Das Wasser lag still und dunkel vor ihm.
Draco seufzte.
Irgendwie fühlte er sich bescheuert, hier am Ufer des Schwarzen Sees zu hocken und auf einen Wassermenschen zu warten. Kanja kam ihm plötzlich wie etwas weit Entferntes, etwas aus einer anderen Welt vor. Warum war es ihm früher noch mal so wichtig gewesen, mit dem Merrow-Jungen Kontakt zu halten?
Draco hatte die Unterwasserflöte, die Kanja ihm einst geschenkt hatte, vor über zehn Minuten ins Wasser gehalten und und seitdem wartete er nun.
Hatte Kanja vielleicht das Interesse vollkommen an ihm verloren? Dachte er genau wie Draco selbst? Dass ihre Verbindung eine kindliche Spielerei gewesen war, die keine Rolle mehr spielte?
Gerade, als er aufgeben und zum Schloss zurückkehren wollte, sah er etwas Grün-silbriges unter der Wasseroberfläche auf sich zuschießen.
Draco gab einen halb erstaunten, halb beeindruckten Laut von sich, als Kanja ohne Vorwarnung mit einem solchen Schwung die Wasseroberfläche durchbrach, dass eine regelrechte Fontäne in alle Richtungen spritzte. Der Merrow sprang dann tatsächlich aus dem Wasser, machte in der Luft einen Salto rückwärts und klatschte lautstark in den See zurück. Wenige Sekunden später tauchte er wieder auf, dieses Mal ruhiger und nur bis zum Bauchnabel. Er sah zu Draco und begrüßte ihn mit seinem spitzzahnigen Haifischgrinsen.
Es war verrückt, aber kaum, dass Draco dieses vertraute Grinsen sah, waren sämtliche Zweifel weggewischt. Das hier war eine Freundschaft, keine Frage.
Rasch wandte Draco den Kopfblasenzauber an und tauchte unter.
Sie hatten sich unfassbar viel zu erzählen.
Dracos Kontakt zu Kanja war schon immer sehr gut gewesen, aber sie hatten sich noch nie so ausgetauscht wie bei diesem Treffen. Es ergab sich von alleine. Wieder einmal stellte Draco fest, dass Kanja unfassbar erwachsen wirkte - so wie er selbst eben auch. Sie waren beide keine kleinen Jungen mehr. Kanja war, so wie Draco selbst, auf dem besten Wege, ein Mann zu werden.
Und lustigerweise beschäftigten sie die gleichen Dinge: Sport (bei den Wassermenschen gab es Schwimmwettbewerbe), Freunde und Mädchen. Draco war erstaunt, wie ähnlich sie sich waren, obwohl sie so unterschiedliche Lebensräume und Körper hatten.
Als Draco von seiner Position als Vertrauensschüler erzählte, war Kanja überraschend begeistert. Offensichtlich war ihm bewusst, was für ein wichtiges Amt Draco bekleidete.
„Dann hast du aber viel zu tun dieses Schuljahr", stellte der Merrow-Junge sachlich fest.
„Das stimmt", bestätigte Draco. „Lernen für die ZAGs... und dann das Vertrauensschüleramt, der Sport, Quidditchtraining... Und es kommt noch das Inquisitionskommando obendrauf."
Kanja wirkte verwirrt.
„Inquisitionskommando? Was soll das sein? Ich höre ja so einiges aus dem Schloss - mein Vater hat engen Kontakt zu Schulleiter Dumbledore, wie du weißt - aber davon weiß ich gar nichts. Bisher gab es das in Hogwarts doch gar nicht, oder?"
„Das stimmt", bestätigte Draco. „Das Amt wurde erst durch die Großinquisitorin ins Leben gerufen."
Kanjas Verwirrung schien eher noch zu steigen. „Durch wen?"
„Wir haben eine neue Lehrerin im Fach Verteidigung gegen die Dunklen Künste und-"
Kanja erstarrte augenblicklich. Bisher waren sie beide zusammen durchs Wasser geglitten, während sie sprachen. Nun schwebte der Wasserjunge auf der Stelle.
„Dolores Jane Umbridge", stellte Kanja fest und die lidlosen, grünen Augen blitzten. „Von der habe ich natürlich schon gehört. Wir alle sogar."
