verrückt! Vater fand es nicht lustig, dass ich mich nachts zu euch geschlichen habe, er sagte, wir dürfen euch nicht belästigen, ihr müsst schlafen, damit ihr viel in der Schule lernen könnt. Naja, wie auch immer. Du bist Draco, ja? Ich heiße Kanja."
Der Merrow ratterte es regelrecht herunter und Draco hatte Mühe, bei den ganzen Informationen mitzukommen. Andererseits war er über die Eile froh, denn er bemerkte bereits, dass seine Lungen nach Luft verlangten.
Er gab Kanja ein Zeichen und tauchte kurz auf.
Rasch winkte er dem beunruhigt guckenden Blaise, ehe er tief Luft holte und wieder untertauchte.
„Hör zu, wir haben nicht viel Zeit", sagte der Wasserjunge. „Ich muss zurück, ehe Vater merkt, dass ich weg bin und mich heimlich mit euch treffe. Ich habe noch deine Flöte, soll ich sie dir beim nächsten Treffen bringen?"
Draco schüttelte den Kopf und zeigte auf Kanja.
Dieser strahlte.
„Ich darf sie behalten?"
Draco nickte.
„Wahnsinn! Menschenzeugs ist klasse. Ich habe zwar nichts, aber meine Schwester dafür umso mehr. Sie ist ganz besessen von Menschen und sammelt alles, was sie in die Finger bekommt. Am liebsten wäre sie selbst einer."
Kanja lachte, ein irgendwie warmer und angenehmer Laut.
„Hast du auch Geschwister?"
Draco schüttelte den Kopf.
„Ich habe eine Zwillingsschwester", seufzte Kanja. „Izumi. Sie kann anstrengend sein."
Draco gab dem Merrow ein kurzes Zeichen und tauchte auf, um rasch Luft zu holen und dann wieder unterzutauchen.
„Jedenfalls... Ich würde es richtig toll finden, wenn wir uns öfter treffen und ihr mir ein wenig über Hogwarts erzählt. Und über euch Menschen allgemein. Aber dafür brauchen wir irgendwie eine Lösung."
Draco bedeutete Kanja mit Gesten, dass er mit auftauchen sollte.
„Ich habe auch viele Fragen", sagte er, kaum, dass ihr Köpfe über der Wasseroberfläche waren. „Über euch. Über eure Aufgabe hier in Hogwarts. Und ob ihr etwas über die Gründerinnen und Gründer von Hogwarts wisst. Aber ich kann unter Wasser nicht reden, du über Wasser nicht, zumindest nicht, wenn wir nicht taub werden wollen. Wir müssen leichter kommunizieren können."
Kanja nickte und bedeutete Draco, wieder unterzutauchen.
„Den gleichen Gedanken hatte ich auch", sagte der Wasserjunge. „Ihr könnt nicht lange unter Wasser bleiben, wir nicht lange über Wasser. Einige der Alten weigern sich komplett, die Wasseroberfläche zu durchbrechen, sie haben fast verlernt, die Kiemen zu schließen und die Nasenatmung zu nutzen. Einige würden es dadurch nur wenige Sekunden über Wasser aushalten. Ich habe extra geübt, als ihr Ferien hattet, nachdem ich eure Nachricht gelesen habe. Ich kann mittlerweile mehrere Minuten über Wasser bleiben."
Er klang sehr stolz, fand Draco.
„Anfänglich war es sehr anstrengend, über die Lunge zu atmen, aber ich habe mich daran gewöhnt. Du kannst ja auch üben, länger zu tauchen, aber das löst unser Problem mit dem Sprechen nicht."
Draco nickte.
„Pass auf", fuhr Kanja fort, „Wir treffen uns in einer Woche wieder hier. Genau zur gleichen Zeit. Versuch bis dahin, eine Lösung zu finden, wie wir unter Wasser kommunizieren können, ja?"
Draco runzelte die Stirn, setzte eine fragende Miene auf und zuckte mit den Schultern.
„Du weißt nicht, wie? Na, du bist ein Zauberer, oder?", fragte Kanja und grinste breit.
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A Death Eater's Tale
FanfictionJeder kennt sie - die Geschichte vom Jungen, der überlebte. Auch Draco Malfoy muss in seinem Leben immer wieder feststellen, dass die Geschichte dieses Jungen Einfluss auf seine eigene Geschichte hat. Auch wenn er es anfänglich nicht bemerkt und spä...
