Ryan hatte gelogen, mal wieder. Es war nichts ungewohntes, denn so hatte er die letzten Jahre gelebt, aber dennoch fühlte es sich diesmal anders an. Falsch. Nicht nur, seinen einzigen Freund belogen zu haben, sondern auch, hier zu sein, auch wenn Sawyer ihn gebeten hatte, es nicht zu tun.
Um ehrlich zu sein, erinnerte er sich an die letzte Nacht nur noch verschwommen. Er war von der Hochzeit zurück nach Whitingham gekommen und gar nicht erst in seine kleine Wohnung im dritten Stock eines Mietsgebäudes gegangen, sondern gleich in den Club um die Ecke.
Und irgendwann war er dann wohl hier gelandet, in einer Wohnung, die um einiges schicker und stilvoller eingerichtet war, als seine eigene. Er konnte also nicht mehr in seinem eigenen Viertel sein, sondern vermutlich im weniger kriminellen Stadtteil.
Er knüpfte wirklich in jeder Hinsicht nahtlos an sein altes Leben an, stellte er ernüchtert fest, als er die Decke zurückschlug und sich im Bett aufsetzte.
Früher war er so zufrieden gewesen, aber in den zwei Jahren seiner Haft war irgendetwas in ihm passiert, dass ihm dieser Lebensstil nicht mehr ausreichte. Zu sehen, wie Sawyer sein Leben lebte hatte sicherlich dazu beigetragen.
„Guten Morgen, Schlafmütze." Eine blonde junge Frau betrat mit zwei Tassen in den Händen das Schlafzimmer.
Sie trug sein weißes Hemd, das er gestern für die Hochzeit von Neela und Mark angezogen hatte. Nur das Hemd, vermutete Ryan. Maximal noch Unterwäsche.
Früher hatte er das sexy gefunden, aber irgendwie hatten zu viele der Frauen seine Kleidung in dieser Art getragen, sodass er aufgehört hatte, das anziehend zu finden.
Gut, vermutlich war besonders eine Frau schuld daran, die das immer getan hatte. Sie war die einzige Frau, die er jemals wirklich geliebt hatte und bei der er jetzt alles dafür geben würde, sie vergessen zu können.
Ryan biss sich auf die Innenseite seiner Wange, als ihm auffiel, dass er keine Ahnung hatte, wie die Frau vor ihm hieß. Verdammt, sie hatten die letzte Nacht zusammen verbracht, wieso wusste er so etwas nicht?
Die junge Frau ließ sich neben ihm auf dem Bett nieder und reichte ihm eine der beiden Tassen. „Ich hab uns Frühstück gemacht." Sie lehnte sich zu ihm vor und hauchte ihm einen Kuss auf den Mundwinkel. „Aber wir können auch noch ein bisschen hierbleiben."
Um seine Lippen spielte ein Grinsen. Der Gedanke war verlockend, allerdings verriet ihm ein Blick auf den Wecker, der auf dem Nachttisch stand, dass er in gut einer Stunde ein Treffen mit einigen der alten Freunde von Ash hatte.
Noch so etwas, was sich an ihm verändert hatte.
Früher hätte er solche Termine für eine hübsche junge Frau jederzeit nach hinten verschoben, aber jetzt zuckte er nur bedauernd die Schultern und lehnte das verlockende Angebot ab. „Ich hab nicht mehr lange Zeit."
„Oh, du bist also viel beschäftigt." Die Blondine lächelte verführerisch und strich mit ihrem Fuß über sein nacktes Bein. „Mit was denn?"
„Ob du es glaubst oder nicht, ich arbeite", neckte Ryan und nahm einen Schluck von dem dampfend heißen Kaffee.
„Als was? Callboy?" Sie kicherte.
Unwillkürlich musste Ryan an eine Situation vor zwei Jahren zurückerinnern. Hatte nicht Kendra O'Ryan ihn das damals auch gefragt? Allerdings hatte das bei ihr mehr wie eine Beschimpfung gewirkt, während in der Stimme der jungen Frau neben ihm Bewunderung lag.
„Ich nehme das mal als Kompliment", erwiderte er abwesend.
„Das war es auch." Sie nahm ihm seine Kaffeetasse aus der Hand und stellte seine und ihre Tasse auf einen der zwei Nachttische zu beiden Seiten des Bettes. „Mein kleiner Callboy", grinste sie, als sie sich rittlings auf seinen Schoß setzte und ihre Hand an sein Gesicht legte.
Ryan konnte ein Grinsen nicht verbergen, als er seine Hände an die Seiten ihrer Oberschenkel legte und feststellte, dass sie tatsächlich nur eine dünne Unterhose unter seinem Hemd trug. Das verriet auch der großzügige Blick in ihren Ausschnitt, den sie ihm gewährte.
Allison, fiel ihm in dem Moment ein. Ihr Name war Allison. Erleichtert, weil er doch nicht alles vergessen hatte, was sie zu ihm gesagt hatte, zog er sie an sich und küsste sie. Selten hatte er bei einem Kuss so wenig... Gefühle gespürt.
Oh verdammt, was faselte er hier von Gefühlen? Das war ein Fremdgebiet, auf das er sich lieber nicht vorwagen würde. Letztendlich machte einen sowas doch nur verletzlich.
„Oh Ryan", hauchte sie, ihre Lippen hauchzart vor seinen, ihre Arme in seinem Nacken. „Kannst du nicht noch ein ganz bisschen länger bleiben?"
Er stahl ihr erneut einen Kuss. „Kommt drauf an. Wo genau sind wir?"
„Du warst echt voll letzte Nacht, was?" Sie kicherte und wuschelte ihm durch die Haare.
„Hm", machte Ryan nur. Sie musste nicht wissen, dass er ein wenig gebraucht hatte, um sich überhaupt an ihren Namen zu erinnern.
„Sunbridge Avenue."
Er hob die Augenbrauen. Das war allerdings ein gutes Stück von dem Treffpunkt entfernt. „Wenn du mich mit dem Auto zum Whitingham Medical Center bringen kannst, habe ich noch eine dreiviertel Stunde."
„Oh, ein Arzt." Sie rieb mit ihren Armen über seinen Rücken. „Heiß."
Ein Grinsen huschte über seine Lippen. „Ist das so?" Sie musste nicht wissen, dass er nicht im Krankenhaus arbeitete, das ging sie nichts an. Er würde sie nach heute sowieso nicht wieder sehen.
„Oh ja." Sie zog die Nase kraus. „Ziemlich sogar."
Er fuhr mit seinen Händen ihren nackten Rücken unter seinem Hemd hinauf. „Find ich gut."
„Du arroganter Kerl", kicherte sie, bevor sie ihre Lippen auf seine legte und ihn mit sanftem Druck dazu drängte, sich wieder hinzulegen.
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Never Too Far
Teen FictionAls Kendra O'Ryan im Rahmen ihres Studiums einen Praktikumsplatz als investigative Journalistin in Houston angeboten bekommt, beschließt sie, anzunehmen - egal, wo es hinführt. Doch wer hätte gedacht, dass sie dort ausgerechnet Ryan Tucker wiedertre...
