Tate ließ sie endlich los und lehnte sich in seinem Stuhl zurück. „Wir sind keine Cops", stellte er klar.
„Das ist jetzt nicht unbedingt erleichternd", knurrte Kendra. Wenn die beiden sie wiedererkannt hatten, wie viele dann noch? Und wo? Wann? Vielleicht waren Ryan und sie lange nicht so unauffällig und unentdeckt, wie sie versuchten zu sein?
„Das kann ich mir vorstellen." Gelassen steckte John ihr Foto zurück in seine Hemdstasche. „Aber du musst dir keine Sorgen machen, wir werden niemandem sagen, dass wir dich hier gesehen haben. Wir regeln sowas lieber auf unsere Art."
„Was soll das heißen?" Ihr Blick glitt über den Raum, aber keiner der Gäste, deren Anzahl sich, seit Tate und John bei ihr saßen, um die Hälfte reduziert hatte, schenkte ihr auch nur den Hauch von Aufmerksamkeit. Ryan, der mit dem Rücken zu ihr saß, schien ebenfalls in sein Essen vertieft zu sein.
Bemerkte denn niemand, was hier los war? Zu schreien oder aufzustehen und einfach zu gehen traute sie sich nicht mehr, seit Tate sie mit ihrem richtigen Namen angeredet hatte.
„Ich nehme nicht an, dass du uns zehn Millionen Dollar beschaffen kannst?" John verschränkte die Arme vor der Brust.
Kendra kniff die Augen zusammen. „Bitte was?", fragte sie ein bisschen zu laut.
„Prinzessin, tu mir den Gefallen, und erzähl nicht allen hier Anwesenden von unserem kleinen Deal", bat Tate beinahe höflich. „Wenn du kein Geld für uns hast, können wir das auch anders regeln." Erneut legte er seine linke Hand auf ihr Bein, ließ sie jedoch diesmal weiter nach oben gleiten.
Kendra unterdrückte einen Würgereiz. „Vergesst es!"
„Dann willst du also lieber ins Gefängnis?" John hob die Augenbrauen. „Weißt du, was das für ein Mädchen wie dich bedeutet? Du wirst die besten Jahre deines Lebens eingesperrt sein mit Frauen, die dich eher umbringen würden als dir auch nur irgendwie zu helfen. Du wirst in der Zeit kein männliches Wesen sehen, und niemand wird dich mehr begehren, wenn du wieder freigelassen bist. Denn die Spuren der vergangenen Jahre wird man dir mehr als deutlich ansehen."
Kendra bekam eine Gänsehaut. John erreichte mit seinen Worten genau das, was er bezweckt hatte: sie spürte Panik in sich aufsteigen, eine schier überwältigende Angst vor dem Gefängnis, dem Eingesperrtsein und für immer alleine zu bleiben. Er hatte zielsicher wunde Punkte getroffen.
„Lasst mich einfach in Ruhe!" Ihre Worte, die wie eine Abfuhr klingen sollten, wirkten mehr wie eine Bitte. Sie versuchte, Ryan mit ihrem Blick auf sich aufmerksam zu machen, aber er wandte ihr noch immer den Rücken zu.
„Das haben wir vor, keine Sorge. Aber wir brauchen eine kleine Entschädigung dafür, dass wir dich nicht verraten." John sah sie an, als würde es ihm selbst leidtun, dass sie das verlangen mussten. Aber schnell breitete sich wieder ein Grinsen auf seinem Gesicht aus. „An deiner Stelle würde ich mich natürlich für zwei attraktive junge Männer entscheiden, aber jedem das Seine." Er deutete mit dem Finger zwischen Tate und sich her.
„Wir haben auch einiges an Erfahrung." Tate klang als würde er sie beruhigen wollen, aber sie fand das hier alles mehr als beunruhigend! Es war unangenehm, dass er ihren Oberarm streichelte und seine andere Hand noch immer besitzergreifend auf ihrem Bein lag. Es war gruselig, wie John sie ansah und welchen Vorschlag die beiden ihr hier machten.
Wobei man das nicht wirklich einen Vorschlag nennen konnte, sondern Erpressung.
Erleichtert bemerkte Kendra, wie Ryan nach seinem Tablett griff und aufstand. Er sah sich kurz um, dann blieben seine Augen endlich auf ihr liegen. Kendra versuchte ihren stummen Hilfeschrei in einen einzigen Blick zu verpacken, bevor sie wieder Tate und John ansah. Die beiden sollten Ryan nicht bemerken, wenn sie es nicht schon getan hatten.
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Never Too Far
Teen FictionAls Kendra O'Ryan im Rahmen ihres Studiums einen Praktikumsplatz als investigative Journalistin in Houston angeboten bekommt, beschließt sie, anzunehmen - egal, wo es hinführt. Doch wer hätte gedacht, dass sie dort ausgerechnet Ryan Tucker wiedertre...