Draco stellte fest, dass Kanja unfassbar zornig klang. So hatte er den Merrow noch nie reden hören. In jeder Silbe schwang Empörung und Wut mit. Außerdem wurde Draco zum ersten Mal bewusst, wie gefährlich Kanja wirken konnte. Er erinnerte sich noch sehr lebendig daran, wie er Kanjas Vater zum ersten Mal an der Scheibe ihres Schlafraums gesehen hatte. Es war seine erste Nacht in Hogwarts gewesen und sie hatten erst Kanja zugewunken, ehe Narius, Kanjas Vater, am Fenster erschienen war und sie sich zu Tode erschreckt hatten. Heute wusste Draco, dass Narius ihnen wohlgesonnen war - aber damals hatte sein hartes, kämpferisches Gesicht zusätzlich zu seiner Fremdartigkeit sie furchtbar geängstigt. Kanja wurde seinem Vater immer ähnlicher, stellte Draco fest. Zum ersten Mal begriff Draco, dass der Merrow zum Krieger erzogen wurde.
„Tatsächlich?"
„Ja", bestätigte Kanja. „Draco, wenn dieses Inquisitionskommando von ihr kommt, kann es nichts Gutes sein."
Dracos Herz schlug hart in seiner Brust. Er traute sich kaum, die nächste Frage auszusprechen.
„Warum?"
„Diese Person", spie Kanja, „dieser Mensch, Umbridge... Sie hat sich letztes Jahr in eurem Zaubereiministerium dafür engagiert, dass Wassermenschen zusammengetrieben und eingefangen werden sollen. Keine Ahnung, was sie dann mit unseresgleichen gemacht hätte, aber vermutlich nichts Gutes."
Draco erinnerte sich sofort an Theos Empörung darüber, dass die Kröte auch ein Anti-Werwolf-Gesetz entworfen hatte. Seine Mitte zog sich unwohl zusammen bei dem Gedanken daran, dass er Teil des Inquisitionskommandos war.
„Du glaubst wirklich, Umbridge würde euch schaden wollen?"
Kanja sah ihn ernst an. „Sag du es mir", verlangte er.
Draco schwieg einen Augenblick. Dann, fast ohne sein Zutun, öffnete er seinen Mund und er hörte sich sagen: „In meiner Schule, da ist dieses Mädchen, weißt du. Sie ist eine von jenen, die Umbridge nicht leiden kann. Sie musste während der Strafarbeit in den Verbotenen Wald. Ich... bin mitgegangen, obwohl sie alleine gehen sollte. Und ich glaube, die Wahrscheinlichkeit, dass sie alleine dort lebend wieder rausgekommen wäre, ist sehr gering. Ich... bin nicht sicher, ob Umbridge das bewusst gewesen ist."
Kanja betrachtete Draco einen Augenblick lang nachdenklich.
„Sie ist hier selbst zur Schule gegangen und weiß um die Gefahren im Wald, oder nicht?"
Draco antwortete nicht, aber das war auch nicht nötig. Sie kannten beide die Antwort.
„Und dieses Mädchen", fuhr Kanja nach ein paar Sekunden der Stille fort, „hast du sie in den Wald begleitet, obwohl du nicht solltest, weil du sie beschützen wolltest?"
Draco öffnete den Mund, zögerte.
Sein erster Impuls war, vollkommen empört „Natürlich nicht!" auszurufen, doch wenn er ganz ehrlich mit sich war...
„Ich weiß nicht, warum ich mitgegangen bin", flüsterte er.
Er erwartete, dass Kanja irgendetwas sagen würde, aber er schwieg und sah Draco nur abwartend an.
„Sie ist altklug und besserwisserisch", platzte es aus Draco heraus. „Und sie gehört zu der Sorte Menschen mit magischem Blut, zu der ich eigentlich keinen Kontakt haben darf. Außerdem mischt sie sich überall ein. Sie ist hitzköpfig und denkt andauernd schlecht über mich, ohne die Dinge zu hinterfragen. Sie macht mich ständig so wütend, dann möchte ich sie einfach packen und-"
Draco brach ab, denn fast wäre ihm ein Wort herausgerutscht, dass er eigentlich gar nicht sagen wollte.
„-schütteln", brachte er den Satz zu Ende.
„Klingt ja nach einer scheußlichen Person", schmunzelte Kanja.
Draco warf ihm einen bösen Blick zu.
„Du machst dich über mich lustig."
„Würde ich nie wagen", behauptete der Wasserjunge mit einem breiten Grinsen.
„Blödmann", brummte Draco und Kanja lachte.
Gegen seinen Willen musste auch Draco grinsen.
Er begriff: Er hatte hier einen echten Vertrauten gefunden.
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A Death Eater's Tale
FanfictionJeder kennt sie - die Geschichte vom Jungen, der überlebte. Auch Draco Malfoy muss in seinem Leben immer wieder feststellen, dass die Geschichte dieses Jungen Einfluss auf seine eigene Geschichte hat. Auch wenn er es anfänglich nicht bemerkt und spä...
