„Ich kann nicht glauben, dass ich das gerade tue", murmelte Kendra, als sie zu Ryan trat, der ihr aufmunternd die Hände als Räuberleiter entgegenhielt.
„Ein Einbruch ist jetzt nicht das schlimmste Verbrechen", ermutigte er sie mit einem Zwinkern.
„Warum noch mal konnten wir Kelsey nicht gleich mitnehmen, als ihr zurückgekommen seid?" Es war vier Uhr nachts, der private Truck von Luke vollgetankt gepackt mit ihren wenigen Habseligkeiten. Den Schlüssel hatte Kendra ihm entwendet, während sie heute Abend hemmungslos mit ihm geflirtet hatte. Wahrscheinlich war es gut, das Ryan nicht dabei gewesen war.
„Das wäre zu auffällig gewesen. Mike kontrolliert jede Nacht, ob alle seine Mädchen zurück gekommen sind. Und wenn wir auffallen, dann können wir uns Chris und Luke gleich freiwillig stellen und vergessen, dass wir jemals lebendig entkommen."
Beziehungsweise würde er nicht mehr lebendig aus der Sache herauskommen, so viel hatte sie verstanden. Sie selbst würde vermutlich eher das gleiche Schicksal ereilen wie Kelsey. „Dann käme Joker ins Spiel."
Ryan sah überrascht auf. „Hast du ihn getroffen?", fragte er misstrauisch, während er ihr ein dickes Seil um den Bauch band, das sie nach oben bringen sollte.
„Nein. Ich habe Luke letztens nach ihm gefragt, weil du mir ja nichts darüber sagen wolltest." Joker, der Auftragsmörder. Wie passend. So genau hatte Luke das zwar nicht gesagt, aber zumindest angedeutet.
„Na gut. Jetzt mach schon." Ryan nickte zu dem Fenster hinauf, durch das sie in das Haus einsteigen sollte. Er hatte ihr erklärt, wo sie Kelseys Zimmer finden würde, dass die junge Frau mit drei weiteren teilte.
An seinem Blick sah sie, dass er sie am liebsten nicht in das Gebäude gelassen hätte, zumal auch Mike dort wohnte, aber er selbst würde mit seinen breiteren Schultern nicht durch das schmale Fenster passen. Kendra hoffte nur, dass ihre eigenen Hüften das nicht auch verhinderten, aber Ryan hatte ihren Einwand abgetan, als sähe er darin kein Problem und außerdem würde eine junge Frau in diesem Gebäude weniger auffallen. Damit hatte er vermutlich recht.
„Nur um das klarzustellen", sagte sie, während sie ihren Fuß auf seine Hände stellte. Schuhe hatte sie ausgezogen, schon, um sich im Gebäude leiser bewegen zu können. „Sollte ich verhaftet werden, besorgst du mir besser einen guten Anwalt."
Ryan schenkte ihr ein letztes ermutigendes Lächeln. „Den besten, versprochen."
Kendra stieß sich vom Boden ab, griff nach dem Fenstersims und während sie sich hochzog spürte sie, wie Ryan von unten nachhalf und ihr Bein nach oben drückte. Sie stieß das Fenster nach innen auf, das Kelsey für sie offen gelassen hatte und zwängte sich umständlich durch das Loch. Beinahe wäre sie in den Raum gefallen, konnte sich aber gerade noch am Fensterrahmen festhalten und nachdem sie einmal tief durchgeatmet hatte, ließ sie sich ins Innere des Raumes gleiten.
Sie war in einem Badezimmer gelandet, wie Ryan es ihr gesagt hatte. Sie befestigte das Seil an einer Heizung und warf es dann aus dem Fenster, hoffend, dass es nachher Kelseys und ihr eigenes Gewicht aushalten könnte. Im Dunkeln tastete sie sich in Richtung Tür und auf den Gang. Das zweite Zimmer auf der linken Seite müsste es sein. Mit ihren Fingern fuhr sie an der Wand entlang, bis sie vor der zweiten Tür stehen blieb. Sie holte tief Luft, dann klopfte sie.
Zweimal kurz, einmal lang, zweimal kurz.
Schnell huschte sie auf die Seite, auf der sie hinter der Tür stehen würde, wenn jemand sie öffnete und wartete. Alles, was sie hörte, war ihr eigener schneller Atem, den sie zu beruhigen versuchte während sie wartete und ihre Augen sich an die Dunkelheit gewöhnten.
DU LIEST GERADE
Never Too Far
Teen FictionAls Kendra O'Ryan im Rahmen ihres Studiums einen Praktikumsplatz als investigative Journalistin in Houston angeboten bekommt, beschließt sie, anzunehmen - egal, wo es hinführt. Doch wer hätte gedacht, dass sie dort ausgerechnet Ryan Tucker wiedertre...
