28. Kapitel

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Kendra betrachtete sich skeptisch im Spiegel über dem Waschbecken. Es war Freitagabend und damit begann in wenigen Minuten ihre erste Schicht im Red Mary.

Von einer jungen Frau mit rot gefärbten Haaren, vermutlich einer Art Bordellmutter, hatte sie die Kleidung zum Anziehen bekommen, mit der sie dann in das Badezimmer der Angestellten geschickt worden war.

Kendra blickte an sich herunter. Sie fühlte sich unwohl in dem Fetzen Stoff, aus der ihre Kleidung die nächsten Abende bestehen würde. Wenn das schon die Dienstuniform für die Bedienung war, was würden dann erst die anderen Frauen tragen? Sie wollte es sich nicht vorstellen.

Ihre Kleidung bestand aus einem Einteiler, den nur die langen Ärmel und der mit dunkelblauen Pailletten besetzte Stoff von einem Badeanzug unterschieden. Glücklicherweise hatte Kendra hohe, schwarze Stiefel dazu bekommen, nachdem sie erklärt hatte, dass sie Narben an den Beinen hatte. Weder sie wollte das zeigen, noch wollte das Red Mary, dass eine ihrer Angestellten so aussah, also war es eine Win-win-Situation gewesen.

Als sich die Tür zum Badezimmer öffnete, wandte Kendra sich von ihrem Spiegelbild ab. Eine junge Frau mit langen, schwarzen Haaren, die dieselbe Kleidung wie Kendra trug, trat ein.

Sie hatte eine Menge Schminke aufgetragen, was ihr Gesicht maskenähnlich wirken ließ. Dennoch traten ihre ebenmäßigen Gesichtszüge hervor, die von den hohen Wangenknochen und der kleinen, schmalen Nase betont wurden.

„Du bist die Neue?"

Kendra nickte. „Ja. Jordyn Pambrooke", stellte sie sich mit einem falschen Namen vor.

„Nachnamen sind hier nebensächlich, Jordyn." Die Frau ignorierte ihre Hand. „Ich bin Micah."

Kendra nickte. „Schön, dich kennenzulernen."

Micah verzog das Gesicht. „Wo kommst du denn her? Kleinstadt?"

„Schuldig im Sinne der Anklage." Kendra versuchte mit einem Lachen, die Stimmung aufzulockern. „Woran hast du mich enttarnt?"

„Du zeigst Interesse an den Menschen", erwiderte Micah und musterte sie von oben bis unten. „Wenn du dich nicht wohl in der Kleidung fühlst, solltest du hier nicht arbeiten", wechselte sie abrupt das Thema.

Kendra straffte die Schultern. „Ich muss mich nur daran gewöhnen."

„Mach das lieber schnell, die ersten Kunden sind schon da."

Kendra hob die Augenbrauen. „Natürlich."

Micahs Blick wurde sanfter. „Wie alt bist du?", wollte sie wissen.

„Achtzehn", antwortete Kendra.

Es war Mr. Sweenys Idee gewesen, sie fünf Jahre jünger zu machen. Wenigstens einmal war es zu etwas nütze gewesen, die Körpergröße von einem Meter siebzig gerade so erreicht zu haben und auch sonst jünger auszusehen als sie eigentlich war.

„Natürlich. Wir sind hier alle achtzehn", antwortete Micah ironisch und Kendra bekam Panik, dass ihre Tarnung aufgeflogen sein könnte. „Wer jünger ist, dürfte hier sonst nicht arbeiten und wer älter ist, will das nicht zugeben, um mit den Jüngeren mitzuhalten."

„Ich bin wirklich achtzehn", beharrte Kendra. „Wie alt bist du denn?"

„Offiziell so alt wie du." Micah lehnte sich an die Wand hinter sich und verschränkte die Arme vor der Brust. „In meiner Geburtsurkunde steht, dass ich sechzehn bin."

Kendras Augen weiteten sich überrascht. „Oh." Ob Micah ebenfalls ein Opfer des Menschenhandels oder der Zwangsprostitution war? „Wie bist du hierhergekommen?"

Never Too FarWo Geschichten leben. Entdecke jetzt