Ash Cooper lehnte an einer Hauswand und beobachtete ungeniert, wie Kendra O'Ryan sich keine fünfzehn Meter von ihm entfernt in Unterwäsche auf den Boden kauerte. Sie schien müde geworden zu sein, nachdem sie die letzten zwei Stunden durch die Stadt geirrt war. Die aufputschende Wirkung des Alkohols schien nachzulassen.
Ash warf seine Zigarette auf den Boden und trat sie aus. Er musste seinen Plan neu überdenken. Das FBI würde Kendra und Ryan nicht finden, solange die Scotts sie versteckten und Suárez wollte auf einmal keine Rache mehr für die Ermordung seines Sohnes. Er war verweichlicht, behauptete irgendetwas von einer Bekehrung und hatte seine Männer zurückgezogen, die bereits auf dem Weg nach Chicago gewesen waren.
Ash stand also wieder einmal alleine da.
Wütend schlug er mit der flachen Hand gegen die Hauswand neben sich und fluchte.
Kendra blickte auf und sah in seine Richtung, doch er bezweifelte, dass sie ihn sah oder verstand, dass er hier war.
Ast selbst hatte Alkohol noch nie gemocht, während andere Drogen ihm mehr als willkommen waren. Wer dealte musste schließlich auch wissen, was er da verkaufte, war seine Devise.
Ash ließ seinen Blick über Kendra gleiten. Sie sah durchaus gut aus, auch wenn blonde Frauen eher seinem Typ entsprachen.
Er fragte sich, welcher Art ihre Beziehung zu Ryan wohl inzwischen war, bezweifelte aber, dass er irgendeinen Gewinn daraus ziehen könnte. Als er die beiden das letzte Mal zusammen gesehen hatte, hatten sie sich nur angefeindet und er bezweifelte, dass es jetzt anders sein würde. Zu schade, sonst hätte man gut etwas daraus machen können. Aber so musste er sich wohl etwas anderes ausdenken.
* * * * *
Es dauerte über eine Stunde, bis Ryan Kendra endlich fand. Sie kauerte in einer kleinen Gasse an der Wand eines Hauses und malte etwas in den staubigen Boden. Und sie trug nur ihre Unterwäsche.
„Kendra!" Er joggte die letzten Meter auf sie zu.
Sie sah auf und begann zu strahlen, als würde sie sich tatsächlich freuen, ihn zu sehen. Ein klares Zeichen, dass sie wohl immer noch betrunken war.
Ryan kniete sich neben ihr auf den Boden und zwang sich, ihr ins Gesicht zu sehen und nicht auf ihren Körper, um sie nicht noch mehr in Verlegenheit zu bringen. „Bist du verletzt? Geht es dir gut?" Abgesehen vom offensichtlichen eben.
Ryan schäumte noch immer vor Wut was Luke getan hatte – und weil er nicht in der Lage war, Kendra vor Luke zu schützen, obwohl er seinem Bruder versprochen hatte, auf sie aufzupassen. Aber wenn er ehrlich zu sich selbst war, war das längst mehr als nur ein Versprechen, das er erfüllen musste. Er wollte Kendra beschützen und in Sicherheit wissen. Weil sie ihm wichtig geworden war.
Es war ein komischer Gedanke, der ihm irgendwie Angst machte und so oder so unangebracht war, also schob er ihn entschieden beiseite.
„Mir geht es gut." Vergnügt sah Kendra ihn an, auch wenn ihre Augen müde wirkten.
Die Wirkung des Alkohols schien bereits nachzulassen, was ein gutes Zeichen war.
Ryan zog seine Strickjacke aus und reichte sie ihr. „Zieh das an."
Kendra nahm die Jacke und betrachtete sie. „Mir ist nicht kalt."
„Meinetwegen. Aber ich werde dich nicht so gut wie nackt durch die ganze Stadt laufen lassen, geschweige denn so zu Luke zurück bringen."
Kendra kicherte. „Das ist kein Problem, er hat mich schon so gesehen."
Ryan biss die Zähne zusammen. „Ah ja." Was hatte Luke mit ihr gemacht? Er hatte sie vermutlich zu nichts gezwungen, aber definitiv ihren Zustand ausgenutzt. Wie er es hasste, dass er im Prinzip nichts tun konnte, um ihn dafür zur Rechenschaft zu ziehen!
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Never Too Far
Novela JuvenilAls Kendra O'Ryan im Rahmen ihres Studiums einen Praktikumsplatz als investigative Journalistin in Houston angeboten bekommt, beschließt sie, anzunehmen - egal, wo es hinführt. Doch wer hätte gedacht, dass sie dort ausgerechnet Ryan Tucker wiedertre...
