Josh machte es sich gerade mit einer Bierflasche auf seinem Sofa bequem, als Kendra anrief.
„Schwere Frage am späten Abend?", meldete er sich ohne Begrüßung.
Kendra lachte. „Erwischt."
Josh schaltete den Fernseher stumm und legte seinen Arm auf die Sofalehne. Insgeheim war er jedes Mal froh, wenn Kendra anrief, vor allem, seit Mark ausgezogen war. Abends war er immer alleine und hatte tatsächlich angefangen, regelmäßig fernzusehen. Es war eine Tätigkeit, deren Notwendigkeit er nicht einsah und der er auch nicht allzu gerne nachging, aber es lenkte ihn von seiner Einsamkeit ab.
„Also, was ist los?"
Er hörte Papiergeraschel, bevor Kendra ihm antwortete: „Ich habe eine Zusage für das Praktikum bekommen, das ich für mein Studium machen wollte."
„Das klingt doch gut, oder nicht?" Er hatte den Zweifel in ihrer Stimme nicht überhört.
„An sich schon."
„Aber?"
„Es ist der Houston Chronicle."
„Houston also, hm?" Er wusste sehr wohl, welche Erinnerungen sie mit dieser Stadt verband. Dort hatte sie vor zwei Jahren vollkommen betrunken mit ihrem Pflegebruder Landon geschlafen.
„Ganz genau. Ich weiß nicht, ob ich das kann, dort solange hinzugehen. Ich meine, die ganzen Erinnerungen..." Ihre Stimme zitterte leicht und brach bei ihren letzten Worten.
Josh ballte die Hände zu Fäusten. Er hasste es daran zu denken, welche seelische Verletzungen seine beste Freundin und das Mädchen, dem sein Herz gehörte, damals davongetragen hatte. So gut es ging hatte er versucht, die Scherben ihres Herzens zusammenzufegen und Stück für Stück wieder zusammenzukleben, aber ab und zu wurde einer der verbliebenen Risse wieder größer und die darunterliegende Verletzung kam erneut zum Vorschein.
„Wie lange dauert das Praktikum?", lenkte er ab.
„Zwei Monate."
„Oh." Josh runzelte die Stirn. Das waren für seinen Geschmack zwei Monate zu viel, die er Kendra nicht sehen würde.
„Ich weiß. Aber andererseits tut es mir bestimmt auch mal gut, hier rauszukommen. Und jetzt, wo dein Bruder hier ist, werde ich sowieso jedes Mal mit diesen Erinnerungen konfrontiert, wen ich ihn sehe."
„Soll ich mit ihm reden?"
„Nein, bitte nicht. Ich will nicht, dass du zwischen uns stehst, das wäre nicht fair. Außerdem ist es meine Sache, was ich mit ihm assoziiere."
„Wie du meinst." Er stellte das Telefon auf laut, legte es neben sich und griff wieder nach der Bierflasche, die er auf dem kleinen Wohnzimmertisch abgestellt hatte, als Kendra angerufen hatte.
„Aber ich wollte wissen, was du zu dem Angebot denkst. Ich soll in den nächsten zwei Tagen meine Entscheidung treffen."
„Warum so früh? Hat ein anderer Bewerber abgesagt?"
Schweigen.
„Kendra, ich kann es nicht sehen, wenn du nickst."
„Entschuldige." Er hörte ein leises Lachen und musste unwillkürlich auch lächeln. „Ich würde in einer Woche schon anfangen, deswegen muss das alles so schnell gehen. Ein Praktikant ist fest eingeplant."
„Nächste Woche schon?"
„Ich weiß, das geht alles ziemlich schnell. Andererseits ist das auch ganz gut, dann verpasse ich nicht so viele Klausuren wie das zu einem späteren Zeitpunkt der Fall wäre."
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Never Too Far
Teen FictionAls Kendra O'Ryan im Rahmen ihres Studiums einen Praktikumsplatz als investigative Journalistin in Houston angeboten bekommt, beschließt sie, anzunehmen - egal, wo es hinführt. Doch wer hätte gedacht, dass sie dort ausgerechnet Ryan Tucker wiedertre...
