„So, wie dich alle früher oder später aufgeben?", fragte Sawyer leise nach.
Mit seinen Worten traf er den Punkt. Das waren genau die Worte, die Ryan seit Jahren verfolgten. „Ja", gab er zu und hasste es, dass sich tatsächlich eine Träne aus seinem Augenwinkel löste.
Wütend wischte er sie weg. Jetzt begann er auch noch, wie ein kleines Kind rumzuheulen!
„Es ist okay." Sawyer strich ihm über den Rücken und eine Weile saßen sie einfach nur schweigend nebeneinander. „Das ist eine Lüge, Ryan."
Ryan blickte auf und runzelte die Stirn.
„Ich werde dich nicht aufgeben. Kayden wird nicht dich nicht aufgeben. Deine Schwester hat dich nie aufgegeben. Und ich wette, dein Bruder hat das auch nicht getan." Sawyer hielt kurz inne. „Und auch wenn du das vielleicht nicht hören willst, aber Gott hat dich erst recht nicht aufgegeben."
„Aber wieso nicht?" Es gab so vieles, dass Ryan an Gott nicht verstand, allen voran die Liebe. Der Grund für seine Bekehrung und gleichzeitig das, was er am wenigsten begreifen konnte.
Ein Lächeln breitete sich auf Sawyers Gesicht aus, das Ryan schon oft bei ihm gesehen hatte, wenn er über Gott sprach. „Gott gibt nie auf. Du kannst so oft von ihm wegrennen, wie du willst, aber das wird ihn niemals davon abhalten, dich zu lieben."
„Ich kann nicht verstehen, dass er mich liebt. Das ist so unrealistisch. Mich hat nie jemand wirklich geliebt, außer meiner Schwester." Menschen waren schlecht, das hatte er schon früh erlebt, und er selbst war da keine Ausnahme.
„Wenn du etwas zeichnest, und es sieht gut aus, bist du dann stolz darauf?"
Was hatten seine Zeichnungen jetzt damit zu tun? „Ja." Er zuckte die Schultern. „Schon."
„Was würdest du tun, würde jemand sie vernichten wollen?"
„Ihn davon abhalten", antwortete er ohne zu zögern. Es war sein Traum, eines Tages Architekt zu werden, und das Zeichnen hatte ihn im Gefängnis über Wasser gehalten. Er hatte es vor den anderen Insassen geheim gehalten, da sie ihn sonst zweifellos als verweichlicht abgestempelt hätten, und er hatte so schon genügend Probleme gehabt.
„So ähnlich ist das auch bei Gott. Er hat jeden einzelnen Menschen geschaffen, und weil es ihm jedes Mal unglaublich gut gelungen ist, ist er auch stolz auf jeden einzelnen. Und er freut sich an jedem und er liebt jeden Menschen", erklärte Sawyer und Ryan musste zugeben, dass das Sinn ergab. „Und wenn er merkt, dass sie sich gegenseitig vernichten, oder einzeln ihr eigenes Leben zerstören, dann macht ihn das traurig. Er versucht, sie davon abzuhalten, aber gleichzeitig hat er den Menschen einen freien Willen gegeben, den er nicht antastet. Er zwingt niemanden zu seinem Glück, aber er wird auch nicht aufgeben, um jeden einzelnen von uns zu kämpfen. Das ist es, was ich meine, wenn ich sage, Gott hat dich nie aufgegeben. Er will dich zu dem Mann machen, den er in dir sieht, und das ist viel mehr, als das, was du denkst, was du bist."
Ryan kniff die Augen zusammen. „Wieso muss ich anders werden?" Immerhin war gerade dabei, wieder voll in sein altes Leben zurückzukehren, mit der einzigen Veränderung, dass er jetzt Christ war. Aber leben wie einer, das tat er nicht.
Sawyer lächelte leicht. „Ryan, nach zwei Jahren kenne ich dich mittlerweile ganz gut. Ich weiß, dass du nicht glücklich bist. Aber da gibt es jemanden, der dir das alles geben kann, was du brauchst, dir die Chance gibt, glücklich zu werden. Du weißt das, du hast diese Liebe bereits erlebt und du hast dich für Ihn entschieden. Aber wenn du in einer Beziehung mit Gott lebst, kannst du nicht einfach das ignorieren, was er liebt und was er nicht liebt."
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Never Too Far
Novela JuvenilAls Kendra O'Ryan im Rahmen ihres Studiums einen Praktikumsplatz als investigative Journalistin in Houston angeboten bekommt, beschließt sie, anzunehmen - egal, wo es hinführt. Doch wer hätte gedacht, dass sie dort ausgerechnet Ryan Tucker wiedertre...
